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Julia Fidel: "Es gab viel Liebe und Gegenliebe"

Die neue Leiterin der Berlinale Series, Julia Fidel, spricht über das mit heißen Auteurs wie Damien Chazelle, Marvin Kren und Athina Rachel Tsangari gespickte Programm. Ein Thementrend der acht ausgewählten Serie ist die Selbstverständlichkeit, mit der über weibliche Sexualität und Diversität erzählt wird.

21.02.2020 08:05 • von Michael Müller
Die neue Chefin über die Serien auf der Berlinale: Julia Fidel (Bild: Berlinale/Ali Ghandtschi)

Die neue Leiterin der Berlinale Series, Julia Fidel, spricht über das mit heißen Auteurs wie Damien Chazelle, Marvin Kren und Athina Rachel Tsangari gespickte Programm. Weibliche Sexualität und Diversität finden sich als Themen verstärkt in den acht ausgewählten Serien wieder.

Wie haben Sie es geschafft, bei Ihrer ersten Ausgabe als Leiterin ein so namhaftes und attraktives Programm zusammenzustellen?

Durch Begeisterung, Geduld und Durchhaltevermögen. Es gab zu jeder dieser Serien viele Gespräche. Das Wichtigste ist, dass man gerade bei diesen Serienprogrammen der Berlinale den Produktionen vermittelt, was sie bei uns erwarten können, welche Möglichkeiten sie bei uns haben und wie sie bei uns willkommen geheißen und empfangen werden sowie gut aufgehoben sind. Für mich war am wichtigsten, den Kreativen und den Produktionen zu zeigen, warum wir ihre Serie unbedingt haben wollten, damit sie auch verstehen, dass wir für jedes einzelne Projekt brennen.

Wie haben Sie das angestellt?

"Freud" zum Beispiel war eine der ersten Serien, die wir eingeladen haben. Die Serie kam an einem Nachmittag. Ich habe sie dann am Abend sofort angeschaut und am nächsten Vormittag habe ich den Regisseur angerufen und ihm gesagt, wie hingerissen ich davon bin. Von da an war der Weg nicht mehr besonders schwierig, dass die Serie zu uns kam, weil wir uns einfach sofort verstanden haben.

Der Satel-Film-Produzent Heinrich Ambrosch äußerte auf einem Panel sogar den Wunsch, dass "Freud" seine Weltpremiere auf der Berlinale feiern solle.

Das kommt natürlich noch hinzu. Das war sehr schön. Da gab es sehr viel Liebe und Gegenliebe.

Haben Sie bei den Sichtungen mit Ihrem Auswahlgremium weltweite Trends im Seriengeschehen festgestellt?

Es gibt natürlich größere Trends und kleinere Beobachtungen, die während des Sichtungsprozesses hinzukommen. Bei den großen Trends haben wir eine starke Ausdifferenzierung. Das hatten wir bei den Produktionen und Weltvertrieben auch bewusst angefragt, dass sie uns wirklich ohne Genregrenzen Serien schicken sollten, was sie auch getan haben. Die Einsendungen sind immer internationaler geworden. Der nicht-englischsprachige Bereich wächst und wird auch immer erfolgreicher, das ist toll. Wir haben - und das hat sich auch in unserem Programm stark niedergeschlagen - eine starke Diversifizierung. Wenn man das mit dem vergleicht, was wir vor 15 Jahren gezeigt bekamen, merkt man doch, dass wir deutlich mehr Auswahl haben, welche Menschen wir in diesen Serien sehen. Es sind eben nicht mehr nur westliche, vorwiegend weiße und vielleicht auch noch männlich dominierte Milieus, sondern wir sehen inzwischen alles. Wir sehen queere Milieus, verschiedene gesellschaftliche Gruppen und auch sehr unterschiedliche Erzählungen. Ein großer Trend ist der Mut zur Nische. Das ist bereichernd.

Können Sie das konkret an einer der ausgewählten Serien festmachen?

