Kino

Mit der richtigen Botschaft aus der Krise

Neben zahlreiche Mut machende Worte (und Fakten) traten am zweiten Tag der virtuellen CineEurope vor allem mehr konkrete Handlungsempfehlungen - die sich vor allem auf ein zentrales Thema konzentrierten.

19.06.2020 17:57 • von Marc Mensch
Vue-CEO Tim Richards steuerte einen interessanten Erfahrungsbericht zu den Wiedereröffnungen in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden bei (Bild: Vue)

Was heißt eigentlich "Mindestabstand" im Kino? Sprechen wir von der Distanz zwischen zwei Gesichtern, zwei Körpern, zwei Armlehnen? Was trivial klingt, kann durchaus den Unterschied zwischen einem oder zwei Sitzen ausmachen, die zur Einhaltung von Hygienekonzepten freigehalten werden müssen - und ist kein lachhaftes Detail, sondern zählt zu den vielen Fragen, mit denen sich norwegische Kinobetreiber, die bekanntermaßen die Speerspitze der europäischen Wiedereröffnungen (auch für globale Konzerne wie AMC) bildeten, auseinandersetzen mussten.

Zur ausführlichen Zusammenfassung des ersten CineEurope-Tages.

Und nein, die Rückkehr ins Geschäft war für norwegische Kinobetreiber bislang keine allzu lukrative, wie Guttorm Petterson und Jorgen Stensland vom dortigen Branchenverband Film & Kino in einem kurzen Einspieler berichteten. Vor allem die strengen Restriktionen, wie jene auf maximal 50 Besucher, hätten dazu geführt, dass die meisten Kinos nach der Wiedereröffnung weiter Geld verloren hätten - trotzdem habe sich die Mehrheit entschieden, den Spielbetrieb zeitnah wieder aufzunehmen. Befeuern soll das Geschäft (begleitet von einer Lockerung der Maßnahmen) unter anderem eine Kampagne, für die Förderung des Norwegian Film Institute fließt.

Tatsächlich sind Kampagnen ein ganz zentraler Baustein in vielen Ländern. Vorgestellt wurden am zweiten Tag der CineEurope zwei sehr unterschiedliche Beispiele aus Frankreich und Polen, die schon ein wenig von der Bandbreite dessen vermittelten, womit man dem Publikum wieder Lust auf die nächsten Kinofilme machen kann. In Deutschland darf man wohl auch von einem Start der Kampagne im Spätsommer bzw. Anfang Herbst ausgehen, das FFA-Präsidium hat (vorbehaltlich der Genehmigung des Nachtragshaushaltes durch den Verwaltungsrat) jedenfalls schon einmal Förderung bewilligt, jetzt geht es darum, noch andere Player wie die BKM ins Boot zu holen.

Nun mag der (sehr kurze) Bericht von Petterson und Stensland nicht unbedingt von überschäumendem Enthusiasmus hinsichtlich der Wiedereröffnungsphase geprägt gewesen sein, umso wichtiger ist er aber für ein realistisches Gesamtbild, das über bloße Durchhalteparolen - so sehr diese ihre Berechtigung haben - hinausgeht. Und es ist durchaus nicht so, als hätte es nicht auch etwas positivere Blicke auf die ersten Tage und Wochen der Rückkehr zur neuen Normalität gegeben: In diesem Sinne stach der Bericht von Vue-CEO Tim Richards heraus. Zum einen, weil er sehr anschaulich schilderte, was es für ihn und sein Unternehmen bedeutete, innerhalb weniger Wochen sämtliche Standorte schließen zu müssen. Zum anderen aber, weil die Kette bereits Erfahrungen mit wiedereröffneten Kinos in einer ganzen Reihe von Märkten sammeln konnte, darunter nicht zuletzt Deutschland. Diesbezüglich sei ergänzend auf unser ausführliches Interview mit Cinemaxx-Geschäftsführer Frank Thomsen verwiesen, das wir vor rund zwei Wochen führen konnten.

Insgesamt hatte Vue zum Zeitpunkt der CineEurope 41 seiner Häuser wiedereröffnet, davon aber natürlich noch keines im Heimatmarkt Großbritannien, wo dies in England ab 4. Juli möglich sein soll. Dementsprechend sprach Richards auch von einer "frühen Phase", die dennoch einen "geradezu monumentalen Schritt" darstelle - zumal er von "ermutigenden" Zahlen berichtete. Auf den Erfolg von Little Women" in Dänemark (wo sämtliche Vue-Standorte wieder spielen) war Tags zuvor bereits Steven O'Dell von Sony eingegangen - und Richards konnte dessen Bericht nur bestätigen. Tatsächlich habe der Run auf diesen Film die Kinos gänzlich unerwartet getroffen. Die Resultate in den Niederlanden, wo Vue seit 1. Juni wieder 20 Häuser am Netz hat, seien "besser als erwartet" ausgefallen, wobei Richards ergänzte, dass das sehr kinofreundliche (sprich: verregnete) Wetter dabei durchaus geholfen habe. Und auch aus Deutschland gebe es (standortabhängig) schon Zahlen zu vermelden, die man unter Berücksichtigung der Umstände (strikte Restriktionen, keine Neustarts) als "außergewöhnlich positiv" ansehe.

