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Oliver Schütte: "Das Serielle wird immer mehr zum Erzählstandard"

Oliver Schütte ist Autor des Sachbuchs "Die Netflix Revolution". Blickpunkt:Film sprach mit dem Dramaturgen, Dozenten und Produzenten über die Bedeutung des seriellen Erzählens im Streamingzeitalter.

19.02.2020 09:52 • von Jörg Rumbucher
Oliver Schütte studierte Film- und Theaterwissenschaften an der FU Berlin. Seit 1986 arbeitet Schütte als Autor für Film und Fernsehen und seit 1990 als Dramaturg. Für sein erstes Drehbuch "Koan" erhielt er 1988 den Deutschen Drehbuchpreis. 1995 gründete er die Master School Drehbuch, die er bis Ende 2008 geleitet hat. 1995 beginnt seine Lehrtätigkeit im In- und Ausland. Aktuell arbeitet Oliver Schütte als Autor und Berater für Produktionsfirmen bzw. Autoren. Er unterrichtet an internationalen Filmhochschulen. Schütte lebt in Berlin und zeitweise in San Francisco. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie (Bild: Oliver Schütte)

Oliver Schütte ist Autor des Sachbuchs "Die Netflix Revolution". Blickpunkt:Film sprach mit dem Dramaturgen, Dozenten und Produzenten über die Bedeutung des seriellen Erzählens im Streamingzeitalter.

Wie reifte bei Ihnen der Gedanke ein Buch über Entstehung und Entwicklung des Streamingbusiness, so wie es Netflix etabliert hat, zu schreiben?

Es gab zwei Impulse, die mich über die Jahre zu dem Thema hingeführt haben. Der erste liegt schon länger zurück: Ich bin regelmäßig in den USA und frage dann Freunde und Bekannte immer, was man sich aktuell anschauen sollte. Zur Jahrtausendwende lautete die Antwort: Da gibt es so eine spannende Serie mit einem Mafiaboss, der regelmäßig zur Therapie fährt. Die "Sopranos" habe ich mir damals sofort in einer Videothek ausgeliehen und dann stets mehrere Folgen am Stück angeschaut, auch wenn es den Begriff "Binge-Watching" noch gar nicht gab. Natürlich fand ich die Serie fantastisch. In der Folgezeit stieß ich auf Serien wie "Sex and the City" und einige andere und ich begann mir Fragen zu stellen: Wie kann es zu solchen Qualitätsserien kommen? Welche Figuren sehen wir eigentlich? Auf Basis welcher Dramaturgie entstehen sie? Also inhaltliche Aspekte. Dann kam später der zweite Impuls hinzu: Gibt es auch wirtschaftliche und technologische Grundlagen, die Quality-TV erst ermöglicht haben? Mir war von Anfang an klar, dass das Buch "Die Netflix Revolution" heißen würde, weil inzwischen sehr viele Menschen ein Abo für diesen Streamer besitzen, und weil der Name dieses Unternehmens für eine Entwicklung steht. Ich denke, dass ein allgemeines Interesse daran besteht, wie sich insbesondere die Serien-Rezeption in den letzten Jahren verändert hat, und wie sie sich weiter verändern könnte.

Der Begriff "Revolution" steht für das Kollabieren von Staaten und Institutionen, die häufig gewaltsam zum Einsturz gebracht werden, um eine neue Ordnung zu etablieren. Inwiefern ist Netflix revolutionär?

Bei einer Revolution muss nicht zwingend Blut fließen. Ich selbst habe 1989 in West-Berlin eine hautnah miterlebt, die völlig friedlich verlief. Das Interessante an solchen Ereignissen ist, dass man während solcher aufregenden Geschehnisse zwar den Eindruck gewinnt, dass etwas Dramatisches passiert. Doch man kann zu diesem Zeitpunkt noch keine historische Betrachtung vornehmen, weil alles im Fluss ist. Erst recht bei Veränderungen in der Medienrezeption, die ja nicht innerhalb weniger Tage oder Wochen stattfinden, sondern über einen längeren Zeitraum. Die Disruption, die Netflix im Besonderen und das Streaminggeschäft im Allgemeinen bereits ausgelöst haben, sind so substanziell, weil Altes radikal beiseitegeschoben wird. Wir sehen heute schon, dass die Art und Weise wie Geschichten erzählt und wie sie verbreitet werden, großen Veränderungen unterliegen. Von daher halte ich den Begriff "Revolution" für angemessen, auch wenn diese nicht nur durch eine einzelne Firma verantwortet wird.

