Kino

"Froh, zurück zu sein"

In puncto Wiedereröffnungen agiert CinemaxX nicht nur aus deutscher Sicht als Vorreiter. Wir sprachen mit Geschäftsführer Frank Thomsen über die Strategie hinter dieser Entscheidung.

10.06.2020 16:56 • von Marc Mensch
Cinemaxx-Geschäftsführer Frank Thomsen (Bild: Henning Angerer)

Über die Hälfte der Bundesländer hatte Anfang Juni einen - wenn auch sehr eingeschränkten - Spielbetrieb in den deutschen Kinos wieder zugelassen.Doch das gros der Betreiber machte von der Möglichekit nicht unmittelbar Gebrauch, weniger als 200 wiedereröffnete Häuser wurden Anfang des Monats gezählt. Fast zehn Prozent davon stammten von einer einzelnen Kette: CinemaxX hat bereits 18 seiner Häuser wieder an den Start gebracht und geht damit sehr viel offensiver vor als andere Marktteilnehmer. Über die Strategie hinter und die Erfahrungen mit diesem Weg sprachen wir mit Geschäftsführer Frank Thomsen.

BLICKPUNKT: FILM: Bis 6. Juni hatte CinemaxX bereits 18 seiner Standorte wiedereröffnet - und ist damit in Deutschland klarer Vorreiter unter den Kinoketten. Was sprach dafür, den Neustart bereits so frühzeitig so engagiert anzugehen?

FRANK THOMSEN: Lassen Sie mich zunächst sagen: Wir sind froh, zurück zu sein. Als wir unsere Kinos Mitte März schließen mussten, wussten wir, dass der Tag der Wiedereröffnung kommen würde; entsprechend frühzeitig haben wir uns auch damit beschäftigt. Unser Ziel ist es, das Vertrauen unserer Gäste so schnell wie möglich zurückzugewinnen. Alle Bereiche des öffentlichen Lebens werden langsam und vorsichtig wieder hochgefahren - und wir sind als Kinobetreiber der Überzeugung, dass wir an diesem Prozess teilnehmen müssen, dass wir unseren Gästen wieder die Möglichkeit geben, ihre Freizeit mit einem Kinoerlebnis zu gestalten. Selbstverständlich im Rahmen dessen, was der Gesundheitsschutz erforderlich macht.

BF: Es ist aus Ihrer Sicht also erforderlich, frühzeitig zu demonstrieren, dass man einen Ort bietet, an dem sich der Gast sicher fühlen kann?

THOMSEN: Absolut. Das Wohl unserer Gäste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat oberste Priorität. Kernbestandteil der Wiedereröffnungen ist ein umfassendes Sicherheits- und Hygienekonzept, das wir gemeinsam mit unserem Mutterunternehmen Vue International erarbeitet haben. Es erfüllt auf der einen Seite natürlich sämtliche behördliche Auflagen und steht auf der anderen Seite im Einklang mit dem Plan, den die Verbände bereits vor einiger Zeit vorgelegt hatten. Als Multiplexbetreiber haben wir an dieser Stelle echte Vorteile - denn wir verfügen über großzügige Foyers und Säle, die Maßnahmen zur Wahrung der Abstandsregeln erleichtern. Sicherheit ist bei uns auch sichtbar, z.B. über Leitsysteme.

BF: Die Gäste honorieren das?

THOMSEN: Wir haben schon in den ersten Tagen sehr positives Kundenfeedback erhalten. Tatsächlich wurde jüngst für einen TV-Beitrag ein zufällig ausgewählter Gast befragt, ob ihm denn bei einem Kinobesuch nicht noch mulmig sei. Seine Antwort war, dass er ein gutes Gefühl habe und sich sehr freue - insbesondere auch, weil er im Vorfeld umfassend informiert wurde. Und das ist uns wichtig: Die Besucher mit den Maßnahmen vertraut zu machen, ist für uns essenziell. Wir informieren über eine eigene Website, über soziale Medien und natürlich auch mit umfassender Beschilderung vor Ort. Dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben, bestätigen uns auch die Behörden. Bei einer Prüfung in einem Standort wurde unser Konzept als "vorbildlich und exzellent" bezeichnet. Solches Lob freut nicht nur uns, sondern die gesamte Unternehmensgruppe und zahlt nachhaltig in das Kundenvertrauen ein.

