Kino

US-Kinos 2019: Das zweitbeste Jahr

Die sechs erfolgreichsten Filme des Jahres in den US-Kinos stellte Disney, die auch nach Gesamtumsatz einen einsamen Industrierekord aufstellten. An einem leichten Minus für die Kinobranche konnten auch sie nichts ändern. Eine Analyse.

03.01.2020 08:40 • von Thomas Schultze
Größter Disney-Hit unter vielen Disney-Hits: "Avengers: Endgame" (Bild: Disney)

Vier Prozent Minus. 11,4 Milliarden Dollar Einspiel. Das sind die Zahlen, die am Ende dastehen, nachdem alles getan ist, alles abgerechnet wurde. Sie sind unerschütterlich. Wie man sie indes bewertet, ist eine Frage der Sichtweise. Ein abschließendes Urteil lässt sich mit gerade einmal Tag Abstand auch nicht geben. Dazu muss man erst einmal abwarten, wie sich das Kinojahr 2020 anlässt und entwickelt. Wie immer: Alles im Fluss. In jedem Fall lässt sich konstatieren, dass man nicht unbedingt mit dem zweitbesten Ergebnis aller Zeiten hätte rechnen können nach dem unübertroffenen Erfolgsjahr 2018, in dem die Branche in Nordamerika 11,889 Milliarden Dollar einspielen konnte. Man liegt sogar knapp vor dem bisher zweitbesten Jahr der Geschichte, 2016, als 11,377 Mrd. Dollar in die Kassen der Kinos flossen. Wenn 2019 also auf jedes andere Jahr der nordamerikanischen Kinogeschichte gefolgt wäre, würde man von einem Plus berichten. Abgesänge aufs Kino, wie man sie sich allerorts anhören muss, sind also nicht angebracht: Zum sechsten Mal in Folge wurde die 11-Milliarden-Dollar-Hürde genommen. Zum elften Mal in Folge wurden mehr als zehn Milliarden Dollar eingespielt - 2009 wurde die Marke erstmals erzielt als Folge der 3D-Zuschlage für Avatar - Aufbruch nach Pandora", gehalten wurden die konstant hohen Einspielergebnisse dank des digitalen Rollouts, der in der Folge aber auch das Geschäftsmodell komplett veränderte: die Art, wie man Film konsumiert, aber auch die Art, wie man Film programmiert in den Lichtspielhäusern.

Nun muss man festhalten, dass die nicht zuletzt angesichts des immensen Drucks durch die diversen Streamingdienste, teilweise bereits etabliert wie Netflix, Prime oder Hulu, teilweise neu gestartet wie Disney+, Apple TV+, erstaunlichen Umsatzzahlen unterstreichen, dass Kino und Streaming sich offenkundig nicht kannibalisieren. Ob sie sich gegenseitig unterstützen, wie zumindest von Seiten des amerikanischen Kinoverbands NATO immer wieder betont, wird sich in den kommenden zwölf Monaten weisen, wenn die nächsten großen Streamer von unter anderem Warner Bros und Universal an den Start gehen. Die starken Zahlen konnten auch aber nur erzielt werden, weil Disney ein perfektes Kinojahr hatte. Oder noch mehr auf den Punkt: das perfekteste und beste Kinojahr, das jemals ein amerikanisches Studio hatte. Und mit dem selbst das gewaltige Rekordjahr von 2019 noch einmal spielend übertrumpft wurde, als vom weltweiten Einspiel von mehr als sieben Milliarden Dollar für das Studio aus Burbank 3,1 Milliarden Dollar zu Buche schlugen. Im vergangenen Jahr konnte man über diese vormals unerreichbar erschienenen Zahlen nur lachen: Mit nur neun Filmen setzte Disney in den USA 3,7 Milliarden Dollar um - 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Jeder der Filme - auch die als Enttäuschungen gewerteten Dumbo" und Maleficent - Mächte der Finsternis" - spielte im Kalenderjahr mehr als 100 Millionen Dollar ein. Nach dem jetzigen Stand der Dinge kamen sieben Titel auf jeweils mehr als 350 Millionen Dollar Boxoffice. Wenn schließlich alle Tickets für die 2019-Start verkauft sind, stehen die Chancen gut, dass vier mehr als 500 Millionen Dollar eingespielt haben werden. Die sechs Topfilme des Jahres stammen von Disney; die Nummer sieben, Spider-Man: Far from Home", entstand mit Hilfe von Marvel-Studios-Mastermind Kevin Feige; die Nummer acht war wiederum eine Eigenproduktion. Eine beispiellose Machtdemonstration.