Richards jedenfalls freut sich auf den Tag, an dem der Lockdown in allen Vue-Märkten endet - denn es werde "kein Tag sein, an dem unsere Kunden schauen, was auf Netflix läuft". Mit Blick auf die anstehenden Wiedereröffnungen in Großbritannien verriet der Vue-Chef übrigens, dass dort (wie zumindest auch in Dänemark) die neu bearbeitete 4K-Fassung von Das Imperium schlägt zurück" im Juli in die Kinos kommt. Wie Variety berichtet, übrigens nur einer der großen Titel aus den Disney-Archiven, mit denen das Studio schon vor den großen Neustarts Futter für die Leinwände zur Verfügung stellen will.

Ein besonders interessanter Aspekt, den Richards ansprach war - gerade mit Blick auf die Bedeutung (ohnehin oft lückenhafter) Wochenendzahlen - die Beobachtung, dass der Besucheranteil am Wochenende in der aktuellen Situation tendenziell eher rückläufig sei. Richards geht davon aus, dass viele Menschen, die zwar keine absoluten Vorbehalte gegen Veranstaltungen hätten, sich aber lieber in möglichst kleinen Gruppen aufhielten, zunächst auf die traditionell eher schwach besuchten Wochentage ausweichen würden. Was ihn zur ganz grundsätzlichen Herausforderung der kommenden Wochen brachte: Es gehe darum, Vertrauen aufzubauen. Bei den Verleihern, den Zulieferern, der Politik und zuallererst bei den Besuchern. Vertrauen in eine Branche, die die Sicherheit von Mitarbeitern und Gästen an erster Stelle sehe. Auf dem Weg zur Erholung des Marktes werde es zwar durchaus noch einige "Temposchwellen" zu überwinden geben, wie es Richards formulierte, aber er zeigte sich überzeug davon, dass das Kino nicht nur überleben werde - sondern die Chance habe, zu neuen Höhenflügen anzusetzen.

Wenn Richards vom "Vertrauen in die Sicherheit des Erlebnisses" sprach, war damit natürlich vor allem ein Aspekt angesprochen, um den sich gleich zwei Programmpunkte drehten: Hygiene. Tatsächlich ließ sich der Löwenanteil des Coca-Cola-Seminars auf den klaren Appell reduzieren, Hygienemaßnahmen nicht nur konsequent umzusetzen, sondern vor allem auch für die Gäste sichtbar zu machen. Was durchaus nicht im Widerspruch zu dem stehen muss, was Cineworld-CEO Mooky Greidinger angemahnt hatte, als er am ersten Tag der CineEurope sagte: "Wir dürfen es nicht übertreiben, wir dürfen keine Krankenhausatmosphäre schaffen, die die Leute ununterbrochen daran erinnert, dass sie Angst vor dem Virus haben müssen." Vielmehr wurden Lösungen propagiert, die entweder durchaus charmant wirken oder für Kunden sogar einen Mehrwert bieten könnten, wie Getränkezapfstationen, die kontaktlos funktionieren. So sollen die "Freestyle"-Automaten von Coca-Cola bis Ende des Jahres auch in Europa von den Gästen sogar per App ansteuerbar sein.

Auch Patrick von Sychowski (Celluloid Junkie) widmete sich nicht nur gänzlich dem Thema "Hygiene", sondern griff seinerseits den möglichen Konflikt zwischen sinnvollen und möglicherweise als abschreckend empfundenen Maßnahmen auf. Sein Hinweis, Kinos würden gut daran tun, die Desinfektion ihrer Säle nicht wie die Arbeiten nach einem Reaktorunfall aussehen zu lassen, ist übrigens weniger weit hergeholt, als man denken könnte... Und sein Überblick über mögliche Maßnahmen fiel nicht zuletzt deshalb so sehenswert aus, weil er den Bogen von High-Tech-Technologien zu Lösungen schlug, die auch für das kleinste Kino umsetzbar sind. So mögen Roboter, die ganze Säle über die Aussendung ultravioletten Lichts von Viren befreien oder einfach nur als informative "Gastgeber" fungieren können (und wo sonst, als in Südkorea könnte man solche Technologien bereits im Einsatz sehen?), durchaus faszinierend sein. Praxisnäher ist für die meisten Häuser aber sicherlich die Bereitstellung von Spendern mit Desinfektionsmittel - ganz gleich, ob das nun vorgeschrieben ist oder nicht. Bewährt habe sich bereits auch ein einfaches System, bei dem Gäste an neuralgischen Stellen einen QR-Code scannen und auf etwaige Missstände aufmerksam machen können.

