Kino

Constantin setzt Top-Anreiz

Was aus Filmen ohne Aussicht auf kommerziellen Erfolg wird, weshalb 40 Prozent Anteil an den Besuchern deutscher Filme keine tolle Nachricht für einen Verleih sind - und wie man als Kinobetreiber eine rauschende Party von der Constantin spendiert bekommen kann: Fragen, die im Rahmen einer schwungvollen Präsentation beantwortet wurden.

17.01.2020 07:45 • von Marc Mensch
Wie ein Blick auf die Leinwand zeigt, wurden längst nicht alle Highlights der Constantin-Staffel 2020 in München vorgestellt - einen Nachschlag gibt es schon in Baden-Baden (Bild: BF)

Für die Constantin hätte 2019 wohl kaum besser enden können, ging der Überflieger Das perfekte Geheimnis" doch zum Jahreswechsel auf die Zielgerade zur fünften Besuchermillion. Die man nun anlässlich der Münchner Filmwoche mit einem witzigen Einspieler feierte, der auf seine Weise auch eine kleine Verneigung vor jenem Mann war, der die Filmwoche über 17 Jahre organisierte und sie ab 2021 in jüngere (aber natürlich bewährte) Hände aus dem Kinopolis-Team legen wird: Kurt Schalk.

Martin Moszkowicz freute sich in seiner Begrüßungsrede jedenfalls über die "super Zahlen", an die "Einige ja nicht geglaubt haben". Ein kleiner Seitenhieb gegen jene Vergabekommission, die dem Film im Ablehnungsbescheid attestierte, keine Aussicht auf kommerziellen Erfolg zu haben. Indes war es nicht die Enttäuschung über die damalige Entscheidung, die Moszkowicz in seiner Freude darüber innehalten ließ, dass die Constantin nicht nur den mit himmelweitem Abstand erfolgreichsten deutschen Neustart 2019, den einzigen weiteren deutschen Besuchermillionär und überhaupt vier der fünf populärsten deutschen Filme des Jahres im Programm hatte. Sondern die Enttäuschung über Gesamtmarktzahlen für lokale Produktionen, "die einfach nicht reichen".

"Man muss sich hohe Ziele setzen!", so der Constantin-Vorstand. Höhere, als nur fünf deutsche Filme (davon vier von den Münchnern) mit mehr als fünf Mio. Besuchern innerhalb des vergangenen Jahrzehnts. Er jedenfalls wünsche sämtlichen Mitbewerbern große Erfolge. Tatsächlich stellte Moszkowicz fest, dass ein Vorjahresanteil der Constantin an den Ergebnissen deutscher Filme von über 40 Prozent "nicht toll" sei. Ihm wäre es demnach lieber gewesen, der Anteil hätte nur 20 Prozent betragen - und der Markt im Gegenzug insgesamt viel bessere Zahlen geschrieben.

Die gesamte Branche sei gefordert etwas zu tun - und mit Blick auf die anstehende Novellierung des FFG konstatierte er, dass man sich deren Verlauf mit entsprechender Erfahrung ausmalen könne: ein Hauen und Stechen um die Verteilung der Mittel. Tatsächlich müsse es jedoch darum gehen, den Kuchen zu vergrößern. Eine ganz entscheidende Maßnahme auf diesem Weg. Wirtschaftliche und künstlerische Erfolge zu incentivieren. "Es kann doch nicht so bleiben", stellte Moszkowicz auf der Bühne des (m)K6 fest, "dass bei einer Gesamtförderung in Höhe von rund 400 Mio. Euro nur eine einzige Förderung mit etwa 13 Mio. Euro den Erfolg incentiviert!"

Und genau in diesem Sinne will die Constantin im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein klares Zeichen und einen Anreiz setzen. Eine echte, selbstlose Belohnung für Erfolg gewähren. Denn Martin Moszkowicz versprach an Ort und Stelle, für den nächsten deutschen Film, der fünf Mio. Besucher erreicht, 100.000 Euro an Artists for Kids zu spenden. Wohlgemerkt - ganz egal, von welchem Verleih dieser Film kommt. Und damit nicht genug: Jenem Kino, das sich am meisten reinhänge und mit diesem Film den größten Erfolg feiern könne, werde man eine rauschende Party mit allen Schikanen ausrichten. Bevor man sich nun aber (wie der Autor) schon gemeinsam mit Vertretern eines der besucherstärksten Multiplexe der Republik auf eine Fete sponsored by Constantin freut: Die Größe des Hauses und seine üblichen Benchmarks sollen dabei in Relation zum Ergebnis gebracht werden, sprich: Im Prinzip haben alle Kinos, die sich so richtig ins Zeug werfen, eine Chance.

Nun ja, würde ganz Deutschland bayerisch sprechen, würden uns zwar einige wirklich schöne Dialekte verloren gehen, aber mein Tipp für den Film, der als nächster das Fünf-Millionen-Kriterium erfüllt, wäre wenigstens klar: Kaiserschmarrndrama". Schließlich konnten sich die Adaptionen der Romane von Rita Falk im Kino von Mal zu Mal steigern - bis zu den über 1,2 Mio. Besuchern, die Leberkäsjunkie" zuletzt (beinahe) alleine im Freistaat machte. Für weiteren Nachschub ist übrigens gesorgt, denn die Reihe umfasst bereits zehn Bücher. Eine große Kinotour ist natürlich auch beim jüngsten Teil Ehrensache, wobei Torsten Koch versprach, sie diesmal auch ein wenig über den Weißwurstäquator hinaus auszudehnen. Die erste Promo wurde von Kinobetreibern - ganz gleich welcher Herkunft - jedenfalls schon einmal mit tosendem Applaus quittiert.

