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Andrej Konchalowski: "Woher das Geld kommt, ist mir egal"

Andrej Konchalowski ist eine lebende Regielegende. Im Gespräch mit Blickpunkt:Film redet er über die Veränderungen in der Filmindustrie und beklagt, das Kauen von Popcorn im Kino verursache unangenehme Nebengeräusche.

15.01.2020 15:07 • von Barbara Schuster
Andrej Konchalowski realisierte zuletzt das Biopic "Sin" (Bild: Filmfestival Tallinn)

Andrej Konchalowski ist eine lebende Regielegende. Im Gespräch mit Blickpunkt:Film redet er über die Veränderungen in der Filmindustrie und beklagt, das Kauen von Popcorn im Kino verursache unangenehme Nebengeräusche.

In "Sin" beschäftigen Sie sich mit Michelangelo. Fühlen Sie sich von ihm inspiriert? Würden Sie sagen, Sie spiegeln sich als Künstler in gewisser Weise in dessen Wirken bzw. in dessen Mühsal wider?

Natürlich muss ich immer in die Psyche, in die Psychologie meiner Figuren eintauchen, sie durchdringen. Michelangelo hatte als Künstler sicherlich dieselben Ängste wie jeder andere Künstler auch. Die Angst des Todes, die Angst des Zorns, der Wut, die Angst der Erniedrigung. Das sind Ängste, die die Menschen im Grunde nie loslassen. Die Menschen werden von diesen Ängsten getrieben.

Zu Zeiten Michelangelos waren Künstler von reichen Mäzenen abhängig. Könnte man die damalige Situation auch in die Jetztzeit übertragen, mit Blick auf den Autorenfilm etwa?

Absolut! Aber der Unterschied liegt darin: In der Renaissance investierten die reichen und einflussreichen Mäzenen ihr Geld nicht im Hinblick auf das Generieren von Profit. Es war eine ehrlichere Haltung. Sie beschäftigten die Künstler und bezahlten sie für ihre Arbeit. Ohne die Vorgabe, dass ein Kunstwerk zu einem Spitzenpreis verkauft werden muss. Im Film ist es üblicherweise so: Man investiert mit dem Hintergedanken, sein Geld wieder zurückzuerhalten, im Idealfall sogar mit Gewinn. Das heißt, wir stehen einer wesentlich vertrackteren Situation gegenüber.

Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, dass Ihre Filme mehr oder weniger profitabel werden?

Nein. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, weil ich im Falle von "Sin" auf die Unterstützung von Alischer Usmanow (ein russischer Oligarch und Milliardär; Anm. d. Red.) vertrauen konnte. Den habe ich von vornherein gewarnt, dass er sein Geld nicht mehr zurückerhalten wird. Hätte ich ihm das nicht offengelegt, ihm gar irgendwelche Profite versprochen, könnte ich niemals einen Film wie "Sin" realisieren.

Solche Mäzene heutzutage zu finden, ist aber sehr schwer...

Sehr! Herr Usmanow ist für mich der ­Lorenzo di Medici von Michelangelo.

Ist es für Sie nicht wichtig, woher das Geld für Ihre Filme kommt? Herr Usmanow soll keine weiße Weste haben, war vor drei Jahren in einen Korruptionsskandal verwickelt...

Das interessiert mich nicht. Ich nehme Geld von jedem, der den Mut aufbringt, ein Projekt wie "Sin" zu unterstützen. Ein Investor, der sagt, dass er sein Geld zurück will - das ist eine ganz andere Philosophie. Deshalb sage ich: Je mehr Geld ein Filmemacher zur Verfügung gestellt bekommt, desto weniger Freiheiten hat er.

"Sin" ist ein sehr ruhiger Film, er verlangt vom Zuschauer Konzentration und Aufmerksamkeit. Inwiefern hat sich das Publikum verändert? Verträgt es noch diese Art Film in unserer schnelllebigen Zeit?