Warum ist das Aufblühen des SVoD-Geschäftsmodells ohne das serielle Erzählen kaum denkbar?

Fürs Fernsehen war die Serie schon immer das perfekte Erzählmodell, auch für das lineare TV. Aufmerksamkeit für ein Einzelstück zu erzeugen, ist aufwendiger und letztlich weniger nachhaltig. Der 90-Minüter verpufft in der Wahrnehmung relativ schnell und strahlt wenig auf die Marke ab. Vor allem bringt er mich kaum dazu, zwingend am nächsten Tag wieder einzuschalten. Dem gegenüber ist eine Serie markenbildend und bindet Zuschauer über einen längeren Zeitraum. Vor dem Aufkommen der Streamer war die deutsche Vorliebe für das Einzelstück kaum problematisch. Doch jetzt gerät dieses Geschäftsmodell unter Druck. Nicht nur, weil Netflix und alle anderen Serien en masse produzieren, sondern weil sie diese meist auch auf einen Schwung veröffentlichen. Obwohl schon unter den Bedingungen der DVD möglich, hat sich erst mit dem gleichzeitigen Veröffentlichen aller Folgen einer Staffel die Binge Watching-Rezeption etabliert. Die Abkehr von der wöchentlichen Ausstrahlung halte ich für ein wichtiges Merkmal der Netflix-Revolution. Und, worauf nur selten hingewiesen wird: Die Streamer ermöglichen ihren Kunden, immer bei der ersten Folge anfangen zu können. Das klingt banal, aber früher war es so, dass man eine linear ausgestrahlte Serie empfohlen bekam, während sie bereits lief. Dann hatte man vielleicht die ersten beiden Folgen verpasst und musste mittendrin einsteigen. Das wiederum war ein Grund, weshalb unter den Bedingungen des linearen Fernsehens nur selten horizontal erzählt wurde. Serien-Highlights wie "Berlin Alexanderplatz" von Rainer-Werner Fassbinder und "Heimat" von Edgar Reitz waren sehr seltene Ausnahmen. Die forcierte Anwendung übergreifender Erzählbögen ist ebenfalls ein zentrales Merkmal dieser Revolution, weil somit die romanhafte Erzählung ins Audiovisuelle übertragen wurde. Das hat unser Sehen stark verändert und ich bin der Überzeugung, dass das Serielle immer mehr zum Erzählstandard wird. Unabhängig, ob eine Miniserie acht Stunden dauert oder eine Serie 56 Stunden umfasst. Das Einzelstück, das ja eine deutsche Besonderheit ist, wird nicht aussterben; "Tatort" und andere Fernsehfilme gibt's vielleicht auch in zehn Jahren noch, aber das Erzählmodell der Zukunft fußt auf der Serie.

Wir besitzen so viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Wundert es Sie nicht manchmal, dass sich SVoD-Kunden so viel Zeit für Serien nehmen? In Zeiten ständiger Selbstoptimierung ist dies doch extrem ineffizient?

Für viele Menschen sind Streamer und ihre Serien noch neu und aufregend. Wir alle besitzen die Neugier eines kleinen Kindes, das mit dem zu Weihnachten geschenktem Spielzeug spielt. Der ausufernde Serienkonsum wird sich nivellieren. Vor allem wenn ich verstanden habe, dass mir das Spielzeug nicht mehr weggenommen wird. Ob ich mehrere Abos für SVoD-Portale habe, zwischen denen ich ständig wechsle, oder Anbieter immer wieder kündige und neu abonniere: Ich weiß, dass ich "House of Cards" in zehn Jahren noch sehen kann. Der Druck, möglichst viele Inhalte möglichst sofort sehen zu müssen, wird sich entspannen. Aber es wird nicht dazu kommen, dass das Erzählmodell Serie wieder verschwindet. Schon wegen der ökonomischen Logik: Netflix und alle anderen wollen uns nicht für 90 Minuten binden, sondern für 20 Stunden und länger. Deswegen sagt ein Mann wie Netflix-Chef Reed Hastings, dass er weniger gegen Mitbewerber kämpft, sondern vielmehr um die Zeit des Endverbrauchers.

Sie betonen die Bindekraft des seriellen Erzählens. Gerade Netflix setzt viele Produktionen zugunsten neuer Serien nach der ersten Staffel humorlos wieder ab ...

