Produktion

"Sonic"-Produzent Neal H. Moritz: "Wir sind Agnostiker!"

Neal H. Moritz zählt nicht zuletzt dank des "Fast & Furious"-Franchise zu den erfolgreichsten Produzenten Hollywoods. Mit "Sonic the Hedgehog", der morgen in den deutschen Kinos startet, versucht er sich erstmals im Family-Entertainment.

12.02.2020 11:26 • von Thomas Schultze
Neal H. Moritz setzt schwer auf "Sonic the Hedgehog" (Bild: Andreas Reitz (c) 2020 Paramount Pictures Germany)

Der 60-jährige Neal H Moritz zählt nicht zuletzt dank des "Fast & Furious"-Franchise zu den erfolgreichsten Produzenten Hollywoods. Mit Sonic the Hedgehog", der morgen in den deutschen Kinos startet, versucht er sich erstmals im Family-Entertainment.

Seitdem Sie Mitte der Neunzigerjahre Ihren Durchbruch hatten, haben Sie als Produzent fast alles ausprobiert: Sie haben mit "Fast & Furious" eines der erfolgreichsten Filmfranchises aller Zeiten lanciert, Sie haben das Fernsehen erobert, Sie produzieren für die Streamer. Was macht "Sonic the Hedgehog" zu etwas Besonderem, zu etwas Außergewöhnlichem?

NEAL H. MORITZ: Ganz einfach. Ich habe zwei Kinder, und ich wollte etwas machen, auf das sie wirklich abfahren. Wissen Sie, ich sehe mir viel Family Entertainment an, und das meiste bereitet mir Magenschmerzen, mal abgesehen von Pixar. "Sonic the Hedgehog" erscheint mir als Figur wunderbar geeignet, der Welt zu zeigen, wie ich mir einen modernen Familienfilm vorstelle, der nicht nur Kids gefällt, sondern auch Erwachsenen eine gute Zeit bereitet und sie nicht einschlafen lässt. Ich habe mir immer gesagt: Wenn ich einmal Family-Entertainment machen sollte, dann muss es viel Action haben, viel Comedy und extra viel Herz. Darum ging's mir. Das haben wir umgesetzt.

Ein Problem, das sich bei der Übersetzung von Game zu Film ergibt, ist die Tatsache, dass Spieler nicht mehr aktiv eingreifen können und zur Passivität - zum Ansehen - verdammt sind. Wie gehen Sie damit um?

NEAL H. MORITZ: Was immer hilft, ist Humor. Wenn man das Publikum zum Lachen bringt, dann ist das mehr als die halbe Miete. Lacher involvieren einen ganz unmittelbar, Gags bauen Brücken. Da ist man dann ganz nah dran an der Hauptfigur. Man muss mit dem Helden des Films fühlen. Wir haben hart darüber nachgedacht, wie man Sonic dem Filmpublikum vorstellt, dass man sich ihm sofort verbunden fühlt. Auf keinen Fall sollte er eine aalglatte Figur ohne Macken und Makel sein. Und es musste etwas da sein, das ihn antreibt, ein Bedürfnis, ein Wunsch. Er ist alleine auf einem ihm fremden Planeten. Er sucht nach Kontakt, Ansprache, Sympathie, Anschluss. Einen Freund, eine Familie.

Und was sagt Ihnen, dass Ihr Ansatz funktioniert?

NEAL H. MORITZ: Ich vertraue meinem Instinkt. Es muss sich richtig anfühlen. Ein Film, den ich mache, muss erst einmal mir gefallen. Ich muss den Eindruck haben, dass es etwas ist, das ich auf dem Kasten habe, dass ich der Richtige dafür bin. Immer wenn ich versucht habe vorherzusagen, was ein bestimmtes Publikum sehen können wollte, habe ich danebengegriffen. Hier bestand die Herausforderung darin, ein Videogame zu einem tollen Film zu machen. Dass das bisher meistens in die Hose gegangen ist, hat einen ganz einfachen Grund: Die meisten Games haben keine zentrale Hauptfigur, die einem wichtig ist. Bingo, bei "Sonic" war das bereits gegeben: Er ist eine der beliebtesten Figuren im Universum der Games überhaupt. Wir mussten da nichts erfinden oder groß herumschrauben. Wir mussten einfach nur der Figur, wie sie auf der ganzen Welt geliebt wird, gerecht werden.

