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Spike Lees "Da 5 Bloods": "Wir wurden verheizt"

Mit "Da 5 Bloods" von Spike Lee startet heute bei Netflix der erste große wichtige Film seit dem Corona-Lockdown, der eigentlich in Cannes Weltpremiere hätte feiern sollen. Unser Autor Kaleem Aftab hat sich mit dem Film beschäftigt und sprach mit Spike Lee.

12.06.2020 08:10 • von Thomas Schultze
Spike Lee drehte "Da 5 Bloods" vor Ort in Vietnam und Thailand (Bild: Netflix)

Als Spike Lee erstmals das Drehbuch für einen Film über den Vietnamkrieg zugeschickt bekam, bestand noch keine besonders große Ähnlichkeit mit dem, was Da 5 Bloods" jetzt geworden ist. Der entscheidende Unterschied war, dass die Hauptfiguren ursprünglich fünf weiße Soldaten waren, die in der Gegenwart zurückkehren nach Nam. Das ist keine allzu große Überraschung, wenn man bedenkt, dass fast alle US-Kriegsfilme weiße Geschichten erzählen, und der Beitrag farbiger Menschen oder aus anderen Ländern keine große Rolle spielt - wenn sie überhaupt eine Rolle in den Szenarien spielen.

Produzent Lloyd Levin, bekannt für so unterschiedliche Filme wie Boogie Nights" (1997), Hellboy" (2004) und Green Zone" (2010), hatte das Drehbuch zunächst für Oliver Stone vorgesehen. Ihm ist es zu Gute zu halten, dass er sich zumindest eine Neubetrachtung des Stoffes erwartet haben musste, als er das Drehbuch zur Überarbeitung an Kevin Willmott schickte. Willmott kennt man vor allem als Autor, der schwarze Amerikaner in den Mittelpunkt seiner Geschichten stellt. Er schrieb und inszenierte "C.S.A.: The Confederate States of America", eine Mockumentary, die sich eine alternative Sicht der Historie vorstellt, wie es wäre, wenn die Konföderation den Amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen hätte. Jüngst hatte er die letzten Spielfilme von Spike Lee geschrieben, Chi-Raq" und den für das beste Drehbuch oscarprämierten BlacKkKlansman". "Levin schickte ein Drehbuch über den Vietnamkrieg, das von Danny Bilson und Paul Demeo geschrieben war, an Kevin, während wir uns auf ,BlacKkKlansman"'vorbereiteten", erzählt Spike Lee. "Wir machten aus den vier weißen Hauptfiguren afroamerikanische Soldaten. Das haben wir getan, weil uns bewusstwurde, dass das eine einmalige Gelegenheit wäre, um zu zeigen, was schwarze Vietnamsoldaten (für Amerika) geleistet haben, und ihre Geschichte zu erzählen. Ich behaupte nicht, dass man in anderen Vietnamfilmen keine Schwarzen gezeigt hätte, aber diesmal ist es ihre Geschichte, sie sind nicht schmückendes Beiwerk an der Seite weißer Soldaten." Der Vietnamkrieg würde in den letzten 45 Jahren in vielen gefeierten und prämierten Filmen thematisiert; zu den bekanntesten zählen der Goldene---Palme-Gewinner "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola, Oliver Stones Oscargewinner "Platoon", Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" und Barry Levinsons "Good Morning, Vietnam". Allesamt sind aus der Sicht weißer Protagonisten erzählt. Afroamerikaner spielen die zweite Geige, Vietnamesen werden bestenfalls als identitätslose Masse gezeigt, ob es sich nun um Südvietnamesen handelt, die an der Seite der Amerikaner kämpften, oder den Vietkong im Norden des Landes.

Aber für Lee muss die Geschichte des Vietnamkriegs einen Blick werfen auf das überproportionale Maß an Einsatz afro-amerikanischer Soldaten, die für die Vereinigten Staaten kämpften, und das zu - einer Zeit, als in der Heimat die Bürgerrechtsbewegung immer mehr an Bedeutung gewann. Martin Luther King und Malcolm X sind dabei nur die zwei namhaftesten schwarzen Aktivisten, die in den USA ermordet wurden, während Soldaten in Vietnam für ihr Land kämpften. Der New Yorker Regisseur unterstreicht seine Sicht mit Statistiken: "Afroamerikaner machten zu dieser Zeit elf Prozent der Bürger in den USA aus. Wenn man nach Vietnam blickt, sieht man eine gewaltige Diskrepanz: Von denen, die in Vietnam kämpften, waren 31 Prozent schwarze Soldaten." Und er merkt an: "Unsere schwarzen Ärsche wurden direkt an vorderster Front verheizt. Wir hatten überproportional viele Todesopfer und Verletzte zu beklagen."

