Kino

"Wie geht's, Robert Hofmann?"

Alfred Holighaus führt für Blickpunkt:Film kurze Gespräche mit Kreativen über Kino und Corona, was die Krise verändert, und wie sie sie individuell bewältigen. Ein Gespräch mit dem YouTube-Kult-Kritiker Robert Hofmann über Wünsche und Hoffnungen für die Rückkehr des Kinos und den Blick in die Filmgeschichte aus gegebenem Anlass.

30.04.2020 15:03 • von Barbara Schuster
Alfred Holighaus unterhielt sich mit YouTube-Kritiker Robert Hofmann (Bild: SPIO/privat)

Alfred Holighaus führt für Blickpunkt:Film kurze Gespräche mit Kreativen über Kino und Corona, was die Krise verändert, und wie sie sie individuell bewältigen. Ein Gespräch mit dem YouTube-Kult-Kritiker Robert Hofmann über Wünsche und Hoffnungen für die Rückkehr des Kinos und den Blick in die Filmgeschichte aus gegebenem Anlass.

Alfred Holighaus: Wie geht's, Robert Hofmann?

Robert Hofmann: Gut soweit. Ich bin jetzt seit zehn Jahren ein Getriebener in der Filmbranche mit all den Filmstarts und Premieren und Projekten. Deshalb ist eine solche Zwangspause natürlich mal ganz interessant (auch, weil wir gerade unser Haus fertigstellen). Auf der anderen Seite fallen uns 80 Prozent all unserer Aufträge weg, wie das in der Branche zurzeit leider normal ist. Ich versuche, das Beste daraus zu machen. Aber es wäre schön, eine Perspektive zu haben, wie lange wir das Beste daraus machen müssen.

AH: Und diese Perspektive kannst Du natürlich nicht selbst bestimmen. Hast Du trotzdem eine Vorstellung oder Hoffnung, wann es weitergeht?

RH: Das ist ja hauptsächlich von der Beziehung zwischen den Studios und den Kinos abhängig. Ich weiß, dass die Kinos schon Konzepte zur sicheren Wiedereröffnung vorgelegt haben, die teilweise auch schon von den Ordnungsämtern geprüft worden sind. Abstandsregelungen sind meines Erachtens möglich, ins Kino zu übertragen, etwa mit 25prozentiger Saalauslastung. Da gibt es optimistische Schätzungen zwischen Mai und Juni. Ich persönlich rechne nicht damit, dass wir vor August, September in einen einigermaßen geregelten Kinoflow reinkommen und die Kinos vor Herbst voll besetzt werden können. Aber eine Sache ist, wann machen die Kinos auf. Eine andere Sache ist, wann sind die Filme wirklich am Start. Der deutsche Film ist dabei ein Thema. Aber ich bin ja auch stark auf den internationalen Film konzentriert. Das heißt, es geht auch um die Öffnung des US-Marktes und der anderen großen internationalen Kinomärkte. Und es wird sich sicher bis ins nächste Jahr ziehen, bis die Leute wieder auf einem Niveau ins Kino gehen, wie man früher ins Kino gegangen ist.

AH: In Deinem Spot für die Kinokampagne #Durchhalten deutest Du ja an, dass es sich vielleicht anders anfühlen könnte.

RH: Ja, es wird spannend zu beobachten, ob die Kinos nicht voller werden als vorher. Die Leute werden weniger reisen und dafür nach anderen, sozusagen näher liegenden Möglichkeiten, etwas zu erleben oder ihre Freizeit zu verbringen, suchen. Ich bin gespannt, was das mit dem Publikum macht: Ob das Streaming das Kino ablöst oder umgekehrt die Leute das Kino wieder mehr zu schätzen lernen werden.

AH: Man könnte hoffen oder annehmen, dass die aktuelle Angst von einer Lust auf Erlebnis abgelöst wird.

RH: Schon jetzt hat sich zwischenmenschlich einiges geändert. Wenn man mal Austausch hat oder sich auf Distanz trifft, hört man sich genauer zu. Man merkt, wie wichtig soziale Kontakte und gegenseitige Aufmerksamkeit sind. Das könnte sich auch auf das Konsumieren von Geschichten, also Filmen oder Serien, übertragen. Wir hatten so lange ein Überangebot, dass wir schon vom Auswählen genervt waren. Vielleicht lernt man in Zukunft wieder mehr, diese Angebote zu schätzen. Das ist meine große Hoffnung.

AH: Du meinst, dass sich die Rezeption von Filmen stark verändern wird?

RH: Ich gehe da ganz offen und neugierig ran: Wie wird die erste Pressevorführung? Wie werden sich die Leute im Kino verhalten? Werden sie weniger quatschen und rascheln und sich dafür wieder mehr auf die Filme selbst konzentrieren?

