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Kino

"Wir müssen die Schere aus dem Kopf bekommen"

Der zweite kinopolitische Abend von HDF und SPIO machte deutlich: In wesentlichen filmpolitischen Fragen scheint die Koalition einen vielversprechenden Weg einzuschlagen. In Sachen Kinoförderung dürfte sich der Blick indes durchaus noch weiten.

16.10.2019 09:07 • von Marc Mensch
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (Bildmitte) mit den Gastgebern des kinopolitischen Abends, der HDF-Vorstandsvorsitzenden Christine Berg und SPIO-Präsident Thomas Negele (Bild: Mike Auerbach)

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Eines stand am Ende des zweiten kinopolitischen Abends von HDF und SPIO fest: Mit diesem Format wurde eine Veranstaltung geschaffen, die schon jetzt als geradezu unverzichtbar tituliert werden darf - bringt sie doch nicht nur Vertreter unterschiedlichster Branchenbereiche ins Gespräch, sondern vor allem Branche und Politik. Und sie fiel dabei einmal mehr auf fruchtbaren Boden. Denn am grundsätzlich sehr ausgeprägten Engagement der Koalition für die Film- & Kinobranche dürfte schon vor diesem Termin kein ernsthafter Zweifel bestanden haben - umso weniger danach. Oder um es mit den einleitenden Worten der Kulturstaatsministerin zu sagen: "Sie können sich durchaus etwas darauf einbilden, wie viele Abgeordnete in einer Sitzungswoche den Weg hierher gefunden haben!"

Tatsächlich bestritt Monika Grütters mit ihrer Rede nicht nur den Auftakt des Abends, sondern sie hatte auch gleich noch einen weiteren Beleg für die Unterstützung der Kinos mitgebracht - in Form der Bekanntgabe, dass man das Soforthilfeprogramm für Kinos im ländlichen Raum wegen der großen Nachfrage kurzfristig noch um 500.000 Euro aufgestockt habe (siehe dazu unsere separate Meldung), wofür ihr Christine Berg als HDF-Vorstandsvorsitzende nicht nur persönlich, sondern auch im Namen der Kinos dankte. Auch die Tatsache, dass man seitens der BKM vor allem eine Stärkung von Stoffentwicklung und Abspiel als breiten Konsens aus den filmpolitischen Gesprächen im Sommer gezogen habe, dürfte von Kinoseite goutiert werden - der Applaus war zumindest ein deutlicher Indikator. Gleichermaßen Beifall erntete Grütters auch für ihr Versprechen, ihre filmpolitischen Erfolge verteidigen zu wollen und für einen Erhalt der Fördertöpfe im aktuellen (historisch hohen) Umfang einzutreten.

Wo sich etliche der zahlreich angereisten Vertreter der Kinobranche aber womöglich noch etwas mehr erhofft hatten, war beim Ausblick auf das Zukunftsprogramm Kino, dem das Soforthilfeprogramm im Prinzip ja nur vorgeschaltet ist. Dass man mit der Veröffentlichung der Richtlinien erst mit Start des Programms im kommenden Jahr rechnen darf, hatte BKM-Gruppenleiter Jan Ole Püschel gegenüber Blickpunkt: Film ja schon während der Filmkunstmesse Leipzig erklärt - und doch wartete man gespannt auf Neuigkeiten hinsichtlich der Zielrichtung dieses Programms. Sprich: den potenziell Begünstigten. Hierzu verlor Monika Grütters in der Tat einige (wenige) Worte, die aber nur bedingt zufriedenstellten. Denn die Ansage, dass man angesichts der aktuell vom Bund für diese Maßnahme vorgesehenen Mittel von 17 Mio. Euro für 2020 "unter bestimmten Voraussetzungen auch Kinos in den Städten" berücksichtigen könne, ist nach wie vor ein Stück weit von jener Unterstützung in der Breite entfernt, für die der gastgebende Kinoverband eintritt. Völlig zurecht, möchte man sagen. Schließlich ist erfolgreiches Kino auf dem Land ohne ebensolches in den Städten schlicht nicht denkbar. Immerhin geht es um die zukunftssichere Aufstellung eines Kulturortes per se. Einer Plattform, die in ihrer Gesamtheit funktionieren muss, um Relevanz und Wirtschaftlichkeit zu erzielen.

