Kino

"Wie geht's, Christoph Ott?"

Alfred Holighaus führt für Blickpunkt:Film kurze Gespräche mit Kreativen über Kino und Corona, was die Krise verändert, und wie sie sie individuell bewältigen. Ein Gespräch mit dem Independent-Filmverleiher und Kinomacher Christoph Ott (Filmwelt) über Risiken und Chancen in der kinolosen Zeit.

24.04.2020 14:07 • von Jochen Müller
Alfred Holighaus (li.) unterhielt sich mit Filmverleiher Christoph Ott darüber, wie er die Corona-Krise bewältigt SPIO/Filmwelt (Bild: SPIO / Filmwelt)

Alfred Holighaus führt für Blickpunkt:Film kurze Gespräche mit Kreativen über Kino und Corona, was die Krise verändert, und wie sie sie individuell bewältigen. Ein Gespräch mit dem Independent-Filmverleiher und Kinomacher Christoph Ott (Filmwelt) über Risiken und Chancen in der kinolosen Zeit.

Alfred Holighaus: Wie geht's, Christoph Ott?

Christoph Ott: Persönlich geht es mir gut. Auch gesundheitlich. Das gilt auch für mein Team. Dennoch machen wir uns Gedanken und auch Sorgen darüber, wie es weitergeht, wann es weitergeht und wie wir das bis dahin als Branche schaffen - und natürlich auch als Firma.

AH: Das sind die Grundfragen der Branche, welche sich gerade für dieses Jahr sehr viel vorgenommen und auch keine schlechten Aussichten hatte. Bist Du persönlich enttäuscht, dass das alles nicht passieren kann? Oder tritt das von selbst in den Hintergrund, wenn man an eine weltweite Bedrohung durch die Pandemie denkt?

CO: Eine persönliche Enttäuschung spüre ich tatsächlich nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, dass das Kino überlebt und die Vielfalt, die wir anbieten, immer wichtiger wird. Sorgen mache ich mir eher darüber, dass man im Moment zu wenig über den Kulturort KINO redet oder davon hört, welche konkreten Schritte notwendig sind. Wie wir wissen gibt es bilaterale Gespräche mit der Politik. Aber ich wünsche mir eine breite Diskussion über Vorschläge, unter welchen Bedingungen man die Kinos öffnen kann. Wenn wir davon ausgehen, dass wir - wie von den Kinoverbänden jetzt in einem konkreten Plan vorgeschlagen wurde - im Juli wieder wirklich loslegen, dann müsste ich eigentlich jetzt schon detailliert nachdenken, mit welchen Kapazitäten ich einen Film starten kann. Ich bin ja Mitbetreiber des Kant-Kinos in Berlin, ein Arthouse. Angenommen, wir dürfen zur Wiedereröffnung nur mit 20 bis 25 Prozent der Plätze rechnen, dann bin ich als Kinomacher und als Verleiher gefordert. Mit welchem realistischen Investment bringe ich einen Film ins Kino, dem nur ein Viertel der Möglichkeiten für ein Re-Invest zur Verfügung steht?

AH: Aber das klingt so, als ob Du auch dann nur eine teilweise Öffnung der Kinos unter klaren Sicherheitsstandards denkst. Oder glaubst Du, dass man - nach dem Vorbild der schrittweisen Ladenöffnungen - unter bestimmten Umständen doch schon vorher loslegen kann?

CO: Ich glaube, dass es Häuser gibt mit wenig Leinwänden und einer Gesamtkapazität von unter tausend Plätzen, die mit wenig Personal und konkreten Sicherheitsmaßnahmen arbeiten und tatsächlich aufmachen könnten. Große Häuser mit ganz anderen Kapazitäten könnten und dürften das nicht. Das gibt natürlich die gleiche Diskussion, wie wir sie aktuell mit den Kaufhäusern haben. Dennoch wollen die Leute raus und Filme schauen. Das sehen wir am Revival der Autokinos. Wir sehen aber auch, dass die Menschen gelernt haben, Abstand voneinander zu halten und darauf auch Wert legen. Das funktioniert nicht bei einem Blockbuster - auch wirtschaftlich nicht. Aber die Filme, für deren Herausbringung ja auch die Firma, die ich führe, arbeitet, funktionieren auch mit einem überschaubareren Publikum. Und diese Kinofilme können nicht alle im Herbst nachgeholt werden, wenn auch schon wieder andere Filme auf dem Plan stehen. Das ist nicht praktikabel. Also muss es die Möglichkeit geben, einzelne Titel wirklich individuell einsetzen zu können. Andererseits muss ich mir als Verleiher natürlich genau überlegen, welche Kosten ich unter diesen Umständen zu tragen bereit bin. Braucht es wirklich eine Synchronisation zum Beispiel. Oder hat wirklich jeder kleine deutsche Film die Chance verdient, ins Kino zu kommen?

