TV

X Filme: "Wir waren Wegbereiter"

Im Fernsehen steht eine geballte Ladung X-Filme-Produktionen bevor. Am morgigen 24.Januar startet auf Sky die "Babylon Berlin"-Fortsetzung, am 26. Januar folgt der außergewöhnliche "Tatort: Unklare Lage", einen Tag später startet die ZDF-Miniserie "Die verlorene Tochter". Im Gespräch mit Blickpunkt:Film erläutern Geschäftsführer Uwe Schott und Produzent Michael Polle, warum sich das Unternehmen auch im TV-Bereich nur für Stoffe mit X-Faktor interessiert.

23.01.2020 14:26 • von Frank Heine
Michael Polle (links) und Uwe Schott (rechts) mit ihrem X-Filme-Kollegen Stefan Arndt (Bild: ARD/Degeto / Petra Stadler)

X Filme Creative Pool stand immer für anspruchsvolles Kino. Was hat den Ausschlag gegeben, auch Fernsehen zu produzieren?

Michael Polle: Uwe Schott, Stefan Arndt und ich haben vor knapp zehn Jahren darüber gesprochen, wie man das Unternehmen im Hinblick auf den sich verändernden Markt breiter aufstellen könnte. Wir sind damals zu dem Ergebnis gekommen, dass wir das nationale und internationale Kinogeschäft um einen starken TV-Bereich ergänzen wollen. Wir wollten uns in Zusammenarbeit mit langjährigen Partnern, herausragenden Kreativen und neuen Talenten mit qualitativ hochwertiger Unterhaltung auch im TV-Bereich etablieren.

Uwe Schott: Es war schon absehbar, dass sich der Kinobereich längerfristig verändern würde, ein großes Wachstum war nicht zu erwarten. Außerdem gab es Stoffe, die wir unbedingt realisieren wollten; die waren fürs Kino nicht geeignet, sehr wohl aber für hochwertige TV-Formate.

Michael Polle: Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Wir haben von Anfang an auch im TV-Bereich allein von den Inhalten her gedacht. Wenn eine Geschichte zu uns kommt, dann steht die Vision, die wir gemeinsam mit dem jeweiligen kreativen Partner dazu erarbeiten, im Mittelpunkt. Erst dann denken wir darüber nach, in welche Richtung wir das Projekt finanziell entwickeln und wie wir es auswerten wollen. Die Ergänzung von X Filme durch diesen Bereich hat dazu geführt, dass wir noch inhaltlicher denken, den kreativen Partnern noch mehr Möglichkeiten bieten können. Die Idee des "Creative Pools" aus dem Firmennamen wird also geschärft.

Es fällt auf, dass Sie kein Alltagsfernsehen produzieren. Warum nicht?

Uwe Schott: Wo X drauf steht, soll auch X drin sein. Die Marke soll auf keinen Fall verwässert werden. Ganz gleich, ob Fernsehen oder Kino, unser Fokus liegt auf besonderen Geschichten.

Werden die Stoffe überwiegend im Haus entwickelt oder gibt es auch Anstöße von außen?

Michael Polle: Ganz häufig ist es so, dass unsere Geschichten im Gespräch entstehen. Christian Jeltsch hat mir irgendwann erzählt, wie sehr es ihn fasziniert, wenn Menschen spurlos verschwunden und Jahre später wie aus dem Nichts wieder auftauchen; daraus wurde die ZDF-Miniserie Die verlorene Tochter". Die Idee zu Unklare Lage", dem jüngsten "Tatort" aus München, ist bei einem Telefonat mit Holger Joos entstanden, als wir uns über die öffentliche Wahrnehmung von Terrorattentaten und die Panik der Menschen unterhalten haben. Die Frage war: Wie geht man als Polizist mit einer solchen Lage um?

Babylon Berlin" dürfte Ihre mit Abstand teuerste TV-Produktion sein. Wie groß war der Druck, mit der dritten Staffel den selbst gesetzten Maßstäben gerecht zu werden?

