Kino

Die Auferstehung des Autokinos

Das Autokino erfährt in Zeiten der Corona-Pandemie eine noch nie dagewesene Renaissance. Plötzlich ist diese nostalgische Art des Filmeschauens die ideale Form, um vor der Leinwand zusammenzukommen - und führt zu zahlreichen Neugründungen.

15.04.2020 10:03 • von Michael Müller
Im Düsseldorfer Autokino auf dem Messeparkplatz ist großer Andrang (Bild: Anke Hesse)

So muss es auch am Klondike im 19. Jahrhundert vor sich gegangen sein, als der Goldrausch in Nordamerika ausbrach und berüchtigte Städte wie Dawson vor Einwohnern richtig gehend anschwollen. Die Aufbruchsstimmung von Kinobetreibern und Unternehmern in den Zeiten der Corona-Pandemie lässt jedenfalls daran denken, wenn es um den spontanen Aufbau von Autokinos in Deutschland geht. Eigentlich waren diese altehrwürdigen 20 Stätten in Gravenbruch bei Frankfurt am Main oder in München-Aschheim wie alle anderen Kinos in Deutschland auch geschlossen worden. Aber das Essener Autokino durfte nach Erlaubnis der Stadt und unter strengsten Auflagen weitermachen. Das gilt mittlerweile auch für die Autokinos bei Stuttgart und Köln.

Aber über die bestehenden Autokinos hinweg ist jetzt ein echter Trend bei Kinobetreibern entstanden, ein eigenes Autokino aufzumachen. Das fokussiert sich aktuell vor allem auf das Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo einzelne Gemeinden unter detaillierten Auflagen ihre Erlaubnis gaben. Seit dem 3. April existiert aber sogar eine allgemeine Verordnung für das gesamte Bundesland, die besagt, dass unter bestimmten Bedingungen ein Autokino betrieben werden darf. Der Spielstättenbetreiber DLive baute etwa auf dem Düsseldorfer Messeparkplatz ein Autokino auf, das von jedem Ticket ein Euro an Organisationen abgibt, die sich für kulturelles Leben in Deutschland einsetzen. Zur Premiere am 8. April schauten 1.000 Menschen in 500 Autos den deutschen Film "Lindenberg! Mach dein Ding".

Bei der Neugründung mit am schnellsten aus den Startlöchern kamen der 23-jährige Maximilian Meynigmann und sein 24-jähriger Kinopartner Colin Germesin, die in der Adolf-Grimme-Preis-Stadt Marl die Loe Studios betreiben. In den USA oder Israel würde man sie anerkennend Entrepreneurs nennen. Meynigmann nennt sich selbst einen "Jungunternehmer". Am 6. April eröffneten sie das in Rekordzeit auf die Beine gestellte Autokino mit dem neuanimierten Disney-Blockbuster "Der König der Löwen". "Premieren an sich sind immer schwierig", erzählt Meynigmann. Knapp eine Woche davor sei die Idee geboren worden, es habe für die Einweisung der Mitarbeiter nicht viel Zeit gegeben. "Aber wäre ja langweilig, wenn alles glatt läuft", sagt er selbstbewusst. Auf der Veranstaltungswiese hinter dem örtlichen Biker-Treff, einer Fläche von 15.000 Quadratmeter, wo normalerweise Osterfeuer begangen oder Konzerte stattfinden, ist ihr Autokino aufgebaut. Die erste Vorstellung hatte eine Verzögerung von einer halben Stunde. "Bei der zweiten Vorstellung waren wir dann schon so eingespielt, dass wir die Verzögerung wieder reingeholt hatten", sagt er. Als zweiter Film des Abends lief der koreanische Oscar-Gewinner "Parasite". Die Besucher zeigten Verständnis wegen der leichten Verzögerung. In der Corona-Pandemie haben die Menschen sowieso ein neues Verständnis von Zeit gewonnen. "Jeder war einfach nur wieder happy, dass er etwas hatte, wo er rausgehen konnte und gleichzeitig sicher war. Uns wurde mit Kinderlächeln und viel Winken beim Rausfahren gedankt", sagt Meynigmann.

Auf die umfunktionierte Wiese haben sie einen fast 60 Quadratmeter großen LED-Screen hingestellt, weswegen sie nicht auf die Dunkelheit angewiesen sind und die erste Vorführung des Tages bereits um 17 Uhr beginnen kann. Ihr Kino bietet Platz für knapp 200 Autos. Es gibt keine Abendkasse. Tickets wie Snacks können nur im Internet gekauft werden. 16,50 Euro kostet der Eintritt pro Auto, in dem maximal zwei Erwachsene und deren im Haushalt lebende Kinder sitzen dürfen. Tickets werden durch das geschlossene Fenster gescannt. Die Snacks werden von einem Mitarbeiter mit Mundschutz und Handschuhen auf einem Tisch vorbereitet, zu dem die Besucher erst fahren dürfen, wenn dieser wieder weg ist. Die Autos stehen auf der Wiese mit geschlossenen Fenstern und Verdecken und mit dem nötigen Abstand zueinander.

