Kino

Christine Berg: "Kinos stärker sichtbar machen"

Christine Berg ist als neue Vorstandsvorsitzende des HDF Kino 100 Tage im Amt und sieht die Kinos vor großen Herausforderungen. Mit Blickpunkt:Film sprach sie über die besondere Bedeutung von Exklusivität und das Zukunftsprogramm Kino als wichtigste Baustelle.

28.11.2019 12:03 • von Jochen Müller
Christine Berg (Bild: HDF Kino)

Christine Berg ist als neue Vorstandsvorsitzende des HDF Kino 100 Tage im Amt und sieht die Kinos vor großen Herausforderungen. Mit Blickpunkt:Film sprach sie über die besondere Bedeutung von Exklusivität und das Zukunftsprogramm Kino als wichtigste Baustelle.

Wie wichtig sind Kinopolitische Abende, und welche Wirkung wird dort erzielt?

Christine Berg: Der Kinopolitische Abend bietet einmal im Jahr eine wunderbare Bühne, unsere Branche und ihre Besonderheiten gegenüber wichtigen Entscheidungsträgern prominent zu präsentieren. In Zusammenarbeit mit der SPIO ist es uns dieses Mal gelungen, das gesamte Spektrum vom Hersteller über den Verleih bis zum Kinobetreiber abzudecken. Wir konnten der Politik und insbesondere der Staatsministerin für Kultur und Medien zeigen, dass wir alle ein gemeinsames Ziel verfolgen. Vor allem haben wir hier die Chance genutzt, unsere Position und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, darzulegen und Lösungsansätze vorzutragen. So haben wir sehr deutlich gemacht, was für uns Exklusivität bedeutet, und warum wir sie brauchen, damit Kino ein besonderes Erlebnis bleibt.

Welche besondere Bedeutung kommt den Kinos denn heute zu?

CB: Kino bietet Kultur für alle. Im Gegensatz zu vielen anderen kulturellen Einrichtungen ist Kino nicht elitär. Eine breite Masse fühlt sich von unseren Angeboten angesprochen, auch weil es so viele verschiedenen Arten von Filmen und Kinos gibt. Unser Publikum ist deshalb besonders divers und Kino somit ein Treffpunkt, an dem Menschen jeden Alters und aus allen Einkommensschichten zusammen kommen. Und Kino ist ein Ort der Entschleunigung. In unserer Gesellschaft gibt es eine wachsende Sehnsucht danach, sich auch wieder einmal anderthalb Stunden bewusst Zeit zu nehmen und sich auf etwas zu konzentrieren.

Was sehen Sie als die großen Herausforderungen?

CB: Die Kinos im Markt mit den neuen Mitbewerbern zukunftsfähig zu machen. Dazu gehören neben einem Bewusstsein für kinospezifische Besonderheiten in erster Linie publikumsstarke Filme, der Ausbau der neuen Technologien und eine individuelle Kundenansprache, um unser Publikum optimal adressieren zu können. Dabei muss vor allen Dingen der Investitionsstau abgebaut werden, auf den wir letztes Jahr bereits hingewiesen haben. Dafür gab es in diesem Jahr ein Soforthilfeprogramm. Das war klasse, aber da muss noch mehr kommen.

Mit fünf Mio. Euro kann nicht allen Kinos geholfen werden...

CB: Nein, deshalb ist es wichtig, dass wir uns nun auf das Zukunftsprogramm Kino konzentrieren. Das ist unsere wichtigste Baustelle. An zweiter Stelle folgt, dass wir die Kinos stärker sichtbar machen müssen. In der Gesellschaft, in der Politik, aber auch innerhalb der Branche wird nicht ausreichend gesehen, was Kino kann und bereits leistet. Viele Produzenten wissen z.B. gar nicht, was eine D-Box ist. Wie kann es sein, dass Kinos innovativ sind, und es keiner weiß?

Kann das Zukunftsprogramm den Kinos helfen, diesen Investitionsstau zu lösen?

