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Frank Zervos: "Wir fangen wieder an"

Beim Deutschen Filmpreis vor gut zwei Wochen war das ZDF mit 16 Preisen für fünf Filme so erfolgreich wie nie zuvor. Blickpunkt:Film sprach mit Fiction-Chef Frank Zervos über die Bedeutung von Kinokoproduktionen für seinen Sender und den Kinomarkt generell. Für "Systemsprenger" verspricht Zervos einen Top-Sendeplatz. Aber natürlich ging es auch um die Herausforderungen der aktuellen Krise und die Wiederaufnahme des Produktionsbetriebs.

12.05.2020 14:25 • von Frank Heine
Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm - Serie I (Bild: ZDF / Markus Hintzen)

Das ZDF ist an Systemsprenger", dem großen Lola-Gewinner, beteiligt. Wann haben Sie zum ersten Mal von dem Projekt gehört?

Frank Zervos: Ich würde schon behaupten: Wir waren sowas wie Geburtshelfer. Nora Fingscheidt wurde bereits bei ihrem Diplomfilm, dem Dokumentarfilm Ohne diese Welt", vom Kleinen Fernsehspiel begleitet, das ja bei mir in der Hauptredaktion angesiedelt ist. Und schon vor Ende dieses Projekts hat uns Nora von "Systemsprenger" erzählt. Unser Redakteur Burkhard Althoff hat den Film dann von Anfang an eng begleitet.

Gab es keine Berührungsängste mit der Thematik?

Frank Zervos: Überhaupt nicht. Wir haben gesehen, was in dem Thema in Kombination mit den Qualitäten von Nora drinsteckt. Aber mit den über 50 Preisen weltweit, bereits vor den acht Lolas, und mehr als 600 Tausend Kinobesuchern hat natürlich keiner gerechnet.

Die Karriere führte sogar zur Oscar-Kandidatur.

Frank Zervos: So etwas ist nicht planbar. Da muss das richtige Team zusammenkommen und die Veröffentlichung zum richtigen Zeitpunkt einen Nerv treffen. Und es braucht jemanden, der so viel Herzblut einbringt wie Nora. Sie war während der Kino-Tour bei 20 Vorstellungen selbst dabei, hat sich vor Ort mit Erzieher*innen und Politiker*innen zu Talks getroffen. Wir haben mit dem Film eben auch eine Klientel angesprochen, die wir heute "systemrelevant" nennen. Die fühlen sich von dem Film ernstgenommen. So etwas zu erreichen, ist einfach toll.

Der Film hat fraglos Enormes geleistet. Auch für die Wahrnehmung des ZDF?

Frank Zervos: Bei Preisverleihungen und in der Presse finden wir für unsere Kino-Ko-Engagements meist keine Erwähnung. Grundsätzlich wird Fernsehen als Mitfinanzier und Geburtshelfer von Kinofilmen gerne unter den Tisch fallen gelassen. Das meine ich nicht in Bezug auf "Systemsprenger", vor allem Nora betonte unser Engagement bei jeder passenden Gelegenheit, aber auf viele andere Produktionen. Beim Publikum und auch in der Branche kommt deswegen oft nicht an, dass wir an den Filmen beteiligt sind. Und es ist schon schade, wenn Zuschauer*innen nicht wissen, dass ein Kinofilm, der ihnen gefällt, auch mit ihren Beitragsgeldern ermöglicht wurde. Wir nehmen den Auftrag, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen das Kino fördern soll, jedenfalls ernst. Und wir nehmen aus unseren Kinokoproduktionen sehr viel mit in Bezug auf die Auftragsproduktionen für's Fernsehen.

Zum Beispiel?

Frank Zervos: Das meint das Entdecken von Talenten genauso wie den Mut beim Erzählen von Geschichten, etwa wenn es um Modernität geht. Das ist Antrieb, warum wir Kino machen.

Wird "Systemsprenger" mit einem angemessenen Sendeplatz, vielleicht sogar um 20.15 Uhr honoriert?

Frank Zervos: Klar. Der Film wird im ersten Halbjahr 2021 an einem Montag um Viertel nach acht laufen. So haben wir es letztes Jahr mit 24 Wochen" gemacht und so machen wir es dieses Jahr am 15. Juni mit Sterne über uns" von Christina Ebelt. Ein bezaubernder Film mit der tollen Franziska Hartmann.

Wie stark ist das Kinoengagement des ZDF grundsätzlich? Kann man das an Zahlen festmachen?

