Produktion

Golden-Globe-Gewinner Sam Mendes: "Eine Kamera, kein Schnitt"

Sam Mendes' "1917" ist der Überraschungsgewinner bei den Golden Globes und neuer Oscarfavorit. Der Regisseur erzählt im Interview von den besonderen Herausforderungen beim Dreh seines ungewöhnlichen Kriegsfilms.

06.01.2020 11:00 • von Thomas Schultze
Sam Mendes ist mit "1917" ein herausragendes Filmexperiment gelungen (Bild: Universal)

Der Kriegsfilm 1917" ist der Überraschungsgewinner bei den Golden Globes und neuer Oscarfavorit. Regisseur und Drehbuchautor Sam Mendes erzählt im Interview von den besonderen Herausforderungen beim Dreh seines ungewöhnlichen Kriegsfilms.

"1917" ist der erste Film, den sie nach Spectre" gemacht haben. Die beiden Filme könnten sich kaum mehr voneinander unterscheiden. Inwiefern ist "1917" eine Reaktion auf den Film davor?

Sam Mendes: Grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht, was die Unterschiede anbetrifft. Aber wichtig ist auch eine entscheidende Parallele: Die lange erste Szene in "Spectre" ohne Schnitt hat mich im Grunde auf die Idee gebracht, ob man nicht noch einen Schritt weitergehen kann, ob es nicht möglich ist, eine Geschichte so zu filmen, dass sie aussieht, als würde sie in Realzeit spielen, ununterbrochen ohne Schnitt. Bond ist so etwas wie kontrolliertes Chaos. Man filmt von jeder Szene soviel, wie man kann. Man dreht selbst, ein zweites Drehteam dreht ebenfalls, oftmals ist noch ein drittes Drehteam im Einsatz und dazu noch eine Beauty-Unit und eine Miniatures-Unit. So klischeehaft es klingen mag, aber ein Bond-Film lässt sich mit einer Militäroperation vergleichen. Es ist, als würde man in den Krieg ziehen. Kann gut sein, dass es mir im Anschluss wichtig war, einen Stoff mit einer einfacheren Geschichte und einer klareren Direktive und einem simpleren Stil zu finden. Ich wollte nichts machen mit vielen Kameras und verschiedenen Perspektiven. Schließlich ist es das andere Extrem geworden: eine Kamera, kein Schnitt, Fokus auf nur zwei Figuren.

Ein schlankerer Film hieß in diesem Fall aber nicht ein einfacherer Film.

Sam Mendes: Auf keinen Fall. Der Aufwand, den wir bei der Vorbereitung getrieben haben, um "1917" so realisieren zu können, wie er mir vorschwebte, war enorm. Es gab zahllose Meetings, Proben, Diskussionen, um einen Weg zu finden, den Film so zu machen, wie wir uns das vorstellten. Es ging nicht um eine Fingerübung. Die Geschichte ohne Schnitt erzählen zu wollen, ist eine emotionale Entscheidung. Ich will, dass sich das Publikum eng verbunden fühlt mit den beiden Hauptfiguren, und zwar während der gesamten Geschichte. Man soll mit diesen beiden Jungen fühlen, man soll die Reise gegen die Zeit an ihrer Seite verbringen. Man soll jeden Meter spüren, der zurückgelegt wird, immer im Bewusstsein, dass hinter der nächsten Ecke etwas Fürchterliches warten könnte. Diese Angst kann man nur rüberbringen, wenn man keine Sekunde von den Hauptfiguren weicht.

Besteht nicht die Gefahr von Eintönigkeit?

Sam Mendes: Langweilig darf der Film auf keinen Fall sein. Deshalb ja auch die aufwändige Vorbereitung. Es ging nicht darum, einfach nur einen Weg zu finden, die Handlung ohne Unterbrechungen zu erzählen. Es ging vor allem darum, sie trotz allem abwechslungsreich zu gestalten. Da reicht es nicht aus, mit der Kamera hinter den Hauptfiguren herzugehen. Man muss in Bewegung bleiben, die Abstände verändern, den Rhythmus der Bewegung, die Ausleuchtung. Die Kamera muss Subjekt und Objekt sein. Manchmal ist die Erzählung ganz intim, dann sind wir eng bei den Figuren. Dann ziehen wir die Perspektive auf, bewegen uns mit der Kamera von ihnen weg und zeigen sie als kleine Figuren in einer großen Landschaft. Es war ein Tanz. Die Kamera, die Schauspieler und das Land waren die Tänzer.

Sie haben den Film nach Möglichkeit chronologisch gedreht und die bereits gefilmten Passagen noch während der Dreharbeiten montiert. Haben diese montierten Szenen Einfluss darauf gehabt, wie Sie bei den Dreharbeiten weiter verfahren sind? Gab es Justierungen?

