Produktion

"Herstory": Die Gretchen-Antwort

Mit dem feministischen Kollektiv r.O.K.S. wollen die Filmemacherinnen Laura Laabs, Kerstin Polte, Isabell Suba und Lilli Tautfest in enger Zusammenarbeit fiktionale Inhalte entwickeln, die gängige Figurenklischees "flambieren". Erstes Projekt ist die Anthologie-Serie "Herstory".

19.02.2020 07:54 • von Barbara Schuster
r.O.K.S. besteht aus (v.l.): Lilli Tautfest, Isabell Suba, Laura Laabs und Kerstin Polte (Bild: Carlos Vasquez)

Mit dem feministischen Kollektiv r.O.K.S. wollen die Filmemacherinnen Laura Laabs, Kerstin Polte, Isabell Suba und Lilli Tautfest in enger Zusammenarbeit fiktionale Inhalte entwickeln, die gängige Figurenklischees "flambieren".

Der Name ist nämlich Programm: r.O.K.S. leitet sich von einem sowjetischen Flammenwerfer ab, der im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kam. Aktuell arbeitet die Truppe bereits an einer Anthologie-Serie, die Pantaleon produziert. Produzentin ist Kristina Löbbert, die zuletzt u.a. die Bestsellerverfilmung Dem Horizont so nah" in die Kinos brachte. Unter dem Titel "Herstory" soll das erzählerische Übel an seinen kulturhistorischen Wurzeln gepackt werden, der deutsche Literaturkanon aus einer anderen Perspektive das Licht der Welt neu erblicken. Denn im Land der Dichter und Denker, so die Filmemacherinnen, präge die Art und Weise, wie literarisch mit Frauen umgegangen wird, unser Rollenbild bis heute. Bei Gretchen & Co wimmele es nur so von MeToo-Momenten: Frauen werden belästigt, begrapscht, geschwängert, verleumdet und vertrieben. Und die wenigsten Frauenfiguren würden das Ende der Geschichte überleben. "Zusammen holen wir die Frauen aus ihren Gräbern und lassen sie als Hauptfiguren wieder auferstehen. Die Vorlagen werden genutzt, um sie über den Haufen zu werfen und daraus neue Geschichten zu spinnen. Erzählt werden bekannte Frauenfiguren deutscher Klassiker, die bisher nur Nebenfiguren waren", erzählt die Frauentruppe.

Der Beginn von r.O.K.S. liegt genau genommen im Mentoringprogramm "Into the Wild", das Isabell Suba (Hanni & Nanni - Mehr als beste Freunde") aus der Taufe gehoben hat. In diesem Rahmen lernte Suba die beiden jungen Kolleginnen Laura Laabs und Lilli Tautfest kennen. Während Tautfest an der Kunsthochschule für Medien Köln mit den Schwerpunkten Filmregie und Drehbuch studierte und mit ihrem mittellangen Spielfilm "Mama Told Me Not to Look Into the Sun" u.a. in Hof vertreten war, machte Laabs ihre Ausbildung an der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg. Ihr Kurzfilm "Enkel der Geschichte" wurde als "Innovativster Kurzfilm" im internationalen Wettbewerb des Festivals Visions du Réel in Nyon geehrt. "Wir haben festgestellt, wie gut wir zusammen funktionieren, und gründeten eine Art Writers Room - die Ideen flogen nur so durch den Raum. Das Arbeiten hat uns super viel Spaß bereitet!", erinnert sich Tautfest. Erste Überlegungen zu "Herstory" folgten und der Wunsch nach weiteren geeigneten Mitstreiterinnen ebenfalls. So stieß die Truppe auf Kerstin Polte, die vergangenes Jahr mit Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?" als beste Nachwuchsregisseurin beim Bayerischen Filmpreis geehrt wurde. "Wir lieben es, im Team gemeinsam Stoffe zu entwickeln. Wir sind wie ein großes Gehirn, das sich Gedanken zuwirft und ausarbeitet. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass wir uns gegenseitig antreiben, bis eine Idee richtig super, auf den Punkt richtig ist", so Lilli Tautfest. Egoprobleme oder Konkurrenzdenken gibt es bei r.O.K.S. nicht. Entgegen eines klassischen Writers Rooms hat im Frauenkollektiv keiner das Sagen: "Wir arbeiten in jeder Phase der Entwicklung gleichberechtigt. Es ist eine gegenseitige Inspiration", so Polte. Nicht nur das harmonische Miteinander zeichnet r.O.K.S. aus. Auch thematisch/politisch befindet sich das Kollektiv auf einer gemeinsamen Wellenlänge: "Wir wollen als Frauen und mit Frauen zusammenarbeiten, um eine andere Darstellung von Frauen in Film und Fernsehen zu erreichen", so Tautfest. Natürlich gebe es mittlerweile eine größere Sensibilität, was die Darstellung von Frauenfiguren im Bewegtbild angeht. "Aber im Großen und Ganzen ist es nach wie vor erschütternd, in welchen Rollenklischees in Film und Fernsehen gearbeitet wird", ertönt es unisono von den vier Filmemacherinnen.

