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Netflix-Wochencharts: Polnische Softcore-Fantasie "365 Days" auf Platz eins

Offenbar ist das Genre des Softcore-Erotikfilms zurück auf der Weltbühne. Jedenfalls hat die polnische Film-Fantasie "365 Days" in Deutschland wie auch im Rest der Welt groß abgeräumt.

15.06.2020 08:29 • von Michael Müller
Filme und Serien auf Netflix: "365 Days" (l.o.), "Tote Mädchen lügen nicht" (l.u.) und die italienische Mystery-Serie "Curon" (r.u.) (Bild: Netflix)

In der Filmgeschichte könnte das ein singuläres Ereignis sein, dass eine polnische Produktion weltweit die Top-Ten-Listen bestimmt. Bei dem Erotikfilm "365 Days" von Barbara Bialowas und Tomasz Mandes um einen Mafioso (Michele Morrone), der eine Geschäftsfrau (Anna Maria Sieklucka) entführt und für 365 Tage einsperren will, bis sie sich in ihn verliebt, hat das zumindest in den Netflix-Wochencharts geklappt. In der 24. Kalenderwoche sind auch die deutschen Nutzer wie wahnsinnig auf den als polnisches "Fifty Shades of Grey" etikettierten Streifen angesprungen. Das bedeutete Platz eins mit 67 Punkten gegen einen starken Konkurrenten, nämlich die neu gestartete vierte und letzte Staffel der US-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" (66 Punkte). Das ist umso beeindruckender, weil die Serie aus 13 Episoden besteht, also prinzipiell im Klick-Vorteil gegenüber dem Medium Film ist.

Was es noch zu "365 Days" zu sagen gilt: Offenbar hat die Videoplattform TikTok einen entscheidenden Anteil bei dem Erfolg des Films gespielt. Unter deren Nutzern entwickelte es sich nämlich zum weltweiten Trend, sich dabei zu filmen, wie man den Film schaut oder Szenen nachspielt. "365 Days" ist so, als ob Michael Bay eine trashige Erotikvariante von "Die Schöne und das Biest" mit brutal-schlechtem Soundtrack inszeniert hätte. Oder wie es Filmkritikerin Jessica Kiang im Branchenblatt "Variety" ausdrückte, dass nämlich der Film eine "anrüchige, groteske Softcore-Fantasie", aber auch ein "gelegentlich urkomischer polnischer Humpathon" sei.

Eigentlich war ausgemacht, dass die abschließende Staffel der US-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") auf dem Charts-Thron landen würde. Das Interesse an dem Format über Teenagerprobleme war trotz immer schlechter werdender Kritiken ungebrochen groß. Anfangs erhielt "Tote Mädchen lügen" zur ersten Staffel noch eine Golden-Globe-Nominierung und Schlagzeilen wegen der Thematisierung eines Selbstmords, was - so die Kritik von Gesundheitsorganisationen - selbstmordgefährdete Zuschauer triggern könnte. Zwischendurch inszenierten so tolle Regisseure wie Gregg Araki, Carl Franklin, Tom McCarthy oder Eliza Hittman Episoden. Letztere war wegen ihres neuen Films "Never Rarely Sometimes Always" noch auf der diesjährigen Berlinale gefeiert worden. Aber bei der vierten Staffel scheint jetzt auch unter den Fans die Luft raus zu sein, auch wenn sie die Serie zu Ende schauen wollten.

Noch spiegeln sich nicht die Starts von Spike Lees epischem Kriegsfilm "Da 5 Bloods", der eigentlich seine Weltpremiere in Cannes feiern sollte und Frank Elstners Talksendung "Wetten, das war's?" in den deutschen Netflix-Wochencharts wider. Aber "Da 5 Bloods" tauchte nach seinem freitäglichen Launch am Samstag auf Platz neun auf und steigerte sich am Sonntag auf Platz vier der Tagescharts. Frank Elstners möglicherweise letzte, sehr schöne Show mit Gästen wie Charlotte Roche, Daniel Brühl oder Lena Meyer-Landrut erschien zumindest am Sonntag auf Platz sieben.

Top Ten (KW24):

01. 365 Days NEU (67 Pkt.)

02. Tote Mädchen lügen nicht (66 Pkt.)

03. Der Denver-Clan (48 Pkt.)

04. The Last Days of American Crime (45 Pkt.)

05. A Star Is Born NEU (38 Pkt.)

06. Space Force (34 Pkt.)

07. Curon NEU (22 Pkt.)

08. Snowpiercer (14 Pkt.)

08. New Girl (14 Pkt.)

10. White Lines (10 Pkt.)

Netflix veröffentlicht sei Ende Februar 2020 täglich nach Beliebtheit sortierte Top-Ten-Listen. In den deutschen Wochencharts sind diese hier jetzt nach einem Punktesystem aufgeschlüsselt und zusammengezählt worden. Dabei erhält der Erstplatzierte zehn Punkte, der Zweitplatzierte neun Punkte und so weiter. Natürlich können so besonders große Zuschauerabstände zwischen den Platzierungen nicht erfasst werden. Da die Netflix-Nutzer aber vor allem Serien und Filme in Schüben schauen, bildet diese Top Ten gut den Trend ab, welche Unterhaltungsprodukte aktuell am populärsten sind.