Wie sehr Sonic geliebt wird, mussten Sie auf die harte Tour miterleben, als Sie nach Veröffentlichung des ersten Trailers mit teils hämischer Kritik konfrontiert wurden, die Figur entspräche überhaupt nicht den Vorstellungen der Fangemeinde.

NEAL H. MORITZ: Eigentlich habe ich immer einen ganz guten Überblick, ob eine Produktion alles richtig macht oder nicht. Aber in diesem Fall steckten wir so tief in der Arbeit an dem Film und standen unter Druck, einen ersten Trailer zu veröffentlichen, dass uns die nötige Distanz und damit das richtige Urteilsvermögen fehlte. Dann veröffentlichten wir den Trailer. Zuerst die guten Nachrichten: Wir bekamen sofort mit, dass massives Interesse an einem Film über Sonic herrschte. Dann die schlechten Nachrichten: Die Fans das Design ihrer Lieblingsfigur ablehnten. Darauf wieder gute Nachrichten: Das ist kein Beinbruch, wir können das Design noch einmal komplett neugestalten. Genau das haben wir gemacht.

Das ist sehr pragmatisch.

NEAL H. MORITZ: Bei den meisten Filmen ist es doch so, dass entweder kein Interesse besteht oder man sich mächtig anstrengen muss, um Interesse zu generieren. Ich male ungern schwarz, ich suche lieber nach dem Positiven. Also hatten wir im Fall von "Sonic" etwas, worauf wir aufbauen konnten. Die Probleme mussten wir anpacken. Die Fans hatten recht mit ihrer Kritik. Ganz einfach. Das hat geholfen, den Film besser zu machen. Wenn alles gesagt und getan ist, redet keiner mehr über einen ersten Trailer. Am Ende zählt, wie der Film geworden ist und ob er dem Publikum gefällt.

Empfanden Sie als Problem, dass sich all das in der Öffentlichkeit abspielte?

NEAL H. MORITZ: Nein, ein Problem wäre es, einen Film abzuliefern, der von den Fans und dem Publikum abgelehnt wird, weil man nicht auf die Kritik gehört hat. Wir haben gehandelt, wir haben auf die Fans gehört. Das war der richtige Schritt. Wir kriegen jetzt tolle Rückmeldungen. Für mich als Produzent ist das eines der tollsten Highs, das ich jemals erlebt habe. Wenn Sie so wollen, ist unser Umgang mit der Krise eine Fallstudie. Noch nie zuvor hat man in Hollywood so gehandelt. Und naja, ich bin gerne an Sachen beteiligt, die noch nie zuvor gemacht wurden.

Sie sind bekannt für Ihren Pragmatismus. Als während der Produktion von Fast & Furious 7" mit Paul Walker einer Ihrer Hauptdarsteller verstarb, mussten Sie blitzschnell entscheiden, wie es weitergehen soll.

NEAL H. MORITZ: Das war schrecklich. Wie geht man mit einer solchen Tragödie um? Natürlich haben wir zunächst entschieden, die Arbeiten abzubrechen. Freunde von Paul und seine Familie ermutigten uns, den Film fertigzumachen und seine letzte Arbeit mit den Fans zu teilen. Rückblickend denke ich, dass es die richtige Entscheidung war. Es war unsere Weise, uns von Paul zu verabschieden - und ihn so in Erinnerung zu halten, wie er es verdient hat: als toller Mensch, guter Freund und großartiger Schauspieler.

Bestand nicht auch großer finanzieller Druck?

NEAL H. MORITZ: Ich schätze mich glücklich, in meiner Karriere so viel Erfolg gehabt zu haben, dass ich nur Sachen mache, auf die ich wirklich Lust habe. Wenn ich es nicht machen will, dann winke ich ab. Das muss ich mir nicht antun. Filme zu machen, ist wunderbar und aufregend, aber es ist auch immer schwierig und sehr emotional. Filme sind mir eine Herzensangelegenheit. Niemand will einen schlechten Film machen. Wir arbeiten uns den Arsch ab. Manchmal knackt man den Jackpot und der Film wird super. Manchmal hat man Pech, dann wird er nicht so gut. Stolz bin ich auf jeden einzelnen, weil ich weiß, dass immer die besten Absichten dahinterstanden. Daran hat sich nichts geändert. Nehmen Sie "Sonic the Hedgehog": Wir haben alles unternommen, den bestmöglichen Film abzuliefern.