Ja, damit wird Zuschauern suggeriert, dass es Monat für Monat Neues zu entdecken gibt und der Eindruck erweckt kann: Für mich wird schon etwas Passendes dabei sein. Ebenso dürfte dieser Output mit Neukunden-Akquise zu tun haben. Früher hatte man über das Angebot einen guten Überblick, vor allem in Zeiten, da es nur sehr wenige Fernsehsender gab. Jetzt hört man immer öfter wie Menschen stöhnen, nicht alle neuen Serien sehen zu können. Weil immer mehr Player immer mehr Inhalte produzieren. Und wir haben diesen Druck: Die neueste Serie sollte ich kennen, zumindest sollte ich mal reingeschaut haben. Das wird sich radikal ändern. So, wie es längst der Fall ist, wenn ich eine große Thalia- oder Hugendubel-Buchhandlung besuche: Dort habe ich auch nicht das Gefühl, ich müsste jedes Buch in die Hand nehmen. Ich suche nach einem einzelnen Titel. Oder ich gehe in die Abteilung mit den Kriminalromanen und will nur diesen Teilbereich überblicken. Alle anderen Bücher interessieren mich nicht. Es stört mich nicht, dass dort Tausende Bücher stehen, die ich niemals kennenlernen werde.

Aufgrund der Vielzahl neuer Serien sieht jeder gerade eine andere, was das gemeinsame Sprechen über Inhalte schwierig macht. Geht da etwas verloren?

Ja und nein. Es entstehen interessante Filterblasen-Effekte. Großartig finde ich zunächst, dass ich bei meinen Besuchen in den USA mit Freunden und Bekannten über eine deutsche Produktion wie "Dark" diskutieren kann. Theoretisch auch in jedem anderen Land der Welt, in dem ich Menschen kenne. Noch vor zehn Jahren wäre dies so nicht möglich gewesen sein. Denn die deutsche Serie wäre dort mit einiger Wahrscheinlichkeit gar nicht zu sehen gewesen. Ich erhalte gleichzeitig zwar dort und auch hierzulande viele Tipps, was ich mir sich sonst noch anschauen sollte. Anderseits sollte man sich nichts vormachen: Wir stecken in einer Filterblase, denn viele andere interessante Inhalte werden wir über diese sozialen Kontakte trotzdem nicht kennenlernen. Ich war vor Kurzem in einer Kommunikationssituation, als einziger Mann in einer Frauen-Gruppe über Serien zu sprechen. Ich kannte nichts von dem, was sie gesehen hatten. Aus meiner beruflichen Perspektive heraus fand ich das sehr aufregend. Aber im Grunde genommen war ich von der Diskussion ausgeschlossen. Es gibt also Filterblasen, die es zu Zeiten der "Lagerfeuer"-Inhalte so nicht gegeben hat, als man am nächsten Tag über den neuen Edgar-Wallace-Krimi sprach. Inhalte, die die Nation - etwas pathetisch formuliert - ein wenig geeint haben, weil sie jeder gesehen hatte. Das wird es so eher nicht mehr geben, weil sogar gute Freunde etwas anderes schauen. So sorgt die Serien-Ökonomie dafür, dass sich die Gesellschaft weiter zersplittert, weil gemeinsame kulturelle Erlebnisse tendenziell weniger werden.

Außer "Tatort", der noch linear um 20.15 Uhr von Millionen Zuschauern eingeschaltet wird ...

Eine Traditionsmarke, so wie der Eurovision Song Content, das Dschungelcamp und einige andere Formate. Doch es zeigt sich, dass auch die linearen Sender das Serienphänomen aufgreifen, um nicht komplett den Anschluss zu verlieren. Ob sie in der Lage sind, das Lagerfeuer wieder zu entfachen, würde ich stark bezweifeln.

Wäre eine Serie wie "Dark" unter den Bedingungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens möglich gewesen?