CB: Zum Teil ja! Wir freuen uns, dass der Bund für 2020 17 Mio. Euro bereit stellt, aber unsere Forderung sind 30 Mio. pro Jahr und eine Verstetigung auf fünf Jahre. Da sind wir noch nicht. Auch die Gegenfinanzierung der Länder ist noch auf wackeligen Beinen. Sie sollen die fehlenden 15 Mio. finanzieren, aber davon sind wir noch sehr weit entfernt. Wenn das Programm tatsächlich Anfang 2020 starten soll, muss noch viel passieren. Die Kinos brauchen die Unterstützung, nicht nur weil die zweite Digitalisierungswelle auf uns zukommt, sondern wir müssen auch wirklich tolle Begegnungsstätten bieten. Das Geld muss im Haushalt auf mehrere Jahre verstetigt und die Teilnahme der Länder gesichert werden. Daran müssen wir alle arbeiten.

Sollen nur Arthouse- und Kinos in der Fläche davon profitieren, oder auch Großstadtkinos, die sich oft unter viel härteren Bedingungen behaupten müssen?

CB: Unsere Zielrichtung ist ganz klar: Wir reden hier über ein Zukunftsprogramm in der Fläche für publikumsstarke Filme. Das Soforthilfeprogramm galt nur für Orte unter 25.000 Einwohner - das muss man öffnen und ein anderes System finden. Es ist erstaunlich, dass bisher nur von den kleinen und großen Städten gesprochen wird. Dabei wird völlig außer acht gelassen, dass es auch mittlere Städte in der Fläche gibt, wo Kinobetreiber den gleichen Herausforderungen ausgesetzt sind.

Sodass auch Kinoketten mit einzelnen Häusern davon profitieren könnten?

CB: Tatsache ist doch, dass in vielen größeren und kleineren Gemeinden Ketten das einzige Kino vor Ort betreiben. Sie leisten damit ihren Anteil zu einem flächendeckenden Zugang zum Kulturgut Film. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es gerade die HDF-Mitglieder sind, die für hohe Besucherzahlen sorgen. Die Kinolandschaft teilt sich längst nicht mehr streng in Arthouse oder Mainstream auf. Die Grenzen verschwimmen auf beiden Seiten zunehmend, und man sieht immer öfter Crossover-Programme. Inzwischen zeigt auch ein Kino, das man als Mainstream oder großes Haus bezeichnen würde, die gesamte Brandbreite, von Systemsprenger" über "Joker" bis zu Ich war noch niemals in New York" und Das perfekte Geheimnis". Es muss doch darum gehen, dass die Kinos gut ausgestattet werden und wieder mindestens 120 Mio. Zuschauer im Jahr anlocken.

Trägt denn der deutsche Film ausreichend zum Erfolg der Kinos bei?

CB: Zuerst einmal: Der deutsche Film ist extrem wichtig für die Kinos und muss unbedingt gestärkt werden. Es hilft jedoch nicht, sich über seinen prozentualen Anteil am Besucheraufkommen zu freuen, der meistens bei etwas mehr als 20 Prozent liegt, wenn der Ticketverkauf insgesamt nach unten geht. Wichtig ist vielmehr, dass der deutsche Film jedes Jahr kontinuierlich zwischen 35 und 40 Mio. Tickets verkaufen kann.

Trägt er also genügend dazu bei?

CB: Zur Zeit leider nicht. Wir hatten in diesem Jahr lange Zeit nur einen Besuchermillionär, nämlich Leberkäsjunkie". Glücklicherweise funktioniert jetzt auch "Das perfekte Geheimnis" als besonderer Hoffnungsträger, aber wir brauchen mehr Filme, die über eine Mio. Zuschauer machen, und mehr, die zwischen 500.000 und 1 Mio. Besuchern liegen.

Im Kino laufen so viele Filme wie noch nie. Gilt es nicht vor allem, Filme zu fördern, die Reichweite entwickeln und die Leute wieder ins Kino holen?

CB: Auf jeden Fall! Wir brauchen weniger Filme, diese müssen mit höherem Budgets ausgestattet sein, und sie sollten mutig sein. Auch die Produzenten stehen vor einer großen Herausforderung, sie müssen die Geschichten von morgen finden, und wie man an den Besucherzahlen sieht, ist es nicht einfach. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht im Mittelfeld verharren, sondern den ProduzentInnen so viel Unterstützung geben wie sie benötigen.

Die nächste FFG-Novelle steht bevor. Wie ist die Position des HDF, müssen Beträge in die Herausbringung umgesteuert werden?

CB: Am Allerwichtigsten ist für uns die Exklusivität. Denn wenn die FFA das Kinofenster verändert, ist das ein Signal in die gesamte Branche.

Aber wer braucht sechs Monate Sperrfrist?

