Kino

Notsold-Duo: "Verbreitung an erster Stelle"

Henriette Ahrens und Ole Hellwig gelang mit dem ersten Projekt ihres Verleihs Notsold ein Hit. "100.000 - Alles, was ich nie wollte" feierte - der Corona-Krise geschuldet - digitale Premiere mit 120.000 Zuschauern, bei der auch die Kinos profitieren. Blickpunkt:Film sprach mit den beiden.

30.04.2020 07:32 • von Heike Angermaier
Ole Hellwig und Henriette Ahrens, Gründer von Notsold (Bild: Mirco Fiß)

Henriette Ahrens und Ole Hellwig gelang mit dem ersten Projekt ihres Verleihs Notsold ein Hit. 100 feierte - der Corona-Krise geschuldet - digitale Premiere mit 120.000 Zuschauern, bei der auch die Kinos profitieren. Blickpunkt:Film sprach mit den beiden.

Glückwunsch! Mit Ihrem ersten Projekt landen Sie einen Hit. Wie kam es zur Gründung von Notsold, die gar nicht lange zurückliegt?

Ole Hellwig: Vielen Dank! Es ist auch für uns noch etwas surreal, aber ja, das war wirklich ein sehr großer Hit. Wir haben Notsold aus zwei Gründen gestartet. Erstens haben wir keinen großen Verleih für unseren Film gefunden, keiner hat daran geglaubt, dass man mit einem Musik-Dokumentarfilm solche Zahlen erreichen kann. Wir haben daran geglaubt und uns gesagt, das können wir auch! Und vielleicht sogar ein bisschen besser. Zweitens haben wir uns zum Ziel gesetzt, Filme herauszubringen, bei deren Auswertung die Verbreitung an erster Stelle steht und nicht der Profit. Wir finden, ein Verleih hat genau diese Verantwortung dem Film gegenüber.

Wie haben Sie es geschafft, 120.000 Zuschauer zu gewinnen? Was war das besondere Konzept?

Henriette Ahrens: Das Besondere war: Der Kinostart, der keiner wurde. Dadurch, dass wir den Film ursprünglich in den Kinos zeigen wollten und bereits mehr als 150 Kinos am Start hatten, war allen klar: Die meinen das ernst! Es handelt sich nicht nur um "irgendeinen" Film, den man sich im Internet angucken sollte, sondern um einen echten Kinofilm, in den viel Liebe, Zeit, Mühe und Geld geflossen ist.

Die Persönlichkeit Fynn Kliemann verkörpert sehr viel, wonach junge Leute heute streben: Dinge einfach zu machen, sich von Konventionen zu lösen und Dinge selber anzupacken. Hautnah mit zu erleben, wie Fynn es schaffte, ein Album aus eigener Energie zu produzieren, das dann auch noch so erfolgreich wurde, fasziniert.

Die Idee, die Kinos am potenziellen Erfolg teilhaben zu lassen, hat definitiv auch zum Gelingen beigetragen. Kinogänger konnten aktiv etwas für 'Ihr' Kino tun und gleichzeitig einen Film als exklusive Premiere sehen. Die Exklusivität, das Streaming - wie den ursprünglichen Kino-Start - auf einen Tag zu verknappen, löst ein Begehren aus und hat Event-Charakter.

25 Prozent vom Gewinn geben Sie als Corona-Hilfe an Kinos weiter. Können Sie in etwa abschätzen, wie viel das sein wird?

Ole Hellwig: Die Summe wird enorm sein, auch wenn die Kosten bei einem digitalen Start, wie wir ihn gemacht haben, deutlich höher sind als bei einem klassischen Kinostart. Wir sind noch am Rechnen, aber es werden wohl über 200.000 Euro. Genaue Zahlen können wir nächste Woche veröffentlichen, wenn wir alle Kosten zusammen haben.

Wie funktionierte die Umsetzung vom geplanten Kino- auf einen digitalen Start? Für eine kleine, junge Firma sicher nicht so einfach.

Henriette Ahrens: Es war in der Tat nicht ganz einfach. Da wir einen eigenen Stream zur Verfügung stellen und uns nicht auf Drittanbieter verlassen wollten, hat dies primär einen enormen technischen Aufwand bedeutet. Wir mussten plötzlich Fragen lösen wie, welcher Player mit welcher Serverkapazität kann überhaupt 100.000 Video-Aufrufe parallel schaffen ohne dass der Stream zusammen bricht? Zum Glück hatten wir mit Fynn einen guten Partner an unserer Seite, dessen Agentur technisch sehr versiert ist und mit der wir all diese Fragen gemeinsam angehen konnten. Schlussendlich lief es für alle Zuschauer reibungslos.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne für "100.000" aus?

Ole Hellwig: Zuerst sammeln wir uns ein wenig und werden genau analysieren, was wie und wann passiert ist. Mit dieser Erfahrung werden wir dann mit Vollgas in das nächste Projekt starten. Wir haben auch schon einige Ideen. Was wir bereits jetzt gelernt haben, ist: Wenn man sich voll in ein Projekt reinhängt und nicht von Anfang an der Profit an erster Stelle steht, kann es funktionieren! Was weiter mit "100.000" geschehen soll, überlegen wir noch. Es erreichten uns tausende Nachrichten von Leuten, die nicht rechtzeitig gebucht haben oder sich in der aktuellen Lage zwölf Euro nicht leisten konnten. Uns wird sicher noch etwas Gutes einfallen!

Was haben Sie mit Notsold noch vor?

Henriette Ahrens: Großes natürlich ; ). Wir haben uns nicht nur für "100.000" gegründet, sondern auch, weil wir finden, dass es möglich sein sollte, Leute wie uns, also sogenannte klassische Arthouse-Kinogänger, zum Besuch im lokalen Kino zu motivieren. Der digitale Kinostart hat uns gezeigt, dass es möglich ist, Menschen für die Emotionen, die der Ort Kino verkörpert, zu begeistern. Auch sehen wir ein großes Potenzial in Alternative Content und Event Kino und sind bereits in der Planung nächster Projekte. Auch in Zukunft wollen wir daran festhalten, was sich bei diesem erstem Projekt jetzt so sehr auszahlt: Wenn der Film, die Platzierung und die Zielgruppe an erster Stelle stehen, dann stimmt auch der Profit.

Ole Hellwig: Henriette und ich kommen beide aus der Produktion. Henriette hat an der HMS Produktion studiert und ich habe seit zehn Jahren eine eigene Produktionsfirma Curly Pictures. Zusammen haben wir bereits eine fiktionale Serie für Funk produziert. Notsold ist also eine Erweiterung unseres Repertoires. Wir wollen aber natürlich nicht nur eigene Produktionen verleihen, sondern auch gerne mit anderen Filmemachern zusammen arbeiten.

Die Fragen stellte Heike Angermaier