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Produktion

"Zukunftsweisende Partnerschaft"

Kurz nach Bekanntgabe einer wegweisenden Kooperation mit Warner hat die FFHSH nun umfangreiche Richtlinienänderungen kommuniziert, die in mehreren Bereichen Akzente setzen. So wird beispielsweise ein "Grüner Filmpass" Fördervoraussetzung.

04.02.2020 13:33 • von Marc Mensch
Helge Albers, geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (Bild: Jasper Ehrich)

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Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hat sich neu aufgestellt. Nach einer Erhöhung des Etats für die Förderung von Serienproduktionen und der Einrichtung eines Treuhandfonds mit Warner Bros. Deutschland als neuem Partner hat die FFHSH nun ihre Richtlinien komplett überarbeitet - und setzt dabei auch in Bereichen wie "Nachhaltigkeit" und "Diversität" Zeichen. Wir sprachen mit Geschäftsführer Helge Albers über die Neuerungen.

BF: Eine spektakuläre Nachricht ist die Beteiligung von Warner Bros Deutschland. Wie sieht die aus?

HELGE ALBERS: Diese privatwirtschaftliche Partnerschaft ist zukunftsweisend. Die Vertragswerke für diesen Topf sind so gestaltet, dass Mittelherkunft- und Mittelvergabe komplett entkoppelt sind. Alle Bedürfnisse auszutarieren und gleichzeitig uns als Förderung die Möglichkeit zu geben, unter dem Dach unserer Richtlinien zu agieren, unsere Förderziele nicht zu kompromittieren und all diese Interessensabwegungen juristisch sauber zu fassen, war ein sehr komplizierter Prozess. Wir wurden dabei sehr von der Hamburger Behörde für Kultur und Medien unterstützt. Es gibt mit einem Treuhandfonds ein unabhängiges Gremium, das jährlich eine Million Euro vergibt. Da in diesem Gremium weder jemand von Warner dabei ist noch ich, ist gewährleistet, dass keine Querverbindungen entstehen. Warner kann nicht majoritärer Produzent bei diesen Projekten sein und es gibt eine Schutzzone für Nachwuchsprojekte. Es sind also ganz viele Hebel im Hinblick auf Compliance eingebaut worden.

BF: Was versprechen Sie sich von diesen Fördermitteln?

ALBERS: Wir wollen ein Signal in Richtung kommerzieller Projekte aussenden. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir über den Treuhandfond mehr Major-Produktionen nach Hamburg holen könnten. Wir wollen mit diesem Topf Produktionen fördern, die einen hohen Regionaleffekt haben und die sehr publikumsorientiert sind. Wir haben jetzt die Möglichkeit mit dem Treuhandfonds flexibler bei solchen Projekten zu agieren und sie besser auszustatten, auch additiv mit unseren sonstigen Förderungen. Damit entlasten wir auch unsere regulären Fördertöpfe.

BF: Neu ist auch, dass die FFHSH nun Serienprojekte fördert. Wie sehen da die Kriterien aus?

ALBERS: Wir bekommen dafür von der Stadt Hamburg zusätzlich jährlich eine Million Euro, im Jahr 2020 sogar zwei. Wir zielen auf die sogenannten Highend-Serien und suchen Formate, die international sehr gut auswertbar sind, deutlich abgrenzbar vom TV-Regelprogramm und die filmisch Originelles mitbringen. Außerdem interessiert mich sehr, dass wir eine Sichtbarkeit unseres Standorts auch vor der Kamera erzielen und mit regionalen Produzenten zusammenarbeiten. Nach unseren Richtlinien fördern wir keine Auftragsproduktionen von Sendern oder Plattformen, diese können nur Koproduktionspartner sein. Wir vergeben Darlehen und müssen daher die Möglichkeit haben, Rückflüsse zu erhalten. Deshalb müssen die Produzenten ein Auswertungsrecht haben.

BF: Im Zuge dieser neuen Förderungen haben Sie nun auch die Gremien-Struktur neugestaltet?

ALBERS: Es wird in Zukunft drei Gremien und den Treuhandfond geben. Ein Gremium wird Projekte mit bis zu 3,5 Millionen Euro fördern, die im Arthouse-Bereich angesiedelt sind. Ein anderes Gremium fördert Projekte ab 3,5 Millionen Euro, die eher eine kommerzielle Ausrichtung haben, und ist außerdem zuständig für die Vergabe der Mittel für serielle Formate. Diese Aufteilung hat sich durch die Analysen unserer Förderpraxis ergeben und soll sich auch in der Besetzung der Gremien widerspiegeln. Mir ist wichtig, dass wir in diesen beiden Gremien möglichst trennscharf mit Entscheidungskompetenz und Tiefe die Produktionen beurteilen können.

BF: Es soll auch mehr Termine für Anträge geben?

