Kino

Münchner Kinobetreiber appellieren an Staatsregierung

In einem u.a. an Ministerpräsident Markus Söder adressierten Brief setzen sich 21 Kinobetreiber aus München und Umgebung für eine baldige Perspektive auf Wiedereröffnungen unter wirtschaftlichen Bedingungen ein. Ein "überstürztes" Vorgehen, wie es in anderen Bundesländern geschehe, lehnt man indes ausdrücklich ab.

11.05.2020 15:23 • von Marc Mensch
Theatiner-Betreiberin Marlies Kirchner zählt zu den Unterzeichnern des Briefes (Bild: Theatiner Filmkunst)

Es dauerte nur wenige Tage, da war der bundesweite Flickenteppich für Kino-Wiedereröffnungen perfekt - die Bandbreite erstreckt sich zu einer Zeit, wo längst noch nicht alle Bundesländer ihre Pläne zur Behandlung von Kinos festgelegt haben, bereits vom 9. Mai bis (mindestens) 5. Juni. Zu den Ländern, bei denen Kinos von der jüngsten Lockerungswelle noch nicht erfasst wurden und in denen es (außer für Autokinos, die seit heute wieder zulässig sind) noch keine zeitliche Perspektive gibt, zählt Bayern.

Das hat die Betreiber von 21 Arthouse-Kinos aus München und Umgebung nun veranlasst, einen offenen Brief zu verfassen, der sich an Ministerpräsident Markus Söder, Kunstminister Bernd Sibler, Digitalministerin Judith Gerlach, Oberbürgermeister Dieter Reiter, Kulturreferent Anton Biebl und FFF-Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein richtet. Darin wird noch einmal eindringlich auf die prekäre Situation der Kinos und die bislang unzureichenden Hilfsmaßnahmen verwiesen, sondern es wird vor allem eine Perspektive für eine Wiedereröffnung gefordert.

Allerdings machen die Unterzeichner klar, dass es keine Wiedereröffnung um jeden Preis geben könne - so müsse der Betrieb wenigstens kostendeckend sein. Grundsätzlich sehe man "übergroße Restriktion des Spielbetriebs und eine erzwungene Datenerfassung" der Besucher*innen kritisch.

"Eine überstürzte Wiedereröffnung, wie sie jetzt in anderen Bundesländern geschieht, lehnen wir ab, da der Neustart Vorbereitungszeit braucht", heißt es zudem. Diesbezüglich wolle man ins Gespräch kommen.

Wörtlich heißt es in dem Schreiben:

"Sie haben in den letzten zwei Monaten eine ungeheure Kraftanstrengung unternommen und viele Soforthilfemaßnahmen, Darlehen und Sonderpreise ermöglicht. Dafür möchten wir - Betreiberinnen und Betreiber der Arthouse-Kinos von München und Umgebung - Ihnen an dieser Stelle herzlich danken. Dennoch sollten Sie wissen: Die Kinobetreibenden befinden sich in einer angespannten Lage. Wir müssen mit Ihnen reden! Nicht nur wegen der Schließungen, auch hinsichtlich der wünschenswerten zeitnahen Öffnung unserer Lichtspielhäuser.

Lassen Sie uns kurz die Situation skizzieren: Die meisten Kinos haben die Soforthilfe des Bundes, des Landes, und auch des Filmförderungsfonds Bayern bereits erhalten - jedoch nicht alle. Einige Anträge liegen unbearbeitet in den Ämtern.

Von einer "Sofort"-Hilfe kann daher leider nicht immer die Rede sein. Das ist mehr als nur bedauerlich. Wie Sie alle wissen, ist in München und Umgebung die Mietbelastung besonders hoch. Viele Kinobetreibende konnten eine Mietminderung aufgrund des nicht mehr gegebenen Mietzwecks der Immobilie erzielen - aber nicht alle Vermieter haben sich einsichtig gezeigt. Die meisten Mitarbeiter*innen der Kinos sind 450-Euro-Kräfte ohne sozialen oder staatlichen Schutz. Kino-Angestellte befinden sich in Kurzarbeit. Manche Kinobetreiber zahlen freiwillig die Löhne der Geringverdiener weiter.