BF: Welcher Input kam bezüglich des Konzeptes denn von Vue?

THOMSEN: Der große Vorteil an einer international agierenden Gruppe ist die Bündelung des Know-Hows aus verschiedenen Ländern. So konnten wir nicht zuletzt auf Input aus Taiwan zurückgreifen, wo die Kinos auch während der Pandemie geöffnet bleiben konnten und wo man bereits in früheren Jahren Erfahrungen unter anderem mit SARS gemacht hatte. Darauf konnten wir bei der Entwicklung eines Konzepts aufbauen, das für alle Standorte kompatibel ist.

BF: Trotz der teils unterschiedlichen Anforderungen auf Länderebene?

THOMSEN: Es ist richtig, dass es teilweise lokale Besonderheiten gibt. Sobald eine lokale Allgemeinverordnung vorliegt, werden die Vorgaben genau geprüft und unser Konzept feinjustiert. Unterschiede gibt es vor allem beim Thema Besucherdaten. So müssen wir in einigen Ländern persönliche Daten erfassen, um eine Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten. Und hier und da haben wir ergänzend zur üblichen Abstandsregel auch feste Kapazitätsbegrenzungen in Form einer maximalen Auslastung von z.B. 50 Personen pro Saal. Aber das ist im Konzept berücksichtigt.

BF: Dennoch gab es eine Vorgabe, die einer Wiedereröffnung im Wege stand.

THOMSEN: Aufgrund der Auflagen in Rheinland-Pfalz, wo Snackverkauf und Verzehr am Platz zunächst untersagt waren, hatten wir uns entschieden, das CinemaxX Trier nicht zu öffnen. Snacks gehören zur DNA des Kinoerlebnisses; ohne Gastronomie können wir kein vollständiges Angebot machen, können wir unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Denn was unsere Gäste so sehr am Kino vermissen, ist die gemeinsame Unternehmung, ist die große Leinwand - und ist auch das Popcorn. Für einen überregionalen Betreiber, wie wir es sind, ist es nicht nachvollziehbar, wenn an einzelnen Standorten andere Regeln gelten sollen. Schon im April hatten wir z.B. in Hamburg führende Politiker eingeladen, sich im CinemaxX Dammtor ein Bild von unserem Konzept zu machen. Wir haben die finale Fassung mit allen Ministerpräsident*innen geteilt und wir pflegen engen Kontakt zu allen zuständigen Entscheidungsträgern, um auf einheitliche Standards hinzuwirken. Die Verordnung in Rheinland-Pfalz wurde nun geändert, das zeigt aber, wie komplex und unterschiedlich die Handhabungen in den einzelnen Bundesländern sind.

BF: An sich war die BKM aufgerufen, bundesweite Hygiene- und Sicherheitskonzepte zu entwickeln. Muss man ihr diesbezüglich Versäumnisse vorwerfen?

THOMSEN: Meine persönliche Meinung ist: Die Pandemie hat jeden Menschen an seine Grenzen geführt, schon von daher erlaube ich mir kein Urteil. Entscheidend ist für mich der Blickwinkel. Blickt man auf das gesamte Land, muss man feststellen, dass man weltweit enormen Respekt davor hat, wie Deutschland diese Pandemie gehandhabt hat, wie wir uns aus der Krise herausarbeiten. Wenn man nur sein eigenes Unternehmen betrachtet, kann man durchaus anmerken, dass man sich mehr Unterstützung, mehr Einheitlichkeit gewünscht hätte.

BF: Welche Erfahrungen hat man an den wiedereröffneten Standorten bereits gemacht?