Frank Zervos: Neben den vielen Fernsehfilmen, Serien und Reihen machen wir pro Jahr vier bis sechs große Kinokoproduktionen und etwa fünfzehn Kino-Kos im Kleinen Fernsehspiel. Deutschstunde", "Undine", "Berlin Alexanderplatz" sind aktuelle Beispiele. Und auch Die Känguru-Chroniken", die unser bislang größtes Investment im Bereich Kino-Ko waren. Die Bandbreite ist groß von Arthouse bis zum Versuch des Mainstreams.

Mit Nachwuchs- und Arthousefilmen sind wir in Deutschland gut bestückt. Aber wie steht es um den Mainstream, gibt es da überhaupt genügend Projekte, von denen Sie überzeugt sind?

Frank Zervos: Wir sind etwas außen vor, da wir keinen Output-Deal haben. Auf die meisten Mainstreamproduktionen haben im Free-TV die ProSiebenSat1- und die RTL-Gruppe Zugriff aufgrund ihrer langjährigen Deals. So eine Chance wie "Die Känguru-Chroniken" durch die Koproduktion mit X Filme ergibt sich für uns nicht allzu oft. Wir bekommen meist Arthouse-Produktionen oder historische Geschichten angeboten. Wie zum Beispiel Das schweigende Klassenzimmer" von Lars Kraume, das wir dieses Jahr am Tag der Deutschen Einheit zeigen werden. Außerdem senden wir in diesem Jahr noch die Tragikomödie Arthur & Claire" von und mit Josef Hader und Simpel" mit David Kross und Frederick Lau. Im nächsten Jahr senden wir im ZDF "Transit" von Christian Petzold und "Deutschstunde" von Christian Schwochow.

Deutsche Filme, die den Anspruch haben, ein breites Publikum zu unterhalten, tun sich oft schwer. Wie geht das ZDF diese Projekte an?

Frank Zervos: Wir suchen auch nach Mainstream, aber tatsächlich sind die Angebote überschaubar. Das hat verschiedene Gründe. Bei Der Junge muss an die frische Luft" wären wir sehr gerne dabei gewesen. Die Eberhofer-Krimis waren eher ein zufälliger Erfolg im Kino, der dann konsequent weiterentwickelt wurde. In so eine Richtung schauen wir auch, ohne das kopieren zu wollen. Manchmal gelingen aber auch völlig unvorhersehbare Erfolge im Fernsehen wie zuletzt mit der Ausstrahlung der Euthanasie-Erzählung Nebel im August". Im Kino sahen den Film etwa 50 Tausend Menschen, wir hatten im Fernsehen über zwei Millionen Zuschauer*innen an einem Sonntagabend um 22 Uhr und bei den 14- bis 49-Jährigen sogar einen zweistelligen Marktanteil.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wertvoll die Beteiligung eines Senders für einen Film letztlich sein kann. Aber ist umgekehrt ein großer Kinoerfolg nicht die beste Voraussetzung für einen Ausstrahlungserfolg?

Frank Zervos: Das ist der Idealfall, aber es ist nicht immer so. Für die Känguru-Chroniken" hätte das bestimmt zutreffen können. Es ist so bitter, dass der Film nach so einem fulminanten Start in der dritten Woche von Corona ausgebremst wurde. Aber es soll im Herbst noch einmal einen zweiten Release geben mit einer Fassung, die eine neue 3D-Szene enthält. Wir haben im übrigen Stefan Arndt sofort dabei unterstützt, als er den Film über TVoD weiter auswerten wollte, um damit auch die Kinos zu unterstützen.

Oft wird geklagt, es gebe viel zu viele deutsche Filme im Kino. Wie sehen Sie das?

Frank Zervos: Das sehen wir auch so. Bei der Befragung zur FFG-Novellierung haben wir vorgeschlagen, die Kinos dadurch zu entlasten, dass bei Debüt- und Nachwuchsfilmen die Auswertungsnotwendigkeit im Kino entfällt. Es sollte nicht nur dann Förderungen für einen Film geben, wenn er einen Verleih vorweisen kann. Das halten wir in einem Umfeld verschiedenster Festival- und Plattformmöglichkeiten für nicht mehr zeitgemäß. Auf diese Weise würden die Kinos von einer ganzen Menge Filme entlastet, die dort aus unterschiedlichen Gründen nicht wirklich bestehen können.

Können Sie die um den Filmpreis entstandenen Diskussionen nachvollziehen?