Hohe Fixkosten bei null Einnahmen: Ohne eigenes Verschulden geraten unsere Betriebe in eine zunehmend prekäre Lage. Der Präsident der Deutschen Filmakademie Ulrich Matthes warnt: "Das Kino ist in existenzieller Gefahr. Was einmal geschlossen wurde, wird nicht mehr aufgemacht."

Kultur und Kino sind von der Bildfläche verschwunden und finden in den öffentlichen Stellungnahmen der Politik nur zögerlich Erwähnung. Es fehlt an der Wertschätzung einer der tragenden Säulen unserer Gesellschaft, wenn der "Bayerischen Notbekanntmachung" vom 16.04.2020 unterschiedslos Vergnügungs-, Freizeit-, Bildungs- und Kulturstätten gereiht werden (§2 "Betriebsuntersagungen"). Kultur und Bildung muss jetzt an die erste Stelle der Tagesordnung. Wir fordern den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder sowie den bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst und Vorsitzenden der Kulturministerkonferenz Bernd Sibler dazu auf, sich der Wiederaufnahme des Kulturbetriebs anzunehmen. Bayern ist ein Rechts-, Kultur- und Sozialstaat, heißt es in der bayerischen Verfassung.

Die AG Kino schreibt: "Kunst und Kultur genießen in Deutschland zurecht Verfassungsrang." Die Kulturstaatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur undMedien Monika Grütters spricht von "Kultur als Lebensmittel". Galerien, Ausstellungen, Museen, Theater, Oper, Ballett, Konzerte, Kinos - diese Lücke spüren aktuell viele Menschen. Kultur ist lebensnotwendig. Wir wünschen uns, dass das auch in allen Bereichen der Politik und Verwaltung verstanden wird. Kino ist in besonderem Maße "Kultur für alle", als niederschwelliges kulturelles Angebot, das in allen Stadtteilen der Landeshauptstadt und in der Fläche in den Städten, Landkreisen, Gemeinden und Regionen Bayerns verfügbar ist.

Die vergangenen Monate des Abstandhaltens haben immer wieder daran erinnert, dass Kultur Gemeinschaft stiftet und für die Gesellschaft essenziell ist. Die Programmarbeit der Kinos garantiert eine ansprechende Filmauswahl mit Anspruch und die Auswertung auch kleinerer Arthouse-Filme, die mit bayerischen, deutschen und europäischen Fördergeldern entstanden sind. Kinos sind Teil des großen Systems der Film- und Medienbranche - das nun insgesamt in Gefahr gerät. Kinos garantieren Vielfalt und sind ein wesentlicher Bestandteil der Kultur!

Kinoleben, nicht Kinosterben! Die meisten Münchner und bayerischen Kinos sind mittelständisch geführte Betriebe, oft auch seit Generationen Familienunternehmen. Wenn vor Corona das Gespenst vom "Kinosterben" die Runde machte, muss dem mit Nachdruck widersprochen werden. Die jüngsten Kinoschließungen in München sind der angespannten Immobiliensituation geschuldet, nicht dem Fernbleiben von Besuchern. So meldet die Filmförderungsanstalt (FFA) in ihrer jüngsten Studie "Kinobesucher 2019" eine "Erholung auf allen Gebieten" und ein Umsatzplus der Kinos von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

25,7 Millionen Menschen sind in Deutschland Kinobesucher. 20 Millionen Deutsche gehen jährlich in die staatlichen oder städtischen Theater, so der Bühnenverein. Der bevorzugt behandelte Fußball zählt insgesamt knapp 49 Millionen Fans. Kultur ist nicht marginal! Lassen Sie uns endlich über Kultur reden! Und lassen Sie uns die Kinos wieder öffnen.

Lassen Sie uns dazu unsere Überlegungen kurz skizzieren. Wir sind überzeugt, dass die Kulturstätte Kino sich in besonderer Weise eignet, den Betrieb aufzunehmen, auch unter den Umständen, wie sie auch für die Gastronomie gelten, die in Kürze öffnen darf. Kinos verfügen aufgrund der Brandschutzverordnungen über die notwendigen baulichen Voraussetzungen für einen getrennten Ein- und Auslass. Klimaanlagen gehören zum Standard. Anders als in der Gastronomie wird während des Kinobesuchs nicht gesprochen, es entstehen keine Sprech-Aerosole. Das im Kino angebotene Essen ist Fingerfood, zum großen Teil verpackt, Getränke kommen aus der Flasche oder dem Einwegbecher. Detaillierte Hygienekonzepte werden von den einzelnen Kinos erarbeitet, angepasst an die je baulichen Voraussetzungen. Das legen wir Ihnen gerne vor.

