Kino

Fritz Preßmar: "Wer nichts tut, verliert sowieso"

Fritz Preßmar ist der Geschäftsführer des legendären Filmtheaters am Sendlinger Tor in München. Es gibt Streit um die Pachtverlängerung mit einer Besitzerin der Immobilie. Er zeigt sich zweckoptimistisch und erhält Unterstützung von der Stadt.

11.02.2020 07:56 • von Michael Müller
Fritz Preßmar ist mit seinem Sohn Christoph Geschäftsführer des Filmtheaters am Sendlinger Tor in München (Bild: Privat)

Fritz Preßmar ist der Geschäftsführer des legendären Filmtheaters am Sendlinger Tor in München. Es gibt Streit um die Pachtverlängerung mit einer Besitzerin der Immobilie. Er zeigt sich zweckoptimistisch und erhält Unterstützung von der Stadt.

Wie ist der aktuelle Stand um das bedrohte Filmtheater am Sendlinger Tor?

Neu ist, dass die SPD-Stadtratsfraktion einen offiziellen Antrag an den Stadtrat und den Oberbürgermeister Dieter Reiter gestellt hat. Darin heißt es: "Die Landeshauptstadt München schöpft alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten aus, um das Filmtheater am Sendlinger Tor zu retten. Begründung: Das Filmtheater ist in unserer Stadt seit Jahrzehnten eine Institution. Hier finden neben dem regulären Kinobetrieb immer wieder besondere Events statt. Auch wurde dem Haus der Kinoprogrammpreis 2019 verliehen. Es wäre ein herber Verlust für die Kinolandschaft, wenn das Traditionshaus schließen müsste. Daher soll sich die Stadt unbedingt dafür einsetzen, eine Lösung für das Fortbestehen dieses Hauses herbeizuführen." Ich bin dankbar für jede Hilfe. In wieweit das die Hausbesitzer, vor allem eine Frau Winkelmann, freundlicher stimmen wird, das kann ich nicht beurteilen. Einerseits hat sie in einigen Interviews gesagt "Nein", für sie sei es aus, der Vertrag ende am 30. Juni. Andererseits lässt sie sich ein Hintertürchen offen.

Frau Winkelmann gehört zu den Besitzern der Immobilie, welche die Pachtsituation verändern will.

Rein von der juristischen Seite ist es so: Ich habe einen Pachtvertrag. Wenn dieser nicht ein Jahr vorher gekündigt wird, verlängert er sich um fünf Jahre. Jetzt hat Frau Winkelmann zum 30. Juni 2019, dem Stichtag, das im Prinzip auch zweimal gemacht. Aber jedes Mal waren die Kündigungen unwirksam. Wir haben sie aus juristischen Formmängeln zurückgewiesen. Das Haus ist eine Erbengemeinschaft, es sind zwei Familien. Da ist Einstimmigkeit erforderlich. Alle müssen die Vollmacht geben. Da ist ein Familienmitglied dabei, das seine Vollmacht bis dato nicht gegeben hat. Der ganz vernünftige Hintergrund: Bis jetzt hat Frau Winkelmann keinen Nachmieter mit einer entsprechend höheren Miete und den entsprechenden Genehmigungen für das denkmalgeschützte Haus vorweisen können. Es ist nicht so, dass da jetzt jemand einfach eine Diskothek reinbauen kann. Wenn man das richtig machen will, müssen die Genehmigungen da sein, und es muss ein neuer unterschriebener Mietvertrag da sein. Das hat sie aber nicht. Hätte sie jemanden, der die doppelte Miete anbiete, hätte ich verloren.

Weil sie dann auch die fehlende Zustimmung bekäme?

Die anderen Teile der Familie haben die Vollmacht erteilt, weil sie dem Druck der Familie Winkelmann nachgegeben haben. Es hieß, sie würden die anderen auf Schadensersatz verklagen, wenn sie nicht der Kündigung zustimmen. Das ist ein totaler Unsinn, wenn sie gar keine entsprechende andere Nutzung vorweisen kann. Erst dann würde der Schaden entstehen. Erhielte sie von jemand anderen die doppelte Pacht, könnte man sagen: "Ihr verhindert, dass wir die doppelte Pacht kriegen."

Haben Sie sich über die Unterstützung durch den SPD-Antrag gefreut?