ALBERS: Wir erleben, dass die neuen Player anders arbeiten, sehr schnell entscheiden, große Produktionsvolumina haben und in der Lage sind, große Freiräume zu schaffen. Damit müssen wir uns als Förderung auseinandersetzen. Wir wollen schneller werden und haben unsere Antragsabläufe verschlankt. Außerdem soll es die Möglichkeit zu einem direkten Austausch zwischen Antragsteller und Gremium geben, etwa durch eine Zuschaltung in die Sitzung über skype. Wir sind die erste Förderung mit diesem Konzept, denn ich glaube, dass es besonders im Arthouse-Bereich wichtig ist, dass die Persönlichkeit der Antragsteller in den Sitzungen noch stärker spürbar wird.

BF: In Zukunft sollen auch innovative Formate gefördert werden, über die das dritte Gremium entscheidet. Was ist darunter zu verstehen?

ALBERS: Hier interessiert uns die Verbindung von technischer und inhaltlicher Innovation etwa bei VR-Projekten, Web-Serien, Augmentated Reality, soweit sie erzählerisch sind, und kürzere Filmformate. Dieses Label werden wir zukünftig in der Filmwerkstatt Kiel ansiedeln. Dafür werden wir dieses Gremium mit Mitgliedern besetzen, die Erfahrung mitbringen im Bereich VR, im Bereich Kunst, beim Kurzfilm und die ein großes Verständnis davon haben, was kurz, innovativ und im Sinne unserer Filmförderung erzählenden Charakter hat. Da wird es auch immer wieder um die fließende Grenze zu Kunst und Videokunst gehen.

BF: In Hamburg wird also in Zukunft über große Projekte entschieden, in Kiel über kleine?

ALBERS: Diese Sicht haben wir nicht. Ich sehe Kiel mit der Filmwerkstatt als einen Ort, der uns einen Laborcharakter für innovative Projekte ermöglicht. Da geht es um die Zukunft, um das Nachdenken über neue Formate. Wir bauen mit dieser Fokussierung auf den Geist, der Filmwerkstätten schon immer prägte, nämlich ein Ort für Filmemacher zu sein, die sich eher am Anfang ihrer Karriere befinden und dort relativ niederschwellig mit Ressourcen versorgt werden können, um zu produzieren. Alle kurzen und innovativen Formate werden dort mit Zuschüssen gefördert, was vorher nicht der Fall war. Außerdem versuchen wir, mittelfristig den Technikpark der Filmwerkstatt noch stärker ins digitale Zeitalter zu hieven.

BF: Die FFHSH hat sich aber noch weitere neue Richtlinien gegeben, etwa beim Grünen Drehpass?

ALBERS: Für Produktionen, die majoritär deutsch finanziert sind und in Deutschland gedreht werden, führen wir nun verpflichtend den "Grünen Filmpass" (der anders als der "Grüne Drehpass" auch Bereiche jenseits des Drehs erfasst, Anm.d.Red.) ein. Dieser wird Voraussetzung, um Fördergeld zu bekommen. Dabei sollen nicht nur die Dreharbeiten nachhaltig werden, sondern die gesamte Wertschöpfungskette - vom Drehbuch bis hin zum Verleih Das Thema ist schon längst in den Köpfen angekommen, und so ist es adäquat, es anhand von ganz konkreten Punkten einzufordern, wie CO2-Rechner, Vorgaben bei Reisen, bei Equipment etc. Außerdem arbeiten wir mit verschiedenen Partnern daran, die Grundprinzipien des "Grünen Drehpasses" in überregionale Modelle einfließen zu lassen.

BF: Was passiert, wenn die Kriterien nicht eingehalten werden?

ALBERS: Wir werden keine ausgesprochene Förderung zurückziehen und ich habe auch kein Interesse an Sanktionen gegenüber Antragstellern, aber natürlich fließt so etwas in kommende Gremienentscheidungen ein. Wir sind die erste Förderung, die das so regelt, auch weil ich viele Rückmeldungen von Dienstleistern, Equipmentanbietern und Produktionsleitern habe, die sich so eine Verpflichtung wünschen. Damit werden die teureren Geräte oder andere grüne Maßnahmen in den Kalkulationen anrechnungsfähig. Dass höhere Kosten entstehen, will ich auch nicht kleinreden, aber solche gesellschaftlichen Standards sind notwendig.

BF: Auch das Thema "Diversität" floss in die neuen Richtlinien ein.

ALBERS: Wir wollen auf verschiedenen Ebenen darauf achten, einmal bei der Besetzung unserer Gremien, aber auch bei den Förderanträgen. Wir werden eine Diversity-Checkliste als Antragsgrundlage einführen, sodass man erkennen kann, ob sich die Antragsteller mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Zunächst wird das mehr informierenden Charakter haben. Da geht es um Rollenbilder, Geschlechterverhältnisse oder Bodymass-Indexe bei Animationsfilmen für Kinder. Wir wünschen uns ein breites Spektrum an Diversität für den inhaltlichen Bereich, aber auch bei den Filmteams. Leider muss man sagen, dass andere Länder wie Großbritannien oder Skandinavien da schon deutlich weiter sind.

Das Gespräch führte Herdis Pabst.