Lee war es wichtig, dass sich diese Fakten auf "Da 5 Bloods" niederschlagen. Er wollte außerdem zeigen, dass sich die afroamerikanische Vietnamerfahrung nicht nur auf den Krieg in Südostasien beschränkte. Bevor der Film auf die vier Hauptfiguren und deren Geschichte schwenkt, stimmt der Regisseur das Publikum mit einer Mischung aus Fotos, Archivaufnahmen und Nachrichtenclips auf die Zeit ein. Er erklärt: "Ein Großteil des Publikums, das sich diesen Film ansehen wird, war während des Vietnamkriegs noch gar nicht auf der Welt. Andere haben vielleicht vergessen oder verdrängt, was damals abging. Der Einstieg ist ein kleiner dokumentarischer Exkurs, damit man ein Gefühl für das bekommt, was wir im Anschluss zeigen. Ich habe den großartigen Song ,Inner City Blues' von Marvin Gaye über diese Bilder aus dem Archiv gelegt. Es geht nicht nur um Vietnam. Es geht um den Krieg dort, aber auch um den Krieg in den USA."

Bei diesem Krieg handelt es sich um den Kampf der Bürgerrechtsbewegung: Afroamerikaner gingen auf die Barrikaden, forderten ein Ende rassistischer Gesetzgebung und der Unterdrückung ihrer Leute wegen ihrer Hautfarbe. Zu Beginn zeigt "Da 5 Bloods" Muhammad Ali, der über seine Entscheidung spricht, nicht für die USA in den Vietnamkrieg zu ziehen, was dazu führte, dass er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt und ihm sein Weltmeistertitel wie seine Boxlizenz aberkannt wurden. Andere Berühmtheiten, die die Ironie kommentieren, für ein rassistisches Land kämpfen zu sollen, sind Malcolm X, Kwame Ture und Angela Davis. Darauf folgen Aufnahmen, die den Bogen in die Gegenwart schlagen, zu Präsident Trump und seinen aufwieglerischen Kommentaren. Das bildet die Grundlage für einen Film über Afroamerikaner, die nicht länger bereit sind, sich unterordnen zu müssen. Brandaktuell ist der Film nicht zuletzt deshalb, weil seine Themen einen Schulterschluss bilden mit den Black-Lives-Matter-Demonstrationen, die nach der Ermordung von George Floyd auf der ganzen Welt stattfinden. "Ich bin sehr froh, dass der Film jetzt veröffentlicht wird", sagt Spike Lee. "Vieles, was wir darin erzählen, hat ganz unmittelbar mit den Dingen zu tun, die gerade vor unseren Augen stattfinden." Ein bisschen ironisch ist es da schon, dass die von Delroy Lindo gespielte Figur in "Da 5 Bloods" ein flammender Befürworter der Politik von Donald Trump ist. Er ist eines von vier aus Spike Lees Filmen vertrauten Gesichtern in den Hauptrollen - die anderen sind Clarke Peters, Isiah Whitlock Jr und Norm Lewis: Diese vier Figuren entschließen sich, sich wieder in Vietnam zu treffen, wo sie einst miteinander gedient haben. Das "Bloods" im Titel ist ein Verweis auf den Ausdruck, mit dem sich afroamerikanische Soldaten gegenseitig bezeichnet haben. In der Gegenwart kehren sie nach Ho Chi Minh City, das ehemalige Saigon, zurück, wo amerikanische Kultur längst zum Stadtbild gehört, wie ein Schwenk über Filialen von McDonald's und Pizza Hut unterstreicht. Einer der Soldaten macht den Witz, dass Amerika den Krieg vermutlich gewonnen hätte, wenn es statt Waffen die Fast-Food-Giganten ins Land geschickt hätte. Sie besuchen eine Bar, wo ihnen von ehemaligen Vietkong Drinks spendiert werden. Aber obwohl sie es sich zunächst gut gehen lassen, handelt es sich für die vier Männer nicht um eine nostalgische Reunion in einem fernen Land. In einer Reihe von Rückblenden ins Kriegsgeschehen, in denen sich wieder diese vier Darsteller spielen, ohne dass man sie digital verjüngt hätte, wird erzählt, dass sie damals neben der Leiche ihres Schwadronführers Stormin' Norman, gespielt von "Black Panther"-Star Chadwick Boseman, ein Vermögen an Goldbarren vergraben haben. Das Gold war als Bezahlung der Amerikaner an ihre südvietnamesischen Alliierten gedacht gewesen.