Der Spielbetrieb muss kostendeckend sein. Die von den Hygienemaßnahmen vor-

geschriebenen Abstandsregeln machen einen Spielbetrieb bei normaler Auslastung unmöglich. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) fordert daher einen Kino-Stabilisierungsfonds, der die Betriebskosten der Kinos direkt bezuschusst. Andere Ausgleichszahlungen sind denkbar. Wir brauchen finanzielle Hilfen, auch über die Zeit der Schließung hinaus. Neben dem Ausgleich der reduzierten Auslastung sollten auch der personelle Mehraufwand für den Einlass und gegebenenfalls bauliche Eingriffe berücksichtigt werden.

Kinos verdienen als Kulturstätten besonderen Schutz und Unterstützung. Wenn Kinos bestimmte Voraussetzungen erfüllen, dürfen sie nicht den Gesetzen der Marktwirtschaft ausgeliefert werden. Während beispielsweise Dänemark 80 Prozent der Grundkosten von Kinos übernimmt, lassen in Deutschland die Hilfsmaßnahmen in Form von Darlehen und Mietstundung den Schuldenberg von Kinos auf ein kaum zu bewältigendes Maß ansteigen.

Der Präsident der Deutschen Filmakademie fordert die Stärkung der Kinos und eine Bestandsgarantie!

Wenn die Kinos wieder öffnen, dürfen sie im Hinblick auf ihre kulturelle Rolle nicht draufzahlen. Eine überstürzte Wiedereröffnung, wie sie jetzt in anderen Bundesländern geschieht, lehnen wir ab, da der Neustart Vorbereitungszeit braucht. Ebenso sehen wir eine übergroße Restriktion des Spielbetriebs und eine erzwungene Datenerfassung unserer Besucher*innen kritisch.

Wir möchten mit Ihnen ins Gespräch kommen, um eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs innerhalb einer angemessenen Vorlaufzeit vorzubereiten. Auch wenn eine bundesweite Kinoöffnung unser grundsätzliches Ziel ist, gibt es gerade auch für ein Sommer-Kino viele Ideen, die nicht zwingend an den Bundesstart großer Filme gekoppelt sind. Es sind auch lokale Lösungen denkbar!

Lassen Sie uns unsere Kinos wiederbeleben! Und auch unserem treuen Publikum, das uns mit großzügigen Gutscheinkäufen unterstützt und uns in vielen E-Mails und Briefen schreibt, wie sehr es uns vermisst, etwas zurückgeben.

Wir verbleiben mit freundlichen Grüßen, die Kinobetreiberinnen und -betreiber von München und Umgebung."

Unterzeichnet wurde das Schreiben von:

Thomas Kuchenreuther (ABC Kino, Leopold Kinos, München), Christian Pfeil, Markus Eisele (Arena, Monopol, München, Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck, Kino Alte Brauerei Stegen), Bruno Börger, Holger Trapp (City Kinos, München), Louis Anschütz (Studio Isabella, München), Anne Harder (Neues Maxim, München), Matthias Stolz, Mathias Wild (Museum Lichtspiele, München), Thomas Wilhelm (Neues Rex, Neues Rottmann, Cincinnati, München), Daniel Kuonen, Kerstin Schmidt (Rio Filmpalast, München), Fritz und Christoph Preßmar (Filmtheater Sendlinger Tor, München), Marlies Kirchner (Theatiner Filmkunst, München), Werkstattkino e.V. (München), Werner Scholz (Filmeck Gräfelfing), Matthias Helwig (Breitwand Gauting, Breitwand Starnberg, Breitwand im Schloss Seefeld), Andrea Hailer (Agentur Soulkino), Dunja Bialas (Filmkritikerin, Vorstandsmitglied Verband der Deutschen Filmkritik, Hauptverband Cinephilie, AG Filmfestival, Filmstadt München)