Die Premieren-Vorstellungen waren ausverkauft. "Dafür, dass der Vorverkauf erst seit fünf Tagen lief und bereits Dreiviertel der Tickets für die bisher geplanten zwei Wochen weg sind, sind wir mehr als zufrieden", sagt Meynigmann, der mit seinem Kollegen Germesin erst im Januar 2019 das Kino in Marl eröffnet hatte. Beide kommen ursprünglich aus dem Bereich der Veranstaltungstechnik, haben zum Beispiel Firmenfeiern organisiert. Als sie die Immobilie des Kinos im März 2018 besichtigten, wollte sie ursprünglich dort eine Veranstaltungshalle reinbauen. "Das Konzept haben wir dann sehr schnell über den Haufen geworfen und uns überlegt, dort wieder ein Kino zu machen, weil Sitze und Leinwand noch vollständig erhalten waren." Es ist ein kleineres Drei-Saal-Kino, das mit Kunstledersesseln und Liegemöglichkeiten in der ersten Reihe wert auf Komfort und Gemütlichkeit legt.

Bis zum 19. April läuft vorerst die Genehmigung der Stadt Marl. Allerdings gebe es auch eine Möglichkeit auf Verlängerung, das hänge aber von den aktuellen Entwicklungen und Beschlüssen ab. Warum er und sein Kollege den Schritt mit dem Autokino gewagt haben, kann Meynigmann gar nicht so leicht beantworten: "Wir beiden sind so gestrickt, dass es uns einfach Spaß macht, neue Projekte anzugehen. Gerade weil wir generell das Kribbeln in den Fingern haben, hatten wir mit der momentane Situation so unsere Probleme." Ihr eigentliches Kino ist zu, ihre zwei anderen Firmen mussten wegen der Corona-Krise auch runtergefahren werden. "Wir hatten wieder mehr Zeit als vorher. Da kommt man dann vielleicht auf doofe Gedanken, etwas Neues aufzuziehen", scherzt er.

Eine Nummer größer als die beiden Kinobetreiber in Marl denkt der Geschäftsführer der Cinetech-Kinos, Dominik Paffrath. Er will gleich mehrere Autokinos nacheinander eröffnen. Die Inspiration war dabei auch der Erfolg des Essener Autokinos, das in den nächsten zwei Wochen ausverkauft ist. "Die haben einen Andrang, den haben die in den vergangenen 20 Jahren nicht mehr erlebt", sagt Paffrath, der genau im Bilde ist, wer wo jetzt welches Projekt anstößt. Von Meynigmann und Germesin weiß er auch, nennt sie "coole Jungs". Allerdings betont er ebenso die Unterschiede: Die setzen auf eine große LED-Projektion, er will aber eine klassische digitale Projektion mit Kino-Content, den es noch nicht im VoD-Bereich gibt. "Wir können die Filme zeigen, welche die Menschen zwangsläufig im Kino verpasst haben", sagt er und meint zum Beispiel den Hollywoodfilm Bad Boys for Life. Deswegen dauere seine Planung auch zwei, drei Tage länger, weil die Verleiher mitspielen müssten. Der Start des Autokinos in Rheine ist für den Ostersamstag geplant.

Er will mit seinen Autokino-Projekten nicht auf Wiesen gehen, weil er nicht abschätzen könne, ob in zwei Wochen das Wetter immer noch so gut sei. "Ich will vermeiden, dass sich die Menschen da festfahren", erklärt Paffrath. Die Flächen sollen mindestens befestigt und idealerweise über eine Straße erreichbar sein. Da sei bei ihnen in der Ecke in Nordrhein-Westfalen gar nicht so einfach. Für 150 Autos brauche es schon 7.000 Quadratmeter, um die Logistik zu gewährleisten. Die Erlaubnis für das Autokino in Rheine erfragten sie noch in der zuständigen Gemeinde. Da müssten viele Behörden zusammenspielen. "Es dauert zwar immer ein paar Tage, aber meines Erachtens klappt das erstaunlich gut", sagt er, der bei seinen Projekten auf den Verkauf von Getränken und Snacks aufgrund der Sicherheit verzichten will. Die Resonanz der Menschen auf die Ankündigung des Autokinos sei überwältigend. Als kleines Beispiel nennt Paffrath den ersten Teaser, den sie vor drei Tagen auf Facebook gepostet haben. 12.000 Menschen habe er jetzt so schon erreicht. Er geht davon aus, dass Cinetech auch nach der Überwindung der Corona-Pandemie zukünftig mal wieder Autokino machen wird. Er habe immer schon mit dem Gedanken gespielt, dieses "schöne Nostalgie-Kino" wiederzubeleben.

