Produktion

Ruzowitzky auf den Spuren von "Sin City"

Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzkys neuer Thriller "Hinterland" mit Murathan Muslu, Liv Lisa Fries und Matthias Schweighöfer traut sich eine technische Revolution, die sich ästhetisch an Vorbildern wie "Das Cabinet des Dr. Caligari" und "Sin City" orientiert.

22.11.2019 08:45 • von Michael Müller
Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries und Hauptdarsteller Murathan Muslu in einer Café-Szene des Films "Hinterland", der hauptsächlich mit Blue-Screen-Technik in Luxemburg und Österreich gedreht wird (Bild: Pedro Domenigg / FreibeuterFilm & AMOUR FOU)

Himmlische Klänge erfüllen Mitte November die Halle des Rosenhügelstudios in Wien. "Großer Gott, wir loben dich", stimmen rund 40 männliche und weibliche Kerzenträger in schlichten Mänteln an. Ein auf Krücken gehender Einbeiniger gefällt Stefan Ruzowitzky noch nicht ganz. Da hilft die Maske im Gesicht nach. Die Gruppe positioniert der Regisseur auf Socken gehend, um den Untergrund in der Probe zu schonen, in der Mitte der Blue-Screen-Wände. Hauptdarsteller Murathan Muslu macht derweil Liegestütze auf einem Bein, um gleich abgehetzt ins Bild zu treten und sich bei der von oben gefilmten Krankamerafahrt suchend durch die Gruppe zu drängeln. Bei jedem Take verschwindet Muslu wieder ins Blaue.

Die Produktion "Hinterland" mit Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Matthias Schweighöfer, Marc Limpach und Max von der Groeben ist für den deutschsprachigen Bereich etwas Besonderes: Filme wie "Sin City" oder "300" nutzten die Blue-Screen-Technik bereits, um die Hintergründe eines Comics im Studio lebendig werden zu lassen. Aber dass der Hintergrund so wie die Wahrnehmung des gebeutelten Protagonisten aussieht, der im Jahr 1922 aus russischer Kriegsgefangenschaft in die Heimat Wien zurückkehrt, gab es vor dem Thriller "Hinterland" mit dieser Technik noch nicht. In der deutschen Filmgeschichte muss man bis in die Weimarer Republik zurückgehen, um in Kino-Klassikern wie "Der letzte Mann" oder "Nosferatu" handgemachte Entsprechungen zu finden. Die Produktion von FreibeuterFilm und AMOUR FOU Luxemburg mit den Co-Produzenten Scope Pictures und Lieblingsfilm, die der Verleih SquareOne Entertainment in Deutschland und Österreich in die Kinos bringt, ist gerade von Luxemburg nach Österreich umgezogen. Beta Cinema fungiert bei "Hinterland" als Weltvertrieb.

"Wir zeigen die Welt so, wie unser Held sie empfindet", sagt Ruzowitzky auf einer blauen Treppe des Sets sitzend, während das große Szenenfinale für den Tag hergerichtet wird. "Unser Held findet eine Welt vor, in der er sich überhaupt nicht mehr zurecht findet - in der alles verzerrt, falsch und schief ist, wo es nichts mehr gibt, was gerade und stabil ist." Entsprechend werden in der Postproduktion schiefe und verquere Stadtansichten Wiens in den Film eingefügt. Teilweise wurden sogar Original-Aufnahmen aus dem Wien von 1922 genommen und mit Komparsen "wiederbelebt". "Das ist wirklich ein filmisches Abenteuer", findet Ruzowitzky.

"Ein Abenteuer, auf das wir uns gerne eingelassen haben", ergänzt Al Munteanu, CEO von SquareOne Entertainment, der heute ebenfalls - gemeinsam mit seinem Head of German Productions Lars Wiebe - das Set besucht. "Wir waren von der ersten Sekunde an begeistert von Stefan Ruzowitzkys Vision, die mysteriöse Kulisse von 'Hinterland' so auf die Leinwand zu zaubern, wie sie seine Hauptfigur empfindet. Als Verleih arbeiten wir intern gerne mit Vergleichstiteln, um einen Film für alle Beteiligten "greifbarer" zu machen: 'Hinterland' fühlte sich entsprechend gleich an wie 'Sieben' meets 'Sin City' meets 'Babylon Berlin'. Doch der Film ist noch viel mehr als das: Ein solch mutiges Projekt findet man im deutschsprachigen Kino nur alle zehn Jahre."