Mit "Herstory" soll nun als erstes Gemeinschaftsprojekt Kritik am kulturhistorischen, patriarchalisch geprägtem Erbe auf der Grundlage des erwähnten Literaturkanons geübt werden. "In den allseits bekannten Werken, die nach wie vor zum Schulunterricht gehören, werden die Frauen ganz oft für jeden Versuch, sich selbst zu behaupten, vom Narrativ abgestraft. Das wollen wir umbiegen, und die Geschichten in fast schon utopischen Neuentwürfen in einer nahen Zukunft neu erzählen", so die Filmemacherinnen. Die erste Staffel der Anthologie-Serie umfasst sieben berühmte Vorlagen: "Faust", "Die Räuber", "Die Verwandlung", "Kabale und Liebe", "Woyzeck", "Der zerbrochene Krug" und "Traumnovelle". Bei der Zeichnung der Frauenfiguren kommt es den r.O.K.S.-Mitgliedern nicht darauf an, nur Heldinnengeschichten zu präsentieren. "Ganz und gar nicht: Frauen dürfen auch Täterinnen, dürfen auch Anti-Heldinnen sein", so Polte. Dabei hat das Kollektiv versucht, den Werken in gewisser Art und Weise treu zu bleiben. "Wir wollten sie nicht zerschmettern", so Polte - trotz aller Flammenwerfer-Allegorie. Die Aussage der jeweiligen Klassiker sollte beibehalten, der Umgang mit dem Universum und den Figuren jedoch ein spielerischer werden.

Gemeinsam entscheidet das r.o.K.S.-Kollektiv die Herangehensweise, mit der man die jeweiligen Rollenklischees offenlegen und sie umdeuten will. "Jede Vorlage soll so weit gebracht werden, dass jede von uns Lust hätte, sie anschließend auch umzusetzen, sprich das komplette Drehbuch zu schreiben und selbst auch Regie zu führen", so die Filmemacherinnen. Aber die finale Aufteilung soll wirklich auch erst ganz final erfolgen. "Das Besondere, das uns auch als Kraftquelle dient, ist, dass wir die einzelnen Teile der Serie eben auch möglichst lange gemeinsam vorantreiben." Jeder Klassiker wurde bereits in ein anderes Genre verfrachtet, mit einer anderen Tonalität eingefärbt. Der Zugang zu den Frauenfiguren sei ein intersektionaler, es soll durch Milieus, durch Schichten, sexuelle Präferenzen, durch Altersgruppen etc. erzählt werden. "Faust" wurde so zum Roadmovie, "Woyzeck" mehr zum Sozialdrama, "Der zerbrochene Krug" ein Politthriller. Bei manchen Vorlagen wurde die Hauptfigur ausgetauscht, ein "Gender-Change" eingesetzt, wie etwa bei Kafkas "Verwandlung", wo die Geschichte der Schwester weitererzählt wird, die sich ebenfalls in einen Käfer verwandelt, nachdem sie ihren Bruder verscharrt hat. Bei "Faust" erhielten die Frauenfiguren hingegen andere Attribute, andere Charakteristika, Faust wiederum wurde zur Nebenfigur umfunktioniert um "the real story behind" oder "was damals wirklich geschah" zu erzählen.