CB: Exklusivität brauchen alle Player im Markt, auch Netflix mit seinen exklusiven Serien und Filmen. Exklusivität für Kinos bedeutet, dass wir die Lokomotive für die weitere Auswertungskaskade bleiben. Wie lang die jeweiligen Fristen sind, sollten wir miteinander besprechen und genau hinschauen, wo die wirklichen Problemfelder der Rechteauswertung liegen. Da geht es ja in den wenigsten Fällen um die Kinozeit, sondern vor allem um die nachgelagerten Auswertungsstufen.

Viele Filme werden drei Wochen gespielt, und dann sind sie Monate vom Markt. Verpflichtet diese Exklusivität nicht auch die Kinos, sie zu nutzen?

CB: Die Kinos spielen die publikumsstarken Filme doch auch, - "Leberkäsjunkie" läuft z.B. aktuell in der 16. Woche in 50 Locations. Wenn sie mehr Freiheit bei der Programmierung hätten, könnten die Betreiber viele Filme sicherlich effektiver einsetzen. Es gibt Filme, die bestimmt großartig sind, aber die man vielleicht nicht in jeder Schiene zeigen müsste. Und umgekehrt gibt es Kinder-, Jugend- oder auch Horrorfilme, die in bestimmten Zeitschienen genau richtig programmiert wären... Nur liegt die Entscheidungshoheit, wann welcher Film wie eingesetzt wird, leider nicht immer bei den Kinos.

Müssen einfach weniger Filme fürs Kino produziert werden?

CB: Ja, und diese müssen in der Herausbringung gestärkt werden. Die Kinos können sich da mehr einbringen. Schliesslich kennen sie ihr Publikum vor Ort. Aber dafür brauchen sie eben Freiheit in der Disposition und einen finanziellen Rahmen für die Werbung vor Ort. Und wir plädieren dafür, die Kinoförderung effektiver zu gestalten. Wir meinen, dass sie planbarer und unbürokratischer gestaltet werden kann. Schließlich ist sie in den letzten zwanzig Jahren nicht angefasst worden. Was die Verteilung der Mittel angeht, muss sich die Branche untereinander abstimmen. Wenn man sieht, dass es inzwischen - Frau Grütters sei Dank! - 150 Mio. Euro an Produktionsförderung des Bundes an anderen Stellen gibt, müssen wir darüber reden, wie man in der FFA vorgehen will.

Zumal die FFA-Mittel keine Steuermittel des Bundes sind, sondern als parafiskalische Abgaben von der Branche erbracht werden.

CB: Absolut. Wir müssen gemeinsam überlegen, welcher Bereich die meiste Stärkung benötigt. Die große Herausforderung ist dabei, dass wir jetzt über die Zeit bis 2027 sprechen. Da sind wir als Branche gefordert. Das dürfen wir auch nicht der Politik überlassen. Vielleicht kommt man zu dem Ergebnis, dass die jetzige Aufteilung richtig ist. Vielleicht kommt man aber auch zu einem anderen Ergebnis.

Die Kinofilmproduktion wurde durch eine Erhöhung der Produzentengage bei FFA-geförderten Filmen gestärkt. Findet das auch die Unterstützung der Kinoseite?

CB: Das unterstützen wir natürlich. Der Produzent muss in die Lage versetzt werden, einen Film auch absagen zu können, wenn er feststellt, dass das Projekt zu nichts führt. Im Moment kann er es nicht, weil er keine Deckungsbeiträge aus den Produktionen erwirtschaftet. Wir müssen aufpassen, dass uns die Produzenten und Kreativen nicht abwandern, und dafür sorgen, dass weiterhin gute Kinofilme entstehen. Das können wir nur, indem wir Anreize schaffen. Wenn die Verlockung zu groß ist, zu den Streamingdiensten zu gehen, ist es das falsche Signal. Für uns ist die Produzentengage auch unter einem anderen Gesichtspunkt interessant. Wir fordern, dass eigene Leistungen, die ein Kinobetreiber erbringt, genauso anerkannt werden. Bis jetzt kann ein Kinobetreiber, der eine Maßnahme durchführt, nur externe Kosten geltend machen, auch wenn er selbst der Bauleiter ist oder sie kuratiert.

Im Vorfeld der letzten Novelle entstand ein All-Industry-Papier aller Verbände. Sind solche gemeinsamen Bemühungen wieder geplant?