Und genau diese Botschaft gilt es, noch stärker in den Köpfen zu verankern. Denn an Sympathie für den Kulturort Kino an sich mangelt es ja durchaus nicht - ganz im Gegenteil. "Filmtheater stärken die Fähigkeit zu Reflexion und Verständigung einer Gesellschaft als Ganzes", so Grütters. Eine Leistung, die in diesen - unter anderem von zunehmenden Erfolgen der Rechtsextremen geprägten - Zeiten "wichtiger sei denn je". So weit, so richtig. Nun gilt es vor allem, den Begriff "Filmtheater" auch entsprechend umfassend zu begreifen - und ihn vor allem nicht in das Korsett eines (viel) zu eng gefassten Kulturbegriffs zu pressen.

Dass die Unterscheidung zwischen Mainstream und Arthouse, zwischen Kultur und purer Unterhaltung, zwischen Anspruch und Eskapismus ein sehr spezifisch deutsches Phänomen ist, ist keine Neuigkeit (ergänzend sei auf die äußerst lesenswerten Ausführungen von Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch zum französischen Kinomarkt verwiesen) - aber ein anhaltendes Problem. Auch in Zeiten, in denen gerade ein "Joker" wieder sämtliche Grenzen (so man sie denn überhaupt ziehen wollte) verwischt. Aber ganz unabhängig davon, ob man Filmen nun ein bestimmtes Siegel aufdrückt, gilt es nach Aussage von Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile doch eines zu erkennen: Egal, auf welchen Spielplan man nun schaut - die Überschneidungen sind erheblich. Völlig unabhängig von Kinoform und -standort. Vielfalt, das gilt es zu verstehen, spielt sich überall ab. Oder um es mit den Worten von Theile zu sagen: "Wir müssen endlich die Schere aus dem Kopf bekommen!" Bestimmten Filmen oder Kinos den Kulturbegriff abzusprechen sei nicht zu rechtfertigen - erst recht nicht gegenüber dem dortigen Publikum.

Was aber macht Kino am Ende aus? Antworten hierauf gab es bei diesem Termin etliche. Auch von prominenten Kreativen, die dank eines eigens angefertigten Zusammenschnitts aus der Reihe "Leuchtspuren" von der Leinwand sprachen. Unverzichtbar auch der Hinweis darauf, dass es sich beim Kino um ein extrem niedrigschwelliges kulturelles Angebot handelt, dass sich vor allem durch Gemeinschaft auszeichnet: "Hier kommen Menschen mit verschiedensten Hintergründen und aus allen sozialen Schichten zusammen und teilen die gleichen Emotionen. Kino - das ist Kultur für alle. Unabhängig davon, ob Arthouse oder Mainstream gezeigt wird", so Christine Berg.

Am schönsten brachte es indes womöglich Veronika Fläxl (Geschäftsführerin FTB Fläxl) auf den Punkt: Von einem gelungenen Erlebnis spreche sie, wenn Menschen aus einem Saal kämen, denen man geradezu ansehe, dass sie etwas erlebt hätten, dass sie bewegt worden seien. Kino, so stellte es auch Peter Schauerte von Warner klar, könne nicht nur, nein, müsse bewegen - was wiederum für Gregory Theile eng mit der Frage verbunden ist, wie man vor Ort die Voraussetzungen schafft, um das Publikum wirklich in die Geschichten eintauchen zu lassen, um jene "Veränderung im Kopf" zu erreichen, die Corinna Mehner (Geschäftsführerin blue eyes Fiction) als Markenzeichen eines gut produzierten Films ansieht.