Selbst von dem im April übernommenen Studio Fox schaffte es schließlich ein Titel, Le Mans 66 - Gegen jede Chance", auf ein Einspiel von mehr als 100 Millionen Dollar (und Fox Searchlight konnte sich über gute Ergebnisse für den schrägen Jojo Rabbit" freuen), während die anderen Titel des demontierten Majors allesamt Enttäuschungen waren. Natürlich konnte Disney seine Fabelzahlen nur erzielen, weil das Studio nicht nur sämtliche seiner Edelmarken an den Start brachte, sondern diese Marken jeweils auch Höhepunkte aus ihrem Portfolio in die Kinos schickten: Marvel beendete seinen ersten Erzählzyklus des MCU mit zwei Paukenschlägen - einer davon, Avengers: Endgame", avancierte zum weltweit umsatzstärksten Film aller Zeiten; "Star Wars" beendete seine 2015 gestartete dritte Trilogie; Disney Animation hatte die Fortsetzung des erfolgreichsten Titels aller Zeiten im Angebot; und Pixar komplettierte die Toy Story"-Saga. Dazu kamen noch gleich drei Filme aus dem Fundus der Realverfilmungen alter Disney-Animation-Klassiker, von denen "Der König der Löwen" den erwarteten durchschlagenden Erfolg feierte. 2020 wird das Studio wieder ganz vorn mitspielen, aber ein Jahr wie 2019 wird es nicht sein. Analysten weisen darauf hin, dass das auf maximalen Erfolg angelegte Kinojahr 2019 durchaus gezielt konzeptioniert war: Die Blockbuster sollen Zugpferde für den im November gestarteten Streamingdienst Disney+ sein und auch auf diesem Gebiet den Weg zur Marktführerschaft ebnen.

Dass angesichts der Disney-Zahlen dennoch kein neuer Einspielrekord an den US-Kinokassen erzielt werden konnte, wird von Kritikern als Hinweis gewertet, dass das Kino den Sinkflug eingeleitet hat. Es lässt sich sicherlich argumentieren, dass die Vielfalt des Bewegtbildcontents - neben den Streamern sollte man nicht vergessen, dass viele Jugendliche primär Angebote auf YouTube konsumieren - den Druck auf die Kinos erhöht hat. Filme, die früher noch ihr Publikum gefunden hätten, einfach weil der Kinobesuch am Wochenende ungeachtet des Angebots gesetzt war, tun sich schwer. Eine Entwicklung, auf die die Kinos durch die Eventisierung des Angebots bereits reagiert haben: Große, bildfüllende Blockbuster funktionieren ebenso wie Titel, die ein Ausnahme-Erlebnis versprechen; einen Mehrwert, wie man ihn Zuhause nicht haben kann. So lassen sich die Erfolge so unterschiedlicher Titel wie "Parasite" und The Farewell" oder Knives Out" oder Hustlers" erklären: Sie stachen heraus aus dem Angebot, boten etwas, was man nicht überall erhält. Ein neuer Rekord wäre sicherlich möglich gewesen, wenn nur ein oder zwei der potenziellen Blockbuster funktioniert hätten. So strahlend die Erfolge der großen Hits waren, so auffallend war, wie viele IPs ganz offensichtlich nicht den Nerv des Publikums trafen: Ein neuer "Godzilla" wurde ebenso schulterzuckend rezipiert wie ein weiterer Terminator", auf den offenkundig niemand so recht gewartet hatte, auch wenn neben Arnold Schwarzenegger auch Linda Hamilton und James Cameron (in beratender Funktion) wieder mit an Bord waren. Indifferenz schlug dem gequält auf politisch korrekt gebügelten Reboot von "3 Engel für Charlie" entgegen. Und Cats" erwies sich als historischer Flop. Und als schmerzhafte Enttäuschung, denn ungeachtet dessen, wie man den Film selbst finden mag, muss man ihm doch zugestehen, dass er wenigstens versucht hat, etwas Anderes zu bieten, einen Look and Feel, wie man ihn noch nicht kannte. Wenn Originalität (oder zumindest der Versuch von Originalität) baden geht, dann zieht das Kreise, die nicht davon künden, dass Studios künftig risikobereiter sein werden. Umso erfreulicher sind dann eben Titel wie "Wir" von Jordan Peele, Once Upon a Time in von Quentin Tarantino oder "Le Mans 66", deren Originalität und (im Fall der beiden letztgenannten) altmodische Starpower ausreichten, um sie zum Tagesgespräch zu machen. Und die Menschen in die Kinos zu holen.