Auch Ideen wie mobile Plexiglas-Trennscheiben oder Vorrichtungen zur automatischen Temperaturmessung könnte man zumindest einmal im Hinterkopf behalten. Denn auch wenn sie hierzulande nicht notwendig sind bzw. bei ihrem Einsatz auch keine Erleichterung hinsichtlich der Auflagen mit sich brächten, könnten sie sich als hilfreich erweisen, sollte die Debatte über Betriebsuntersagungen oder notwendige Maßnahmen von neuem losbrechen.

Weshalb man Hoffnung haben darf, dass aus dem "perfekten Sturm", der über die Kinos hereinbrach, eine "perfekte Gelegenheit" werden könnte, skizzierte Arturo Guillén von ComScore - wobei man durchaus anmerken darf, dass sich diese Einschätzung zum Gutteil auf einen Faktor stützte, den man erst dann wirklich wird beurteilen können, wenn die ersten großen Neustarts auf die Leinwände kommen: das durch die Isolation nur umso stärker gewordene Verlangen der Menschen, Erlebnisse außerhalb ihrer eigenen vier Wände zu haben.

Was sich laut Guillén aber schon jetzt auch auf Basis von Zahlen feststellen lasse: Weltweit habe die Umsatzkurve vor der Pandemie klar nach oben gezeigt - und das nach dem Umsatzrekordjahr 2019. Zudem offenbare die Betrachtung der Zugriffszahlen auf Kino-Websites, dass das Interesse an Filmen ungebrochen ist, tatsächlich hätten die Zahlen europaweit im Lockdown-Monat April sogar einen Höchststand erreicht. Und Guillén offenbarte eine durchaus ungewöhnliche Sichtweise auf die Erfolge, die Streamer während der Phase des Lockdowns erzielen konnten. Ihm zufolge könnte sich dies als zweischneidiges Schwert erweisen: Denn die Steigerung der Nutzung pro Abonnent führe nicht zu mehr Umsatz, sondern zu erhöhtem Druck, neuen Content bereitzustellen - wobei Nutzer die Suche nach ebendiesem neuen Content gerade auch ins Kino führen könnte. Ein Phänomen, das zum "Rebound" beitragen könne.

Grußbotschaften von den Studios (teils garniert mit Trailern, die aber allesamt längst auch dem Publikum zugänglich sind) gab es natürlich auch am zweiten Tag - und der Tenor blieb ebenso selbstverständlich derselbe: Das Kino kommt zurück und hat die Chance, stärker als je zuvor aus der Krise hervorzugehen. Ein positive Botschaft, die Walt Disney nicht nur von Tony Chambers und Lee Jury übermitteln ließ, sondern per gelungener Videocollage auch von den führenden Vertreter*innen der einzelnen Territorien. Laut Jury stellen große Marken (auf die Disney seine Slates in ganz besonderer Weise stützt) den Schlüssel zur Erholung der Kinos dar - dementsprechend durften sich auch Marvel-Mastermind Kevin Feige und Pete Docter von Pixar an die Branche wenden.

Mark Viane von Paramount unterstrich die Unvergleichbarkeit des Kinoerlebnisses und erneut die Notwendigkeit, Sicherheit zu vermitteln. Ihm zufolge sei die Branche gefordert, im Gleichschritt zu marschieren - und gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, wozu auch zähle, Erkenntnisse über das Publikum auszutauschen.

Und Niels Swinkels von Universal schließlich enttäuschte die Erwartungen nicht. Denn nach den (gerade auch seitens AMC nicht immer klug geführten und dementsprechend undifferenziert von der Presse ausgeschlachteten) Debatten über Universals künftige Auswertungsstrategie kam von ihm ein klares, unmissverständliches Bekenntnis zur Filmauswertung auf der großen Leinwand. Hinter der Branche lägen "unglaublich herausfordernde" Monate - und man müsse sich in dieser Situation weiterhin klug und vor allem sicher verhalten. Universal habe in dieser Zeit für ausgewählte Filme eine spezifische Strategie gewählt, aber man wolle klarstellen, dass man sich seinen Partnern auch weiterhin absolut verpflichtet fühle. 2020 habe versprochen, zum erfolgreichsten Jahr in der Geschichte von Universal zu werden, bevor man den Pauseknopf drücken musste. Aber umso größer sei nun die Vorfreude darauf, wenn die Filme - und Swinkels konnte eine beeindruckende Slate aufzählen, die von Keine Zeit zu sterben" über Fast & Furious 9" bis zu Jurassic World: Dominion" reichte - dann endlich in die Kinos kämen.

Jetzt jedenfalls liege es in der gemeinschaftlichen Verantwortung der Branche, die Stimmung zu heben. Wozu die Online-Ausgabe der CineEurope vielleicht durchaus ihren Teil beitrug - auch wenn die Branche der tägliche nervöse Blick auf den Release-Kalender vielleicht noch eine Weile begleiten wird...