THOMSEN: Wir haben unglaublich positives, auch sehr emotionales Feedback von unseren Gästen erhalten, vorwiegend über soziale Medien, aber auch direkt in den Kinos. Ich war selbst an den Eröffnungstagen in Kiel und am Dammtor vor Ort - und was mir aufgefallen ist: Unsere Gäste sind extrem gut informiert - und fühlen sich dementsprechend sicher und wohl. Auch weil wir ausdrücklich darum bitten, Tickets im Netz zu kaufen, um im Kino kontaktlos Zutritt gewähren zu können, ist die Online-Quote geradezu nach oben geschossen. Das wird auch sehr hilfreich sein, wenn wir ab Mitte Juli parallel zu den ersten großen Neustarts auch wieder deutlich mehr Personenverkehr in unseren Häusern haben und dank der Online-Buchungen die Abwicklung erleichtert und Wartezeiten minimiert werden.

BF: Als eines der Hauptprobleme in der Wiedereröffnungsphase gilt die extrem eingeschränkte Platzkapazität...

THOMSEN: Momentan gehen wir davon aus, mit unseren Kapazitäten gut auszukommen. Zunächst haben wir sicherlich vor allem die Heavy User zurückgeholt, die den Tag nicht erwarten konnten, an dem wir wieder aufsperren würden. Entscheidend ist, das möchte ich noch einmal betonen, in dieser Phase Sicherheit zu vermitteln. Wenn wir auf Juli und die ersten großen Neustarts zugehen, werden sich die Besucherströme sicherlich vergrößern. Grundsätzlich ist übrigens zu sagen: Wir gehen davon aus, dass wir uns auf längere Sicht auf gewisse Restriktionen einstellen müssen, dem tragen unser Konzept und unsere Pläne Rechnung.

BF: Aber ist unter den jetzigen Voraussetzungen ein wirtschaftlicher Betrieb überhaupt denkbar?

THOMSEN: Selbstverständlich findet eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung statt, aber nicht unter der Prämisse von Profitabilität ab dem Tag der Wiedereröffnung. Eine Schließung ist ja auch nicht wirtschaftlich. Wir glauben fest daran, dass wir mit allen Beteiligten - mit Verleihern, Vermietern, Mitarbeitern und auch anderen Betreibern - in einem Boot sitzen und dass wir gemeinschaftliche Verantwortung auch gesellschaftlicher Natur haben, unser Angebot schnellstmöglich wieder in den Markt zu bringen. Denn es wird Zeit benötigen, um Vertrauen der Kunden wieder aufzubauen. Das birgt natürlich ein gewisses Risiko dahingehend, ob die Kunden womöglich erst mit den ersten neuen Blockbustern wiederkommen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Während der langen Wochen der Isolation hat sich bei den Menschen ein enormes Bedürfnis aufgestaut, sich zu vergnügen - und eines unserer obersten Ziele war es, das Kino im Reigen jener Treffpunkte zu sehen, die jetzt schrittweise wieder angeboten werden können. Andere Betreiber gehen anders vor, das respektieren wir. Aber unsere Strategie ist, frühestmöglich für unsere Gäste da zu sein.

BF: Hätten Sie sich dennoch gewünscht, dass es zu einem bundesweit einheitlichen Vorgehen kommt?

THOMSEN: Grundsätzlich ja, das hätte es für alle Beteiligten erheblich einfacher gemacht. Allerdings hätten wir uns dann auch bundesweite Eröffnungen Ende Mai gewünscht und nicht erst Anfang Juli, wie das viele Programmkinos vertreten. Soweit es trotz des weiten Wiedereröffnungszeitraums noch zu einer übergreifenden Wiedereröffnungskampagne kommt - was wir hoffen - sind wir natürlich dabei, das ist keine Frage.

BF: Wie viel hängt aus Ihrer Sicht für die Branche daran, dass "Tenet" seinen Starttermin hält?

THOMSEN: Lassen Sie es mich so sagen: Ich glaube Christopher Nolan hat noch nie so viel Werbung für einen seiner Filme bekommen, wie in diesem Jahr. Wir alle freuen uns auf "Tenet", er wird sicherlich ein großartiges Meisterwerk werden. Warner hält aktuell an diesem Termin fest, das zeigt uns auch, dass das Studio darauf brennt, ins Kinogeschäft zurückzukommen. Und wenn es doch Anfang August werden sollte... Nun ja, diese zwei Wochen werden wir auch noch überstehen. Wichtig ist, dass alle Filmstudios an ihren großen Projekten festgehalten haben, die Produktionen lediglich unterbrechen mussten. Insofern startet mit Tenet ein ganzer Reigen an großartigen Filmen.