Lars Wiebe teilt Munteanus Enthusiasmus: "Stefan Ruzowitzky hat schon vor fast 20 Jahren mit seinen beiden 'Anatomie'-Filmen gezeigt, dass er es meisterhaft versteht, kommerzielles Genre-Kino in spektakuläre Bilder zu tauchen. Mit 'Hinterland' veredelt er dieses Talent noch einmal mit Hilfe digitaler Technik. Das ist wirklich einzigartig." Oliver Neumann, Produzent bei FreibeuterFilm fügt hinzu: "Die Idee, mit modernen Mitteln eine Neuinterpretation eines Filmklassikers zu schaffen, hatte ich schon vor zwölf Jahren. Aber erst mit Stefan Ruzowitzky als Regisseur ist dann diese Vision in greifbare Nähe gerückt, erst dann wurde ein so aufwendiges Projekt realisierbar. Es ist so schön, wie mit dieser Technik auf ein Film ganz neu gedacht werden kann. Üblicherweise werden historische Filme in Wien, die um die Jahrhundertwende spielen, immer an einer Handvoll Locations gedreht, die sich noch historisch adaptieren lassen. Bei 'Hinterland' können wir den Film, alle Bilder und Locations komplett frei denken."

Hauptdarsteller Murathan Muslu spielt im Film den ehemaligen Kriminalbeamten Peter Perg, der sieben Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft zugebracht hat. Er kehrt nach dem Ersten Weltkrieg zurück in seine Heimat, die kein Kaiserreich mehr ist. Er ist ein Fremder in einer Welt, die von Revolution und Demokratie, aber ebenso von Faschismus und Arbeitslosigkeit geprägt ist. Ruzowitzky sieht durchaus Parallelen zur heutigen Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg sei die Gesellschaft verunsichert gewesen, weil sie noch nicht wusste, was auf sie zukomme. "Das war eine Zeit, in der extreme politische Ideologien und auch völlig neue Kunstrichtungen aus dem Boden geschossen sind", sagt Ruzowitzky. Heute hätten Menschen auch das Gefühl, dass sich ganz viel ändere und der Einzelne mit der Frage zurückbleibe, ob es ihm zukünftig besser oder schlechter gehe. "Deswegen haben jetzt auch politische Ideen, die an den Rändern des Spektrums liegen, plötzlich Zulauf."

Für seinen Hauptdarsteller Muslu, der mit den Serien "8 Tage", "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", "Skylines" und den Spielfilmen "Pelikanblut" und "7500" ein phänomenales Jahr hatte und trotzdem noch als Geheimtipp gilt, hat Ruzowitzky nur lobende Worte. "Murathan ist von seinem Potenzial und Können her einer der größten Filmstars, die wir in Österreich je hatten", sagt er. Muslu selbst klingt nach dem intensiven Drehtag, an dem auch das hochdramatische Finale gedreht wurde, emotional und körperlich etwas angeknockt. Schließlich begibt sich sein Charakter in "Hinterland" auch auf die Suche nach einem Serienmörder, der in Wien sein Unwesen treibt. "Zur Zeit habe ich überall blaue Flecken, Muskelkater und Zerrungen, weil das Ganze so intensiv ist. Aber ich überleb's", sagt er am nächsten Tag am Telefon.

Der Film ist ein Einschnitt im Leben des Schauspielers, der in Österreich zuerst als Rapper Aqil Bekanntheit erlangte. Für ihn ist es eine Ehre, mit Ruzowitzky zu arbeiten. "Ich gebe mein Bestes und hoffe, ich enttäusche den Stefan nicht", sagt Muslu. Für den Autodidakten und Quereinsteiger in die Filmindustrie war es zuerst schwierig, einen hundertprozentigen emotionalen Zugang zu der fremden Figur des Kriegsheimkehrers zu finden. Er habe viel und intensiv mit dem Regisseur über die Rolle gesprochen, bis sie sich herauskristallisierte. Auch haufenweise Bücher, Bilder und Videomaterial habe er gesichtet.

