Produktion

"Isi & Ossi"-Macher Oliver Kienle: "Ein ganz klares Commitment"

"Bad Banks"-Showrunner Oliver Kienle ist Autor und Regisseur von "Isi & Ossi", dem ersten deutschen Netflix-Spielfilm, der heute auf Sendung ging. Er berichtet über seine Erwartungen und Erfahrungen.

13.02.2020 20:43 • von Thomas Schultze
Oliver Kienert zeigt mit "Isi & Ossi" eine etwas andere romantische Komödie (Bild: Natalie Schaaf)

Mit Isi & Ossi" legt Bad Banks"-Showrunner Oliver Kienle als Autor und Regisseur den ersten deutschen Netflix-Spielfilm vor, der heute auf Sendung ging. Er berichtet über seine Erwartungen und Erfahrungen.

War "Isi & Ossi" von Anfang an als Netflix-Produktion konzipiert?

OLIVER KIENLE: Erst einmal gab es keine große Absicht. Ich habe das Drehbuch in Pausen geschrieben, während ich an "Bad Banks" gearbeitet habe. So etwas mache ich immer wieder nebenher, um mich abzulenken und den Kopf freizubekommen, aber auch um schon einmal ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich vielleicht als nächstes machen will. Ich will mir dabei die Freiheit belassen, die Ergebnisse auch einfach wieder in den Papierkorb zu werfen. Das kommt oft vor. Bei "Isi & Ossi" war es anders. Das hat mir gleich sehr gut gefallen. Zunächst wollte ich den Stoff zusammen mit X Filme als klassischen Kinofilm machen.

Warum kam es anders?

OLIVER KIENLE: Seitdem ich Die Vierhändige" gemacht hatte, stehe ich in Kontakt mit Netflix. Damals kam man auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust auf eine Serie hätte. Ich war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits mit "Bad Banks" beschäftigt. Als die Sache mit "Isi & Ossi" ernster zu werden begann und wir damit begannen, über die Finanzierung nachzudenken, ganz klassisch mit Sender, Verleih und verschiedenen Förderungen, habe ich auch zumindest den Gedanken durchgespielt, ob das nicht auch ein Stoff für Netflix wäre. Das lief dann so, wie man es sonst immer nur in Büchern liest: Am Freitag haben wir ihnen das Drehbuch geschickt, am Montag kam die Zusage für den Film, eine Woche später hatten wir das Projekt komplett finanziert. Es war eine tolle Erfahrung mitzuerleben, wie schnell es gehen kann, wenn es ein ganz klares Commitment von einem Partner wie Netflix gibt.

Mussten Sie Zugeständnisse machen?

OLIVER KIENLE: Zugeständnisse hätte ich machen müssen, wenn wir den Film fürs Kino produziert hätten. Tatsächlich war einer der Gründe, warum ich den Weg mit Netflix gehen wollte, meine Befürchtung, dass wir den Film nicht mit meiner Wunschbesetzung hätten machen können, wenn wir die übliche Kinofinanzierung gewählt hätten. Ich entdecke gerne neue Gesichter, arbeite gerne mit neuen Darstellern. Ich will die richtigen Leute für die jeweiligen Rollen finden und nicht unter dem Druck stehen, unbedingt namhafte oder zugkräftige Schauspieler zu besetzen. Auch beim Blick auf die Zielgruppe erschien es uns schlüssig, mit Netflix zu arbeiten.

Wie genau sah die Zusammenarbeit mit Netflix aus?

OLIVER KIENLE: Man muss unterscheiden. Im Fall von "Isi & Ossi" kam ich ja mit einem bereits fertigen Drehbuch zu Netflix; ich habe den Stoff nicht mit ihnen entwickelt. Deshalb kann ich zur Entwicklung mit Netflix - und wir alle wissen, dass Entwicklung am wichtigsten ist - nichts sagen. Ich muss auch betonen, dass ich eine total positive Erfahrung mit dem ZDF bei "Bad Banks" gemacht habe. Ich kann mich also nicht beschweren. Beeindruckt an Netflix hat mich dieses klare Commitment. Sie haben mir immer zugestanden, dass ich den Stoff am besten kenne, weil ich ihn ausgedacht und geschrieben habe, und mir dann die Freiheit gelassen, ihn nach meinen Vorstellungen zu realisieren. Natürlich gibt es einen Austausch, natürlich muss man die ein oder andere Entscheidung argumentieren. Aber es gab die klare Abmachung: Du bist das Talent, du erzählst die Geschichte, wir vertrauen dir. So frei habe ich mich noch bei keiner Produktion gefühlt.

Betrübt es Sie, dass der Film abgesehen von den Premieren nicht auf der großen Leinwand zu sehen sein wird?

