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Kino

Panel zur Kino-Wiedereröffnung: Es ist kompliziert

Dass die Kino-Wiedereröffnung in Deutschland wie ein Flickenteppich verläuft, wird von den Panel-Teilnehmern des Comscore-Webinars als äußerst nachteilig bewertet. Die Lust ist da, wieder Kino zu machen, allerdings werde es ein hartes Jahr.

27.05.2020 10:34 • von Michael Müller
Wieder hat Comscore ein attraktives Panel zur Entwicklung des Kinomarktes zusammengestellt (Bild: Comscore, Screenshot)

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Am Dienstag hat das Marktforschungsunternehmen Comscore zum zweiten Mal zu einem Webinar mit dem Oberthema "Das Coronavirus und seine Auswirkungen auf den Kinomarkt" eingeladen. Zur Wiedereröffnung der Kinos waren die Gäste des General Manager von Comscore Movies, Bernd Zickert, unter anderem das Vorstandsmitglied des Verbandes der Filmverleiher (VdF) und General Director von Entertainment One Germany, Benjamina Mirnik-Voges, der Geschäftsführer von Pandora Film und Vorstand der AG Verleih, Björn Hoffmann, der Geschäftsführer von Cineplex Deutschland, Kim Ludolf Koch sowie der Vorstand der AG Kino, Christian Pfeil, der Geschäftsführer der Arena Filmtheaterbetriebs GmbH ist.

Die Comscore-Mitarbeiterin Johanna Herfter gab am Anfang ein Update zu den aktuellen Entwicklungen im Kinomarkt. Deutschland liegt demnach 47 Prozent hinter den Vorjahresergebnissen. Wenn es die Eröffnung der Autokinos in der Corona-Zeit nicht gegeben hätte, wären es 50 Prozent Verlust. Am Wochenende zu Christi Himmelfahrt gab es in Deutschland bereits wieder mehr als 200 geöffnete Kinos, wobei das größtenteils Autokinos seien. Durch die Erlaubnis von Hessen und anderen Bundesländern verzeichnet Comscore knapp 50 wiedereröffnete klassische Kinos. Verglichen mit dem schwächsten Kinowochenende der vergangenen fünf Jahre, wo nur 400.000 Zuschauer erreicht wurden, schaffte das aktuelle Himmelfahrtswochenende etwas über 30 Prozent dieses Besuchervolumens. Beim Vergleich der 50 jetzt wieder eröffneten klassischen Kinos mit ihrem schwächsten Wochenende der vergangenen Jahre war das Himmelfahrtswochenende schon wieder bei 80 Prozent. "In Anbetracht dessen, dass aktuell nur Repertoire-Ware gespielt werden kann und auch aufgrund der Abstandsregeln keine hundertprozentige Auslastung möglich ist, ist das ein ganz passabler Wert", fasste Herfter die Analyse zusammen.

Der Chief Analyst von Gower Street Analytics, Thomas Beranek, gab ein Update seines Fünf-Stufen-Modells zur Genesung des Kinomarktes, das er im vergangenen Webinar bereits ausgeführt hatte. Am Samstag, den 23. Mai, erreichten die deutschen Kinos 46.000 Besucher. Obwohl es sich dabei hauptsächlich um Autokinos handele, sieht Beranek wie schon Herfter das Ergebnis als ermutigenden Fakt, da es sich um Repertoire-Ware handele, die schon seit einigen Wochen an vielen Orten in Deutschland spiele. Der Wert zeige den Hunger der Besucher auf Kino. Stufe eins seines Modells könnte in Deutschland am 18. Juni erreicht werden, wenn auch in Bayern wieder die Kinos öffnen dürfen. Der Kinostarttag von Christopher Nolans "Tenet", der 16. Juli, könnte wenn der Termin gehalten werde, Stufe drei einleiten. Am 29. Oktober, wenn "Black Widow" herauskommt, könnte mit relativer Sicherheit Stufe vier erreicht werden. Der Bond-Start am 12. November könnte die abschließende Stufe zur Genesung des Kinomarktes einleiten. Der Prozess könnte von den Marktteilnehmern laut Beranek beschleunigt werden, wenn kollektive Aktionen im Marketing über die einzelnen Kinos hinausgingen.

