Kino

Lieber Wein als VR

Der US-Kinoverband NATO hat erstmals ein umfassendes Stimmungsbild seiner jungen Mitglieder erstellt, die Chancen und Risiken für die Zukunft ihres Geschäfts benennen.

15.01.2020 12:46 • von Marc Mensch
NATO-Präsiodent & CEO John Fithian (Bild: Matt Winkelmeyer/Getty Images)

Es sei darum gegangen, ein "besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie die nachfolgende Generation von Branchenangehörigen auf unsere Industrie blickt", heißt es in einer Mitteilung der National Association of Theatre Owners - dem Dachverband der US-Kinos, dessen Arbeit durchaus auch Wirkung jenseits von Nordamerika entfallt. Zu diesem Zweck wurde per Umfrage erstmals gezielt ein Stimmungsbild der jungen NATO-Mitglieder erstellt - und sowohl auf den ersten als auch auf den zweiten Blick könnte man angesichts der Antworten konstatieren: Zumindest bei zentralen Punkten scheinen die Ansichten der "alten" Generation längst noch nicht überholt zu sein. Das zeigt schon die Tatsache, dass eine Verkürzung der traditionellen Auswertungsfenster - über die nach der letztlich im Sande verlaufenen Debatte um "Premium-VoD" zuletzt auffällig wenig diskutiert wurde - als größte Bedrohung für die Kinobranche wahrgenommen wird. Dicht auf den Fersen folgen Regisseure und Schauspieler, die sich zugunsten der Arbeit für Streamingplattformen von den traditionellen Studios abwenden könnten.

Etwas breiter fiel der thematische Bogen offenbar bei der Frage nach möglichen Chancen aus, die auf einer Skala von eins (unbedeutend) bis fünf (sehr vielversprechend) bewertet werden sollten. Dabei setzte sich mit einem Durchschnittswert von ganzen 4,44 Punkten eine Maßnahme klar durch, der man hier in Deutschland wohl eher weniger Bedeutung beimessen wird. Denn "alkoholische Getränke" auszuschenken, gehört hierzulande seit Jahr und Tag zum Usus, während sich Kinos in den USA diesem Thema auf breiter Front erst in vergleichsweise junger Vergangenheit gewidmet haben. Tatsächlich existieren zahllose Webseiten, die für diverse US-Städte explizit jene Kinos auflisten, in denen alkoholische Getränke angeboten werden. Adaptieren könnte man die Einschätzung für Deutschland vielleicht dahingehend, dass bei der Qualität und der Auswahl der Getränke mitunter noch Luft nach oben ist.

Ebenfalls zum hierzulande bereits typischen Erscheinungsbild zählt der sitzplatzgenaue Ticketkauf, der von den jungen NATO-Mitgliedern in einem Atemzug mit dem Einbau von Reclinern (wie sie auch in Deutschland mehr und mehr zum Trend werden) genannt wurde und vergleichbar hohe Noten erhielt wie eine stärkere Automation von Prozessen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz u.a. bei der Auswertung von Daten. Ebenso wichtig ist den Umfrageteilnehmern indes noch ein ganz anderer Punkt: Mehr Diversität vor und hinter der Kamera. Bereits knapp dahinter rangierte ein Punkt, der womöglich das eine oder andere Vorurteil hinsichtlich der Einstellung der US-Bevölkerung zum Umgang mit Ressourcen relativieren könnte: Denn unter jenen Punkten, die die jungen Kinomacher als wichtige Chance für ihre Zukunft hervorhoben, fanden sich auch die zunehmende Nutzung "grüner" Technologien und nachhaltigere Prozesse in den Kinos.

Als veritable "Überraschung" bezeichnet die NATO übrigens, was sich am untersten Ende der Skala wiederfand: E-Sports und Virtual bzw. Augmented Reality sind Felder, denen die nächste Generation derzeit nur vergleichsweise wenig Chancen einräumt, das Kinogeschäft voranzubringen. Wobei man durchaus konstatieren könnte, dass diese Einschätzung nicht ganz von ungefähr kommt, man denke nur an die kurzlebige Ymagis-Sparte Eclair Game und die vielen gescheiterten VR-Engagements, allen voran an jenes von Imax.

Besonders intensiv beschäftigt man sich seitens der NATO mit dem Kinonachwuchs. Also nicht nur dem in den eigenen Reihen - sondern vor allem jenem im Publikum. Hinsichtlich der Möglichkeiten, Kinoliebe bei den unter Zwölfjährigen zu schaffen, wählte man in der Fragestellung einen offenen Ansatz - und jenseits der Tatsache, dass es nach Einschätzung der Kinomacher vor allem auf das Filmangebot ankomme (insbesondere solches, das Erwachsene wie Kinder gleichermaßen adressiert, schließlich komme das Geld für Tickets & Concessions in aller Regel von den Eltern), kaprizierten sich die Antworten vor allem darauf, den Kinobesuch zum vielbeschworenen "Erlebnis" zu machen. So seien von vielen Umfrageteilnehmern besondere Aktionen ins Feld geführt worden, die vor allem ein Kriterium erfüllen müssten: Nicht - oder wenigstens kaum - über mobile Endgeräte zu erlangen zu sein, mit denen Kinder tagtäglich interagierten. Genannt wurden dabei u.a. Verlosungen, Bastelaktionen, filmbezogene Fotomotive, besondere Concessions-Angebote oder auch (Video-)Spielautomaten.

Dass sich das wachsende Angebot an schnell konsumierbarem, kurz gehaltenem Content negativ auf die Bereitschaft auswirken könnte, sich Bewegtbild in Spielfilmlänge zu gönnen, beantworteten gerade einmal fünf Umfrageteilnehmer mit einem klaren "Ja". Der Rest der Einschätzungen habe sich gleichmäßig über die Optionen "Nein", "Vielleicht" und "Zu früh für eine Einschätzung" verteilt. Nichtsdestotrotz verweist die NATO ausdrücklich darauf, dass dieses Thema in den kommenden Jahren zunehmend wichtig werde, denn schon jetzt würden Experten angesichts abnehmender Aufmerksamkeitsspannen und der potenziellen Auswirkungen die Alarmglocken läuten.

Hinsichtlich der wichtigsten Genres bekamen "Action" und "Animation" Bestnoten, während unabhängig produzierte Low-Budget-Filme und Dokumentationen am schlechtesten abschnitten. Immerhin zwölf von 45 Umfrageteilnehmern (die NATO selbst spricht von "lediglich" zwölf) bejahten übrigens die Frage, ob die Abhängigkeit von den großen Franchises der Studios schlecht für den Zustand und das Image der Industrie sei.

Klar fiel das Bild bei den wichtigsten Aufmerksamkeitsquellen für junge Besucher aus. Social Media rangierten ganz oben, Aggregationsseiten für Kritiken wie Rottentomatoes.com rangierten im mittleren Bereich - und Auszeichnungen sowie Festivalpräsenz wurde die geringste Bedeutung zugemessen. Tatsächlich stellt die NATO fest, dass das (gefühlte) mangelnde Interesse an Auszeichnungen wenig überraschend sei - schließlich kämpfe die Übertragung der Oscar-Verleihung seit Jahren mit schwindenden Zuschauerzahlen.