Ja und Nein. Das Gute an unseren Serien ist im Besonderen, dass da viel Diversität gelebt und inszeniert wird, ohne dass das stark ausgestellt wird oder das alleinige Thema ist. Das zeigt auch, wie weit wir da inzwischen im Serienbereich sind. Ich finde es aber schon bemerkenswert, wenn wir bei einer Serie wie "Dispatches from Elsewhere" einer Trans-Schauspielerin dabei zuschauen, wie sie sich von der queeren Bewegung nicht so ganz aufgehoben fühlt und sich dann fast auf eine Liebesgeschichte mit der Figur von Jason Segel einlässt - das kommt in solch eine Selbstverständlichkeit daher, wie man es sonst vielleicht nicht so sieht. Auch indigenes australisches Kino im Serienformat haben wir in Deutschland und vielen Teilen Europas nicht so viel gesehen. Das haben wir mit "Mystery Road 2" im Programm. Was auch noch ein wichtiger Trend ist, dass wir viele verschiedene Perspektiven auf weibliche Sexualität und Identität haben. Dafür wären sowohl die dänische Serie "Sex" als auch die britische Serie "Trigonometry" sehr gute Beispiele. Bei "Sex" geht es zum Beispiel auch um Themen wie frustrierte weibliche Sexualität. Das ist ein Teil dieses Themenspektrums, den ich so noch nicht gesehen habe. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Damien Chazelle, Athina Rachel Tsangari, Cate Blanchett, Marvin Kren - das Line-up liest sich wie der Wettbewerb eines A-Festivals. Wie ist der Stellenwert der Serien in der heutigen Unterhaltungsindustrie?

Warwick Thornton bei uns ist ein Cannes-Gewinner. Wir haben Gary Carr in "Trigonometry", Ariane Labed, eine der Hauptdarstellerinnen von Yorgos Lanthimos. Wir haben in "Sex" Asta Kamma August aus der dänischen August-Familie mit Bille und Alba August, bei "Freud" Ella Rumpf und Georg Friedrich. Vor ein paar Jahrzehnten war es noch nicht denkbar, dass Menschen, die Filmregisseure und -schauspieler sind, plötzlich eine Serie inszenieren. Das ging damals mit einem Prestigeverlust einher. Das sah man auch an der Industrie: Kameramänner, Regieassistenten und Produktionsleiter, die Filme machten, drehten keine Serien. Das waren völlig getrennte Welten. Das hat sich stark vermischt und steht heute ziemlich gleichberechtigt nebeneinander. Das hat natürlich mit einer großen Aufwertung der Serien zu tun, weil inzwischen Möglichkeiten auf eine andere Art genutzt und ausgeschöpft werden, wie das zuvor im linearen Fernsehen der Fall war.

Hätten Sie gerne mehr als acht Slots für Serienpremieren oder finden Sie das genau die richtige Anzahl für ein Festival?

Ich hätte dieses Jahr auch zwölf Serien zeigen können. Das wäre auch ein tolles Programm geworden. Ich finde aber, es muss nicht immer mehr sein. Gerade die Tatsache, dass wir ein begrenztes Programm haben, in dem auch jede einzelne Serie ihren Platz hat und ihre Möglichkeit zu scheinen bekommt, finde ich gut. Das grenzt uns auch ab von anderen Festivals. Es gibt inzwischen viele Serienfestivals und Serienreihen bei Festivals, Mit unserer konzentrierte Auswahl wollen wir den Serien gerecht werden, damit jeder einzelne wahrgenommen werden kann.

Zumal es auf Filmfestivals auch immer eine Zeitfrage ist, was alles gesehen werden kann.

Ich würde nicht unbedingt etwas an der Zahl der sechs bis acht Serien ändern wollen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es demnächst wieder nur sechs werden. Aber dafür finde ich die Freiheit wichtig, so zu programmieren, wie es unserem Empfinden nach für jede einzelne Serie richtig ist. Ich kann mir die Freiheit herausnehmen, von "Freud" drei oder von "Trigonometry" fünf Folgen zu zeigen. Diese Möglichkeit zu haben, mit der Programmierung zu spielen, halte ich für wichtiger, als noch mehr zu zeigen. Gerade stöhnen alle darüber, dass es so viel gibt und man sich so viel ansehen kann, so dass es in einer gewissen Form mit unseren Serien ein Angebot ist: Die kann man schaffen, über die wollen wir reden.

Das Interview führte Michael Müller.