Managing Director von Entertainment One Germany, Benjamina Mirnik-Voges, will mit einem frühen Kinostarttermin von "Berlin Alexanderplatz" ein Zeichen setzen. "Wir wollen mit dem wichtigsten Film in diesem Jahr für uns den Kinos sagen, dass wir an Kino glauben und möchten so früh wie möglich rausgehen", sagte Mirnik-Voges. Obwohl sie den Termin in der Corona-Pandemie mehrfach verschieben mussten, sei es Entertainment One immer wichtig gewesen, dass der Film nie ohne Termin war. Nach den Erfolgen auf der Berlinale und beim Deutschen Filmpreis wollten sie sich auch nicht zu weit von der Aufmerksamkeit in der Presse entfernen. Nach den Filmverschiebungen vieler Majors sahen sie eine Möglichkeit, den Film optimal zu platzieren. Es sei kein schönes Gefühl bei diesem Herzensprojekt gewesen, vieles, was zum ursprünglichen Starttermin am 16. April an Aktionen geplant war, nicht umgesetzt zu sehen. "Aber wir zeigen uns flexibel und optimistisch. Gemeinsam mit den Kinos wollen wir das Blatt wenden", sagte Mirnik-Voges (hier gibt es das aktuelle Blickpunkt:Film-Interview mit ihr).

Der Geschäftsführer von Cineplex Deutschland, Kim Ludolf Koch, sprach davon, dass der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier den Kinos nicht wirklich einen großen Gefallen mit dem minimalen Vorlauf von nur zwei Tagen zur Wiedereröffnung getan habe. "Es sind keine Filme da, es sind keine Waren da, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit oder auch anderweitig nicht verfügbar", erklärte Koch die Situation der Cineplex-Kinos. Größere Kinos seien in Hessen nur wenige bis keine auf. "Wir haben uns für einen einheitlichen Termin stark gemacht", sagte er mit Blick darauf, dass Cineplex in 13 von 16 Bundesländern Kinos betreibt. "Filmverleiher denken auch erst ab einer gewissen kritischen Menge an Kinos über eine Veröffentlichung der Filme nach." Keiner habe eigentlich so richtig Lust sein Kino aufzumachen, weil er wisse, dass er mindestens bis Ende Juni warten müsse, bis die ersten neuen Filme denn auch wirklich kommen. "Das denkbar Blödeste ist eingetreten, nachdem die Bundeskanzlerin die Delegierung der Eröffnungsszenerien an die Bundesländer gab, hat jedes Bundesland allein entschieden - auch die Auflagen, unter denen die Kinos betrieben werden dürfen." Das sei jetzt bis auf die kommunale Ebene herunter sehr unterschiedlich. "Wir haben ein Kino in Wiesbaden, das hat knapp 600 Plätze. Das darf jetzt 60 Tickets verkaufen. Das macht es unmöglich, einen wirtschaftlichen Betrieb zu haben. Wir wissen, dass die ersten zwei, drei Wochen blutig werden. Aber wenn daraus acht oder zehn Wochen werden, ist das für die Kinos eine absolute Katastrophe."

Der Geschäftsführer von Pandora Film, Björn Hoffmann, stimmte Koch zu: "Es ist das eingetreten, was sich keiner gewünscht hat, was wir aber alle befürchtet haben, als die Verantwortung wieder auf die Bundesländer zurückgegeben wurde." Als Verleih sei Pandora in der Zwickmühle, weil jeder abwarte und eine gewisse Sicherheit und einen gewissen Prozentsatz an geöffneten Kinos brauche, um einen neuen Film zu starten. Andererseits gebe es in manchen Bundesländern wie Berlin überhaupt keine Klarheit.

Kinobetreiber Christian Pfeil sagte ironisch, dass sein Leben aktuell gar nicht so unerfreulich sei, nur mit der Ausnahme, dass er viel in leeren Kinos herumsitze. Er freute sich als Betreiber des Münchner Monopol-Kinos über den festen Wiedereröffnungstermin in Bayern. "Auch wir müssen eine, wenn auch etwas kleinere Maschinerie als Cineplex anschmeißen und haben da mit verschiedenen Problemen zu kämpfen: Bei der Rentabilität wird es ewig dauern, bis wir wieder in interessante Bereiche kommen. Aber wir müssen auch mit dem Image kämpfen. Aktuell wird die ganze Debatte über Film von Streamern und wilden Projekten wie Online-Festivals bestimmt. Da müssen wir ganz schnell wieder wegkommen." Wenn er wie letzte Woche in der "Zeit" nur noch von traurigen alten Männern lesen müsse, die ihre Kinos schließen, dann gebe das ein abscheuliches Bild ab. "Ich habe schon noch Bock, Kino zu machen, und ich glaube auch daran, dass das irgendwann wieder sinnvoll losgehen wird. Aber wir werden ein sehr hartes Jahr bekommen. Wir werden auch ein schwieriges Jahr 2021 bekommen. Beim Thema Solidarität sollten wir uns alle aneinander orientieren."