Eher nicht. Nicht nur, weil sie relativ komplex strukturiert ist. Sondern weil das lineare TV in seiner Genreauswahl sehr beschränkt gewesen ist. Zugespitzt formuliert: Außer Krimi- und Krankenhausserien ging nicht viel. Alles andere wurde kaum angefasst, schon gar nicht Ideen, die auf Horror-, Mystery- und Science fiction-Elementen beruhten. So wie es bei "Dark" der Fall ist. Inhalte-Konzepte, die einem speziellen Realismus entfliehen wollten, hatten eigentlich nie eine Chance, und wurden von den Senderedaktionen in der Regel abgelehnt. Was unter den Bedingungen des linearen Fernsehens gar nicht kritikwürdig war, weil sie ein anderes Businessmodell besitzen: es beruht darauf, dass zu jeder Tageszeit, ob 17 oder 20 Uhr, das größtmögliche Publikum erreicht werden muss. Deswegen entstanden zumeist Inhalte, die möglichst wenig Menschen abschreckten. Bei Streaming-Plattformen ist es andersherum: Sie müssen nicht mit jedem Produkt alle Abonnenten erreichen. Sie wollen nur mit ihrem Gesamtportfolio möglichst viele Kunden gewinnen. Was dazu führt, dass mit jedem einzelnen Produkt spezifische Zielgruppen angesprochen werden müssen. Erreicht werden muss jeweils nur eine Teilmenge X. Im Einzelfall verbreitet sich die Zuschauerschaft über die eigentliche Zielgruppe hinaus. Dann wird "Stranger Things" zum globalen Streaming-Hit. Das freut die Netflix-Manager natürlich, aber dies ist nicht ihr oberstes Ziel. Oder schauen wir uns ein Genre wie den Horrorfilm an, das in der Vergangenheit im linearen Fernsehen nahezu undenkbar war. Horror wird von vielen Menschen geliebt, aber von ebenso vielen abgelehnt. Bei den Streamern wird die Fan-Zielgruppe bedient. Da die Horrorfilm-Fans oft schon extrem viele Inhalte dieses Genres gesehen haben, müssen die SVoD-Anbieter etwas Besonderes bieten. Gelingt ihnen das, werden sie auf eine sehr treue Community stoßen, die nicht ohne weiteres wieder abwandert. Das müssen Produzenten und Autoren verinnerlichen: Streaming ist mehr als eine neue technische Verbreitungsmöglichkeit. Verlangt wird nach zielgruppenspezifischen Inhalten, die nicht jedem Zuschauer gefallen müssen. Das gehört zum revolutionären Wandel.

BF: Also goldene Zeiten für Produzenten, Autoren und Schauspieler?

OT: Alle Gewerke profitieren davon, dass das Spektrum an Inhalten sich immens verbreitert hat. Vor allem Produzenten und Autoren können jetzt Serienkonzepte vorschlagen, die ihnen vor fünf Jahren noch um die Ohren gehauen wurden. Natürlich wird Netflix nicht jeden Vorschlag sogleich zur Serie küren, aber perspektivisch wird die Nachfrage wegen der neuen Dienste weiter steigen. Schon jetzt zeigt sich, dass nicht einmal mehr Senderredakteure alles kategorisch ablehnen, was ihnen an ungewöhnlichen Konzepten in die Hände fällt.

Wobei zur Wahrheit gehört, dass auf Netflix bei genauem Hinschauen auch viel Mittelmaß zu entdecken ist ...

Ja, auch für eine Art Inhalte-Humus gibt es Zuschauer. Billige Formate gehören immer in ein Portfolio, um eine gewisse Sortimentsbreite zu veranschaulichen. Aber glauben Sie mir: Neue Abonnenten kommen nur wegen Qualitätsprodukten, nicht wegen Mittelmaß.

Aber Qualität setzt sich nicht immer durch. RTL hat vor einigen Jahren mit "Deutschland 83" regelrecht Schiffbruch erlitten ...

Richtig, der Versuch mit einer Qualitätsserie zu reüssieren, ist böse gescheitert. Was daran lag, dass sich RTL über Jahrzehnte eine Zielgruppe erzogen hat, die mit einer solchen Serie nichts anfangen konnte. Auch mit größter Anstrengung bekämen sie kein Publikum für eine Serie wie "Chernobyl". Das wäre aussichtslos. Trotzdem: Auch die Privatsender müssen den Weg in die non-lineare Welt finden. Und dafür reicht es nicht, alle Senderformate in ihre Mediatheken zu packen. Das betrifft alle linearen Sender.

Für welche Serien haben Sie sich persönlich zuletzt interessiert?

