Kino

Die 30. Hessischen Filmpreise sind vergeben

Das Kino stand im Mittelpunkt der glanzvollen Jubiläumsgala am 18. Oktober in der Alten Oper Frankfurt. Tom Sommerlatte gewann den Spielfilmpreis, der Ehrenpreis ging an das DFF.

21.10.2019 08:33 • von Jochen Müller
In der Alten Oper in Frankfurt wurden am vergangenen Freitag zum 30. Mal die Hessischen Filmpreise vergeben (Bild: Markus Nass)

Hessens Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn konnte prominente Gäste aus Politik, Film- und Fernsehbranche begrüßen, Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni überraschte als Eiskonfekt-Verteiler im Saal, und den musikalischen Rahmen lieferte Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann: Er steuerte den Score der Veranstaltung bei und begleitete einfühlsam das Geschehen auf der Bühne.

Es war ein Abend der großen politischen Statements - im Vorfeld hatte die "Causa Mendig" die Gemüter bewegt -, eingerahmt von den bewegenden Reden von Maryam Zaree (Preisträgerin für Born in Evin", der sein Debüt bei der Perspektive Deutsches Kino der Berlinale feierte), und Schauspieler Hanns Zischler. Zaree verweist in ihrem Film auf ihre persönliche Lebensgeschichte, in dem sie den Opfern, nicht den Tätern eine Stimme gibt. Frankfurt spielt darin eine wichtige Rolle als erste Anlaufstelle, wo ihre Mutter mit ihr als Zweijähriger nach der Flucht aus dem iranischen Gefängnis, in dem sie geboren wurde, ankam. Da die Mutter über ihre Zeit in der Haft des Khomeini-Regimes schwieg, begab sich Maryam Zaree selbst auf die Spurensuche zu ihren Wurzeln. Ein bewegender Moment, als sie mit ihrer Mutter gemeinsam auf der Bühne der Alten Oper steht. Für den End- und Höhepunkt der Verleihung sorgte Hanns Zischler mit seiner Laudatio fürs DFF, ein Plädoyer für die Wahrung des Filmerbes und die Zukunft des Kinos, das er als Frage formulierte: "Film oder Kino - haben wir die Wahl?" (Den Wortlaut seiner Rede lesen Sie am Ende des Textes).

So gut und richtig das Anliegen war, das Kino in den Mittelpunkt der Jubiläums-Gala zu stellen - ein paar Kinosessel auf der Bühne und darauf zwei Fernsehmoderatoren (durch den Abend führten "Aspekte"-Frau Katty Salié und Morgenmagazin-Moderator Mitri Sirin), die in gesetzt-euphorischen Worten die besondere Aura des magischen Ortes Kino beschworen - der Funke wollte nicht recht zünden ...

Für Unterhaltung und Denkanstößen sorgten indes die zahlreichen namhaften Preispaten und Laudatoren. Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn betonte, man habe " ... die harte Arbeit und die Leidenschaft gewürdigt, mit der sich viele Menschen jeden Tag für den Film und das Kino engagieren. Dabei war es uns wichtig, nicht nur glamourös zu feiern, sondern auch Themen anzureißen, die die Branche bewegen wie den Wandel des Mediums oder die Rolle des Nachwuchses." Ins Scheinwerferlicht gerückt und besonders gewürdigt wurde im Lauf des Abends immer wieder die auch historisch bedeutende Rolle von Frauen für das Filmschaffen.

Der Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten ging zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht an eine Person, sondern an eine Institution, die sich um den Film verdient gemacht hat: das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum (wir berichteten). Dazu Ministerpräsident Volker Bouffier: "Ob Museum, Kino, Archive und Sammlungen, Festivals, digitale Plattformen, Forschung und Digitalisierung - das DFF verbindet die Verantwortung für das Bewahren und wissenschaftliche Erforschen mit den Herausforderungen digitaler Realitäten. Das DFF würdigt den Film und alles, was ihn ausmacht. Und das seit 70 Jahren. Darauf kann Hessen stolz sein." Den Preis entgegen nahmen die langjährige Direktorin Claudia Dillmann, Ellen Harrington, ihre Nachfolgerin und jetzige Direktorin, sowie Vorstandsmitglied Dr. Nikolaus Hensel.

