Kino

Flare Film: Durchstarten in 2020

Mit gleich drei Filmen ist die Berliner Flare Film auf der Berlinale vertreten. Und hat Großes vor in diesem Jahr: Mit "Bestattung eines Hundes" steht die erste Serie auf dem Programm.

26.02.2020 06:59 • von Thomas Schultze
"One of These Days" ist einer von drei Flare-Filmen auf der Berlinale (Bild: Berlinale)

Das Jahr mag noch jung sein, aber jetzt schon steht fest, dass 2020 ereignisreich sein wird für Flare Film, die seit 2017 unter diesem Namen firmierende Berliner Produktionsfirma von Martin Heisler, die mittlerweile auf zehn Mitarbeiter angewachsen ist. Gleich drei neue Produktionen präsentiert die Firma auf der Berlinale, "One of These Days" von Bastian Günther im Panorama, Walchensee Forever" von Janna Ji Wonders in der Perspektive Deutsches Kino und Kids Run" von Barbara Ott als Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino. "Es sind drei extrem unterschiedliche Filme, bei denen auch produzentisch jeweils sehr unterschiedliche Herangehensweisen nötig waren", erklärt Martin Heisler. "In allen drei Fällen ist es sehr wichtig für uns, die Berlinale als Plattform nutzen zu können. In Deutschland ist sie das größte Schaufenster, um die maximale Aufmerksamkeit für unsere Filme erzielen zu können."

Bei "Walchensee Forever", der gerade den Bayerischen Filmpreis gewonnen hat, handelt es sich um einen persönlichen Dokumentarfilm. Janna Ji Wonders hatte für dieses Projekt den Treatmentpreis der Perspektive Deutsches Kino gewonnen. "Das war im Prinzip auch der Startschuss für das Projekt", sagt Heisler. "Zum einen konnte sie mit dem Preisgeld weiter an dem Drehbuch arbeiten. Zum anderen saß ich damals in der Jury, so kamen wir in Kontakt mit Janna und zu diesem schönen Projekt." Mit der in Leipzig ansässigen Deckert Distribution ist ein engagierter Weltvertrieb am Start; Farbfilm ist deutscher Verleih und wird "Walchensee Forever" voaussichtlich im Spätsommer ins Kino bringen. Bei Flare Film hat Katharina Bergfeld den Film betreut. Die beiden Fictionstoffe von Flare auf der Berlinale weisen jeweils ganz eigene Charakteristika auf: Barbara Otts Film "Kids Run"ist ein deutscher Film, in Deutschland entstanden, während Bastian Günthers Film zwar auch eine deutsche Produktion ist, aber komplett in den USA spielt, eine amerikanische Geschichte erzählt und entsprechend in englischer Sprache gedreht wurde. "One of These Days" hatte die längste Genese der drei Filme. Insgesamt wurde sieben Jahre daran gearbeitet. "Das ist die bislang komplexeste Fiction-Produktion meines Lebens", gesteht Heisler, der den Film nach der Berlinale in den USA erstmals auf dem SXSW Festival in Austin vorstellen wird. "Für uns ist das die perfekte Kombination, besser können wir diesen sehr besonderen Film nicht in die Welt tragen." Als Sales-Agenturen werden Match Factory und CAA "One of These Days" in einer Art Joint-Venture verkaufen. Ebenso erhofft sich Heisler von "Kids Run" mit Jannis Niewöhner einen optimalen Aufschlag als Eröffnungsfilm der Perspektive: "Eine besondere Ehre! Barbara Ott gewann mit ihrem 30-minütigen Abschlussfilm "Sunny" fast alle wichtigen Nachwuchspreise der Republik." Produziert wurde "Kids Run" bei Flare von Gabriele Simon. "Es ist ein außergewöhnliches Debüt mit internationalem Look von einem der absolut größten Regietalente der Nation. Wir hoffen natürlich, von der Popularität von Jannis Niewöhner zu profitieren und mit seiner Fanbase arbeiten zu können."

