Kino

Julian Gorsanski zum Landkino-Netzwerk: "Positive Impulse"

Das von der AG Kino-Gilde initiierte Projekt Netzwerk für Landkinos ging Anfang April an den Start. Blickpunkt:Film sprach mit dem Leiter Julian Gorsanski über seine ersten Erfahrungen als Kinocoach in Zeiten von Corona.

20.04.2020 11:22 • von Heike Angermaier
Julian Gorsanski, Leiter des Landkino-Netzwerk (Bild: Julian Gorsanski)

Das von der AG Kino-Gilde initiierte Projekt Netzwerk für Landkinos ging Anfang April an den Start. Blickpunkt:Film sprach mit dem Leiter Julian Gorsanski über seine ersten Erfahrungen als Kinocoach in Zeiten von Corona.

Sie sind seit Anfang April für das Projekt Kinocoach tätig. Wie läuft es an?

Julian Gorsanski: Sehr gut. Wir haben bereits über 70 Abonnent*innen für unseren Newsletter und stellen fest, dass unser Projekt in diesen schwierigen Zeiten besonders stark nachgefragt ist. Unsere Annahme, dass Kinos in kleineren Städten Interesse haben, sich stärker zu vernetzen, ein Landkino in Bayern nicht mit einem in Brandenburg konkurriert, sondern im Gegenteil nur Vorteile aus einem Austausch, einer Zusammenarbeit, hat, bestätigt sich. Es haben sich sogar mehr Interessenten gemeldet als ich gedacht hätte. In Zeiten von Corona ist der Wunsch nach gegenseitiger Unterstützung größer. Wie viele der Newsletterabonnent*innen auch wirklich teilnehmen werden, wird sich noch zeigen. Gefreut hat mich, dass die Interessenten teils auch persönlich Kontakt aufgenommen, mich willkommen geheißen und Fragen gestellt haben.

Welche konkreten Fragen wurden gestellt? Was sind die brennenden Themen? Steht Corona bzw. Corona-Hilfe im Mittelpunkt?

JG: Es waren sehr unterschiedliche Fragen. Am häufigsten wurde nach der Infrastruktur gefragt, wie der Austausch funktioniert oder wie oft Treffen stattfinden. Aber natürlich ist Corona das brennende Thema. Wir hatten am 9. April unseren ersten Stammtisch dazu als Videokonferenz mit über 30 Teilnehmer*innen. AG Kino-Gilde-Geschäftsführer Felix Bruder und ich moderierten. Es ging u.a. um Regelungen zu Kurzarbeit, Miete, Minijobs und um das Infektionsschutzgesetz. Wir stellten auch Best-Practice-Beispiele vor, etwa wie man den aktuellen Leerlauf sinnvoll nutzen kann für Dinge, die im stressigen Arbeitsalltag sonst oft liegen bleiben.

Welche Dinge sind das?

JG: Etwa, dass man Umbauten selbst in die Hand nimmt oder sich um den Aufbau bzw. die Pflege von Social Media kümmert, die Kinohomepage überarbeitet, neue Apps installiert usw. So geben wir positive Impulse in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit, in der sich viele Sorgen machen und damit beschäftigt sind, Hilfsanträge auszufüllen.

Haben Sie sich aus den Gesprächen und vom Stammtisch ein erstes Bild machen können, wie stark die Kinos in der aktuellen Lage in ihrer Existenz gefährdet sind?

JG: Viele Kinos, gerade die kleineren konnten von Soforthilfeprogrammen in den unterschiedlichen Bundesländern profitieren. Für Kinos mit über zehn Mitarbeitern ist dies aber nicht passend und auch nicht ausreichend. Sie haben hohe Grundkosten, stocken das Kurzarbeitergeld für ihre Mitarbeiter*innen auf und bezahlen z.T. auch die geringfügig Beschäftigten weiter, die schon Jahre dort tätig sind. Es ist klar, dass das ohne jegliche Einnahmen nur ein bis zwei Monate durchzuhalten ist. Selbst bei einer baldigen Öffnung rechnen wir mit hohen Auflagen, die die Zuschauerzahlen niedrig halten. Ohne echte Zuschüsse werden viele auf der Strecke bleiben. Das muss unbedingt verhindert werden.

Wurden Erfahrungen der Kinos mit den Anträgen ausgetauscht? Sind schon Gelder angekommen? Reichen sie aus?

JG: Hier kommt es auch sehr auf die Bundesländer an. In manchen Regionen geht es sehr schnell und Gelder sind schon auf dem Konto, in anderen gibt es noch nicht mal ein Programm. Es darf eigentlich nicht sein, dass das Überleben eines Kinos davon abhängig ist, in welchem Bundesland es liegt. Deshalb kämpfen die Kinoverbände gerade auch an allen Fronten, um die weißen Flecken abzudecken.