Ja, sicher. Die Stadt, das weiß ich auch aus anderen Quellen, steht da schon hinter mir. Nur ist es immer die Frage, in wieweit sie Einfluss nehmen kann. Ich habe Frau Winkelmann eine wesentliche Pachterhöhung angeboten, die um fast 30 Prozent höher als die jetzige Pacht läge. Das ist die Schmerzgrenze. Wenn man darüber hinausgeht, dann bleibt dem Kino nichts übrig und es verlottert. Wir schreiben seit 74 Jahren schwarze Zahlen - selbst im Kinojahr 2018, wo es allen so schlecht gegangen ist. Unserem Filmtheater geht es eigentlich nicht schlecht. Ich habe auch keine Probleme, es weiterzuführen. Nur sind die Zeiten vorbei, wo Kinos generell riesige Gewinne abwerfen. Der Gewinn des Kinos stellt die Reserven dar, die ich für Neuinvestitionen brauche. Es steht eine neue Bestuhlung und eine Bühnenvergrößerung an. Wer nichts tut, verliert sowieso. Ich kann ihr guten Gewissens nicht mehr zahlen. Man kann nicht die Kuh, die man melken will, schlachten - mit Bedingungen, die nicht erfüllbar sind. Ansonsten muss sie sich eine andere Branche suchen, die mehr bringt. Nur habe ich dann wieder ein bisschen einen Vorteil, weil es keine 1A-Lage für Gewerbe und Läden ist. Aber Frau Winkelmann hat schon vor fünf Jahren gekündigt, und wir haben es abschmettern können. In diesen fünf Jahren hat sie keinen Mieter beigebracht. Es waren natürlich Interessenten da. Aber Diskothekenbesitzer scheitern am Denkmalschutz. Sie haben hier Tonmessungen für Discolautstärken gemacht, die nochmal etwas ganz anderes als eine Kinolautstärke sind, vor allem bei der Art von Filmen, die ich spiele. Das hat man dann beim Test bis in den sechsten Stock hinauf gehört.

Aber ist das nicht auf Dauer eine bedrückende Situation für sie als Kinobesitzer unter dem Damoklesschwert der potenziellen Kündigung zu arbeiten?

Die Anwaltskanzlei, die mich berät, hat mir durch einen Fachanwalt bestätigt, dass die Kündigung unwirksam ist. Jetzt kann ich sowieso nichts mehr machen, weil der Zeitpunkt vorbei ist. Es hätte eine wirksame Kündigung bis zum 30. Juni 2019 erfolgen können. Wir haben sie zurückgewiesen, und Frau Winkelmann hat nichts mehr darauf geantwortet. Was dann in fünf Jahren ist, weiß ich nicht. Eine Räumungsklage hat sie bisher aus gutem Grund nicht eingereicht, weil ihr die rechtliche Grundlage fehlt. Ich habe auch einen Vertrag als Spielstätte für das Filmfest München unterschrieben und genügend Veranstaltungen für das nächste Halbjahr. Ich bin schon viele Verpflichtungen und Verträge eingegangen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wenn sie es auf die Spitze treibt, liegt es bei der Entscheidung des Richters, ob er ihre Kündigung anerkennt oder nicht. Das Spiel geht jetzt schon sieben, acht Jahre. Man gewöhnt sich daran.

Zumal es ein Familienbetrieb mit ihrem Sohn zusammen ist.

Natürlich ist das immer ein Schlag in die Magengrube - auch für meinen Sohn. Ich bin 75 Jahre alt. Aber vor 14 Jahre habe ich meinen Sohn gebeten, ob er nicht mit dem Kino weitermachen wolle. Er hat zugesagt und macht es sehr gut. Die Nachfolge ist geregelt. Ich bin auch schon in der dritten Generation. Ich bin mit dem Kino als kleiner Bub aufgewachsen. Ich sehe das Ganze auch unabhängig davon, dass ich das jetzt mache, als Münchener. Das ist ein historisches Kinodenkmal. Es ist einmalig. Das einzige Kino aus dieser Zeit. Wir hatten in München mal 140 Erstaufführungskinos in der Innenstadt. Das einzige, was es noch gibt, bin ich. Das Gloria ist ein Nachkriegsbau, die anderen sowieso. Das Gabriel und das Maxim sind in eine Wirtschaft hineingebaut worden. Carl Gabriel, der das Filmtheater am Sendlinger Tor bauen ließ und ursprünglich Schausteller auf der Wiesn war, wollte es aus dem Ecke des Jahrmarkts herausholen. Der ist nach Paris gefahren zu den Gebrüdern Lumiere, hat sich das angeschaut und gesagt: Das ist die Zukunft, das will er auch. Das Kino muss ausschauen wie ein Theater, um auch an die Adeligen heranzukommen. Der Architekt des Filmtheaters hat zum Beispiel auch das Prinzregententheater in München gebaut. Die Einladungen zur Eröffnung hat er per Diener an die hohen Herren und Damen geschickt. Die ganzen Stummfilmgrößen und Schauspieler mit Rang und Namen der vergangenen Jahrzehnte waren dort auf der Bühne. Da zieht der Hauch der ganzen Kinogeschichte durch. So etwas zerstört man nicht einfach. Wenn Frau Winkelmann es einfach kündigt und noch nicht einmal einen Mieter hat, dann steht es leer. Was erst einmal leer steht und weg ist vom Fenster, ist dem Tode preisgegeben.

Das sollte wirklich nicht am Geld scheitern.

Ich hatte sogar schon mal einen Mäzen aus der Medienwirtschaft, der bereit war zur Rettung des Filmtheaters Sendlinger Tor 60.000 Euro jährlich zuzüglich zur unserer Pacht zu zahlen. Dann sollte es aber auch einen Zehn-Jahres-Vertrag geben. Frau Winkelmann hat überhaupt nicht darauf reagiert. Es verlief dann im Sande.

Das Gespräch führte Michael Müller