CB: Es finden Gespräche innerhalb der SPIO statt, und es gibt Punkte, über die wir uns einig sind, zum Beispiel, dass wir die FFA stärken müssen. Die Evaluierung der FFA besagt, dass ihre Einnahmen weiter sinken werden. Das ist sicherlich ein Worst Case, da z.B. die Kinozahlen als stark rückläufig angesehen werden. Das sehen wir anders. Klar ist, dass der Etat der FFA nicht unter 50 Mio. Euro fallen darf. Das BKM vergibt jetzt schon das Dreifache an Mitteln wie die FFA. Die FFA muss aber auch weiterhin ihre wichtige Rolle spielen können. Seit dem Kinopolitischen Abend herrscht auch Einigkeit darüber, dass wir publikumsstarke Filme brauchen, neben wichtigen, anspruchsvollen Filmen, die über eine große Strahlkraft verfügen. Wir brauchen die Vielfalt beim Film und bei den Kinos.

Wie gut behaupten sich die Kinos in der Konkurrenz mit anderen Medien?

CB: Manche Kinos stehen gut da, weil sie sich gut aufstellen. Es wird jetzt schon viel investiert in technische Innovationen wie D-Box, Dolby Vision, Atmos und mehr. Die Kinos wollen sich neu definieren und in die neue Zeit gehen. Genau hier macht sich der Investitionsstau bemerkbar. Großer Handlungsbedarf herrscht bei der digitalen Kundenbindung. Da liegen wir noch etwas zurück. Es gibt viele gute Ansätze bei kleinen, mittleren und großen Kinos, gemeinsame Ansätze wie die neue Genossenschaft und innovative Überlegungen beim Pricing und Ticketing.

Muss auch über neue Auswertungsmodelle gesprochen werden, angesichts der großen Filmproduktionen von Streaminganbietern, die ihren Siegeszug beim Publikum am Kino vorbei antreten?

CB: Die Frage ist doch, unter welchen Bedingungen potentielle Kooperationen mit Netflix und Co. zustande kommen könnten. Eine Grundvoraussetzung hierbei sollte auf jeden Fall die Respektierung des exklusiven Kinofensters sein. Wir sind gespannt, welche Ansätze die neuen Streaminganbieter in diesem Punkt verfolgen und blicken optimistisch nach Amerika, wo Apple bereits entsprechende Äußerungen hat fallen lassen. So könnte tatsächlich eine Partnerschaft auf Augenhöhe funktionieren. Wir sollten jedoch nicht unser höchstes Gut - das besondere Filmerlebnis - leichtfertig dafür hergeben, anderen Marktteilnehmern als Plattform für deren Abo-System zu dienen, die wiederum mit uns um das begrenzte Zeitbudget der Konsumenten konkurrieren.

Aber die Kinos zeigen auch jetzt schon Alternative Content wie Opern, Konzerte oder Serienpiloten, weil die Leute sie auf der großen Leinwand sehen wollen?

CB: Aber auch hier verfügen wir über Exklusivität, und genau darum geht es. Die MET kann ich nur in New York und sonst nirgends sehen. Die Kinos zeigen das exklusiv und machen ein Event daraus. Wir müssen die Kinos in die Lage versetzen, dass sie als Ort so attraktiv sind, dass Leute gerne hingehen. Anderen zu helfen, dass sie einen Oscar und hinterher mehr Abonnenten gewinnen, das kann es nicht sein.

Gibt es schon eine Bilanz nach 100 Tagen in Ihrem neuen Amt?

CB: Soviel kann ich sagen: Ich bin immer noch neugierig und lerne jeden Tag dazu. Es war ein großartiger Schritt, und es tut sich für mich eine neue Welt auf.

Sehen Sie das Kino für die Zukunft gut gerüstet?

CB: Mir ist da nicht bange. Das Kino steht vor einer Riesenherausforderung, weit größer als der Sprung zum Tonfilm. Nachdem ich jetzt 100 Tage dabei bin und sehe, mit wieviel Ideen und welcher Leidenschaft die Kinobetreiber sie meistern wollen, bin ich überzeugt, dass genug Kraft da ist, um einen Weg zu finden. Wir müssen mit Selbstbewusstsein dafür sorgen, dass es etwas ganz Besonderes, dass es cool ist, ins Kino zu gehen. Das ist auch meine Aufgabe. Dafür brauchen wir die Verleiher, die Produzenten und natürlich die Kreativen als unsere Partner auf Augenhöhe.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl