Kino

"Martin Margiela" auf dem Weg zum Publikum

Was tun, wenn der Film fertig, ein Kinostart aber nicht möglich ist? "Dries"-Regisseur Reiner Holzemer über die Herausbringung seines Dokumentarfilms "Martin Margiela" und wie man einen "Mythos der Mode" zu einem Film überredet.

21.04.2020 07:59 • von Heike Angermaier
Reiner Holzemer (li.) mit Basil Tsiokos vom Doc NYC bei der Premiere von "Martin Margiela" (Bild: Doc NYC)

Was tun, wenn der Film fertig, ein Kinostart aber nicht möglich ist? Dries"-Regisseur Reiner Holzemer über die Herausbringung seines Dokumentarfilms Martin Margiela" und wie man einen "Mythos der Mode" zu einem Film überredet.

Statt von Festival zu Festival zu reisen, sitzt Reiner Holzemer in der Osterwoche in München - und führt Interviews mit der britischen Presse. Der internationale Vertrieb Dogwoof bringt seinen neuen Dokumentarfilm in Großbritannien als Video on Demand heraus, über die Plattform iTunes. In Zeiten, in denen nicht sicher ist, "ob und wie die Kinos wieder aufmachen, welche überleben werden", so Holzemer, schien das der beste Weg. Dogwoof hatte bereits die Doku "Dries" über Dries van Noten herausgebracht, die auf 17 Festivals lief und sich in 64 Länder verkaufte. Holzemer, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Kameramann, fühlt sich in guten Händen bei dem jungen, engagierten und bestens vernetzten Team, das den neuen Film über Greta Thunberg ebenso im Portfolio hat wie die beiden Oscar-nominierten Doks "Für Sama" und Land des Honigs" oder die Cohen-Doku Marianne & Leonard - Words of Love". "Martin Margiela" verkaufte es bereits nach Japan, China, Russland und die USA.

"Das Interesse an"'Martin Margiela" ist viel größer als damals an 'Dries'", erzählt Holzemer. Der Name stehe für einen Mythos, die Modelegende sei aktueller denn je. "Als wir publiziert haben, dass wir den Film machen, war die Resonanz im Netz und in der Modewelt enorm, ein regelrechter Hype. Auf den Pariser Fashion Weeks der letzten Jahre, sah man viele Margiela-Plagiate, auch vom Avantgarde-Label Balenciaga, dessen Chefdesigner Gvasalia Margiela manchmal eins zu eins kopierte. Worüber dieser nicht glücklich war." Die Zeit für den Film sei jetzt perfekt, der unorthodoxe, radikale Recycling-Style des Designers machte weltweit Schule - und passt auch zu Krisenzeiten.

Die seit Herbst fertige Doku lief bisher auf zwei Festivals, hätte aber allein im März auf drei weiteren gezeigt werden sollen. Immerhin konnte sie ihre Premiere auf der großen Leinwand feiern, am 8. November beim renommierten Doc NYC, vor ausverkauftem Haus: "In einem riesigen Kino in Chelsea mit 650 Sitzen, die Leute standen Schlange und hofften darauf, dass nicht alle ihre Karten abholen würden. Es war fantastisch ... und so schnell ausverkauft, dass es am letzten Filmfesttag noch eine Zusatzvorführung gab."

Danach folgten weitere Festivaleinladungen - nach Thessaloniki, das Festival wurde abgeblasen. Dann zum CPH DOX Festival in Kopenhagen, wo drei Scrennings geplant waren, die rund 1500 Zuschauer gebracht hätten, samt Q&A und Podiumsdiskussion mit Fashion-Spezialisten.

"Am 21. März, meinem Geburtstag, hätte dort die erste Vorführung in Europa stattgefunden", so Holzemer - bis man sich eine Woche vor Start für ein Online-Festival entschied. Bei der Streaming-Version mit Länder-Blocking blieben 300 Plätze für das dänische Publikum übrig. Schließlich waren Ende März weitere Screenings beim Fashion-Design-Wochenende Moritz Feed Dog in Barcelona angesetzt.

In Deutschland sollte die Mode-Doku ihre Karriere beim DokFest München starten, aber der Verleih NFP entschied sich gegen die Teilnahme an der jetzt vorgesehenen Online-Version - aus Sorge um den ursprünglich für den 28. Mai geplanten Kinostart, der vergangene Woche auf unbestimmt verschoben wurde. Geplant war eine deutsche Vorpremiere am 5. Mai in Zusammenarbeit mit dem Geschäft Loden Frey in München, die den Designer verkaufen und zwei Wochen lang ein speziell gestaltetes Schaufenster inklusive Filmwerbung und Trailer zur Verfügung stellen wollten. Die eigentliche deutsche Premiere der Arte-Koproduktion war am 9. Mai beim Dok.Fest geplant. "Ich bin auf keinen sauer," so Holzemer. Aber mehrere abgesagte Festivals zeigten geballt die Auswirkungen auf einen Film, der auch mit seinem eigens von der belgischen Rockband dEUS komponierten Soundtrack die große Leinwand brauche.