Das ist eine wichtige Frage. Man muss sie stellen. Das Publikum hat sich dramatisch gewandelt. Die Aufmerksamkeitsspanne bei Youngsters oder Teenagern ist sehr gering geworden. Außerdem konsumieren sie Popcorn im Kino. Wenn jemand Popcorn kaut, dann ist das ein unangenehm lautes Nebengeräusch. Die Leute wissen nicht mehr, dass man über Filme auch nachdenken kann, sie wollen nur noch unterhalten werden. Sie sind keine Erwachsenen mehr, sondern Kinder. Deshalb werden nur noch Filme für Kinder gemacht. Ich mache aber Filme für Erwachsene.

Wahrscheinlich wissen viele junge Menschen heute nicht mehr, wer Michelangelo war...

Aber was können wir tun? Ich fühle mich einfach nur glücklich, einen Finanzier wie Herrn Usmanow gefunden zu haben, der das Risiko eingegangen ist und der sich ein eigenes Bild davon machen wollte, was ich mit meinem Film liefere.

Wenn Sie auf Ihre lange und fruchtbare Karriere zurückblicken: Gab es für Sie entscheidende Momente, wichtige Wendepunkte?

Aber natürlich gab es die. Gäbe es im Leben keine Wendepunkte, käme man nicht vom Fleck. Filmsprache lebt. Jungen Regisseuren, jungen Kameramännern, jungen Filmemachern gibt man heute leider gewisse Rezepte an die Hand, wie sie Filme machen sollen. Das ist schlecht! Als Beispiel haben sie die Hollywood-Blockbuster vor der Nase, bei denen die Bilder nicht wichtig sind. Bei diesen Unterhaltungsfilmen zählt einzig und allein Action. Das hat die Entwertung des Bildes zur Folge. Sie können 100 Bilder haben, die eine Tür zeigen. Oder sie können ein Bild haben, das 100 Türen wert ist. Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen Bildern, die einen Wert haben, und Bildern, die wertfrei sind. Ich lerne immer noch den Wert eines Bildes und versuche, einzigartige oder besondere Bilder zu schaffen. Darin verbirgt sich die Entwicklung von Filmsprache.

Aber selbst Sie sind dem Ruf Hollywoods gefolgt.

Das stimmt. Ich ging nach Hollywood, um Filme im amerikanischen Stil zu machen. Heute mache ich aber keine Filme mehr im amerikanischen Stil. Heute mache ich Filme, wie ich sie für richtig halte.

Lassen Sie uns noch einmal auf ­Hollywood blicken: Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Wissen Sie, ich bin ein bisschen zu spät nach Hollywood gekommen. Dennoch konnte ich mich glücklich schätzen, weil Hollywood damals ein Mekka für europäische Filmemacher war. Bernardo Bertolucci, Barbet Schroeder, Wim Wenders, Werner Herzog, Volker Schlöndorff habe ich alle in Hollywood getroffen Die Filmemacher kamen aus Deutschland, von überallher, um dort ihre kleinen oder großen Filme zu machen. Aber dann sind diese Filmemacher aus bestimmten Gründen alle wieder gegangen. Das ist wichtig. Wir haben Hollywood verlassen, weil es sich veränderte. Hollywood wurde zur Wall Street, wo nur noch das Geld regierte und große Produktionen den Ton angaben. Vormals konnte man dort noch Filme mit einer eigenen, persönlichen Handschrift machen. Heute ist das nicht mehr möglich, weil Hollywood zu einem rigiden System verkommen ist. An meine Zeit dort erinnere ich mich gerne zurück, weil ich dort viele europäische Freunde getroffen habe. Es herrschte eine sehr kosmopolitische Atmosphäre damals, sehr international. Heute geben die Blockbuster den Ton an in Hollywood. Martin Scorsese hat es im Zuge seines The Irishman" auf den Punkt gebracht, dass Marvel die amerikanische Filmindustrie zerstört.

Die Filmindustrie befindet sich in einer Phase umwälzender Veränderung, nicht zuletzt auch durch neue Formen des Filme-Konsumierens.