Sam Mendes: Das war tatsächlich interessant. Manche Szenen im Film sind unerwartet still - wie der Moment, als Schofield im Wald auf das wartende Battalion trifft und einem Kameraden zuhört, der ein Lied singt. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass der Film bis dahin funktioniert und wir einlösen können, was wir uns vorgenommen hatten, hätte ich mir vielleicht nicht so viel Zeit gelassen in diesem Moment, ihn schneller abgewickelt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt genau, wie der Rhythmus des Films sein würde und konnte immer im jeweiligen Moment reagieren, wie es weitergehen würde. Das war sehr hilfreich. Mein Editor hat großartige, wenngleich unsichtbare Arbeit geleistet. Es hilft, wenn man "1917" als ein Stück Musik begreift: Manchmal ist es einfach richtig, langsamer zu werden, wie es manchmal genauso richtig ist, das Tempo anzuziehen. Das war die einzige Möglichkeit der Modulation, ansonsten waren wir auf Gedeih und Verderb dem Drehbuch ausgeliefert. Von ihm durften wir niemals abweichen. Wir waren gefangen, im selben Maße, wie auch das Publikum gefangen war.

Ist Ihnen der Dreh leichtgefallen? Als Regisseur gibt man zwangsweise alle Kontrolle ab, wenn man erst einmal "Action" gerufen hat. Die Schauspieler sind danach auf sich allein gestellt, Sie können nicht mehr eingreifen.

Sam Mendes: Ich fand das toll. Aber vergessen Sie nicht: Ich bin das gewohnt. Im Theater ist es ja nicht anders. Man probt acht bis zehn Wochen, danach übergibt man an die Schauspieler: Sie müssen auf der Bühne auch ohne meine Anweisungen auskommen. Wir sehen uns wieder, wenn das Stück zu Ende ist. Das ist aber auch eine der Stärken des Theaters: Die Stücke atmen, man nähert sich tatsächlich dem Leben an. Und es war eine der Stärken bei der Arbeit an "1917". Ich wollte, dass die Schauspieler die Erfahrung nicht einfach darstellen, sie sollten sie wirklich erleben und durchmachen. Sie existieren in diesen Momenten ganz einfach. Ohne umfassende Proben, in denen alle haarklein festgelegt wird, wäre es allerdings nicht möglich.

Sie sagen, dass Sie dem Drehbuch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Wieviel Freiraum hatten Sie beim Dreh?

Sam Mendes: Das Drehbuch verlieh dem Film eine Struktur, innerhalb dieser Struktur gab es stets endlose Variationen, was passieren konnte. In einer Szene läuft George McKay an Soldaten vorbei, die ihm entgegenkommen. Zweimal wird er dabei von Statisten angerempelt, die ihn nicht gesehen hatten; er stolpert und stürzt, steht auf und rennt weiter. Das stand nicht im Drehbuch, es war auch nicht geplant. Es passierte einfach, und es war wunderbar. Wenn wir das geprobt hätten, wäre es niemals so gut geworden. Es hätte gestellt ausgesehen. Film ist ein so kleinteiliger Prozess, er setzt sich aus winzigen Einzelteilen zusammen. Wenn man dann so etwas Genuines mit der Kamera festhalten kann, einen glücklichen Zufall, dann hat man etwas Besonderes. Tatsächlich hatte ich beim Dreh von "1917" immer wieder das Gefühl, dass die Schauspieler sich überhaupt nicht bewusst waren, dass eine Kamera an ihrer Seite war.

Wenn man einen neuen Kriegsfilm ansieht, läuft automatisch vor dem inneren Auge ein anderer Film ab, weil man sich an andere Kriegsfilme erinnert fühlt. Ging Ihnen das beim Dreh auch so?

Sam Mendes: Mir wurde gesagt, Gallipoli" habe Parallelen. Aber ich kenne den Film nicht und habe ihn mir bewusst nicht angesehen. Offenkundig ist "Wege zum Ruhm". Man kann mit einer Kamera nicht durch einen Schützengraben gehen, ohne an Kubricks Film zu denken. Der aber natürlich ganz anders ist. Aber das ist es auch schon. Wir haben in unserer eigenen Blase gearbeitet. Und ich bin mir eigentlich immer sehr bewusst, wenn ich etwas mache, das man als Referenz an andere Filme betrachten könnte. Oft stimme ich die Crew ein, indem ich ihnen Filme zeige, die in ihrer Essenz etwas haben, was ich mit einem neuen Film machen möchte. In diesem Fall waren wir auf uns alleingestellt. Wir haben uns Fotos auf dem Ersten Weltkrieg angesehen, aber das war's auch schon. Mein Kameramann Roger Deakins und ich haben vor 15 Jahren schon einmal einen Kriegsfilm gemacht, Jarhead", da haben wir tatsächlich im Vorfeld über Filme gesprochen wie Schlacht um Algier" oder Apocalypse Now", allerdings ohne sie uns noch einmal neu anzusehen. Diesmal mussten wir uns also überhaupt nicht darüber verständigen, was unseren Filmgeschmack anbetrifft. "1917" hatte seine ganz eigenen Regeln.

Man kann gut argumentieren, dass es überhaupt kein Kriegsfilm ist: Sie zeigen immer nur das Ergebnis des Krieges, nicht aber die Schlachten.

Sam Mendes: Es ist zumindest kein typischer Kriegsfilm. Und vielleicht ist er das genaue Gegenteil eines konventionellen Kriegsfilms. In den beiden Kriegsfilmen, die Roger und ich gemacht haben, stehen Figuren im Mittelpunkt, die Angst davor haben, ihre Flinten abzufeuern. Eine Absicht steckt aber nicht dahinter!

Das Interview führte Thomas Schultze