Kino

Leserbrief: "So kann es doch nicht weitergehen"

In einem Leserbrief macht sich Sven Andresen Gedanken über das Kernproblem, mit dem sich Kinos aktuell bei Wiedereröffnung konfrontiert sehen: der mangelnden Filmversorgung.

24.06.2020 18:37 • von Marc Mensch
Prominenter "Botschafter" für die Hygiene-Maßnahmen (Bild: Sven Andresen)

Erste Neustarts gibt es zwar schon wieder, aber die wirklichen Blockbuster stehen (wenn es denn bei den Terminen bleibt) erst in einigen Wochen auf dem Programm. Gerade für Kinos, die sich für eine zeitige Wiedereröffnung entschieden haben, eine denkbar ungute Situation, wie Sven Andresen in einem Leserbrief schildert. Seine Gedanken gehen dabei über den Mangel an Neustarts hinaus. Hier der Brief im Wortlaut:

"Keine Zeit zu sterben!?

Eher zufällig entstand diese Beziehung zwischen Corona und James Bond. So waren wir auf der Suche nach nutzbarem Werbematerial für unsere Wiedereröffnung. Da traf es sich ausgezeichnet, dass sich Daniel Craig als Botschafter für die allgemeinen Hygiene-Regeln einsetzen ließ.

Wie lang und breit ausgeführt, ist es Kinos sehr gut möglich Hygiene-Regeln umzusetzen, realistische Abstandsregeln stellen ebenfalls nur begrenzte Probleme dar. Das Schweizer Modell lässt höhere Auslastungen, die NRW-Sitzplan-Variante ließe eventuell sogar stark ausgelastete Säle zu.

Doch die braucht im Moment kein Kinobetreiber, denn die Säle sind gar nicht zu füllen.

Wir haben schon während des Lockdowns den Standpunkt vertreten, man sollte sobald wie möglich unseren Gästen wieder Kinoerlebnisse anbieten. Insbesondere im Vergleich zu anderen Lockerungen wurden die Kinos jedoch lange Zeit stiefmütterlich behandelt. So haben wir unsere drei kleinen Standorte bereits am 11. Juni wieder geöffnet. Getrieben von dem Willen, unsere Gästen endlich wieder in andere Welten zu entführen, unseren Mitarbeitern endlich wieder etwas Arbeit geben zu können und ganz pragmatisch einfach um zu sehen, ob sich die Vorgaben umsetzen lassen und man einen vernünftigen Betrieb sicherstellen kann. Ich stimme hier auch mit den Kollegen überein, die auf dem Standpunkt stehen, man müsse den Gästen jetzt Kino einfach wieder anbieten!

Sagen wir es mal so: die Besucherzahlen sind ausbaufähig, aber unsere Konzepte haben sich bewährt - und wären jetzt bereit für mehr Besucher - dumm nur das das Angebot im Juli mehr als überschaubar ist. Und damit sind wir auch schon beim Kernthema: Filmversorgung.

Begonnen hat es mit der Ankündigung des großen deutschen Verleihers, der sich gerade noch als großer Unterstützer des Kinos bekannt hat - und dann gesetzte Starttermine im August und sogar für Oktober unter Verweis auf mangelnde Einnahmemöglichkeiten aufhebt. Weiß man dort schon dass es eine zweite Welle geben wird?

Und nun bestätigt ein Major-Verleih, wie unwichtig ihm der deutsche Kinomarkt ist und storniert die Kinoauswertung des vermeintlich größten Familienfilmes der nächsten Monate. Klar, vor dem Lockdown und kurz danach habe ich mich noch geärgert, dass der Film mit Hauptvorstellung starten soll, aber jetzt einen so vielversprechenden Titel zu verlieren, das ist weitaus härter.

Mir drängt sich also die Frage auf: wenn die Kinos nicht aufgrund von Corona dahingerafft werden, dann macht sich unsere Branche eben lieber selbst kaputt?

Mit dem festen Willen zu "I still believe" wieder angetreten, lerne ich jetzt, dass "Der unverhoffte Charme des Geldes" zu sehr eigenwilligen Entscheidungen führt. Kurzfristig gesehen vielleicht alles nachvollziehbar - aber die Perspektive ist mehr als düster. Sind "die schönsten Jahre eines Lebens" also vorüber?