BF: Aktuell wirbt CinemaxX mit einem niedrigen 2D-Einheitspreis. Gibt es einen zeitlichen Horizont für die Dauer dieser Aktion?

THOMSEN: Der Kerngedanke dahinter ist: Wir halten es für richtig, Filme, die aufgrund der Schließungen nicht weiter gezeigt werden konnten - oder auch andere ältere Titel, die wir derzeit einsetzen - zu einem anderen Preis anzubieten, als Neustarts. Wir werden unsere Preisarchitektur aber Schritt für Schritt wieder anpassen, wenn Mitte Juli ein toller Reigen an neuen Filmstarts beginnt.

BF: Zuletzt hatte CinemaxX bereits eine Reihe von Standorten grundlegend modernisiert. Was lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt über die Auswirkungen der Corona-Krise auf geplante Investitionen sagen?

THOMSEN: Wir halten an unseren Investitionsplänen in Deutschland fest. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren bereits fünf Kinos umgebaut, zum einen nach der Übernahme das Haus in Hamm, zum anderen unsere Standorte in Regensburg, Wuppertal, Göttingen und Bremen. Aktuell nutzen wir die Zeit, um unser CinemaxX Hamburg-Harburg voll umzubauen, es wird das erste Kino von CinemaxX sein, das vollständig mit Recliner-Sitzen ausgestattet sein wird. Wir können den Tag schier nicht abwarten, an dem wir auch dort die Türen wieder öffnen, denn die Ausstattung wird ein echter Game-Changer sein. Und noch für dieses Jahr sind zwei weitere Umbauten mit Recliner-Vollausstattung vorgesehen.

BF: Mit dem Programm "Neustart" Kultur soll nun ja auch die Kinobranche in ihrer ganzen Breite adressiert werden - aber mussten sich vor allem Multiplexe in der Krise bis dato alleine gelassen fühlen?

THOMSEN: Wenn Sie mich persönlich fragen: Natürlich hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht, vor allem solche, die pro Saal erfolgt, nicht pro Betreiber. Schließlich hat ein Multiplex ganz andere Kostenvolumina zu bewältigen als Programmkinos. Aber wir fokussieren uns lieber konsequent auf jene Dinge, die wir selbst beeinflussen können. Helmut Schmidt hat einmal sehr treffend gesagt, dass sich in der Krise der Charakter beweist - und ich bin wirklich unendlich stolz auf das, was die Teams von CinemaxX und Vue in den letzten Monaten auf die Beine gestellt haben. Wir haben sehr frühzeitig auch mit unseren Arbeitnehmervertretungen Kontakt aufgenommen und gemeinsam nach Lösungen gesucht, wir haben viele Gespräche mit Verleihern, Vermietern und Lieferanten geführt, die auch nicht immer einfach waren, weil jeder seine eigenen Sorgen und Nöte hat. Aber ich bin sicher, dass damit das Fundament dafür gegossen wurde, diese Krise zu bewältigen.

BF: Kann man aber schon von einer ersten Entspannung sprechen oder signalisieren z.B. jüngste Betriebsaufgaben, wie kritisch die Situation gerade jetzt ist?

THOMSEN: Ich würde noch nicht von Entspannung sprechen, dafür sind auch bislang zu wenige Betreiber zurück. Natürlich nehmen wir Nachrichten aus dem Markt wahr, aber wir kennen keine Details aus der Zeit vor der Pandemie. Ich kann nur sagen, dass das gesamte Team von CinemaxX/Vue felsenfest an die Rückkehr des Kinos glaubt. Vue-CEO Tim Richards hat gerade erst wieder bekräftigt, wie sehr wir uns freuen, wieder an den Start zu gehen - und dass unsere Bemühungen uns in die Lage versetzen werden, am Ende gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Dem kann ich mich nur anschließen.

Das Gespräch führte Marc Mensch