Kino

"Wir müssen das Kino in seiner Gesamtheit sehen"

Zehnstellig sollte es nach Einschätzung des VdF in diesem Jahr wieder sein: das deutsche Boxoffice. Gänzlich ungetrübt ist die Freude über den erheblichen Aufschwung allerdings nicht.

29.11.2019 10:22 • von Marc Mensch
Der neue VdF-Vorstand um Kalle Friz, Benjamin Herrmann, Vincent de La Tour, Benjamina Mirnik-Voges, Martin Bachmann, Oliver Koppert und Peter Schauerte. Mit auf dem Bild ist Geschäftsführer Johannes Klingsporn, es fehlen Bernhard zu Castell und Stephan Hutter (Bild: Bernhard Schurian/VdF)

Es ist durchaus mehr als das sprichwörtliche "Mindestziel", worauf sich der deutsche Kinomarkt in diesem Jahr einstellen kann: Ausgehend von der Tatsache, dass der aktuelle Gesamtumsatz nur noch rund drei Prozent hinter dem Ergebnis aus 2017 rangiert und man die Zahlen aus 2016 bereits übertroffen hat, sollte die Boxoffice-Milliarde zum Ende des Jahres eigentlich ausgemachte Sache sein - wenn auch womöglich erst nach Zählung der FFA und damit der Bekanntgabe im Februar 2020 harrend. Der VdF jedenfalls geht davon aus, dass die Hürde wieder zu überspringen ist. 110 bis sogar 120 Mio. Besucher in der Endabrechnung seien "keine Utopie", betonte VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn anlässlich des Empfangs zur Jahresmitgliederversammlung. Ausgehend vom durchschnittlichen Ticketpreis Ende des dritten Quartals wären es gut 114 Mio., die benötigt würden, um beim Umsatz zehnstellige Sphären zu erreichen.

Vor allem nach den "Trauerzahlen", dem "extrem schlechten Ergebnis" aus 2018, würden die aktuellen Ergebnisse bzw. Aussichten mehr als guttun, so Klingsporn. Grundsätzlich wollten sich die Vertreter des neu gewählten VdF-Vorstandes beim traditionellen Pressegespräch auch weniger auf Benchmarks oder Vergleichsjahre versteifen, als vielmehr den enormen Aufschwung betonen, den der Kinomarkt 2019 erlebt. Mit einiger Berechtigung: Denn Zuwächse im Bereich von aktuell um die 15 Prozent sind nun nicht gerade Indikatoren für einen darniederliegenden Markt.

Dass nicht jeder vermeintliche oder erhoffte Trumpf stach, ist dem Filmgeschäft ohnehin immanent. Aber man darf Sony-Geschäftsführer Martin Bachmann durchaus beipflichten, wenn er feststellt, dass gerade in diesem Jahr wieder erfreulich häufig zu erleben war, welche Macht, welche Ausstrahlung das Kino entfaltet. Kurz gesagt: "Die Magie der großen Leinwand ist noch da!" Oder anders ausgedrückt: "Wir sprechen von einem guten Jahr", so Klingsporn.

Was nicht heißt, dass nicht noch Luft nach oben wäre - und genau in diesem Sinne referierte auch die HDF-Vorstandsvorsitzende Christine Berg vor den Verleihpartnern zum Ziel 120+. Die Rede ist von Besuchern in Millionen. Was schon deswegen auch in kommenden Jahren kein Wunschdenken sein solle, weil etliche Kinobetreiber gerade 2018 gezeigt hätten, was mit dem richtigen Engagement und den richtigen Ideen auch in einem schwierigen Marktumfeld möglich sei, wie Vincent de La Tour von Paramount betonte.

Was das "Richtige" ist? Nun, die diesbezüglichen Appelle seitens der Verleiher sind beileibe nicht neu - und das Dauerthema "gezielte digitale Kundenansprache" stand auch in diesem Jahr sehr weit oben auf der Agenda. Filme ans Publikum zu bringen ist und bleibt die große Herausforderung - und in diesem Kontext zeigte man sich in großer Verleiherrunde durchaus angetan von einem Branchenkonsens, der sich (auch wenn es hinsichtlich des Weges zu diesem Ziel durchaus sehr unterschiedliche Ansichten gibt, Anm.d.Red.) durch die aktuelle Förderdebatte ziehe: Jenem, dass es notwendig sei, mehr Geld in die Vermarktung zu geben. Um dazu eine Hausnummer zu nennen: 50 Mio. Euro an entsprechendem Budget benötige man laut dem VdF-Vorstand potenziell, um die Chance zu haben, eine angepeilte Marke von 40 Mio. Besuchern für deutsche Filme erreichen zu können. Entsprechende Eingaben des VdF im Prozess der FFG-Novellierung ließen sich auf einen einfachen Nenner bringen: Ein gutes FFG sei ein FFG, auf dessen Basis relevante Filme entstünden.

Parallel dazu blicke man auch positiv auf Initiativen von Kinoseite, wie die Genossenschaft Kinomarkt Deutschland, die laut Klingsporn einen "guten Ansatz" verfolge. Denn auch wenn die Diversität des deutschen Kinomarktes grundsätzlich zu begrüßen sei, könne es ein Verleiher im Sinne der gemeinsamen Arbeit mit den aus Kundendaten gewonnen Erkenntnissen nicht leisten, mit 400 bis 500 Unternehmen einzeln zu kommunizieren. Insofern sei es im Interesse Aller, "diesen Vogel zum Fliegen zu bringen".

