Kino

"Politisch waren wir immer"

Der Festakt zum 40-jährigen Jubiläum der AG DOK steht auch im Zeichen eines Wechsels an der Spitze. Wir sprachen mit Thomas Frickel über die Bedeutung des Dokumentarfilms und das Ringen darum, ihm mehr Anerkennung und Unterstützung zu sichern.

26.02.2020 10:42 • von Marc Mensch
Thomas Frickel (Bild: Dirk Ostermeier)

Wenn die AG DOK zu ihrem morgigen Empfang lädt, gilt es nicht nur, auf vier Jahrzehnte erfolgreicher Verbandsarbeit zurückzublicken, sondern auch auf die 34 Jahre, die diese unter der Führung von Thomas Frickel stattfand. Wir sprachen mit dem scheidenden Vorsitzenden und Geschäftsführer.

BLICKPUNKT: FILM: Herzlichen Glückwunsch zu 40 Jahren AG DOK! Gleichzeitig verabschieden Sie sich nach 34 Jahren aus der aktiven Verbandsführung. Lassen wir diese Zeit Revue passieren...

THOMAS FRICKEL: Die AG DOK-Gründung 1980 fiel in eine Zeit, als sich im Jahr zuvor in Hamburg gerade das erste Filmbüro konstituiert und die Forderung nach selbst verwalteter Filmförderung erhoben hatte. Ein Jahr später folgte das Filmbüro Nordrhein-Westfalen. Schon im Frühjahr des gleichen Jahres hatte sich die "Bundesvereinigung des deutschen Films" gegründet, die Alexander Kluge ausdrücklich als kulturellen Gegenpol zur SPIO sah. Und seit 1979 gab es den "Verband der Filmarbeiterinnen", aus dessen Umfeld in der Folgezeit einige Aktivistinnen auch zur AG DOK stießen. Für Dokumentarfilmschaffende war das also eine sehr bewegte Zeit. Fast alle 80 Gründungsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm drehten politische Filme - zum Beispiel über Arbeitskämpfe mit Titeln wie Rote Fahnen sieht man besser - das Bundesarchiv hat daraus viel später mal eine Retrospektive unter dem Motto "Rote Filme sieht man besser" zusammengestellt. Ein anderes Projekt, an dem ich damals selbst beteiligt war, hieß Keine Startbahn West - Eine Region wehrt sich - da ging es um den Protest gegen die Erweiterung des Frankfurter Flughafens. Die Filme entstanden aus den Bewegungen heraus und waren für sie gemacht. Dabei waren die Mitglieder politisch gar nicht unbedingt alle auf der gleichen Wellenlänge. Da gab es anfangs auch interne Konflikte.

BF: Gehörten Sie zu den Gründungsmitgliedern?

FRICKEL: Nein, aber ich kam im ersten Jahr dazu. 15 Unterzeichner der Gründungserklärung sind heute noch dabei, andere, wie Klaus Wildenhahn oder Karl Baumgartner leben leider nicht mehr. Der Verein befolgte damals einen strikten Regional-Proporz, der auch gleichzeitig ein politischer Proporz war. Jede Region hatte zwei Vorstände, d.h. den Verein mit 80 Indianern führten zwölf Häuptlinge an. Und zum Teil wurde dort erbittert gestritten.

BF: Wie waren die Anfänge des Verbandes?

FRICKEL: Natürlich gab es die Forderungen nach Mitsprache bei der Besetzung von Fördergremien und Kritik am Fernsehen. Im Mittelpunkt stand aber die Forderung nach einer "lebendigen Dokumentarfilmkultur". Immer wieder gab es Solidaritätsbekundungen mit diversen Streikbewegungen - und ganz wichtig war natürlich der Protest gegen alle Versuche, das dokumentarische Filmschaffen zu reglementieren oder zu zensieren. Politisch waren wir immer.

BF: Was stand denn in der "Duisburger Gründungserklärung" der AG DOK?

FRICKEL: Vieles, was auch heute noch aktuell ist. Zum Beispiel die Forderung, dass dokumentarische Arbeit nach Aufwand bezahlt werden muss. Und dass wir vom Fernsehen mehr als nur bebilderten Journalismus erwarten können.

BF: Was haben Sie in den vergangenen Jahrzehnten erreicht?