Welche Themen gehen Sie mit Kinocoach noch und auch in Zukunft an?

JG: Wir erarbeiteten gemeinsam mit den Kinos bei der Filmkunstmesse fünf Themenfelder, bei denen es Handlungsbedarf gibt, u.a. bei der Wirtschaftlichkeit, in deren Rahmen wir etwa Betriebsvergleiche machen oder Einkaufsgemeinschaften z.B. bei Concessions besprechen wollen. Wir streben eine enge Zusammenarbeit mit den Verleihern an und setzen darauf, als Netzwerk stärker als einzelne Kinos auftreten zu können und so bessere, auf die speziellen Bedürfnisse zugeschnittene Deals auszuhandeln. Beim Themenfeld Programmgestaltung geht es u.a. um die Auswahl der passenden Filmreihen, die richtigen Themen zu finden, beim Themenfeld Marketing u.a. wie eingangs erwähnt, darum, wie man mit Social Media, einem zeitgemäßen Onlineauftritt vor allem die jüngere Zielgruppe erreicht und an sich bindet. Im Themenfeld Technik wollen wir neue Entwicklungen und Anbieter vorstellen, bei der Weiterbildung Möglichkeiten allgemein und insbesondere zur Nachwuchsförderung aufzeigen. Wir wollen in Zukunft Expert*innen aus der Branche, sei es vom Verleih oder vom Dienstleister einladen, die bei persönlichen, regionalen oder auch nationalen Treffen über u.a. Trends referieren und Fragen beantworten. Vorstellbar sind auch nach Corona Videokonferenzen, E-Learning und ein rein textbasierter Austausch. Ganz allgemein wollen wir relevante Informationen aus all den genannten Themenfeldern sammeln und gebündelt zur Verfügung stellen, damit die Kinos nicht Zeit mit einer langwierigen Suche danach verschwenden müssen, sondern sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.

Ab wann ist die Onlineplattform nutzbar?

JG: Wir sind in Verhandlungen mit technischen Dienstleistern. Da der direkte, unkomplizierte Austausch zwischen den Kinobetreiber*innen Kern des Projekts ist, versuchen wir, sie so schnell wie möglich an den Start zu bringen. Die Plattform sollte spätestens im Mai zur Verfügung stehen, wahrscheinlich sogar vorher. Aktuell nutze ich die verbleibende Zeit, um Interessenten an die Plattform heranzuführen. Sie wird mit der Chatfunktion einen dynamischeren Austausch möglich machen als bei einer Kontaktaufnahme über Mail. In Zeiten von Social Distancing ist es besonders wichtig, dass man nicht nur einen Newsletter bekommt, sondern wirklich miteinander kommuniziert.

Wie lange soll das Projekt "Kinocoach" laufen? Was sind die längerfristigen Ziele?

JG: Die Finanzierung für den Start ist über die FFA für etwas über zwei Jahre gesichert. Wir hoffen natürlich, dass viele Kinos mitmachen. Längerfristig gesehen wird ein Beitrag fällig, wir streben hier Kooperationen mit den Länderförderungen an. Nach Corona soll es endlich richtige, persönliche Treffen geben, wie die vorhin genannten oder Stammtische nach Bedarf. Geplant sind auch gemeinsame, gegenseitige Kinobesuche.

Das Projekt ist von AG Kino-Gilde initiiert. Wie viele Anfragen haben Sie von Mitgliedern und wie viele von Nichtmitgliedern?

JG: Ich möchte betonen, dass das Netzwerk für Landkinos unabhängig von einer Mitgliedschaft in der AG Kino-Gilde ist und es sich an alle kleineren Kinos in Städten bis zu 60.000 Einwohnern richtet. Die Kinos müssen sich auch nicht als "Landkinos" verstehen und können auch elf statt zehn Mitarbeiter*innen haben. Die Mehrheit der Anfragen kommt aber von den Mitgliedern.

Wie (anders) sieht ihre Arbeit im Homeoffice aus?

JG: Ich würde mich sehr freuen, ins Büro gehen zu können und endlich die Kollegen persönlich kennen zu lernen. Auf der beruflichen, inhaltlichen Ebene sehe ich in der Arbeit im Homeoffice keinen Unterschied zu der im Büro, ich habe hier auf alles Zugriff, bin telefonisch erreichbar und kann zumindest digital das Büro wechseln und mich über Videokonferenzen austauschen.

Leerlauf haben Sie in Ihrem neuen Job bisher sicher noch nicht erlebt?

JG: Im Gegensatz zu vielen anderen in Deutschland, die in der Kurzarbeit sind, könnte der Tag für mich auch ein paar mehr Stunden haben.

Die Fragen stellte Heike Angermaier