Das Quartett hat sich jeden Stoff genau angeschaut und darauf geachtet, dass sie nicht alle gleich sind, obwohl sie in einem fiktiven Universum spielen, in dem es durchaus auch Überschneidungen gibt. Mit Blick auf das angestrebte Publikum sei das Serienprojekt alles andere als exklusiv für Frauen. Darum ginge es auch nicht. Genauso wenig wie Goethes "Faust" nur für Männer sei, sei "Herstory", obwohl hier natürlich der weibliche Blick gezeigt wird, nicht nur für Frauen. "Ganz und gar nicht. Männer sollten sich viel öfters auch Filme angucken, in denen komplexe Frauen handeln. Dadurch könnten sie sogar auch den Zugang entwickeln, dass das Gezeigte möglicherweise auch mit ihnen zu tun hat. Die Idee des Feminismus richtet sich ja auch an eine solidarische, gemeinschaftliche gleichheitliche Gesellschaft. In diesem Geiste sehen wir auch unsere Projekte", so Laabs. "Wir sind nicht frustrierte Vetteln, die schimpfen, dass diese ganzen Männerwerke nichts taugen würden. Natürlich sind das alles geniale Stoffe. Deswegen haben wir uns mit ihnen auch intensiv auseinandergesetzt. Uns sind die Stärken der Stoffe und die existentiellen Menschheitsfragen, die darin gestellt werden, bewusst", merkt Isabell Suba an. Und unterstreicht: "Aber wir glauben, dass es nichts schadet, die Blickweise auf sie ein wenig zu verschieben, um sie noch wertvoller für uns heute zu machen."

Den genauen Fahrplan von "Herstory" offenzulegen, sei noch zu früh. Kristina Löbbert strebt an, neue Bündnisse in der Finanzierung anzustreben und eventuell Partner zusammenzubringen, die sonst nicht unbedingt zusammenarbeiten. Hinsichtlich des Budgets einer Serie, die auf diesen großen Literaturstoffen basiert und ausgefallene, aufwändige Locations in einer nahen Zukunft kreiert, will r.O.K.S. nicht zurückstecken. "Wir hoffen, dass unser Budget nicht aufgrund des Frauenaspekts kleingehalten und geringer wird, als bei einem Serienstoff mit und von Männern geriebenen Geschichten. Das ist in der Branche ja immer noch ein Fakt, dass Projekte mit Männern höhere Budgets erhalten - auch wenn es mehr Bemühungen und eine größere Offenheit gegenüber der Gleichstellung von Frauen in der Branche gibt. Aber bis die Mauern wirklich niedergerissen sind, wird das noch dauern", so die Filmemacherinnen. Dieses Jahr ist auf alle Fälle für die Entwicklung und Drehbucharbeit reserviert, Drehstart von "Herstory" soll dann frühestens 2021 sein.

Neben "Herstory" sitzt r.O.K.S. auch an anderen gemeinsamen Projekten. "Wir sind keine Funktionsgemeinschaft, die sich nur zusammengetan hat, um Geld zu verdienen. Uns geht es um die Stoffe, um die Solidarität unter Frauen. Diese Solidarität, dieses Bandenbilden und Bündnisseschließen, ist etwas, was Frauen machen sollen oder auch machen müssen. Das ist längst überfällig, um mit einer anderen Stimme auftreten zu können, um Ideen und Stoffe und Erzählansätze auch durchzusetzen", unterstreicht Kerstin Polte.

Barbara Schuster