Produktion

Tanja Georgieva-Waldhauer: "Über die Institution Kino mache ich mir keine Sorgen"

Tanja Georgieva-Waldhauer nimmt seit heute am Producers-on-the-Move-Networking-Event von EFP teil. Die Geschäftsführerin von Elemag Pictures pitcht dort erstmals ihr Projekt "Das jüdische Mädchen". Vier ihrer internationalen Koproduktionen befinden sich in der Fertigstellung bzw. im Schnitt. Wann sie gezeigt werden können, ist wegen der Corona-Krise offen.

11.05.2020 13:23 • von Heike Angermaier
Tanja Georgieva-Waldhauer von Elemag Pictures (Bild: Elemag Pictures)

Tanja Georgieva-Waldhauer nimmt seit heute am Producers-on-the-Move-Networking-Event von EFP teil. Die Mitgründerin von Elemag Pictures pitcht in der Onlineedition erstmals ihr Projekt "Das jüdische Mädchen". Vier ihrer internationalen Koproduktionen befinden sich in der Fertigstellung bzw. im Schnitt. Wann sie gezeigt werden können, ist wegen der Corona-Krise offen.

Herzlichen Glückwunsch als Producer on the Move ausgewählt worden zu sein. Was erwarten Sie sich von der Teilnahme am Programm?

Tanja Georgieva-Waldhauer: Ich habe mich wahnsinnig gefreut! Zum einen freue ich mich darauf, die anderen Produzenten kennenzulernen, Ziel ist ja, uns auszutauschen. Zum anderen hoffe ich, für unser Projekt, das wir hier pitchen, Partner zu finden. "D as jüdische Mädchen" ist ein fiktionaler historischer Stoff, den ich mit dem israelischen Regisseur Sharon Bar-Ziv entwickle. Er basiert auf einer wahren Geschichte aus seiner Familie. Wir haben ein fast fertiges Drehbuch und suchen für die Finanzierung Koproduzenten, Weltvertrieb und Sender. Mit Samuel Finzi haben wir bereits die Besetzung für die Hauptrolle. Er ist ein Ausnahmeschauspieler, wie ich finde. Ich habe ihn vor zehn Jahren als Dramaturgiepraktikantin an der Berliner Volksbühne bei der Arbeit beobachten können.

Das Programm findet allerdings unter komplett anderen Umständen statt - online und ohne das Festival de Cannes.

Tanja Georgieva-Waldhauer: Es ist natürlich etwas ganz Anderes, zu Hause in Zoom-Konferenzen zu sitzen statt mit den Füßen im Sand an der Cote d'Azur. Aber ich versuche ganz pragmatisch an die Sache heranzugehen und das Beste daraus zu machen, so wie wir das ja alle gerade in der Corona-Krise tun müssen. European Film Promotion hat sich viel Mühe gemacht und ein Programm für uns zusammengestellt, zu dem zum Beispiel auch Drinks-Hangouts gehören.

Sind internationale Koproduktionen wie "Das jüdische Mädchen" eine Spezialität von Elemag?

Tanja Georgieva-Waldhauer: Das hat sich so ergeben. Ich suche nicht speziell nach internationalen Projekten. Another Reality", unser letzter fertiggestellter Kinofilm, wurde etwa ausschließlich in Deutschland gedreht. Aktuell entwickle ich auch einen deutschen historischen Stoff. Ich wähle meine Projekte nicht nach regionalen Gesichtspunkten, sondern danach, ob ich Lust habe, mich über Jahre mit ihnen zu beschäftigen und sie voranzutreiben. Als Produzent ist man ja quasi mit ihnen verheiratet. Alles andere wäre Selbstkasteiung.

Sie fingen mit dokumentarischen Projekten an und realisieren nun vornehmlich fiktionale Stoffe. Wie kam es dazu?