Er erzählt von Matthias Schweighöfers gestriger Abschiedsrede am Set. Matthias habe 'Danke' gesagt für dessen drei Drehtage, die sich aber aufgrund der Intensität wie zwei Wochen angefühlt hätten. "An diesen letzten drei Tagen sind wir alle an unser Limit gestoßen", sagt Muslu, der selbstkritisch auf seine vergangenen produktiven zwei Jahre zurückblickt. "Ich habe nonstop Projekte gemacht, worüber ich auch echt glücklich bin. Aber wenn du zu viel arbeitest, nagt das an der Qualität des Spielens", erzählt er. Der Ruzowitzky-Film hingegen habe jetzt neue Türen für ihn geöffnet, was den Erfahrungswert, aber auch das Nachdenken über die Zukunft seines schauspielerischen Werdegangs betrifft.

Schweighöfer taucht am Set - auch in Wien hat der Winter Einzug gehalten - mit tief ins Gesicht gezogener Anorak-Kapuze vor der beeindruckenden Replika der Glocke des Wiener Stephansdoms auf. In der ansonsten in blau gekleideten Halle ist die Glocke das einzige bedeutende haptische Set. Im Kostüm und schon vorbereitet für die nächste Szene schwärmt Schweighöfer dann vor allem von seinem Kollegen Muslu. "Ich habe einen riesigen Fan-Crush. Er ist eine richtig krasse Entdeckung. Ich sage ihm das auch die ganze Zeit. Es ist fast schon peinlich, dass ich mich so freue, dass er so geil spielt", sagt er. Er kannte vor den Dreharbeiten nichts von Muslu, den Ruzowitzky ihm als "österreichischen Marlon Brando" anpries. In der Kamera, sagt Schweighöfer, sehe der aus wie eine Mischung aus Tom Hardy und Gerard Butler. "Das ist schon eine krasse Kombi."

Schweighöfer selbst überraschte mit seinen letzten Rollenwahlen: Er spielte in Thomas Vinterbergs Film "Kursk" mit, produziert gerade mit seiner eigenen Firma Pantaleon Films das Werk "Resistance", wo er den NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie darstellt. Auch "Hinterland" hat einen düsteren Ton. "Ich habe damals die Firma gegründet, damit ich eigentlich nach zehn Jahren wieder anfangen kann, andere und ernstere Sachen und mehr Genre zu machen - aber trotzdem eine stabile Firma zu haben, woraus man entwickeln kann", erzählt Schweighöfer, der vor "Hinterland" mit dem US-Regisseur Zack Snyder gedreht hatte. "Ich finde es eigentlich ganz schön gerade", sagt er, der immer schon mal mit Ruzowitzky zusammenarbeiten wollte. "Stefan bekommt als Regisseur einen guten Spagat zum Kommerz hin. Ihm war es nach dem Oscar nicht nur wichtig, ganz klares Arthouse zu machen", sagt Schweighöfer. Ruzowitzky sei ein sehr liebe- und verantwortungsvoller Regisseur, der auch richtig Humor habe.

In der Streitschrift des Filmhistorikers Joe Hembus aus dem Jahr 1961, "Der deutsche Film kann gar nicht besser sein", sagte der berühmte Szenenbildner Robert Herlth ("Der müde Tod", "Faust") auf die Frage, wie der deutsche Film in den Zwanzigerjahren Weltruhm erringen konnte: Früher habe es einfach mehr Firlefanz gegeben. Bei seiner Arbeit an Friedrich Wilhelm Murnaus Meisterwerk "Der letzte Mann" habe sich zum Beispiel Kameramann Karl Freund die Kamera auf den Bauch geschnallt und sei einfach auf einem Fahrrad aus dem Fahrstuhl in die Lobby des Hotels gefahren, um in der Eröffnungsszene eine dynamische Kamerabewegung zu erzeugen. "Mehr Firlefanz" im besten Sinne der Worte wagt jetzt auch mit seiner Blue-Screen-Technik und den beeindruckenden Hintergründen die Produktion "Hinterland". Man kann es kaum abwarten, das fertige Resultat zu sehen. Michael Müller