Der mit 7.500 Euro dotierte Newcomerpreis ging an Maryam Zaree für ihr Debüt als Regisseurin und Drehbuchautorin von "Born in Evin". Angela Dorn in ihrer Laudatio: "Maryam Zaree hat einen sehr berührenden Film über ein persönlich schmerzhaftes Thema gedreht, denn ,Born in Evin' ist sie selbst: Ihre Mutter, im Iran politisch verfolgt, brachte Maryam 1983 im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran zur Welt. Mit ihrem Film gewährt sie Einblicke in persönliche Abgründe. Es gelingt ihr, ihre filmische Spurensuche in einem dunklen Kapitel ihrer Familie und ihres Landes mit humorvollen und selbstironischen Sequenzen anzureichern und eine Balance zwischen tragischen und warmen Momenten zu schaffen."

Tom Sommerlatte gewann für Bruder Schwester Herz" den mit 24.000 Euro dotierten Spielfilmpreis. Nominiert waren außerdem "Crescendo" von Dror Zahavi und "Ostwind' - Aris Ankunft" von Theresa von Eltz, die jeweils 4.000 Euro Nominierungsgeld erhielten. Der Dokumentarfilmpreis ging an Why Are We Creative?" von Hermann Vaske, und damit ein Preisgeld von 20.000 Euro. Über den Kurzfilm-Award konnte sich Aliaksei Paluyan für "See der Freude" freuen. Der Drehbuchpreis ging an Frauke Lodders für Am Ende des Sommers" über ein Geschwisterpaar, das in einer strenggläubigen Familie aufwächst. Den Hochschulpreis gewann Joschua Keßler von der Hochschule Darmstadt mit seinem Abschlussfilm "Pech und Schwefel". Ein undotierter Sonderpreis der Jury ging an die in Bad Nauheim geborene Oscar-Preisträgerin Caroline Link für Der Junge muss an die frische Luft".

Emma Bading gewann für ihre Rolle in "Play" den Fernsehpreis als Beste Schauspielerin, Uwe Ochsenknecht, der per Videobotschaft grüßte, wurde als Bester Schauspieler für die TV-Produktion Labaule & Erben" gewürdigt. Einen Sonderpreis konnten Laura Tonke und ihr Filmpartner Ronald Zehrfeld für Bist du glücklich?" entgegennehmen. Entwaffnend ehrlich erzählte Tonke, wie das Projekt sie nach einer Schaffenskrise und -pause von einem Jahr wieder zurück zur Schauspielerei gebracht habe.

Nach knapp drei zumeist kurzweiligen Stunden gingen die Programmkinopreise am Ende der Veranstaltung dann doch etwas unter - auch wenn die drei ausgewählten Filmtheater-Vertreter, die stellvertretend für die weiteren ausgezeichneten Kollegen die Preise entgegen nahmen, vom Ansatz her ja auch Hauptdarsteller waren. Nach so vielen Entertainment-Profis auf der Bühne hatten sie allerdings keinen ganz leichten Stand ... Die lange Nacht des hessischen Films wurde, nach einem gemeinsam gesungenen "Auf der Leinwand - muss die Freiheit wohl grenzenlos sein ..." nach knapp drei zumeist kurzweiligen Preisverleihungsstunden im wunderschönen Ambiente der Alten Oper dann noch ausgiebig gefeiert.

Die Hessischen Kinopreise und damit Preisgelder von insgesamt 120.000 Euro an gewerbliche Kinos gingen an: Kino Traumstern in Lich, Programmkino Rex 4 Darmstadt, Filmladen Kassel, BaLi-Kinos Kassel, Mal-Seh'n-Kino Frankfurt, Orfeo's Erben Frankfurt, Harmonie Kinos Frankfurt, Kammer-Palette-Atelier Marburg, Kult Kinobar Bad Soden, Lichtspielhaus Lauterbach und Capitol Kino Witzenhausen.

30.000 Euro erhielten diese nichtgewerblichen Kinos und Abspielstätten: Kommunales Kino Eschborn, Filmforum Höchst, Filmkreis - Das Unikino Darmstadt, Kino des DFF Frankfurt, Kino Pupille in Frankfurt, Naxos-Kino Frankfurt, Murnau Filmtheater Wiesbaden, Caligari-Filmbühne Wiesbaden, Kommunales Kino Weiterstadt und das Trauma Kino im G-Werk Marburg.