Paramount nahm sogar in Kauf, den geplanten Starttermin im November zu verschieben und damit keinen großen Film für die Feiertage zu haben.

NEAL H. MORITZ: Das Kinojahr hat mittlerweile zwölf Monate. Man ist mit großem Familienprodukt nicht mehr beschränkt auf den Sommer und den Winter. Ich denke, dass der Starttermin im Februar nur von Vorteil ist. Im November wären wir in einem viel kompetitiveren Umfeld angetreten, direkt gegen Die Eiskönigin 2", ein paar Wochen später starteten Jumanji: The Next Level" und Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers". Im Februar sind wir der Platzhirsch, ohne nennenswerte Konkurrenz im Family-Entertainment, der erste große Film in diesem Genre seit den Feiertagen. Wir haben gutes Karma. Das Tracking sieht sehr gut aus.

Und noch eine mutige Entscheidung: Sie haben einen so großen und für das Studio wichtigen Film in die Hände eines Regiedebütanten gelegt, Jeff Fowler.

NEAL H. MORITZ: Die Entscheidung fiel mir leicht. Er hatte die richtige Vision, den richtigen Umgang mit dem Stoff. Ich arbeite gerne mit Regiedebütanten, wenn ich das Gefühl habe, dass das Projekt gut bei ihnen aufgehoben ist. Am Ende des Tages entscheidet bei mir immer das Bauchgefühl. Ich fahre nicht schlecht damit.

Wie stark greifen Sie bei Ihren Projekten als Produzent ein?

NEAL H. MORITZ: Ich bin sehr involviert. Ich würde mich als "hands on" bezeichnen. Das heißt nicht, dass ich jeden Tag am Set sein und dem Regisseur die Hand halten muss. Aber ich bin über alles immer im Bilde, ich weiß genau, was gerade gemacht wird. Ich rede jede Seite jeder neuen Fassung eines Drehbuchs, ich sehe jede Sekunde der Muster, die am Tag gedreht wurden. Ein Beispiel: Wir haben gerade einen Film in Südafrika abgedreht. Ich war nur einen Tag selbst am Set, aber ich bin stets über alles informiert gewesen. Einer meiner Leute war vor Ort und hat den Dreh begleitet. Wir haben uns stündlich ausgetauscht. Das ist heute keine große Sache mehr, mit Facetime und Skype ist man immer in Kontakt. Weil ich schon so viele Filme produziert habe, weiß ich genau, worauf ich mein Augenmerk legen muss, um zu wissen, dass wir auf der sicheren Seite sind.

Welches halten Sie für die entscheidenden Produktionen in Ihrer Karriere.

NEAL H. MORITZ: Für mich war der entscheidende Film einer meiner ersten, Juice" von 1992, mit Tupac Shakur. Ich fand es völlig irre, dass ein junger weißer Kerl wie ich nach Harlem gehe, um einen so schwarzen Film zu machen. Das habe ich nie vergessen. Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast" war 1997 der nächste große Game-Changer, Eiskalte Engel" zwei Jahre später. Klar, dann kam "The Fast & the Furious". Danach war alles anders. Sweet Home Alabama" war meine erste romantische Komödie. Wissen Sie, eigentlich suche ich mit jedem neuen Film die Herausforderung. Ich packe bevorzugt Dinge an, die mit etwas völlig Neues, etwas Anderes abverlangen. Wenn es einen roten Faden gibt, dann ist es folgender: Ich will Entertainment machen, das dem Publikum gefällt. Das wird immer schwieriger in diesem übersaturierten Markt, in dem wir uns bewegen. Man muss Stoffe finden, die auffallen, die aus dem Gros herausragen. Sonst ist man tot.

"Sonic the Hedgehog" ist nicht der einzige neue Film von Ihnen, der auf das Publikum wartet. Am 6. März startet Spenser Confidential" von Peter Berg mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle, Ihr erster Spielfilm für Netflix.