Auf Tour mit Constantin geht auch Peter Wohlleben, dessen millionenfach verkaufter Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" als Doku auf die Leinwand kommt. Oliver Koppert berichtete von Kinobetreibern, die für ihren Tourstopp bereits mehrere Säle im Vorverkauf gefüllt hätten. Passend zum Thema wird man übrigens für jedes einzelne verkaufte Ticket einen Baum pflanzen.

Aber noch einmal kurz zurück zum Blick auf das vergangene Jahrzehnt: Rund 700 Mio. Euro Umsatz hat die Constantin innerhalb der Dekade in den deutschen Kinos umgesetzt, wie Koppert resümierte. Und ein ganz besonderer Dank gelte dabei Lena Schömann und Bora Dagtekin, den erfolgreichsten Filmemachern der letzten zehn Jahre, die mit ihren Filmen rund 32 Mio. Besucher im deutschsprachigen Raum erreicht hätten. Ihr jüngster Hit sei in der elften Woche noch mit knapp 600 Kopien im Einsatz (dafür ging besonderer Dank an die Kinobetreiber) und werde mit Sicherheit auch im Open-Air noch für Furore sorgen.

Noch vor der Open-Air-Saison kommt die Leinwandfortsetzung einer Kultserie: Berlin, Berlin - Der Film" von Franziska Meyer Price bringt die Protagonisten rund um Hauptdarstellerin Felicitas Woll zehn Jahre nach Serienende wieder zusammen - natürlich mit etlichen prominenten Neuzugängen und neuen Beziehungsturbulenzen. Quasi das "Endgame" der Pferdefilme, wie Koppert es scherzhaft nannte, ist das große Finale der "Ostwind"-Reihe. Ostwind - Der große Orkan" soll Höhepunkt einer Franchise sein, die bislang fast vier Mio. Fans ins Kino zog - die sich nun auch auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten freuen können. Laut Koppert schaffte der Film bereits 94 Prozent nach oben gereckter Daumen bei einem Testscreening. Zum Wiehern.

Welche Zielgruppe sich wohl von Drachenreiter" angesprochen fühlen könnte? Kleiner Tipp: Schon im Trailer verbirgt sich eine Hommage an eine bekannte Filmreihe mit geflügelten Echsen, die auch in Deutschland nicht gänzlich unerfolgreich war. Vorsichtig ausgedrückt. Der Animationsfilm von Constantin entstand nach der literarischen Vorlage von Erfolgsautorin Cornelia Funke - und mit den Influencern Julien Bam und Dagi Bee sowie u.a. Rick Kavanian und Axel Stein wurden die Sprecherrollen prominent besetzt. Drachen spielen auch in einem weiteren Projekt der Constantin eine im wahrsten Sinne des Wortes große Rolle - allerdings sprechen wir bei Monster Hunter" von einer etwas aggressiveren Spezies. In München gab es die Weltpremiere erster Szenen eines Films zu sehen, mit dem Videospiel-Spezialist Paul W eine der meistverkauften Games-Reihen überhaupt adaptiert. Teil der Jagdgesellschaft sind Milla Jovovich und Tony Jaa.

Sehen Sie es mir in meinem Alter nach: Aber an After Passion" musste ich tatsächlich erst wieder erinnert werden, obwohl dessen Kinostart gerade einmal acht Monate zurück- (und das bei der Filmwoche 2019 verteilte Buch noch in einem Regal in meinem Arbeitszimmer) liegt - und wir von einem Besuchermillionär sprechen, der es tatsächlich unter die Top 30 des vergangenen Jahres geschafft hat. Somit würde ich sagen: Merken Sie sich den Termin für den Start des Sequels After Truth" vor - wenn es denn schon einen Termin gäbe. Aber die Fortsetzung kommt jedenfalls noch in diesem Jahr, wie Koppert versprach.

Womit wir beinahe schon beim Schluss der äußerst kurzweiligen Constantin-Tradeshow angekommen wären - und der schönen Tradition solcher Präsentationen folgend, hatte man sich zwei große Highlights für den Schluss aufgehoben: Zum einen allererste Szenen aus Leander Haußmanns "Stasikomödie" mit David Kross, Ilka Bessin, Detlev Buck und Henry Hübchen - und zum anderen "Contra", mit dem Sönke Wortmann nach "Der Vorname" erneut einen französischen Hit neu verfilmt hat. Als Jura-Professor muss Christoph Maria Herbst in diesem Film ausgerechnet jener Studentin (Nilam Farooq) als Mentor zur Seite stehen, die er zuvor rassistisch beleidigt hatte. Hier gab es keine ausgewählten Szenen zu sehen - sondern gleich das gesamte Werk als Überraschungsfilm.

Dem Verleih zufolge sei das Screening "extrem gut" aufgenommen worden, man habe selten zuvor so viele begeisterte Reaktionen erhalten - und selbst Verleihkollegen hätten gratuliert. Das sei auch nicht alltäglich.