Michael Polle: Für uns stand viel mehr die Frage im Vordergrund, was wir aus den Erfahrungen der ersten beiden Staffeln lernen können. Äußere Einflüsse waren deshalb weniger wichtig, weil wir selbst den Anspruch haben, besser zu werden. Das hat auch bei "Babylon Berlin" den großen Reiz der Zusammenarbeit mit Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten ausgemacht. Der spannendste Aspekt bei der dritten Staffel war der gleiche wie bei den ersten beiden: gemeinsam mit den drei Autoren und Regisseuren sowie den Partnern von Degeto, Sky, WDR und Beta Film eine Vision zu entwickeln und diese bestmöglich umzusetzen. Dabei hatten wir gegenüber der ersten Staffel den Vorteil, dass die Charaktere bereits eingeführt waren, weshalb wir viel schneller zum Kern der Handlung vorstoßen konnten. Auf diese Weise war auch eine vielschichtigere Erzählweise möglich. Die dritte Staffel ist daher fokussierter, der Facettenreichtum der Figuren kann noch stärker in den Vordergrund treten.

Bislang hat Volker Kutscher sieben Romane über seinen Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath geschrieben, Sie könnten also noch mindestens fünf weitere Staffeln produzieren. Wollen Sie auch?

Uwe Schott: Schön wär's, denn es gibt noch viel zu erzählen. Wir möchten jedenfalls so lange weitermachen, wie es geht und wie die Zuschauer die Serie mögen. Aber wir wissen auch, dass es nicht einfach ist, diesen finanziellen Drahtseilakt gemeinsam mit unseren Partnern immer wieder hinzubekommen. Es ist kein Geheimnis, dass "Babylon Berlin" nicht gerade kostengünstig produziert werden kann.

Die Serie ist ein Welterfolg und in über 100 Länder verkauft worden. Profitieren Sie davon auch finanziell oder bleiben Ihnen nur Ruhm und Ehre?

Uwe Schott: Wir haben viele Eigenmittel investiert, unser Anteil deckt zusammen mit den Fördersummen und dem Engagement von Beta Film, unserem Koproduktionspartner und Weltvertrieb, 50 Prozent des Budgets. Insofern war die erste Staffel auch ein großes Risiko, wir haben uns weit aus dem Fenster gelehnt. Umso schöner ist es, dass die Rechnung für alle Partner bisher aufgeht, auch wenn ein solches Projekt in seinen Erlösen auf Langfristigkeit ausgelegt ist. Wir haben auf den Auslandserfolg gehofft, konnten aber natürlich nicht davon ausgehen, dass sich die Serie derart gut verkaufen würde. Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Unsere Investitionen bekommen wir auf jeden Fall zurück, und wenn wir Glück haben, gibt's auch noch ein bisschen obendrauf.

"Babylon Berlin" ist ein Signal an Unternehmen wie Netflix und Amazon: "Wenn ihr einen kompetenten deutschen Partner sucht - wir stehen für großes Fernsehen!" War der Eigenanteil also auch eine Investition in den eigenen Ruf?

Uwe Schott: Ja, das kann ich bestätigen. Seit "Babylon Berlin" werden wir auch von Produktionsfirmen unter anderem aus den USA oder Australien ganz anders wahrgenommen. Wir bekommen laufend Koproduktionsanfragen, fürs Kino wie fürs Fernsehen.

Michael Polle: Eine konkrete Produktion, die sich nach "Babylon Berlin" ergeben hat, ist zum Beispiel die Politthriller-Serie "Furia", die wir in diesem Jahr gemeinsam mit dem norwegischen Unternehmen Monster Scripted für den norwegischen Sender Viaplay und das ZDF produzieren. Das Projekt wurde von Monster bei der Berlinale 2018 präsentiert. Gjermund Erikson, der für die Serie Mammon" einen International Emmy gewonnen hat, ist der Showrunner. Internationale Koproduktionen helfen uns nicht nur, unsere Bandbreite auch inhaltlich zu vergrößern, sie werden als weiteres Standbein neben unseren deutschen Projekten in Zukunft immer wichtiger.

Uwe Schott: In dem Zusammenhang ist auch die Koproduktion "Queen's Gambit" interessant, die wir bis Dezember mit Netflix hier in Berlin gedreht haben, eine Miniserie nach einem Roman von Walter Tevis, von dem auch die Vorlagen zu Haie der Großstadt" und Die Farbe des Geldes" stammen. Die Serie erzählt die Geschichte eines jungen weiblichen Schachgenies in der Zeit des Kalten Krieges.

Der internationale Markt hat das Signal also verstanden. War das hierzulande überhaupt noch nötig, um zum Beispiel einen Sender für eine Miniserie wie "Die verlorene Tochter" zu finden?