Das alles ist ein unaufhaltsamer Prozess, der mit "Star Wars" begann. Damals hörten Erwachsene auf, ins Kino zu gehen. Die Kinder strömten in Scharen. Heute werden doch nur noch Filme für Teenager produziert, die nicht mal mehr Bücher lesen. Das ist ein Problem. Es ist aber nicht das Problem des Kinos. Es ist das Problem unserer Zivilisation. Das lässt sich auch nicht mit Filmen beheben, das ist eine Illusion. Doch die Frage, die wir Filmemacher uns stellen können, ist: Soll ich weiterhin Filme machen, wie ich mir vorstelle, dass sie gemacht werden sollten, oder soll ich einen Marvel-Film machen? Für uns böte sich die Möglichkeit an, unsere Filme künftig mit iPhones zu realisieren. Die Produktion eines Films wird so weniger kostspielig. Ein großes Budget ist nicht nötig. Man genösse die absolute Freiheit des Ausdrucks. Aber die Frage ist nicht die Freiheit des Ausdrucks, die Frage ist, ob man das nötige Talent besitzt. Das Talent, die richtigen Bilder auszuwählen, um etwas Tiefgreifendes, Wichtiges, Essentielles für die Menschen zu schöpfen.

Filmemachen ist heute per se einfacher geworden. Es kommen auch nicht gerade wenige Filme jährlich in die Kinos, viele verschwinden sang- und klanglos, ohne dass sie vom Publikum wahrgenommen worden wären.

Das ist aber nicht die Frage des Films. Das ist eine Frage der Information. Es gibt einfach viel zu viel Information! Film ist ein Teil dieses extremen Flusses von Information. Das kann man nicht ändern. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, wie man sein eigenes Publikum finden, erreichen kann. Das ist extrem schwer geworden. Aber wissen Sie, das Wetter lässt sich auch nicht einfach ändern. Deshalb muss man sich arrangieren und einen Weg finden, an sein Publikum heranzukommen. Plattformen wie Netflix sind Filmlieferanten, das sind nicht die Kinos. Kino ist eine Geldmaschine. Kino braucht Profit. Kunst kann aber nicht auf Profit basieren! Entertainment hingegen sollte auf Profit basieren. Kunst bedeutet eigentlich immer der Verlust von Geld.

Mit Ihrem zweiten Spielfilm, "Assias Glück" aus dem Jahr 1966, bekamen Sie Probleme mit der Zensur in Ihrem Heimatland Russland. Genießen Sie heute in Russland künstlerische Freiheit? Hat sich etwas verändert?

Wissen Sie was, künstlerische Freiheit garantiert kein Meisterwerk. Freiheit kostet nicht viel. Freiheit ist eine Illusion. Die größten Meisterwerke der Weltkultur entstanden unter Zensur-Regimes. Das können Zensurauflagen der Kirche oder des Staates gewesen sein... das spielt alles keine Rolle. Ich glaube nicht an garantierte Freiheit. Nehmen wir Cervantes: "Don Quijote" entstand in Spanien unter extremen Zensurbedingungen des damaligen Herrschers Philipp III. Künstlerische Freiheit ist eine Illusion. Sie ist keine Garantie dafür, einen guten Film zu machen. Geld ist wichtig. Von jemandem Geld zu erhalten, ist wichtiger als Freiheit. Man hätte sonst von Vornherein keine Möglichkeit, einen Film überhaupt zu realisieren. Film ist genauso teuer wie Architektur oder monumentale Bildhauerei. Wir Filmemacher schreiben keine Romane. Für einen Roman reicht ein Computer oder sogar nur Papier und Tinte. Film erfordert Geld. Obwohl man heutzutage, wie erwähnt, natürlich auch Filme tatsächlich mit sehr wenig Geld herstellen kann - lediglich mit einem iPhone. Natürlich wäre es besser, man hat fünf iPhones, damit kann man problemlos einen Film drehen. Mehr braucht es nicht mehr. Hinsichtlich des überbewerteten Begriffs "künstlerische Freiheit" möchte ich noch einmal unterstreichen: Talent zu besitzen, ist wesentlich wichtiger als Freiheit!

Das Gespräch führte Barbara Schuster