AH: Zur Zeit stellst Du naturgemäß keine Kinofilme vor, kannst keine Previews präsentieren oder Filmsets besuchen, sondern gibst ausführliche Tipps für die großen Streaming-Formate. Womit beschäftigst Du Dich noch? Gehst Du in die Filmgeschichte?

RH: Ich gehe tatsächlich viel auf Klassiker ein. Das wünschen sich die Leute auch. So komme ich zum Beispiel auf Hitchcocks "Die Vögel" oder "The Big Lebowski" von den Coen-Brothers oder "Leaving Las Vegas". Aber auch die ganz großen Klassiker wie "Vertigo", "2001 - Odyssee im Weltraum". Und ich gebe jetzt auch zu, dass ich "Citizen Kane" vorher nicht gesehen hatte. Also von den Fünfzigern bis in die Neunziger. Da gibt es für die nächsten Monate noch genug Stoff. Und ich blicke jetzt mit meiner aktuellen Erfahrung beim Filme schauen und bewerten auch ganz anders und neu auf die Macharten und Formen dieser Filme. Aber mir wäre es lieber, ich hätte diese Erfahrungen selbstbestimmt machen können und nicht durch die jetzigen Umstände.

AH: Bei Deinem Feature über "Herr der Ringe" nimmst Du ja zwei Perspektiven ein. Du berichtest von Deiner ersten Begegnung mit dem Film als Jugendlicher und bewertest dann nochmal aktuell. Was ist mit den Filmen, die Du tatsächlich auch zum ersten Mal siehst?

RH: Diese Filme gibt es natürlich. Zumal ich das nie studiert habe. Aber ab den Neunzigern habe ich so ziemlich alles gesehen, was ins Kino kam.

AH: Mich interessieren auch nicht Deine vermeintlichen Bildungslücken, sondern Deine konkreten aktuellen Erfahrungen, die Du machst, wenn Du Klassiker schaust.

RH: Das ist natürlich spannend. Gerade bei "Die Vögel", wie sich diese Stimmung, diese Gefährdung so nach und nach aufbaut, wo das Drama so im Zentrum steht und die Nebenfiguren wirklich am Rande bleiben, das ist schon eine krasse Erzählweise. Und für mich eine echte Entdeckung im Thriller-Genre. Oder wenn ich in Kubriks "2001" sehe, wie die Astronauten essen und dabei auf ihre Bildschirmtablets schauen. Da hat jemand schon vor fünfzig Jahren gewusst, wie sich die Menschen heutzutage im Restaurant verhalten. Was natürlich auffällt ist, dass die Erzählweisen sehr viel langsamer sind und die Schauspieler noch viel theatralischer agieren. Auf jeden Fall erkennt ständig man Techniken, Einstellungen, Schnittfolgen, die heute selbstverständlich sind, als Angebote aus der Filmgeschichte.

AH: Hast Du den Eindruck, dass es früher in Filmen um mehr ging als heute.

RH: Das glaube ich nicht. Da hat jede Generation ihre eigenen Formen und Geschichten, weil die Menschen seit Jahrtausenden die Fragen nach ihrer eigenen Existenz und dem Sinn des Lebens umtreiben. Aber wenn ich zurückschaue auf die Filmgeschichte, habe ich einen Filter und sehe ich die Filme, die sich durchgesetzt haben. Wenn ich aktuell Filme schaue, habe ich es mit einem Wust von Veröffentlichungen zu tun. Das kommt einem schon aufgrund der Menge belangloser vor.

AH: Wenn es im Herbst zur großen Wiederöffnung der Kinos kommt. Worauf freust Du Dich am meisten?

RH: Auf den Moment, wenn es dunkel wird - und magisch. Und zum Beispiel auf zwei Filme, wenn sie denn noch ins Kino kommen, nämlich "Tenet", weil Christopher Nolan ein Muss ist. Und "A Quiet Place 2", weil der erste Teil großartig war. Und ich hoffe natürlich, dass wir noch dieses große Spektakel mit James Bond in diesem Jahr erleben. Damit könnte man die Wiederkehr von Kino wirklich feiern. Da schaue ich mir zur Zeit übrigens auch wieder alle Vorgänger-Filme an und bin - gelinde gesagt - irritiert von dem harten Sexismus der sechziger Jahre.

Zu unserem Autor: Alfred Holighaus war SPIO-Präsident, lange Jahre Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie, Leiter der Perspektive Deutsches Kino, Produzent und Filmjournalist. Heute berät er die Branche in zahlreichen Gremien, sitzt in Film- und Förderjurys und ist im Vorstand beim Kuratorium Junger Deutscher Film.