"Flügellahm" wäre hingegen offenbar noch eine eher höfliche Bezeichnung für den aktuellen Zustand des Zukunftsprogramms Kino aus Sicht des VdF. Denn wo es an sich eine ganz zentrale Herausforderung - eine moderne, attraktive Infrastruktur - adressiert, geben die aktuellen Pläne auch auf Ebene der Verleiher Anlass zur Sorge. So ist die BKM durchaus angehalten, Bedenken zu zerstreuen, das Programm werde einen Gutteil des Marktes nicht etwa nur ausschließen - sondern ihm vor allem Fördermittel aus anderen Quellen - allen voran der FFA - entziehen. (In diesem Zusammenhang ist übrigens durchaus interessant, wie ratlos man sich mitunter auf Ebene von Länderförderern bei Nachfragen hinsichtlich der Verschränkung Bund-Land in diesem kofinanzierten Programm noch geben muss...)

Der VdF stehe laut Klingsporn in der Frage einer Förderung, die die Branche in ihrer Breite erreiche, ganz an der Seite des HDF. Nicht, dass man sich gegen eine Förderung von Arthouse-Kinos aussprechen wolle. Und der VdF-Geschäftsführer verpasste bei seiner Rede zum abendlichen Empfang nicht die Gelegenheit, der Yorck-Gruppe und namentlich Georg Kloster noch einmal ausdrücklich zum Delphi Lux und dessen Gewinn der Spitzenprämie bei den BKM-Kinoprogrammpreisen zu gratulieren. Dass das Delphi Lux ein "absolut tolles Kino" sei, heiße aber nicht, dass es nicht auch andere tolle Kinos gebe - und dies auch abseits dessen, was man als Arthouse definiere. Wobei sich Klingsporn in seiner kurzen Ansprache bei diesem Begriff demonstrativ ratlos zeigte. Er selbst habe gerade erst mit "Das perfekte Geheimnis", "Lara" und "Le Mans 66" drei herausragende Filme gesehen. Aber solle man sie nun anhand des Kinos klassifizieren, in denen er sie jeweils genossen habe?

Es könne, so sein Fazit, "schlicht nicht sein", dass ein Kinotypus über ein neues Förderprogramm zu viele Mittel abziehe, die ansonsten einer Förderung der Kinolandschaft in ihrer ganzen Breite zugedacht seien. Ergo der Appell: "Wir müssen das Kino in seiner Gesamtheit sehen! Kino ist per se ein kultureller Ort!" Verbunden damit war die Bitte in Richtung der (an diesem Abend prominent vertretenen) Politik, "den Blick zu weiten".

Aber zurück zu Mahnungen an die Branche selbst. Sinnbildlich für Mängel bei der digitalen Kundenansprache stünde demnach auch die Tatsache, dass die Online-Buchungsquote seit mittlerweile drei Jahren bei rund 20 Prozent stagniere. Wobei man, wie Constantin-Geschäftsführer Oliver Koppert betonte, durchaus differenzieren muss - denn diesem Mittelwert stehen gänzlich unterschiedliche Quoten in den einzelnen Häusern gegenüber. Und gerade dort, wo man die Reservierung konsequent abgeschafft und durch eine reine Kaufoption (wenn auch mit Stornierungsmöglichkeit) ersetzt habe, lägen die Online-Quoten doppelt so hoch - und höher. Wenig Sympathie zeigte der VdF-Vorstand in diesem Zusammenhang für die weiterhin gängige Praxis, Vorverkaufsgebühren zu erheben. Aber ganz gleich ob monetäre oder technische Hürden: Es werde dem (potenziellen) Gast nach wie vor viel zu oft nicht leicht genug gemacht, betonte Bachmann.

Womit wir bei Kampagnen bzw. Maßnahmen wären, die auf ihre eigene Weise ebenfalls auf die Konten "Kundenansprache" und "Reichweitengewinnung" einzahlen sollen: Die Branchenkampagne "Das Kino. Läuft bei uns." und das bundesweite Kinofest. Wie effektiv diese seien bzw. sein könnten? In beiden Fällen ist es zu früh, um diese Frage zu beantworten, indes verwies Martin Bachmann - der sich als "absoluter Verfechter der Kampagne" gab - durchaus darauf, dass es nicht die eine singuläre Idee gebe, mit der man den sprichwörtlichen Schalter umlegen könne. Gefragt sei eine breite Palette an Maßnahmen, um die Zielgruppen besser anzusprechen. Diesbezüglich würden die genannten Initiativen in die richtige Richtung gehen. Wichtig sei, gemeinsam aufzutreten. Speziell hinsichtlich des Kinofestes verwies Bachmann darauf, dass an dieser Stelle durchaus noch "dicke Bretter" zu bohren, sprich: enorme Vorarbeit zu leisten sei. Allerdings sei man an dieser Stelle guter Dinge, man unterstütze die Maßnahme jedenfalls "ohne Wenn und Aber".

Abschließend noch zur Neuaufstellung des VdF-Vorstandes, der auch in diesem Jahr punktuell neu besetzt wurde: Neu im Gremium sind Bernhard zu Castell und Benjamina Mirnik-Voges. Im geschäftsführenden Vorstand sitzen nun Kalle Friz, Martin Bachmann, Vincent de La Tour und Oliver Koppert, im weiteren Vorstand neben den eingangs Genannten Benjamin Herrmann, Peter Schauerte und Stephan Hutter.