Kino

Kinoevents per Smartphone-App

Besucherschwache Slots besser auszulasten und neue Angebote zu schaffen, ist Ziel des Würzburger Startups Cineamo, das es Kinos über eine gleichnamige App ermöglicht, sich leichter für die Wünsche ihrer Besucher zu öffnen. Alleine im Pilotkino, dem Dettelbacher Cineworld im Mainfrankenpark, wurden damit bereits rund drei Dutzend Events auf die Beine gestellt.

31.01.2020 10:34 • von Marc Mensch
Ende Januar präsentierte sich Cineamo gemeinsam mit 15 weiteren Startups im Technologie- und Gründerzentrum Würzburg (Bild: Cineamo)

Als zeitgemäße Antwort auf das sich zunehmend verändernde Nutzungsverhalten sieht das Würzburger Startup Cineamo seine gleichnamige App, die Kinos bei der digitalen Kundenansprache unterstützen und es ihnen ermöglichen soll, leichter auf Wünsche der Kunden einzugehen, sie quasi an der Gestaltung des Programms zu beteiligen. Die Idee dahinter klingt zunächst einmal vertraut: Nutzer übermitteln einem Kino den Wunsch nach einem speziellen Film oder einem anderen Event im Kinosaal zu einem bestimmten Termin, das Kino hat dann die Möglichkeit, eine entsprechende Veranstaltung aufzusetzen und zu bewerben.

Ein grundlegender Unterschied zu früheren Initiativen liegt dabei schon in der Bandbreite der möglichen Wünsche. Denn diese ist im Fall von Cineamo erst einmal unbegrenzt und nicht an kuratierte Listen oder einzelne Kooperationspartner - und generell auch nicht an Filmcontent - gebunden. Dass Besucher auch Wünsche äußern, die sich nicht (oder zumindest aktuell nicht, man denke nur an die nach wie vor bestehende Nachfrage nach Bohemian Rhapsody"...) erfüllen lassen, liegt dabei auf der Hand. Der große Vorteil: Auf diese Weise können auch Ideen - gerade auch jenseits reiner Filmvorführungen - übermittelt werden, auf die ein Kinobetreiber womöglich nicht von selbst kommt. Als Beispiel nennt Stefan Farnschläder, der die Cineamo GmbH im Juni 2019 mit Dominic Warok und Christoph Käfer gegründet hat, eine Yoga-Stunde im Kino, die auf der Leinwand nur mit atmosphärischen Bildern begleitet wurde. Zudem ist Teil des Systems eine Software-as-a-Service-Lösung für Kinobetriebe namens "Cineamo-Control", die nicht nur die Verwaltung der eingehenden Anregungen ermöglicht, sondern vor allem auch die direkte Kommunikation mit den App-Nutzern.

Ob eine Veranstaltung zustande kommt, liegt dabei alleine im Ermessen des Kinos. Anders als beispielsweise beim (hierzulande leider glücklosen) "We Want Cinema" ist ein "Go" nicht an eine bestimmte Zahl vorab angefragter Tickets gebunden. Klingt wie ein Risiko, doch Farnschläder relativiert: "Wenn wir nicht gerade von den Startwochen großer Blockbuster sprechen, geht ein Kino doch mit jeder Vorstellung ins Risiko - insbesondere eben in den auslastungsschwachen Zeiten." Und tatsächlich habe sich schon im seit März 2019 gestarteten Testbetrieb - Pilotkino war das Cineplex Cineworld Dettelbach - gezeigt, dass sich die allermeisten Anfragen auf Nachmittage, Werktage oder die Spätschiene bezögen. Also gerade nicht auf die attraktiven Programmzeiten. Angefragt werden dabei meist verpasste Filme oder Filmklassiker. Häufig stecke ein Geburtstag oder Gruppenerlebnis als Anlass hinter den Filmwünschen.

Als weiteren Kernvorteil nennt Farnschläder die enge Social-Media-Anbindung von Cineamo. Filmideen und Events können mit der App auf allen Kanälen geteilt werden. Nach Freigabe einer Veranstaltung wird die Werbung des Kinos durch das Teilen der Event-Initiatoren und -Interessenten unterstützt. "Durch die Verbreitung in Freundeskreisen und Gruppen steigen die Relevanz und Wahrnehmung der Werbebotschaft", so das Unternehmen in einer Pressemitteilung.

Schon die Auswertung des Testlaufs (Farnschläder spricht von rund drei Dutzend Veranstaltungen im Cineworld) habe ergeben, dass Cineamo-Kinoevents nach den aktuellen Blockbustern häufig sogar die meisten Tagesbesucher verzeichneten. Seit November 2019 haben sich weitere Cineplex-Häuser in Aachen, Berlin, Kassel, Meitingen und Neu-Ulm angeschlossen, die den Service seither für ihre Besucher in Anspruch nehmen. Darüber hinaus sei man auch schon mit Betreibern kleinerer bzw. mittlerer Kinos im Gespräch.

Dass ausgerechnet das Cineplex Cineworld im Dettelbacher Mainfrankenpark zum Pilotkino wurde, kommt übrigens nicht von ungefähr, denn Farnschläder wurde per Heirat in den 1990er Jahren Teil der Betreiberfamilie Michel, ergo wurde das Konzept auch gemeinsam mit dieser erarbeitet. "Mit einem eigenen Kinobetrieb in der Familie diskutiert man permanent die Frage, was man tun kann, um Kino attraktiv, zeitgemäß, digital und erfolgreich zu machen", erläutert Farnschläder, der das Angebot audiovisueller Medien und deren Nutzung gemeinsam mit den Cineamo-Mitgründern Warok und Käfer genau untersucht hat. Er konstatiert, dass Kinos auf den jahrelangen Trend hin zu individueller, nicht-linearer Mediennutzung bislang primär mit besserer Saalausstattung reagiert hätten. Dem wolle man eine zeitgemäße, digitale Antwort an die Seite stellen, die sich vor allem an das Publikum der 25- bis 45-Jährigen richte.

Ansatzpunkt ist dabei die Auslastung der Kinos, die bekanntermaßen einer erheblichen Bandbreite unterliegt. Im Schnitt, so hat Farnschläder berechnet, würden Kinos eines Gesamtauslastung von gerade einmal 15 Prozent aufweisen, entsprechend groß sei das Potenzial. Zumal die Einbeziehung der Kinobesucher und die direkte Kommunikation mit ihnen die Aufmerksamkeit für Filme im Kino generell steigere. So bietet die App auch das aktuelle Kinoprogramm und zeigt die Filmideen Gleichgesinnter an.

Wie Farnschläder erläutert, sei es dem Startup wichtig, ein solides und faires Geschäftsmodell anzubieten. Provisionen auf Tickets blieben daher tabu, der Erfolg gehöre dem Kino ganz alleine. Eine monatliche Abogebühr in der Größenordnung eines Handyvertrags sichere die Finanzierung des Konzepts.

Das Gründerteam unterstützen neben einem Werkstudenten für UI-/UX-Design und einer Designerin weitere Fachleute aus dem Bereich Marketing/Social Media, Kommunikation und Finanzen. Insgesamt besteht das Team aus 12 Mitarbeitern. Cineamo erhält fachliche Unterstützung aus der kommunalen Gründerszene Würzburgs. Das Innovations- und Gründerzentrum Würzburg (IGZ) und das Zentrum für Digitale Innovationen Mainfranken (ZDI) fördern das Startup mit Rat und Tat. Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg (FHWS) hat im Rahmen von zwei Semesterprojekten im Wintersemester 2019/2020 zwei Studierendengruppen mit Entwicklungsaufgaben betraut.