OLIVER KIENLE: Da werde ich sicher etwas wehmütig sein. Wir hatten einige Testscreenings mit einem sehr jungen Publikum. Das war mir wichtig. Ich will sehen, wie das Zielpublikum reagiert. Das hat viel Spaß gemacht. Natürlich werde ich es vermissen, solche Erlebnisse auch weiterhin mit "Isi & Ossi" zu haben. Aber gerade ist es mir wichtiger, dass der Film schnell, direkt und dann auch noch weltweit das richtige Publikum finden kann. Das ist ein Vorteil. Was Reichweite anbetrifft, ist ein Netflix-Release unschlagbar. Seinen Film auf der Leinwand zeigen zu können, ist für einen Filmemacher natürlich das Größte. Und selbstverständlich will ich auch weiterhin fürs Kino arbeiten. Das eine schließt das andere nicht aus.

Sie beziehen im anhaltenden Zwist von Kinos vs Streamer keine eindeutige Stellung?

OLIVER KIENLE: Die Streamingdienste sind nicht die erste Technologie, durch deren Einführung dem Kino das baldige Ende prophezeit wurde. Das ist nie passiert. Und das wird auch jetzt nicht passieren. Natürlich verändern neue Technologien unsere Sehgewohnheiten. Wenn man sich die Geschichte ansieht, dann überleben und profitieren immer die, die sich am schnellsten mit den neuen Technologien auseinandersetzen. Ich verstehe die Abwehrhaltung der Kinos, aber wer sich beharrlich wehrt und zu negieren versucht, dass es diese neue Konkurrenz gibt, der kann nicht als Gewinner hervorgehen. Man muss sich darauf einlassen, nur so kann man einen Nutzen daraus ziehen. Ich bin ein Kinokind. Alle meine Magic Moments mit Filmen habe ich im Kinosaal erlebt. Dieses Erlebnis muss bewahrt bleiben. Ich hoffe, dass sich ein Weg der friedlichen und gegenseitig befruchtenden Koexistenz finden lässt. Gerade bin ich nämlich auch ganz froh, dass die Technologie viel verändert hat. Davon profitiert mein Berufsstand ganz ungemein.

Ohne die neuen Technologien gäbe es wohl auch den aktuellen Serienboom nicht.

OLIVER KIENLE: "Bad Banks" wäre fünf Jahre vorher in dieser Form nicht vorstellbar gewesen. Für mich ist es gerade das Tollste, was es gibt. Weil mir das Kino aber auch am Herzen liegt, wünsche ich mir, dass es keine negativen Konsequenzen gibt. Aber wenn man sich das starke letzte Kinojahr anschaut, muss man sich gerade keine Sorgen machen.

Sie sind Autor und Regisseur. Welches Herz schlägt lauter?

OLIVER KIENLE: Ich habe immer beides gemacht und ebenso immer beides geliebt. Als ich "Bad Banks" geschrieben habe, waren viele irritiert, ob ich das denn könne, ich sei doch Regisseur. Nach "Bad Banks" denken viele, ich sei ursprünglich Autor. Ich will beides machen. Was wir in der Branche am dringendsten brauchen, sind viel mehr gute Drehbücher. Ich leide unter der Ignoranz gegenüber der Kunst des Erzählens in der deutschen Film- und Fernsehbranche. Der Stellenwert des Autors ist bei uns nach wie vor eine Katastrophe. Anreize sind kaum gegeben. Es fällt auf, wie wenig Autoren sich nach wie vor an den Filmhochschulen bewerben. Das ist absurd! Aber auch kaum verwunderlich, wenn man sich anschaut, wie mit etablierten Drehbuchautoren, aber auch dem Drehbuch an sich, jahrzehntelang in der Branche umgegangen wurde.

Sie konnten sich etablieren.

OLIVER KIENLE: Ich schreibe einfach sehr gerne. Für mich ist das die höchste Disziplin, eine Kunst, in der ich immer besser werden möchte. Aber ich bin gleichzeitig auch leidenschaftlicher Regisseur. Die Anforderungen sind so unterschiedlich, und die Abwechslung tut mir gut. Als Autor ist man einsam, hat mehr den psychischen Druck, weil es gilt, das weiße, leere Blatt zu füllen. Als Regisseur hat man dagegen den sozialen Druck, die Herausforderung, mit ganz vielen Leuten umzugehen.

Bestand niemals der Wunsch, bei "Bad Banks" nicht auch als Regisseur aufzutreten?

OLIVER KIENLE: Tatsächlich haben wir dieses Szenario für die zweite Staffel durchgespielt. Ich wollte es aber nicht machen, weil allein die Arbeit am Drehbuch so komplex ist. Vor Drehstart gilt meine ganze Aufmerksamkeit dem Schreiben. Es wäre einfach nicht möglich, auch noch den Dreh als Regisseur vorzubereiten. Mein Wunsch war es, Christian Zübert an Bord zu holen, der ebenfalls Regisseur und Autor ist. Das war eine tolle Zusammenarbeit, ein großes Vertrauensverhältnis. "Bad Banks" hat das sehr gutgetan.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.