Michael Polle: "Babylon Berlin" war 2017 zumindest der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die 2013 mit einem "Tatort" aus München ("Macht und Ohnmacht") und 2015 mit der ARD-Vorabendserie Unter Gaunern" begonnen hat. Seither ist dieser Bereich weiter gewachsen. Wir wollten mit all' unseren Produktionen und in der Zusammenarbeit mit unseren kreativen Partnern zeigen, dass wir eine ganz bestimmte Vorstellung von Filmen und Serien haben: Fernsehen plus X. "Babylon Berlin" war sicher ein wichtiges Signal, aber noch bedeutender ist die Bandbreite, für die die Serie gemeinsam mit "Unklare Lage" und "Die verlorene Tochter" heute steht.

Uwe Schott: "Babylon Berlin" war in der Tat nicht nur ein Zeichen in eigener Sache, sondern für den gesamten Markt: Seht her, es lohnt sich, ungewöhnliche Geschichten zu erzählen und neue Kooperationen einzugehen; eine Zusammenarbeit zwischen Sky und der ARD-Tochter Degeto hatte es bis dahin nicht gegeben. Sie war notwendig, um eine eigene und vielleicht besondere Idee einer Serie zu verwirklichen. Insofern waren wir Wegbereiter, und der Erfolg hat diese Strategie für alle Beteiligten bestätigt.

"Die verlorene Tochter" zeichnet sich durch eine spezielle Erzählweise aus. Ist dieser besondere dramaturgische Ansatz auch die Reaktion eines etablierten Senders auf die innovativen Erzählformen der Streamingdienst-Serien?

Michael Polle: Die Sender haben auch schon früher besondere Serien gemacht. Fakt ist aber, dass sie heute viel offener geworden sind; dank dieser Serien ist auch im herkömmlichen Fernsehen eine mutigere Erzählweise möglich. Aber das ist ein Anspruch, dem man sich heutzutage ohnehin stellen muss, ganz egal, mit welchen Partnern man arbeitet. Angesichts des enormen Bewegtbildangebots kann es sich kein Anbieter mehr leisten, seine Zuschauer zu langweilen. Das klassische Fernsehmodell, das es hier und da noch gibt - die Variation des Immergleichen -, ist aus meiner Sicht Vergangenheit. Abgesehen davon war uns auch hier der erzählerische Ansatz sehr wichtig. Wir haben uns bei der Entwicklung mit Christian Jeltsch gefragt: Was ist das Besondere, was ist das Eigene an dieser Geschichte? Mit Erzählformen zu spielen, fasziniert und begeistert uns schon lange.

Uwe Schott: Für uns ist außerdem immer die Frage wichtig, wie wir uns von anderen Serien abheben können. Wir wollen vor allem originäres Programm schaffen.

Ist das die Erklärung dafür, warum sie im Unterschied zu den ganz großen Produktionsfirmen kein "Brot und Butter"-Fernsehen herstellen?

Michael Polle: Auch dieses Programm hat seine Berechtigung, schließlich wird es von sehr vielen Menschen gesehen. Und ich habe großen Respekt vor den Machern dahinter, denn auch diese Filme und Serien werden auf hohem Niveau produziert. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen stellen wir uns bei neuen Projekten grundsätzlich als Erstes die Frage: Passt der Stoff zu unserer Marke, zu unserem kreativen Netzwerk und zu unserer Philosophie? Können wir diese Frage nicht guten Gewissens mit Ja beantworten, kommt das Projekt für uns nicht in Frage. Deswegen entwickeln wir im Vergleich zu den Mitbewerbern gemeinsam mit unseren Partnern vielleicht auch weniger Projekte. Demnächst beginnen die Dreharbeiten zum zweiten Teil des Jubiläums-"Tatort". Das ist ein einzigartiges Projekt und ein Stoff, wie er uns vorschwebt. Dank des Vertrauens unserer Senderpartner WDR und BR konnten wir gemeinsam mit Bernd Lange, Dominik Graf (Teil 1) und Pia Strietmann (Teil 2) ein tolles Team für dieses Projekt gewinnen. Wir sind zum Glück kein Unternehmen, das auf Gedeih und Verderb auf Masse gehen muss, weil es einen riesigen Apparat vorhält. Das ist der große Vorteil der Unabhängigkeit.

Das Interview führte Tilmann P. Gangloff