AH: Aber all diese Überlegungen machen doch eigentlich klar, dass man sich ein schrittweises Öffnen der Kinos genau überlegen sollte. Muss es nicht, damit das Kino, wie wir es kennen, lieben und brauchen, wieder da ist, den einen Termin mit den bestmöglichen Auslastungs- und Auswertungschancen geben?

CO: Und da kommen wir zum einzigen Vorteil, den wir dadurch haben, dass es bisher noch keinen Termin gibt. Wir können aus den Erfahrungen in den anderen Bereichen lernen. Wir können schauen, wie es in den Läden läuft und vor allem in der Gastronomie, - wenn sie denn aufmachen darf, - die noch bessere Vergleichswerte bietet. Wir können beobachten, wie es wirtschaftlich und stimmungstechnisch in einem Biergarten zugeht, der hundert Plätze hat, aber nur zwanzig Gäste bewirten kann. Da wird keine Stimmung aufkommen. Und das gemeinsame Kinoerlebnis braucht diese Stimmung und schafft diese Stimmung.

Und darüber hinaus können wir natürlich das komplette Konsumverhalten unserer potentiellen Gäste beobachten. Hat sich das verändert? Wird sich das noch mehr verändern? Die Menschen waren und sind auf sich zurückgeworfen und stellen nun fest, was sie haben und was sie nicht haben, was Ihnen fehlt und was ihnen nicht mehr fehlt.

Wir haben gerade konkret gelernt, dass großer Luxus kein Thema ist für die Menschen. Keine großen Anschaffungen, keine großen Reisen. Eine weitere Chance für das Kino, für überschaubares Geld zwei Stunden lang andere Erfahrungen zu machen und andere Dinge zu erleben. Grundsätzlich müssen und können wir auf die aktuellen Erfahrungen demnächst mit entsprechenden, auch neuen Angeboten in den Kinos reagieren.

AH: Was mich derzeit aber beunruhigt, ist, dass das Kino in der öffentlichen auch in der öffentlichen politischen Kommunikation marginalisiert, wenn nicht verleugnet wird. Wenn es um Kultur- oder Unterhaltungskonsum geht, geht es um Theater, Museen, Konzertsäle und Fußballstadien. Aber nicht ums Kino.

CO: Da stimme ich Dir zu. Ich begrüße es zwar sehr, dass unsere Filmtheater- und Verleiherverbände sich derzeit im direkten Austausch mit der Politik sehr bemerkbar machen. Aber wenn ein Kultursenator darüber spricht, welche Institutionen geschlossen bleiben und nicht mal in der reinen Aufzählung das Kino erwähnt, dann verwundert mich das nicht nur. Es ärgert mich auch.

AH: Interessant ist, in welchem Maße derzeit das sogenannte Heimkino inklusive öffentlich-rechtlicher Rundfunk an Aufmerksamkeit gewinnt. Welche Rolle spielt das Kino denn da?

CO: Wir hören, dass die Nutzung des Fernsehens in allen Altersgruppen wieder stärker ist als es Anfang des Jahres war. Die Sender gewinnen wieder Publikum, neben den Streamingdiensten, die natürlich sehr profitieren. Und keiner konnte auf dem Plan haben, dass sich auch verlorene Zielgruppen wieder stärker für Fernsehen interessieren. Wie wäre es denn, wenn sich die Sender jetzt an Formate erinnern, an die wir beide zum Beispiel gerne zurückdenken - wie das Filmfestival am Sonntagabend? Wie wäre es denn, wenn gerade jetzt - wo aktuelles fiktionales Programm gar nicht entstehen kann - feste Sendeplätze für internationales und deutsches Kino auch jenseits der Kino-Koproduktionen ausprobiert würden? Das hilft der Branche. Das hilft den Machern und den kleineren Verleihern. Und es hilft natürlich auch dem Kino, weil es das Format selbst zum Thema machen würde.

Zu unserem Autor: Alfred Holighaus, war SPIO-Präsident, lange Jahre Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie, Leiter der Perspektive Deutsches Kino, Produzent und Filmjournalist. Heute berät er die Branche in zahlreichen Gremien, sitzt in Film- und Förderjurys und ist im Vorstand beim Kuratorium Junger Deutscher Film.