Kino

UPDATE: Durchbruch für Premium-VoD?

"Trolls World Tour" zum geplanten Kinostart in die hochpreisige VoD-Verwertung zu geben, war eigentlich eine Notmaßnahme angesichts der Kinoschließungen. Die damit eingefahrenen Umsätze könnten ihn nun aber zu einem Game-Changer machen. MIttlerweile hat sich die NATO zu Wort gemeldet - und die Zahlen relativiert.

28.04.2020 21:09 • von Marc Mensch
Der Erfolg der PVoD-Auswertung von "Trolls World Tour" rüttelt möglicherweise am Verhältnis zwischen Studios und Kinos (Bild: Universal)

95 Mio. Dollar. So viel Umsatz soll Trolls World Tour" laut dem Wall Street Journal alleine in den USA innerhalb von 19 Tagen nach dem Premium-VoD-Start eingefahren haben. Das Sequel zum Animationserfolg aus dem Jahr 2016 war der erste große Studiofilm, dessen geplantes Startdatum angesichts der Coronavirus-Krise nicht verschoben wurde, sondern der direkt in die digitale Auswertung ging - mit einer bis dato einzigartigen Besonderheit: Wo Kinovorstellungen stattfinden konnten, gelangte der Titel zeitgleich auch auf die Leinwand, wobei die dortigen Umsätze (vor allem auf wenigen Autokino-Leinwänden, wie in den USA und hier in Deutschland) offenbar nicht allzu nennenswert ausfielen. Ganz anders als die eingangs genannten VoD-Umsätze, die mit einem Preismodell von 19,99 Dollar für einen 48stündigen Leihvorgang erzielt wurden.

Erinnern wir uns zurück: Vor allem um das Jahr 2011 herum wurde innerhalb der US-Branche heftigst um Premium-VoD-Experimente gerungen - wobei damals noch ganz andere Preispunkte zur Debatte standen. 59,99 Dollar hätte nach Vorstellung von Universal ein Leihvorgang für die Actionkomödie Aushilfsgangster" kosten sollen. Und das nicht etwa gleichzeitig zum, sondern erst drei Wochen nach Kinostart. Wobei das "erst" relativ zu sehen ist. Während andere Studios zu dieser Zeit bereits mit einem sechswöchigen Fenster (und einem Preis von 29,99 Dollar) experimentierten, war das Maß für die Kinos bei drei Wochen offenbar voll. Sie drohten an, den Film zu boykottieren, Universal sagte den Test (der allerdings nur in wenigen ausgewählten Ballungsräumen hätte stattfinden sollen) ab.

Erledigt war das Thema Premium-VoD damit aber natürlich nicht, vielmehr sah es Ende 2017 sogar so aus, als könne eine Einigung zwischen Studios und Kinobetreibern in den USA zu einer nachhaltigen Reform des Umgangs mit dem Kinofenster führen. Doch die Gespräche verliefen Anfang 2018 letztlich erst einmal wieder im Sande. Was Branchenexperten auch darauf zurückführen, dass sich Walt Disney, das damals unmittelbar vor der Übernahme von Fox stand, nicht daran interessiert zeigte, am Auswertungsfenster zu rütteln, hatte man sich dort doch auf einen klare Tentpole-Strategie festgelegt.

Aber zurück zu "Trolls World Tour": Knapp 100 Mio. Dollar Umsatz in knapp drei Wochen sind selbstverständlich ein hervorragendes Resultat. Und was für NBC Universal noch wichtiger ist: Es sind Umsätze, die man nicht mit den Kinos teilen muss. Wie das Wall Street Journal vorrechnet, würden rund 80 Prozent der PVoD-Umsätze beim Studio verbleiben, das wären etwa 77 Mio. Dollar. Diese Summe läge damit nach deren Einschätzung höher als jene, die DreamWorks Animation aus der Kinoauswertung des Vorgängers (insgesamt knapp 154 Mio. Dollar US-Boxoffice) zufloss - wobei die Darstellung des Wall Street Journal angesichts des frontgeladenen Verlaufs einer typischen Kinoauswertung (tatsächlich hatte Trolls" nach drei Wochen schon über 120 Mio. Dollar und damit rund drei Viertel seines US-Gesamtresultats eingespielt) durchaus ein wenig verzerrt ist, wenn man schon in der Headline davon schreibt, PVoD habe dem verantwortlichen Studio innerhalb von drei Wochen mehr eingebracht, als das Kino beim Vorgänger innerhalb von fünf Monaten.