Frank Zervos: Ich verstehe die Debatte, die Bully Herbig ausgelöst hat. Ich bin gleichzeitig kein Fan dieser ständigen Unterscheidung von "E" und "U". Tolle und erfolgreiche Filme haben für mich beides. Aber wenn man die diesjährige Lola-Verleihung im Fernsehen gesehen hat, kann man schon den Eindruck bekommen, dass Arthouse im deutschen Kino einen zu starken Fokus erhält. Beides hat seine Berechtigung. Und die Schwerpunktsetzung ist etwas, was auch uns immer umtreibt. Aber aller Debatten zum Trotz: Dass wir als ZDF in diesem Jahr mit fünf Filmen 16 Preise bekommen haben - neben acht Preisen für "Systemsprenger", fünf Preise für Berlin Alexanderplatz" und jeweils einen für Es gilt das gesprochene Wort", Born In Evin" und "Die Känguru-Chroniken" - freut uns wahnsinnig. Wir haben Gold, Silber und Bronze "mitgewonnen" - das gab es noch nie und ist schon etwas Besonderes.

Können Sie trotz der aktuellen Lage den Blick nach vorne auf weitere Kino-Engagements des ZDF richten?

Frank Zervos: Auch wenn sich das Kino gerade in der Krise befindet und auch noch länger darunter leiden wird, bin ich fest davon überzeugt, dass die Menschen zumindest nach dem Sommer wieder in die Kinos gehen. Schließlich fällt uns allen langsam die Decke auf den Kopf. Die Debatten um das deutsche Kino, wie es sich verändern muss, werden dessen ungeachtet weiter gehen und sich vielleicht auch verschärfen. Für uns bestehen aber keine Zweifel daran, dass wir im gleichen Umfang wie bisher Kinokoproduktionen machen werden. Mit Nora Fingscheidt und den Produzent*innen von "Systemsprenger" entwickeln wir beispielsweise gerade ein neues Projekt.

Aktuell bewirkt die Coronakrise ja einen Fernsehboom. Gerade auch Ihre fiktionalen Programme profitieren zu großen Teilen davon. Aber wie wirkt sich die Krise auf die Programmplanung aus?

Frank Zervos: Derzeit steht ein Drittel unserer Jahresproduktion still. Auf das Programm wirkt sich das so aus, dass teilweise Erstausstrahlungen zurückgehalten werden und wir überlegen, auf Wiederholungen zu setzen. Die Vorratslage für den Fernsehfilm am Montag und den Samstagskrimi ist allerdings recht gut. Da können wir eine gewisse Zeit überbrücken. Allmählich müssen wir aber wieder mit dem Produzieren anfangen, um nicht irgendwann eine größere Lücke zu haben. Und nicht nur deshalb möchten wir das Signal senden, dass wir wieder anfangen zu produzieren.

Wie bewerten Sie die Möglichkeiten für eine Wiederaufnahme der Dreharbeiten?

Frank Zervos: Nach unseren beiden Experimenten Drinnen" und Liebe Jetzt!" laufen jetzt zwei "reguläre Drehs" bereits wieder. Im Studio, unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen. Wann wir wieder draußen drehen können, wissen wir noch nicht und hängt von den behördlichen Genehmigungen ab. Das ZDF war der erste Sender, der sich dazu bereit erklärt hat, die Ausfallkosten bei Auftrags- und Koproduktionen zu 50 Prozent mitzutragen und durch das Vorziehen von Raten für Liquidität bei den betroffenen Produzenten zu sorgen. Eine zweite wichtige Voraussetzung sind branchenweite Regeln für Arbeitsschutz vor und hinter der Kamera. Dazu gibt es einen Vorschlag der Produzentenallianz, eine Art Dreh-Leitfaden, der derzeit mit den zuständigen Ministerien abgestimmt wird. Für die Produktionen soll außerdem zukünftig gelten, dass es Hygienebeauftragte gibt, auch wieder so ein Corona-Wort, die am Set auf die Einhaltung der Hygieneregeln achten. Alle Beteiligten, mit denen ich derzeit spreche, Produzent*innen, Autor*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen, sind zuversichtlich und wollen wieder arbeiten. Es sind eben kreative Ideen gefragt: Wie inszeniert wird, wie Kamerakonzepte anleget werden und wie Geschichten in Teilen umgeschrieben werden müssen.

Es gilt also fertige Drehbücher an die Gegebenheiten anzupassen?