Gleichwohl gilt für Flare Film besonders der Blick nach vorn. Mit der Adaption des Romans Bestattung eines Hundes" von Thomas Pletzinger wird die Firma erstmals eine Serie realisieren. "Den Roman haben wir bereits 2015 optioniert, schon damals fanden Thomas und ich sehr schnell, dass sich die Geschichte wohl am besten als Serie umsetzen ließe." Die beiden Drehbuchautoren Hanno Hackfort und Bob Konrad von der Autorengruppe HaRiBo, auf deren Konto Hits wie 4 Blocks" und You Are Wanted" geht, kamen zu einem frühen Zeitpunkt an Bord, um mit Pletzinger die Bücher umzusetzen - noch bevor der Hype um deutsche Serien so richtig losging. "Tatsächlich haben wir den Stoff ziemlich lange unter dem Radar entwickelt", verrät Martin Heisler. "Wir wollten wirklich erst einmal austesten, ob das, was wir vorhaben, wirklich funktionieren kann. In meiner Beobachtung machen wir mit der Serie etwas, das ein wenig anders ist - ich nenne es eine ,psychologische Beziehungsserie' und sehe Parallelen zu Serien wie "The Affair" oder "Big Little Lies", die ihre Handlung auch primär aus den Figuren entwickeln." In jedem Fall war das Projekt so spannend, dass sehr schnell Sky als Senderpartner gewonnen werden konnte. "Das ist eine echte Liebeshochzeit", betont Heisler. "Ich habe selten so konstruktive und ausschließlich an der Sache orientierte Stoff- und Produktionsmeetings gehabt. Eine coole Zusammenarbeit, die richtig Spaß macht."

Ungewöhnliche Stoffe verlangen nach ungewöhnlicher Umsetzung. Überraschend ist jedenfalls die Kombination, dass "Bestattung eines Hundes" von Barbara Albert und David Dietl inszeniert wird. "Von ihrer Regiebiographie her wirkt es wie zwei Pole", erzählt Heisler. "Eine renommierte Arthouse-Regisseurin und Professorin an der Filmuniversität Potsdam auf der einen, ein aufstrebender, eher kommerziell orientierter Filmemacher auf der anderen Seite. Aber es ist eine sehr harmonische Arbeit, die beiden ergänzen sich wunderbar. David, mit dem wir 2019 den Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" gemacht haben, war zuerst an Bord, gerade weil er Lust darauf hatte, etwas völlig Neues zu machen." Weil auch früh feststand, dass ein Regisseur allein das Pensum mit einem ambitionierten Dreh am Luganer See, in München, Berlin, Finnland, New York und Kolumbien nicht stemmen könnte, suchte man nach einer komplementären Mitstreiter*in. "Barbara erschien uns allen als eine spannende Wahl. Und auch bei ihr die Begeisterung für den Stoff der Grund, warum sie mit dabei sein wollte." Der Dreh wird vom Juli bis März nächsten Jahres stattfinden. Im Herbst 2021 soll die Ausstrahlung bei Sky erfolgen.

Zudem ist eine ganze Reihe weiterer Stoffe bei Flare in Arbeit, unter anderem auch weitere Serien, die allerdings noch nicht spruchreif sind. Der Dokumentarfilm Glitzer & Staub" von Anna Koch und Julia Lemke hatte im Januar Premiere auf dem Max Ophüls Festival. Kurz vor Picture-Lock steht der hybride Kinofilm mit dem Arbeitstitel "The Way We Were" von Marten Persiel (This Ain't California"). Ebenfalls in der Fertigstellung sind Nö" von Anna und Dietrich Brüggemann sowie Räuberhände" von Ilker Catak (Es gilt das gesprochene Wort"). Der Kinofilm "Glück" von Henrika Kull ist grade in diesen Tagen abgedreht worden. Der Dreh des TV-Movie "Liebe eines Lebens" für den WDR unter der Regie von Till Endemann und nach einem Buch von Paul Salisbury ("Atlas") soll noch in diesem Jahr starten.

Thomas Schultze