FRICKEL: Wir waren, glaube ich, in vieler Hinsicht Wegbereiter für filmkulturelle Forderungen - zum Beispiel auch gegenüber der FFA, die ja anfangs gar nichts mit Dokumentarfilmen am Hut hatte. "Keine Aussicht auf wirtschaftliche Auswertung im Kino" - das war dort lange Zeit die standardisierte Ablehnungsbegründung von Förderanträgen. Dabei gab es damals schon erfolgreiche Filme wie Clemens Kubys "Das alte Ladakh" mit fast 100.000 Zuschauern, der die Ablehnung Lügen strafte. Ein anderes Feld war die Sichtbarmachung deutscher Dokumentarfilme auf internationalem Parkett. In den 1990er Jahren formierten sich erste Kooperationen auf europäischer Ebene. Daraus resultierte die Notwendigkeit, den deutschen Dokumentarfilm auch international zu präsentieren. In Marseille wurde der Film-Markt "Sunny Side of the Docs" gegründet, der später nach La Rochelle umzog und wir haben mit unseren bescheidenen Eigenmitteln unsere erste Teilnahme dort finanziert. Die damalige Export-Union des deutschen Films wollte uns nicht unterstützen, und das zuständige Filmreferat im Wirtschaftsministerium anfangs auch nicht. Das hat sich dank unserer Hartnäckigkeit später geändert, aber es dauerte neun Jahre, bis sich die Exportunion aufgelöst hat und mit German Films ein neuer Anfang gemacht wurde. Dort sind wir ja heute Gesellschafter und halten zehn Prozent der Geschäftsanteile.

BF: Aber auf Festivals wie der Berlinale ist der Dokumentarfilm doch schon immer gut vertreten.

FRICKEL: Das stimmt natürlich für Sektionen wie das Forum oder das Panorama - aber ein Selbstläufer war das auch nicht. Als wir 1998 zum ersten Mal einen Messestand auf dem Europäischen Filmmarkt haben wollten, hat de Hadeln das abgelehnt. In einer Spontanaktion haben wir unsere Kataloge dann aus Bauchläden heraus auf dem EFM verteilt. Als unser Anliegen ein Jahr später noch einmal abgelehnt wurde, haben wir vor einem Berliner Amtsgericht eine Einstweilige Verfügung gegen die Berlinale beantragt. Seitdem hat unser Label "German Documentaries" einen eigenen Stand auf dem EFM. Heute scheint uns das eigentlich unvorstellbar - aber alles musste erkämpft werden, freiwillig wurde kein Millimeter geräumt.

BF: Welche Forderungen waren Ihnen wichtig - und sind es noch?

FRICKEL: Filmpolitisch wichtig war uns immer, dass der kulturelle Aspekt nicht unter die Räder kommt. Zum Beispiel das sogenannte nicht gewerbliche Abspiel im FFG, denn auf diesem Weg erreichen viele Dokumentarfilme ihr Publikum. Eine andere Forderung an das FFG ist nach wie vor die nach einer kuratierten Begleitung dieser Filme in den Kinos. Wenn es dafür besondere Förder-Programme für Kurzfilm oder Kinderfilm gibt, muss das auch für den Dokumentarfilm gelten. Nur bei vielen Forderungen an das Fernsehen treten wir leider immer noch auf der Stelle. Wir sind der Meinung, dass das mit Milliardenbeträgen finanzierte System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seinen Auftrag nur unzureichend wahrnimmt und die Medienpolitik traut sich offenbar nicht, dazu endlich einmal klare Vorgaben zu machen. Dass das verfassungsrechtlich möglich ist, hat erst im letzten Jahr ein von uns beauftragtes Gutachten nachgewiesen. Schon in der Gründungserklärung der AG DOK stand: Das Fernsehen hat den Dokumentarfilm zum bebildertem Journalismus degradiert. Das gilt immer noch. Es sollte nicht nur zwölf, sondern 52 lange Sendeplätze in der ARD geben. Und bei den aktuellen Gagenverhandlungen sind die Angebote der ARD immer noch meilenweit von wirklicher Angemessenheit entfernt.

BF: Was haben Sie persönlich erreicht?