Frank Zervos: Ein Stückweit schon. Der größte Knackpunkt ist die 1,50-Meter-Abstandsregel vor der Kamera. Aber wir machen ja Film und wir alle wissen, was Film kann. Ich glaube, dass wir inszenatorisch an der einen oder anderen Stelle ein, zwei Rollen rückwärts machen und klassischer auflösen werden - Schuss, Gegenschuss - und dass Nähe dann eben am Schneidetisch erzeugt werden muss. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht nicht so modern und beiläufig, wie wir es gewohnt sind. Aber ich bin der Meinung, das sollten wir in Kauf nehmen, um überhaupt Geschichten erzählen zu können. Wir bewerten jeden Film, jedes Projekt einzeln. Und es gibt Produktionen, die wir wegen ihrer Komplexität und ihres hohen Finanzrisikos weiter geschoben haben, den Drehstart für Der Schwarm" zum Beispiel.

Wie anpassungsfähig Sie sein können, haben Sie ja mit den erwähnten Schnellschüssen "Drinnen" und "Liebe. Jetzt!" gezeigt.

Frank Zervos: Ja, das waren zwei feine und sehr schnelle Experimente, die uns allen viel Spaß gemacht haben. Und vielen, vor allem jungen Zuschauer*innen, auch. "Instant fiction" haben wir es scherzhaft getauft. Ich kenne die bildundtonfabrik lange genug, um zu wissen, zu was sie mit ihrer Postproduktionsabteilung in der Lage sind. Und bei "Drinnen" ging es um gute Geschichten, Schnelligkeit und eben auch darum, dass es trotz der außergewöhnlichen Produktionsumstände visuell top aussieht. Für "Liebe. Jetzt!" ist die neue Firma Studio Zentral gleich in ihrer zweiten Arbeitswoche losgegangen. Mit den beiden Formaten wollten wir einerseits der Branche signalisieren, dass es jetzt in besonderem Maße auf gute Ideen ankommt, andererseits wollten wir selbst daraus lernen.

Inwiefern? Konnten Sie Erfahrungswerte sammeln, die auch nach der Krise zum Tragen kommen könnten?

Frank Zervos: Die Bild-in-Bild-Ästhetik und die Darstellung von Textnachrichten gab es vorher zwar auch schon, aber nicht so ausgeprägt. Das wird bleiben und unser visuelles Erzählen verändern. Zumindest in Maßen. Dieses heftige Reagieren auf eine Ausnahmesituation wird in Fernsehfilmen oder langen Serien erzählerisch und produktionell nur in Teilen anwendbar sein. Aber wir haben viel gelernt im Umgang mit der Situation und daraus viel Zuversicht für die Wiederaufnahme unserer Produktionen gewonnen.

Wie wird sich Corona auf künftige Inhalte von Geschichten auswirken?

Frank Zervos: Wir werden mit Sicherheit Filme machen, die Corona zum Thema haben. Wir entwickeln beispielsweise gerade Drama-Stoffe im Milieu der sogenannten "systemrelevanten Berufe" in Zeiten von Corona. Aber ich bin mir sicher, dass bei den Menschen die Sehnsucht nach einer Zeit ohne Schutzmaske und das Bedürfnis nach ganz "normalen" Geschichten viel größer sein wird als die Notwendigkeit einer realistischen Darstellung von Abstands- und Hygieneregeln im Film. Es sind die großen Meta-Themen zu Umwelt, Gesellschaft und Politik, die bleiben, und natürlich das Erzählen nachhaltig beeinflussen.

Sobald wieder gedreht werden darf, ist von Produktionsstaus auszugehen, von Kollisionen zwischen wieder aufgenommenen und neuen Produktionen. Wie geht man als Sender damit um?

Frank Zervos: Wir wollen die Projekte priorisieren, die derzeit pausieren und selbstverständlich zu Ende gedreht werden sollen. Wir wollen kein Projekt abschreiben und haben auch keins wegen Corona abgesagt. Im Idealfall würde man sich branchenweit auf Priorisierungen verständigen, um die entstandene Bugwelle abzubauen und die Produktionen in Reihe zu bringen. Aber in der Praxis wird das nicht so einfach funktionieren. Das Rennen wird losgehen, es wird Angebote an die Schauspieler*innen und Kreativen geben, die sich gegenseitig überbieten. Hier müssen wir zu guten Absprachen kommen. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Pause nicht noch viel länger dauert. Wichtig ist doch, dass wir bald alle wieder tolle Filme und Serien drehen.

Das Interview führte Frank Heine