Marga Boehle

Hanns Zischler: Film oder Kino - haben wir die Wahl ?

"Ich möchte meine Rede in eine Reihe von Fragen kleiden. Zur Einstimmung eine scheinbar etwas abwegige, fraglose Anekdote: Um das Jahr 2013 erzählte Bruno Racine, damals noch Direktor der Bibliothéque Nationale, die sich vor allem die Digitalisierung der historischen Bestände auf die Fahnen geschrieben hatte, man sei in jüngster Zeit dazu übergegangen, die Digitalisate nach und nach wieder auszudrucken. Hatten wir uns verhört?

Wie kommt es, dass die unmittelbar einsehbare und hellsichtige, um nicht zu sagen hellseherische Forderung des Kölner Fernsehredakteurs Joachim von Mengershausen - Anfang der 70er Jahre ! - das Fernsehen solle seine Archive öffnen, bis heute unerfüllt geblieben ist ?

Wie kann es sein und wen kümmert es, dass das immense und vielfältige Erbe der Filmkultur, im Vergleich mit literarischen und bildkünstlerischen Werken (konkret: Nachlässen), mit so aggressivem Desinteresse behandelt und mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln bedacht wird?

Wessen, von keiner cineastischen und keiner filmhistorischen Inspiration berührten Eingebung war es, das Bundesfilmarchiv dem Aktenarchiv des Bundes unterzuordnen?

Warum gibt es, von wenigen verwegenen und verzweifelten Einzelkämpfern abgesehen, ein derart geringes öffentliches Interesse an der Sicherung, Erfassung und Aktivierung der vom Zerfall und Vergessen gleichermaßen bedrohten Bestände?

Was muss geschehen, damit die deutsche Kulturpolitik die Dringlichkeit dieses Prozesses nicht nur begreift, sondern mit ebenso großer Entschiedenheit und materieller Großzügigkeit diesen Konfliktes zu einer unhintergehbaren Priorität erhebt?

Wie würde diese Behörde reagieren, wenn der 35mm-Film zum Weltkulturerbe erklärt würde?

Warum orientiert diese Politik sich nicht an den sehr viel avancierteren konkreten Filmerbe-Projekten Österreichs und der Vereinigten Staaten?

Wer oder was hat uns glauben und propagieren lassen, der Film - das audiovisuelle Medium - sei ein emotionales Potpourri, das sich mit seinem jeweiligen strahlenden Erscheinen im Handumdrehn in Nichts auflöst und nichts über unsere Geschichte, unsere Herkunft und die Welt des vergangenen Jahrhunderts erzählt?

Woher gewinnen wir "Geschichtsbilder", wenn nicht aus dem Film - und im Kino?

Warum behalten wir so wenig davon?

Wer glaubt ernsthaft, dass nur mit einer ständigen, kostspieligen Neuerungen ausgesetzten "Digitalisierung der Bestände" zumindest der Film und die Filmgeschichte zu retten seien?

Warum scheinen wir zu vergessen oder nicht wahrhaben zu wollen, dass die Filmrolle, die bei richtiger Aufbewahrung eine sehr lange Lebensdauer besitzt, die wirklich fabelhafte, säkulare Erfindung ist, in der das Medium (Film) und die Öffentlichkeit (Kinosaal) zu einer einzigartigen Synthese sich vereinigt haben?

Was muss geschehen, um diese heftige, konfliktreiche unsere Weltsicht bestimmende Geschichte und am Leben zu erhalten - und in einem wahrhaft aufregenden und unabschließbaren Prozess zu vergegenwärtigen?

Welche Leichtfertigkeit und blinde Gegenwartsversessenheit lässt uns glauben, wir könnten auf das Kino verzichten, um den Film - für wessen Gedächtnis ? - zu bewahren?

Bei diesen Fragen will ich es bewenden lassen.

Ich beglückwünsche das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum für seine Arbeit, uns die Filmgeschichte unermüdlich nahe zu bringen und am Leben zu erhalten!"