Kino

Vertrauensstelle Themis legt erste Evaluationsdaten vor

Seitdem die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche (Themis) im Oktober 2018 ihre Arbeit aufgenommen hat, sind ihr 255 Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gemeldet worden.

18.04.2020 11:00 • von Jochen Müller

Seitdem die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche (Themis) im Oktober 2018 ihre Arbeit aufgenommen hat, sind ihr 255 Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gemeldet worden (Stand: 31. März 2020). Wie Themis jetzt mitteilt, sei die Mehrzahl der Fälle verbale oder non-verbale Belästigungen, zu denen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGC) auch dauerhafte sexualisierte Anmachen, Beleidigungen mit sexuellem Inhalt, taxierende Blicke, zweideutige Gesten oder Posen, sexistische Bilder am Arbeitsplatz oder auch Androhungen beruflicher Nachteile bei sexueller Verweigerung gehören, gewesen. Bei etwa 40 Prozent der Fälle sei es um körperliche sexuelle Belästigung bis hin zur Vergewaltigung gegangen.

Die aktuelle Evaluation der Arbeit von Themis bestätigt auch, dass überwiegend Frauen von sexueller Belästigung und Gewalt betroffen sind; der Anteil der gemeldeten Übergriffe an Frauen liegt bei 85 Prozent. Die Übergriffe gingen den vorgelegten Zahlen zufolge so gut wie alle von Männern sowie zu annähernd 80 Prozent von Vorgesetzten oder höhergestellten Personen aus.

Die meisten der gemeldeten Fälle lagen nicht länger als zwei Jahre zurück, nur vereinzelt wurden Fälle gemeldet, die über fünf Jahre zurücklagen.

Eva Hubert, ehemalige FFHSH-Geschäftsführerin und Vorstand der Themis-Vertrauensstelle zu den jetzt vorgelegten Zahlen: "Die hohe Zahl an Anrufen zeigt, dass Themis in den von ihr betreuten Branchen ein hohes Maß an Vertrauen besitzt. Uns ist es gelungen, ein niedrigschwelliges Beratungsangebot aufzusetzen, mit dem wir sachkundige und branchenspezifische Unterstützung anbieten und Betroffenen helfen, eigenverantwortlich und selbstbestimmt Entscheidungen für den für sie richtigen Umgang mit dem Vorfall zu treffen. Dennoch ist in der Branche noch viel Arbeit zu tun, um einen echten Kulturwandel anzuschieben."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, aus deren Ressort Themis finanzielle Unterstützung erhält: "Das Ausmaß sexueller Belästigung und Gewalt im Kultur- und Medienbereich ist erschreckend. Mein Dank gilt allen Themis-Mitarbeiterinnen, die den Betroffenen zur Seite stehen. Ich war von Anfang an davon überzeugt, dass wir eine unabhängige Vertrauensstelle für diese Branchen brauchen. Aus diesem Grund ist mein Haus für die Anschubfinanzierung der Themis in Vorleistung gegangen und hat die Entwicklung dann intensiv begleitet. Dass wir damit ganz offensichtlich den richtigen Weg eingeschlagen haben, belegen die nun vorgelegten Daten zweifelsfrei. Meine Schlussfolgerung ist ganz klar: Wir brauchen einen grundlegenden Kulturwandel in allen Kreativbranchen! Deshalb ist es wichtig, dass sich noch mehr Verbände der Themis anschließen."

Wie Themis weiter mitteilt, wurden von den Beraterinnen, einer Psychologin und einer Juristin, die jeweils in Teilzeit arbeiten, im Evaluationszeitraum mehr als 500 Beratungsgespräche geführt.