NEAL H: MORITZ: Ein toller Film. Ich weiß schon, Sie werden jetzt sagen: Wenn er so toll ist, warum kommt er dann nicht ins Kino. Ich sage: Er kann mit jedem Kinofilm standhalten. Für Netflix habe ich mich entschieden, weil es sich um den ersten Film einer Reihe handelt, von der ich etwa alle 18 Monate einen neuen Teil fertigstellen will. Die "Spenser"-Romane von Robert Brown Parker, die nach Parkers Tod im Jahr 2010 von Ace Atkins übernommen wurde und aktuell 47 Bände umfasst, bietet sich förmlich dafür an. In den Achtzigerjahren bildeten sie die Grundlage für die Serie "Spenser" mit Robert Urich, die der Vorlage aber nur bedingt gerecht wurde. Wir wollen es jetzt richtig machen, eine tolle Filmreihe, wie es sie bisher noch nicht gab. Dafür ist Netflix die ideale Plattform. Als Produzent gehe ich dahin, wo ich Menschen mit der richtigen Leidenschaft finde. Netflix hat Lust auf unsere "Spenser"-Filme, also erhielten sie den Zuschlag.

Es schmerzt Sie nicht, dass große Leinwandbilder vermehrt nicht mehr auf die große Leinwand kommen?

NEAL H: MORITZ: Ich komme aus einer Kinofamilie. Mein Großvater betrieb Kinos in Pittsburgh, mein Vater war Executive bei American International Pictures. Ich liebe das Kino. Wenn ich es mir aussuchen kann, werde ich mir einen Film immer im Kino ansehen. Aber man muss auch realistisch sein: Nicht mehr jeder Film wird künftig im Kino landen. Ich halte das durchaus für eine gute Entwicklung: Dank der Streamingmöglichkeiten können Menschen heute auch Filme ansehen, wenn sie unterwegs sind, geschäftlich oder auf Reisen. Das ist gut. Dem kann man sich nicht verweigern. Ich bin überzeugt, dass die meisten Kinobetreiber längst selbst Accounts bei Netflix haben. Aber nur weil Netflix oder die anderen Streamer existieren, hat das Kino seine Daseinsberechtigung doch nicht verloren. Ich habe The Irishman" auf Netflix gesehen und dachte mir jede Minute: Verdammt, säße ich doch jetzt im Kino!

Sie haben sich mittlerweile ohnehin sehr breit aufgestellt, bedienen alle Plattformen mit hochkarätigem Produkt.

NEAL H: MORITZ: Wir machen gerade eine Show für Apple, wir machen Preacher" und "The Boys" für Amazon, wir arbeiten für die traditionellen Fernsehsender. Wir sind Agnostiker! Was ist der richtige Ort für den jeweiligen Stoff. "Preacher" und "The Boys" haben wir ursprünglich fürs Kino entwickelt, bis uns ein Licht aufging, dass der Stoff so üppig und reichhaltig ist, dass er als Serie viel besser funktioniert. Gleichwohl bestand bei "Sonic the Hedgehog" für mich keine Sekunde Zweifel, dass die Geschichte ins Kino gehört. Und so etwas wie "Fast & Furious"? Muss ins Kino! Warten Sie, wie wir "Fast & Furious 9" starten werden! Das wird ein Knaller.

Mit den "Fast & Furious"-Filmen haben Sie neu definiert, was ein weltweites Franchise sein kann.

NEAL H: MORITZ: Vor "Fast & Furious" gab es kein Franchise, das ethnisch so divers war. Wir haben damit viele Mauern eingerissen. Tatsächlich ist diese ethnische Diversität die Grundlage des Erfolgs. Das hat sich aber erst ergeben. Der erste Film war ein Standalone-Film, ein kleiner Genrefilm über Underground-Streetracing. Erst der große Erfolg brachte uns auf die Idee, die Geschichte weiterzuerzählen. Und eigentlich war sie nach dem dritten Film auserzählt. Erst der Reboot mit Teil vier, bei dem wir Vin Diesel zurück an Bord holten, und die neue Ausrichtung im Anschluss, weg von den Straßenrennen hin zum großen globalen Abenteuer, machten "Fast & Furious" zu dem, was es heute ist.

Jeder redet heute von IP. Wird es auch künftig noch Franchises wie "Fast & Furious" geben, die auf Originalstoffen beruhen werden. Nicht zuletzt heißt Ihre Firma Original Films.

NEAL H: MORITZ: Sie heißt so, weil ich fest daran glaube, dass das Publikum im Kino immer nach etwas Neuem suchen wird, weil es Figuren und Stoffe entdecken will, die es vorher noch nicht kannte. Deshalb lautet meine Antwort auf ihre Frage ganz klar: Ja. Das Kino legt von Originalität. Und selbst die bekannten Franchises können nur weiter bestehen, wenn sie mit jedem Film etwas Neues bringen, wenn die Latte noch einmal höher gelegt wird.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.