Der vielleicht entscheidende Film des Jahres war aber wohl "Joker". Rückblickend mag man arrogant die Achseln zucken und sagen, was da schon hätte falsch gehen können. Tatsächlich war Todd Phillips' Neuerfindung des bekanntesten Bösewichts aus dem "Batman"-Universum ein Va-Banque-Spiel (mit zugegeben niedrigem Risikofaktor, weil Warner Bros nur 55 Millionen Dollar für das Budget bereitstellte - ein weiterer Hinweis darauf, dass das Studio nicht sicher war, was die kommerziellen Aussichten für diesen provokanten Tanz auf dem Vulkan anbetrifft), das auch in die Hose hätte gehen können. Dass der Film dann aber nicht nur in Venedig den Goldenen Löwen gewinnen konnte, sondern auch an den Kassen abging wie ein Zäpfchen und zum vermutlich meistdebattierten Titel des Jahres wurde, war nicht abzusehen. Und lenkt ein bisschen ab davon, wie viele Flops das Studio in diesem Jahr gerade mit Stoffen im mittelteuren Bereich hatte. Hatte Warner Bros 2018 noch mit "A Star Is Born", "The Mule" und Crazy Rich" gerade auf diesem Feld punkten können, erwiesen sich Der Distelfink", Clint Eastwoods Richard Jewell", die Stephen-King-Verfilmung Doctor Sleeps Erwachen" oder "The Kitchen" als bittere Pillen, die sicherlich nicht dazu beitragen werden, dass man künftig noch ebenso enthusiastisch in nicht ganz sichere Sachen investieren wird (es sei denn, HBO Max braucht dringend Nachschub für die Pipeline). So kann sich von den Studios am meisten Sony über ein sehr gutes Jahr freuen, und auch Universal kann - trotz "Cats" und den nur mittelprächtigen Zahlen für Pets 2" - über ein gutes Jahr freuen. Von den Studios war Paramount das einzige, das keinen Film hatte, der die 100-Millionen-Dollar-Hürde nehmen konnte. Aber das Studio befindet sich unter Führung von Jim Gianopulos weiter im Umbruch und wird sich voraussichtlich schon 2020 wieder stärker präsentieren: Der Trailer für A Quiet Place 2" - der erste Teil war ein Überraschungshit im Jahr 2018 - rockt, und Top Gun: Maverick" hat zumindest eine gute Chance, das Publikum zu gewinnen. Wenn denn der Film gut ist: 2020 wird es nicht mehr reichen, einen halbwegs interessanten Trailer für einen Film zu schneiden, um seinen Erfolg zu garantieren. Zu schnell macht in den sozialen Medien mittlerweile die Runde, wenn das Ergebnis nicht hält, was das Marketing verspricht. Das wird es künftig nicht einfacher machen. Und natürlich würde man sich wünschen, dass herausragende Netflix-Titel wie The Irishman" oder Marriage Story" anders in den Kinos ausgewertet würden. Gleichwohl kann man auch gelassener an die Causa Netflix herangehen: Als Eventtitel sorgen sie für eine Veredlung des Kinogeschäfts für ein Publikum, für das der Begriff Ausnahmefilm nicht gleichbedeutend ist mit Explosionen und Superheldencapes. Die Diversifizierung wird voranschreiten (gut so). Solange die Blockbuster funktionieren (sieht so aus), muss man sich keine Sorgen machen.

Thomas Schultze