Er freut sich, dass er zumindest einmal die - überwältigende - Resonanz des Publikums erleben durfte, bei der Premiere in New York. Auch die Presse zeigte sich durchweg begeistert - bis auf die US-"Vogue", die den Film mit Holzemers Vorgänger-Doku "Dries" verglich. Was nicht unbedingt angebracht ist, denn den Designer Dries van Noten konnte der Regisseur ein Jahr lang bei vier Produktionen begleiten, was bei "Margiela" nicht möglich war. Holzemer erläutert: "Martin zeigt sich nicht, ich habe seinen Wunsch, anonym zu bleiben, respektiert."

Auf die Frage, wie die Arbeit an diesem filmischen Porträt, das ohne Abbild des Hauptdarstellers auskommen muss - nur dessen Hände sind zu sehen - antwortet Holzemer: "Nicht so schwer." Nach "Dries" habe er lange nach einer Persönlichkeit für ein neues Filmporträt gesucht, nach einem Designer von gleichem Format - auch aus Respekt Dries gegenüber. In Antwerpen sah er eine Ausstellung, die Margiela für Hermès, seinen Arbeitgeber, im Modemuseum ausrichtete - und war "wahnsinnig beeindruckt. Es waren 15 Jahre alte Kollektionen von zeitloser Eleganz, minimalistisch, großartig."

Holzemers Interesse an der Modewelt und ihren Arbeitsbedingungen rührt von seinem Film über den Kunst- und Modefotografen Jürgen Teller, der viel für Marc Jacobs machte. Holzemer war dabei, als Teller die Kollektion von Dries fotografierte, mit Dakota Fanning. So lernte er den Modeschöpfer kennen. Durch einen Zeitungsartikel wurde er auf den Druck aufmerksam, unter dem Designer wie Alexander McQueen mit 16 Kollektionen pro Jahr stehen, die "... ausgepresst werden von den Modekonzernen. Der Wahnsinn dieser Welt hat mich fasziniert."

Dazu kam, dass von und über Martin Margiela so gut wie nichts veröffentlicht wurde, er gab keine Interviews, blieb stets im Hintergrund und ebenso ein Mysterium wie sein plötzlicher Abgang aus der Modewelt von einem Tag auf den anderen, nach 20 Jahren und 41 provokativen Kollektionen. Als Holzemer erfuhr, dass der Designer eine Ausstellung in Paris vorbereitete, nahm er Kontakt zum Kurator auf. Sein Film "Dries" erwies sich schließlich als Türöffner, Margiela bekundete Interesse an einem gemeinsamen Projekt. Zunächst schaute Holzemer dem Künstler, der immer nur durch seine Mode kommunizieren wollte, bei der Arbeit zu, hielt sich ganz im Hintergrund. "Er hat seine Arbeit kommentiert, gut reden konnte er, ich habe ihn vorsichtig mal etwas gefragt, so entstand Vertrauen. Schritt für Schritt akzeptierte er schließlich, dass seine Stimme auch im Film zu hören ist - was er anfangs nicht wollte, weil er sie nicht mag. Wir haben uns herangetastet." Am Ende ließ Holzemer die Kamera im Atelier den ganzen Tag mitlaufen, brachte ein Funkmikro bei Margiela an und machte auch den Ton alleine, nur die belgische Koproduzentin Aminata Sambe war manchmal dabei. "Martin und ich haben alle Entscheidungen gemeinsam getroffen," so Holzemer. "Mein Ziel war, von ihm etwas Persönliches zu bekommen. Der Mann hat 30 Jahre nicht gesprochen - ich wollte, dass er spricht, zum ersten Mal." Zweimal hat Margiela den Rohschnitt angeschaut. "Er ist Perfektionist und Kontrollfreak und schickte eine List mit ungefähr 120 Änderungswünschen. Etwa 20 davon habe ich dann umgesetzt," so Holzemer. "Die Arbeit erforderte auch, sich auf ihn einzulassen."

Die Herausbringung des Films ist für ihn eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits will er, "dass das Ding endlich rauskommt. Auf der anderen Seite ist es ein zeitloser Film, wie mein August Sander-Film, der immer noch läuft." Margiela, der sich nach seinem Abschied aus der Branche der Kunst zuwandte, Skulpturen, Montagen, Malerei, zeigte bisher nichts der Öffentlichkeit. "Er ist ein radikaler Typ, der unkonventionelle Entscheidungen trifft," meint sein enger Freund Jean Paul Gaultier, dessen Assistant er war und der im Film, neben anderen, zu Wort kommt. Es gab schon mehrere Versuche, ihn zu porträtieren - "Bei Arte liegen Akten im Keller," erzählt Holzemer. "Aber wenn das Vertrauen nicht mehr da war, brach Margiela jedesmal ab." Bleibt zu hoffen, dass der Film, der der Design-Legende eine Stimme gibt und im Ranking des Hollywood Reporter auf Platz 1 der zehn der besten Fashion Documentarys des Jahrzehnt landete, bald seinen angemessenen Platz in einer Kinoshow findet - first row.

Marga Boehle