FRICKEL: Das können andere wahrscheinlich besser beurteilen. Aber Fakt ist schon, dass der Dokumentarfilm heute in der Filmpolitik ganz anders wahrgenommen wird als noch vor 40 Jahren. Heute gibt es in Deutschland vielfältige und sehr gute Fördermöglichkeiten für das Genre, eine gute Regelung zur Referenzförderung zum Beispiel, eine eigene Filmpreiskategorie und zwei zusätzliche Nominierungen. Diese Errungenschaften sind ja alle nicht vom Himmel gefallen. Ich weiß noch, dass der frühere SPIO-Präsident Steffen Kuchenreuther mal zu mir sagte: "Herr Frickel, Sie nerven." Da wusste ich, ich habe etwas richtig gemacht. Und wenn sich die Mitgliederzahl von anfänglich 80 trotz einer wirtschaftlich bedingten starken Fluktuation inzwischen auf rund 950 gesteigert hat, dann zeigt das ja auch, dass nicht alles falsch gewesen sein kann. Wir sind der größte Verband im Bereich unabhängige Filmkultur und beanspruchen, die Stimme der Dokumentarfilm-Branche zu sein.

BF: Sie waren immer Vorsitzender und Geschäftsführer zugleich. Wie geht es jetzt weiter im Verband?

FRICKEL: Ich halte es für wichtig, dass die Leute, die den Verband vertreten, auch weiterhin das tun, wovon sie reden. Das schafft in politischen Gesprächen einen ganz anderen Zugang als ein bezahlter Geschäftsführer ihn hätte. Meine Nachfolge wird die Wahl bei der Mitgliederversammlung am 27.2. klären. Das Jubiläum ist ja eine gute Gelegenheit für einen Aufbruch. Aber das heißt nicht, dass ich von heute auf morgen völlig aus der Branche verschwinden werde.

BF: Gibt es besondere Aktivitäten oder neue Aktionen im Jubiläumsjahr?

FRICKEL: Neu ist eine Social-Media-Kampagne, die von der FFA mit 30.000 Euro gefördert wurde - eine Art generische Kampagne für das Dokumentarische im Kino. Beim DokFest München, das ja mal aus der AG DOK heraus gegründet wurde, wird es ebenso wie bei den Festivals in Kassel, Leipzig und Duisburg besondere Jubiläums-Aktivitäten geben, die Berliner Aktivitäten sind also nur der Auftakt zum Jubiläumsjahr. Und ich hoffe natürlich, dass die AG DOK die Fachwelt auch weiterhin mit unkonventionellen Ideen überrascht - das war ja schon immer unser Markenzeichen. Ich erinnere nur an den Vorschlag, einen Teil der Haushaltsabgabe im Interesse öffentlich-rechtlicher Vielfaltssicherung direkt an frei produzierte Internetprojekte, Filme, aber auch Podcasts oder Plattformen wie Wikipedia zu vergeben, die ja eine unbestrittene öffentlich-rechtliche Qualität haben. In der FFG-Diskussion werden wir darauf achten, dass die kulturellen Aspekte nicht noch weiter in den Hintergrund gedrängt werden, als es durch die neuen Förderleitlinien sowieso schon geschehen ist.

BF: Ihr Fazit zum Jubiläum?

FRICKEL: Im 40. Jahr unseres Bestehens sind wir in vielen Bereichen dort angekommen, wo wir 1980 hinwollten. Der Verband wird gehört und ernst genommen und hat auch im politischen Bereich Freunde. Man weiß, das sind Enthusiasten, die brennen für ihre Ideen und streiten für das, was sie gut finden.

BF: Wie wichtig ist der Dokumentarfilm heute?

FRICKEL: In Zeiten von Fake News ist er gesellschaftspolitisch immens wichtig, um die Polarisierung unserer Gesellschaft zu überwinden, um Verständnis zu wecken für andere Kulturen und Lebensentwürfe. Dazu gehört der unverstellte Blick auf die Wirklichkeit, Sympathie für die Menschen, die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen und notfalls auch das Film-Konzept zu ändern. Wir sollten den Menschen ihre Sprache lassen und sie nicht mit besserwisserischen Kommentaren zuquatschen. Aber die gesellschaftliche Bedeutung des Genres spiegelt sich leider nicht in der Bezahlung. Nach wie vor gilt: Dokumentarfilmschaffende sind die Parias der Medienbranche, sie sind am schlechtesten bezahlt - da gibt es die Deckelung von Gagen im FFG und Fernseh-Honorare hart an der Grenze zum Mindestlohn - es bleibt also noch viel zu tun.

Das Gespräch führte Marga Boehle