Die Situation hat zu einschneidenden Experimenten geführt. Da wurden hochgeförderte Filme, deren Auswertung durch den Lockdown ausgebremst wurden mit Zustimmung aller Gremien und Verbände für das Streaming freigegeben - übrigens laut Pressemitteilung für EST (electronic sell through) - nach meinem Verständnis zum elektronischen Kauf, aber seit Wochen sind eben diese Filme auch für 3,99 bzw. 4,99 Euro auf Portalen zum Leihen verfügbar. Muss ich mich wundern, dass eben diese Filme, die ich wieder aufgenommen habe, nur begrenzten Zuspruch erfahren? Und wo wir gerade bei Thema sind: Wie wäre es mal mit einer ersten Info zu dem als Heilsbringer angekündigten Hilfsfonds für die Kinos, in welchen die Beteiligungen der "Kinos" eingezahlt werden sollten? Geht da was?

Das VoD-Projekte manchmal auch einfach nur Getöse sind, zeigt das Projekt "Systemsprenger"-Tag. Knapp 2.000 Streams sind erworben worden, "die Abrechnung benötigt noch Zeit". Das es auch anders geht, zeigt uns ein Branchenneuling: Notsold. Die Doku "100.000 - Alles was ich nie wollte" über den Youtuber Fynn Kliemann verlegte die alternativ Content Auswertung notgedrungen ins Netz und erzielte über 100.000 Zuschauer - und hat die Kino schnell und unkompliziert über den Erfolg informiert und die Erlösbeteiligung bereits ausgezahlt...

Und das Experimentieren geht weiter: Die bunten Trolls erfreuen sich trotz VoD-Erstauswertung einiger Nachfrage im Kino. Ein anderer Major überlegt wohl gerade, ob er den großen Hund nicht wenigstens für vier Wochen exklusiv ins Kino lässt - und die Schwammköpfe erfreuen uns Kinos mit der Möglichkeit einer DVD-Veredelung von vier Tagen....

Damit das klar ist, ich bin für klare Regeln in der Auswertung und ein exklusives Fenster! Gleichzeitig frage ich mich jedoch, ob es nicht an der Zeit ist, dass sich die beiden Parteien, die sich Partner schimpfen, an einen Tisch setzen und das gesamte eingefahrene System einmal auf den Prüfstand stellen. Es kann doch nicht sein, dass die Kinos die verleihseitig diktierten Veränderungen widerstandslos zu schlucken haben. Es gibt doch vielfältige Ansatzmöglichkeiten und Wünsche: Auswertungsfreiheiten, mehr Datengenauigkeit, das veraltete Leihmietensystem...

Aus meiner Sicht ist jetzt die Zeit - vielleicht unsere letzte Chance - um sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und über Ideen und Sorgen zu sprechen und dabei vielleicht neue Wege zu finden. So kann es doch nicht weitergehen - entweder man bekennt sich zum Kinogeschäft, oder man sagt klar, meinen Investoren geht es nur ums Geld.

An der Startliste für Juli ist eines eindeutig zu sehen: Es gibt noch Verleiher, die zur Branche stehen und versuchen, Angebote für die Kinos zu machen. Auch die Verleiher müssen hier weiter als üblich ins Risiko gehen - denn auch sie leiden unter aktuell geltenden Kapazitätseinschränkungen und können Ihr Geld nicht so leicht verdienen. Aber sie machen relevante Angebote! Und zum Dank fordern manche Kinobetreiber dann, man müsse die Filme zu reduzierten Leihsätzen vermieten. Für mich ist das paradox. Statt denen zu danken und mit denen zusammenzuarbeiten, die zu uns stehen, sollen diese noch bestraft werden! Denkt man diesen Weg weiter, dann haben die lieben Kinos bald keine unabhängige Verleihszene mehr, weil die kleineren Firmen nicht gleiche oder sogar höhere Budgets investieren können, um dann weniger Einnahmen zu generieren.

Übrig bleibt dann die "Monster-Liga" und die verbleibenden Kinos können sich von den Majors auch die letzten Freiheiten abnehmen lassen. (Ja ich weiß, es gibt auch da Gute, die versuchen sich für den deutschen Markt einzusetzen - in der jetzigen Situation zeigt sich jedoch, dass am Ende dann wohl doch das Headoffice in den USA entscheidet).

Also lasst uns schauen, ob wir nicht wieder an einen Tisch kommen und neue Wege in der Zusammenarbeit finden können und derweil dieses Jahr zum Jahr der Independents zu machen. Ansonsten halte ich es demnächst mit "Peter Hase" - Ein Kino-Hase macht sich vom Acker..."

Sven Andresen, Hofgarten Bad Belzig, Union Luckenwalde, Central Kino Wittenberg; Geschäftsführer Die FilmagentInnen GmbH