Auch der Geschäftsführer der Cineplex Deutschland GmbH, Kim Koch, hat mit seinen Gesellschaftern gleich mehrere Projekte angestoßen. Definitiv wird es ein Autokino in Lippstadt geben. Die Kollegen in Paderborn, Münster, Aachen und Warburg seien bei der Planung. Auch in Ulm ist eines geplant. Ein Kollege aus Bayern würde auch gerne, wobei dort die Behörden grundsätzlich noch keine Autokinos zulassen. Aber wer weiß. Die Gesamtregelung für das Bundesland Nordrhein-Westfalen ist eine ganz frische Sache. Vielleicht schließen sich noch andere Bundesländer an.

Interessant ist auch, wer in diesen Zeiten jetzt alles den Kontakt zu Koch und Cineplex sucht. "Wir werden aktuell von relativ vielen Unternehmen und Institutionen kontaktiert, ob wir nicht in ihrer Kommune ein Autokino betreiben wollen", erzählt Koch. Die Situation rufe offenbar viele auf den Plan, die gar keine Kinobetreiber seien, sondern das für sich als neues Geschäftsmodell entdeckten. Zum Beispiel habe sich eine Design-Agentur aus Hamburg gemeldet, die Automobilkunden besitzt und deshalb jetzt gerne auch ein Autokino betreiben wolle. Sie wüssten nicht, wie das gehe, ob Cineplex da unterstützen könne. Auch die Stadt Rüsselsheim würde ihren Bürgern gerne ein Autokino anbieten und habe sich in der Angelegenheit an Koch gewandt. Ein medientechnischer Dienstleister für Opel, BMW und Mercedes überlege, ob er ein Autokino auf Werksparkplätzen ins Leben rufe.

Den meisten sei dabei nicht klar, was für logistische Weichen im Vorfeld gestellt werden müssten wie zum Beispiel die Beschaffung der Filme bei den Verleihern, ein Gerät, um den Filmton auf UKW-Frequenz ins Autoradio übertragen zu können oder ein Online-Ticketing-System. "Wir von Cineplex Deutschland werden diese Anfragen tendenziell nicht machen", sagt Koch, der sich eher vorstellen kann, beratend zur Seite zu stehen, den Schwerpunkt aber lieber auf die eigenen Projekte legt. "Meine Cineplex-Gesellschafter können das problemlos bei sich in der Region machen, weil dafür im Grunde genommen alles zur Verfügung steht, was sie an Technik brauchen." Koch berichtet von der Firma marja group GmbH in Niedersachsen, die Open-Air-Kinoveranstaltungen ausstattet. "Vorgestern hatte der Geschäftsführer Alexander Thye noch vier oder fünf Anlagen. Die sind meines Erachtens alle weg. Der hatte auch die entsprechende Transponder, die man für den Ton benötigt", sagt Koch.

"Ich habe ja ehrlicherweise nicht so große Hoffnungen, dass die Bundesregierung nach Ostern die Öffnung der Kinos wieder beschließt. Von daher kann dann das Autokino möglicherweise noch einen längeren Zeitraum die einzige Möglichkeit sein, wie man Filme auf einer großen Leinwand anschauen kann", schätzt Koch die aktuelle Lage ein. Auf der Facebook-Seite vom Cineplex Münster werben sie für das Autokino augenzwinkernd mit dem Spruch "Methadon-Programm für Kino-Junkies". Und was sind die nachgefragten Filme, welche die Menschen gerne auf der Leinwand sehen wollen? "Das ist echt lustig: Die wollen "Dirty Dancing" und "Saturday Night Fever" sehen, vor allem aber wollen sie leichte Kost haben. Zu Ostern würde natürlich auch gut "Ben Hur" passen. So ein Wagenrennen im Autokino wäre natürlich auch was Schönes", schwärmt Koch. Sein Geschäftsführer im Cineplex Münster, Ansgar Esch, hat angekündigt, aufgrund der Nachfrage auch Klassiker wie "Pulp Fiction" und die Ruhrpott-Variante von "Pulp Fiction", nämlich "Bang Boom Bang", zu zeigen. Es wird auf jeden Fall so langsam unübersichtlich, wo überall Autokinos aus dem Boden schießen. In der stillstehenden und gelähmten Zeit der Corona-Pandemie ist das aber eigentlich ein ziemlich gutes Gefühl und ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Branche.

Michael Müller