Während die Männer auf Goldjagd gehen, arbeitet der Film immer weiter heraus, wie Materialismus ihrem einstigen Idealismus in die Quere gekommen ist. Für Spike Lee steckt dieser Aspekt im Zentrum des Films. Die Erkenntnis, dass den Regierenden im Weißen Haus Geld wichtiger ist als das Leben und die Gleichberechtigung seiner Bürger, bildet das Rückgrat von "Da 5 Bloods". "Der Vietnamkrieg war ein moralischer Krieg", erläutert Spike Lee. "Die Moral von Menschen, die beten und auf die Knie gehen - für den allmächtigen Dollar. Denken Sie nur an die Dow Chemical Company, die Milliarden verdient hat mit dem Verkauf von Napalm. Denken Sie an all die anderen Konzerne und Industrien, die sich am Krieg in Vietnam bereichert haben."

Das ist der Grund, warum Spike Lee findet, dass sein Film einen Nerv trifft und brandaktuell ist in einer Welt, die sich aufgrund von Covid-19 im Lockdown befindet. "Es ist nicht schwer, die Moral des Vietnamkriegs mit dem Hier und Jetzt zu verbinden, wo das verblendete Weiße Haus darauf drängt, die Wirtschaft des Landes wieder zu eröffnen, obwohl die Menschen unvermindert sterben. Es ist eine ganz simple moralische Wahl, die getroffen wird, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Es spielt keine Rolle, ob deshalb Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden. Für sie ist das der Preis, den man dafür zahlt, dass sie ihre gottverdammten Geschäfte machen können. Dieser Regierung ist das scheißegal. Sie scheißen auf braune, schwarze und arme weiße Menschen." Für Lee ist die Reaktion von Präsident Trump, den er gallig Agent Orange nennt, auf den Tod von George Floyd und die Rhetorik, die er verwendet, heuchlerisch: "Ihnen ist das völlig einerlei. Mir ist egal, was sie sagen. Handlungen sprechen lauter als wohlfeile Worte. Agent Orange spricht schwarzen Familien, die Todesfälle zu beklagen haben, sein Mitgefühl aus. Diese Worte sind hohl." "Da 5 Bloods" lässt kein gutes Haar an Trump, attackiert ihn unablässig. Einer der Bösewichte ist ein französischer Geschäftsmann, gespielt von Jean Reno, der eine dieser roten MAGA-Baseballmützen und einen schlecht geschnittenen weißen Leinenanzug trägt, wie man ihn auch in der Garderobe des amerikanischen Präsidenten finden würde. "Natürlich war es Absicht, dass Jean Reno diese Mütze trägt", betont Lee. "Das mit dem Anzug ist dagegen eher Zufall. Es war brütend heiß, als wir gedreht haben, um die 35 Grad. Da trägt man nun mal ein weißes Hemd und einen weißen Leinenanzug. Das soll aber nicht heißen, dass das, was Sie gesehen haben, nicht das ist, was Sie denken. Ähnlichkeiten sind Absicht." Es ist der zweite Film von Spike Lee in Folge, in dem Trump eine tragende Rolle spielt, auch wenn es in der eigentlichen Handlung um etwas ganz Anderes geht. Lee hat einen Traum: "Wissen Sie, was mein Gebet ist? Ich bete zu Gott, dass er in meinem nächsten verdammten Film keine Rolle mehr spielen muss. Wenn Agent Orange, POTUS, in meinem nächsten Film wieder vertreten sein sollte, dann ist die Welt in Gefahr."

Der Film wurde von Netflix möglich gemacht, die in den letzten Jahren mehrere Lee-Projekte finanzierten - allerdings ist es der erste Spielfilm, den Lee mit dem Geld von Netflix realisieren konnte. Für Lee war es eine pragmatische Entscheidung, auch bei Da 5 Bloods mit dem Streamer zu arbeiten. "Netflix hat zwei Staffeln meiner Serie ,She's Gotta Have It' und einen Film eines meiner Studenten an der NYU, ,See You Yesterday', bei dem ich ausführender Produzent bin, ermöglicht. Jetzt bin ich heilfroh, dass Netflix und andere Streamingangebote in die Bresche springen bei Stoffen, die bei Studios abblitzen. Ein perfektes Beispiel ist natürlich Scorsese mit seinem ,The Irishman'." Das Geld von Netflix machte es Spike Lee möglich, seinen Film vor Ort in Vietnam und Thailand drehen zu können, wo ein Großteil der Dreharbeiten abgewickelt wurde. Der Regisseur reiste am Tag nach der Oscarzeremonie, wo er für "BlacKkKlansman" einen Academy Award für das beste Drehbuch gewann, nach Asien. Denkwürdig war seine Reaktion, als er der Bühne den Rücken zuwandte, nachdem "Green Book" zum besten Film erklärt wurde. Seine Frau war froh, dass er den Saal verließ: "Sie musste sich nicht länger mein Gemecker über ,Green Book' anhören."