Ich kann den beruflichen und den privaten Blick auf eine Serie natürlich nur sehr schwer trennen. Müsste ich hier eine Empfehlung abgeben, wäre es die die Netflix-Serie "Seven Seconds" über einen Polizisten, der einen afroamerikanischen Jungen tötet und mit seinen Kollegen den Vorfall zu vertuschen versucht. Die Drama-Serie ist dicht an ihren Figuren und hat eine politische Massage. Gelungen fand ich auch "Unbelievable", in der es Ermittler mit Vergewaltigungsopfern zu tun haben. Das Allerbeste, was ich in den letzten Jahren gesehen habe, war "Chernobyl". Sehr beeindruckend, weil an dieser Serie alles stimmte. Die Schauspieler, die Regie, das Setdesign und nicht zuletzt das Drehbuch. Da wir hier öfter "Dark" erwähnt haben. Meine Lieblingsserie ist sie nicht und ich hätte ein paar Fragen an die Showrunner. Meine professionelle Einschätzung ist jedoch: Wie großartig, dass eine so komplexe Serie aus Deutschland heraus entstehen konnte. Sie verlangt eine hohe Aufmerksamkeit und ist natürlich ideal für Binge Watching. Was man ihr perfekt ablesen kann, ist die Bedeutung der Showrunner. Denn nur sie können dafür sorgen, dass eine Serie wie aus einem Guss wirkt. Bei "Dark" spürt man sehr deutlich, dass eine Vision umgesetzt wurde.

Quality-TV steht und fällt mit den Showrunnern?

Sie werden in den nächsten Jahren noch wichtiger als sie es jetzt schon sind. Nur sie können die künstlerische Einheit einer Serie wahren, weil sie von Anbeginn ein klares Ziel vor Augen haben, das sie während des gesamten Produktionsprozesses umsetzen müssen. Es braucht einen einzelnen Menschen, der eine Idee hat, was man erzählen will, und diese sowohl verteidigt als auch verantwortet. Ich kann nur empfehlen, den Showrunner Peter Morgan zuzuhören, wie er das bei "The Crown" umgesetzt hat. Ich bin übrigens der Auffassung, dass viel mehr Drehbuchautoren diese Funktion wahrnehmen sollten. Im Sinne von: Ich hatte als erster die Idee, also zeige ich mich auch nach dem Drehbuchschreiben für sie verantwortlich. An Filmhochschulen sollte dieser Aspekt eine wichtigere Rolle spielen.

Am Ende Ihres Buches beschreiben Sie auch Gefahren. Die Stichworte dazu sind neben der bereits erwähnten Filterblase Begriffe wie Big Data, Algorithmen und Künstliche Intelligenz.

Wie wird im Streaminggeschäft kuratiert und vorgeschlagen? Die Standardvariante ist, dass der Algorithmus unter Tausenden Angeboten mir auf einem Startbildschirm Vorschläge macht und ich mich innerhalb von 30 Sekunden für ein Angebot entscheiden soll. Das führt dazu, dass ich das gesamte Netflix-Programm auf einer sehr begrenzten Monitor-Fläche wahrnehme. Weil die Vorschläge auf Basis meiner vorangegangenen Zugriffe basieren, schlägt mir der Algorithmus verwandte Inhalte vor. Die Gefahr ist daher, dass ich als interessierter Zuschauer immer weniger herausgefordert werde; es findet eine Art Geschmacksverengung statt. Noch gefährlicher wird es, wenn KI-basierte Technologien zum Einsatz kommen: Dann wird mir im schlimmsten Fall vorgeschrieben, was ich zu sehen habe. Die KI wird wissen, in welcher Stimmung ich bin, wo genau ich mich aufhalte, und auf dieser Basis entscheiden, was für mich der beste Inhalt ist. Für autoritär geführte Gesellschaften ideal, weil es keine Zensur bräuchte, um unerwünschte Inhalte aus dem Sichtfeld des Konsumenten zu schieben. Generell besteht die Gefahr, dass wir immer mehr manipuliert werden, ohne es zu merken. Die Wahlfreiheit ist dann nur noch eine theoretische.

Wer hindert mich daran, gezielt nach einem Ingmar-Bergman-Film zu suchen?

Als forcierter Filmfan, der Sie vielleicht sind, können Sie das so machen. Aber für die Mehrheit ist die Startbildansicht ein Kampf zwischen unserem bequemen Ich und dem anspruchsvollen Ich. Wenn Sie zwei Komödien angeschaut haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, einen Bergman-Film angezeigt zu bekommen, rapide. Ungeachtet der Tatsache, dass Anbieter wie Netflix ihre Eigenproduktionen priorisieren. Wir werden ohne Algorithmen nicht auskommen, aber wir müssen uns bewusst machen, dass es sie gibt. Ich plädiere daher dafür, sich im Bekanntenkreis immer wieder inspirieren zu lassen, auch wenn die Gefahr von Filterblasen besteht.

Das Gespräch führte Joerg Rumbucher