Ohnehin gibt es eine große Unbekannte, auf die z.B. der US-Branchendienst Deadline verweist - und eine weitere, die man keinesfalls außer Acht lassen sollte. Erstere Unbekannte sind die Auswirkungen der hochpreisigen Home-Entertainment-Strategie auf die Bereitschaft der Verbraucher, für diesen Film noch einmal Geld für eine Zweitnutzung auszugeben. Die andere - und womöglich wichtigere: Die Ausnahmesituation des Lockdowns könnte die Bereitschaft der Verbraucher, den Film für 19,99 Dollar auszuleihen, massiv beeinflusst haben. Ob das Modell "Trolls World Tour" also 1:1 in eine Zeit jenseits der Krise übertragbar wäre, ist zumindest sehr fraglich.

(UPDATE: Exakt dieses Argument ist es auch, das der US-Kinoverband NATO mittlerweile in einer Stellungnahme aufgegriffen hat. Demnach seien die Resultate Ausdruck einer außergewöhnlichen Situation in der hunderte von Millionen in ihren eigenen Wohnungen festsitzenden Bürgern nach Ablenkung suchten - und ließen damit nicht auf grundsätzlich geänderte Gewohnheiten schließen. Es sei alles andere als überraschend, dass Menschen, die sich über etliche Wochen in häuslicher Isolation befänden, insbesondere Möglichkeiten nutzten, um ihre Kinder zu unterhalten - und sei es auch zu einem hohen Preis. Als Ausdruck einer "neuen Normalität" dürften die Ergebnisse von "Trolls World Tour" jedenfalls nicht missinterpretiert werden. "Universal hat keinen Grund, außergewöhnliche Umstände in einem noch nie da gewesenen Umfeld als Sprungbrett dafür zu nutzen, echte Kinoauswertungen zu übergehen", so NATO-Präsident John Fithian.)

Zumal noch ein weiterer Faktor heranzuziehen wäre, bevor man von einer (vermeintlich) rentableren Strategie für das Studio schreibt: Denn das mit dem ersten Kinofilm begründete "Trolls"-Franchise wurde zwischenzeitlich deutlich ausgebaut, vor allem über eine Netflix-Serie. Die Möglichkeit, dass "Trolls World Tour" seinen Vorgänger bei einer Kinoauswertung in den Schatten gestellt hätte, ist somit durchaus gegeben. Insofern scheint sich das Wall Street Journal mit seinen Schlüssen mitunter durchaus auf dünnes Eis zu begeben.

Dennoch wird der PVoD-Erfolg von "Trolls World Tour" Folgen haben. Gegenüber dem Wall Street Journal erklärte Jeff Shell als CEO von NBC Universal: "Die Ergebnisse für 'Trolls World Tour' haben unsere Erwartungen übertroffen und die Wirtschaftlichkeit von Premium VoD demonstriert." Und weiter: Wir gehen davon aus, Filme in beiden Formaten herauszubringen, sobald die Kinos wieder öffnen." Was genau das heißt, ist indes offen - denn die Möglichkeiten sind vielfältig und dürften sich ohnehin von Film zu Film unterscheiden. Klar ist wohl, dass das traditionelle Kinofenster durch die nun gemachten Erfahrungen nicht eben gestärkt wird. Auf der anderen Seite scheint der Erfolg von "Trolls World Tour" Universal noch nicht bewogen zu haben, einen der verschobenen großen Titel nun doch direkt in eine PVoD-Vermarktung unter Umgehung des Leinwandstarts und einer Beteiligung der Kinos zu holen. Zwar gab man unmittelbar vor der Verkündung der Umsatzzahlen bekannt, dass mit "The King of Staten Island" tatsächlich ein weiterer Universal-Titel direkt in die digitale Vermarktung geht. Allerdings handelte es sich hier mit Sicherheit wiederum nicht um ein Tentpole.

Indes zeichnet sich gerade sehr deutlich ab, wie sehr wenigstens die Kommunikation der Konzernspitzen mitunter von jener der Studiotöchter abweicht. Während sich das Studio Universal als solches laut US-Medien noch nicht umgehend zu Shells Aussagen äußerte, relativierte Warner gerade erst umgehend vergleichbare Ankündigungen von John Stankey, dem neuen CEO des neuen Warner-Eigentümers AT&T (wir berichteten)...