Der Dreh in Thailand und Vietnam -eröffnete Lee eine neue Perspektive auf die Geschichte seines Films. Ihm war es nicht nur wichtig, der afroamerikanischen Erfahrung in Vietnam gerecht zu werden, sondern auch die vietnamesische Bevölkerung mehrdimensionaler zu zeichnen, als man es aus gängigen Vietnamfilmen kennt: Selten geht aus diesen Filmen hervor, dass der Krieg zwischen Südvietnam und Nordvietnam ausgetragen wurde und die amerikanischen Truppen vor allem gegen den Kommunismus kämpften. Lee war sich immer bewusst, dass er beim Dreh in Thailand nicht selbst den Fehler begehen würde, rassische Stereotype zu bedienen. "Wenn man an weit entfernten Locations im Ausland dreht, dann muss man oft die Frage beantworten, wie man die Statisten besetzen soll", erklärt er. "Oft sagen die Leute, scheißegal, nehmen wir halt irgendwelche Asiaten - Chinesen, Japaner, Koreaner, fällt doch eh keinem auf, haben doch alle Schlitzaugen. Ich wollte nicht in diese Falle gehen. Menschen aus China, Thailand oder Japan sehen eben nicht aus wie Vietnamesen." Die asiatischen Figuren haben Tiefgang, sind komplexer angelegt, als man es aus den meisten amerikanischen Filmen kennt. Man sieht seine vietnamesischen Figuren, wie sie sich über Gedichte, die Liebe und Philosophie unterhalten, während sie Waffen tragen. Einzelne Ansässige spendieren den amerikanischen Veteranen Drinks. Man sieht aber auch andere, die sie aufgebracht -anschreien, was amerikanische Truppen in ihrem Land angerichtet haben. Andere wiederum haben es nur auf das Gold der Amerikaner abgesehen: Sie sind nicht -weniger gierig auf Reichtum. Lee gesteht indes, dass man es nicht unbedingt ihm zuschreiben kann, dass die Figuren so menschlich und dreidimensional geraten sind. "Ich habe ihnen ihre Worte nicht in den Mund gelegt", sagt er. "Ich spreche kein Vietnamesisch. Also habe ich sie nicht angewiesen, was sie genau sagen sollen. Das haben sie sich selbst ausgedacht. Wichtig war es mir, die vietnamesischen Figuren nicht zu dehumanisieren."

Das ist keine große Überraschung. Lee waren immer schon Geschichten ein Anliegen, die aus neuen Perspektiven -erzählt werden - immer in dem Bewusstsein, dass das amerikanische Kino diesbezüglich einige Defizite aufzuweisen hat: "Wenn man auf Hollywood blickt, fällt auf, dass seine Geschichten immer aus einem weißen Blickwinkel erzählt wurden." Wenn überhaupt, dann ist Spike Lee, mittlerweile 63 Jahre alt und im vierten Jahrzehnt seiner Karriere, noch direkter und kompromissloser geworden, wie er in seinen Filmen Politik, Sozialkritik und Archivaufnahmen mit Komödie und Drama vermischt. Er ist kompromisslos bei der Verwirklichung seiner filmemacherischen Handschrift und macht aus -jedem seiner Filme eine unberechenbare Achterbahnfahrt disparater Emotionen, durchbricht die vierte Mauer ununterbrochen in Brechtscher Manier. "Darum geht es bei einem Spike-Lee-Joint", betont er. "Es ist eine Melange, ein Eintopf, ein Gumbo - und ich esse meinen New-Orleans-Gumbo ohne Schweinefleisch und rotes Fleisch. Aber ich packe sonst alles rein, stelle es auf den Herd, lasse es vor sich hin köcheln, bis sich alles ineinander fügt und man am Ende sagt: ,Hmmm, das schmeckt verdammt gut!'"

Kaleem Aftab