Tanja Georgieva-Waldhauer: Ich kam über Learning by Doing in die Branche. Ein EAVE-Workshop 2016 war tatsächlich meine erste offizielle Ausbildung in dem Bereich. Ich studierte Journalistik und Germanistik, wollte eigentlich Radio machen. Über meinen Studentenjob als Sprecherin von Voiceovers rutschte ich in den Filmbereich. Ich stand erst mit Ende 20 erstmals an einem Set, arbeitete u.a. als Regie- und Produktionsassistentin. Wegen meines journalistischen Werdegangs realisierte ich die ersten Jahre ausschließlich dokumentarische Stoffe. Spielfilme interessierten mich nicht. Ich hielt sie schlicht nicht für wichtig. In den letzten Jahren habe ich einen Schwenk zum Spielfilm gemacht, entdeckt, wie vielschichtig man erzählen und wie anders man Menschen berühren kann. Aber ich liebe den Dokumentarfilm und werde weiterhin auch dokumentarische Stoffe umsetzen.

Wie ist der Status Ihrer aktuellen Produktionen?

Tanja Georgieva-Waldhauer: "Les magnetiques" bzw. Die Magnetischen" von Vincent Cardona, eine in Frankreich und Deutschland spielende Dreiecksgeschichte aus dem Jahr 1981, Tailor" von Sonia Liza Kentermann über einen vor dem Bankrott stehenden griechischen Schneider und der dokumentarische Essay "Invisible to the Eye" von Zeynep Dadak befinden sich kurz vor Fertigstellung. Wegen der Corona-Krise musste die Postproduktion unterbrochen werden und die für zwei der Filme angedachten vielversprechenden Festivalstarts stehen nun in den Sternen. Im Vergleich zu anderen Produzenten habe ich Glück, da wir nicht mitten im Dreh abbrechen mussten, aber ich frage mich natürlich, wann die Filme gezeigt werden können. Wenigstens sind die Stoffe zeitlos, so können wir bis zum nächsten Jahr warten. Bei "Another Reality", der am 14. Mai in die Kinos kommen sollte, bin ich mir allerdings nicht sicher, ob er noch so lange warten kann, da es sich um einen sehr aktuellen Stoff handelt. Es geht um HipHop, junge Männer aus einer sogenannten Parallelgesellschaft. Der Film, der beim DOK.fest München im vergangenen Jahr den Publikumspreis gewann, spricht ein Publikum an, das sonst vielleicht nicht ins Kino gehen würde. Wir überlegen einen verkürzten Online-Start, auch wenn der Film einen Kinostart unbedingt verdient hätte. Wir haben sehr viel Feedback bekommen, auch Anfragen von Schulen und Vereinen, die sich um die Resozialisierung von Jugendlichen kümmern. Und die Regisseure Noel Dernesch und Oliver Waldhauer würden gerne weitere spannende Publikumsgespräche wie in Locarno und München führen. Das ist etwas, das man online nicht umsetzen kann.

Deswegen bin ich auch davon überzeugt, dass das Ende des Kinos nicht gekommen ist, im Gegenteil! Wir durchlaufen eine Durststrecke, die hoffentlich so viele Kinos wie möglich überleben werden, die aber irgendwann überwunden ist. Über die Institution Kino mache ich mir keine Sorgen. Die Hollywoodstudios verschieben ihre Blockbuster statt sie Online zu bringen und für Arthousefilme gilt dieser sinnlich-soziale Moment im Kino noch mehr. Das Publikum will ein Kulturerlebnis.

Wie kommen Sie eigentlich zu Ihren Projekten?

Tanja Georgieva-Waldhauer: Das ist ganz unterschiedlich. Auf "Tailor" stieß ich bei den Sofia Meetings. Der Pitch gefiel mir und ich sprach Produzentin und Regisseurin an, übrigens genau wie Torsten Frehse von Neue Visionen, der gerade Verleihförderung von MDM für "Tailor" bekommen hat. Bei "Die Magnetischen" war es so, dass mich die französischen Produzenten Marc-Benoit Creancier von Easy Tiger und Christophe Barral und Toufik Ayadi von Srab Films, die Macher von "Die Wütenden", anschrieben auf Empfehlung einer Verleiherin, die ich bei EAVE kennenlernte. Sie wollten gerne in der Gegend von Leipzig drehen, was wir auch gemacht haben. Und bei Der anatolische Leopard" von Emre Kyis, der sich im Schnitt befindet, kenne ich die Produzentin Olena Yershova schon länger. Ich habe "Vulkan" von Roman Bondarchuk mit ihr realisiert.

Die genannten Projekte sind alle fürs Kino gedacht. Produzieren Sie mit Elemag auch fürs Fernsehen?

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Das Interview führte Heike Angermaier