Und auch darum drehte sich dieser Abend ganz zentral: Wie es gelingen kann, dem Kino mehr von diesen gut produzierten Werken zukommen zu lassen. Schauerte beklagte in diesem Zusammenhang einmal mehr die aktuelle "Unwucht" bei der Verteilung der Förderung und betonte die Notwendigkeit, weniger Filme zu produzieren, diese aber mit höheren Budgets auszustatten. Auch an dieser Stelle traf man auf Verständnis der Politik - so stellte auch Martin Rabanus (film- und medienpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion) unumwunden fest, dass "wir viel zu viele Filme im Markt haben." Wie aber der Masse Einhalt gebieten? Die bereits seit Jahren immer und immer wieder gehörte Forderung, Förderung nicht mit einer unbedingten (Kino-)Herausbringungspflicht zu koppeln, gewinnt nach Ansicht von Schauerte als eine der möglichen Maßnahmen mittlerweile durchaus an Traktion. Noch klarer gilt dies natürlich (wie bereits eingangs erwähnt) für die angemahnte Stärkung von Entwicklung und Verleih.

Dass die Politik im Zuge der aktuellen Förderdebatten bereit sei, Veränderungen anzupacken und auf die Bedürfnisse der Branche einzugehen, machte Rabanus ebenso klar wie Gitta Connemann als stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion. Ohnehin herrscht - wie beide bekundeten - in Sachen Kulturpolitik weitgehender Gleichklang unter den Koalitionären. Und so betonten denn auch beide, dass die Branche aufgerufen sei, grundsätzlich so geschlossen aufzutreten, wie sie es an diesem Abend im Zoo Palast tat - und im Binnenverhältnis zu klären, was man voneinander wolle und erwarte. An dieser Stelle noch einmal ein klares Wort von Rabanus zum Zukunftsprogramm, hinter dem ja durchaus noch das Fragezeichen der bislang ungeklärten Länderbeteiligung steht: "Wir werden Ihnen Luft verschaffen können - aber wir werden Ihnen nicht sämtliche Sorgen nehmen können."

Letzteres erwartet auch niemand, dennoch schadete der Hinweis von Gregory Theile darauf, wie groß diese Sorgen schon kurzfristig noch werden könnten, natürlich nicht. Denn einmal ganz abgesehen davon, wie sehr die Themen Aufenthaltsqualität und digitale Kundenansprache in den Vordergrund rücken müssen, sehen sich Kinobetreiber schon sehr bald mit der nächsten Digitalisierungswelle konfrontiert. Und wir reden hier beileibe nicht von rein optionalen Investitionen - sondern solchen, die auch eng mit dem Auslaufen der Wartungsverträge für die aktuelle Projektionstechnik verbunden sind.

Zum breiten Diskussionsansatz an diesem Abend zählte am Ende dann auch die (beinahe) unvermeidliche Frage von Moderator Louis Klamroth nach dem Umgang mit Netflix. "The Irishman" spielen - oder nicht? Nun darf man annehmen, dass es im Saal durchaus zwei Meinungen zu diesem Thema gab - zutage trat indes nur eine. In aller Klarheit. Denn die mehr als deutliche Absage von Veronika Fläxl und Gregory Theile an eine Zusammenarbeit unter den von Netflix aufgerufenen Bedingungen (namentlich einem wenige Tage kurzen Kinofenster) wurde mit dem lautesten Applaus bei dieser Veranstaltung quittiert. Für beide geht es dabei nicht um die Frage, ob der Film an sich kinowürdig wäre. Sondern darum, ob man das Spiel eines Streaminggiganten mitspiele, dessen Ziel es sei, ein gesamtes Geschäftsmodell zu zerstören. Nicht, dass man dieses per se in Gefahr sehe, auch wenn das Feuilleton da gerne auch einmal anderer Ansicht sei. Aber wie konnte es Fläxl als Kinobetreiberin in vierter Generation berichten? "Meine Familie ist seit über hundert Jahren dabei - und Kino wurde von Anfang an immer wieder totgesagt..."

Noch ein Wort zum Prozedere bei der FFG-Novellierung: Der angekündigte "Runde Tisch" wird erst im kommenden Jahr stattfinden. Denn wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim kinopolitischen Abend ankündigte, werde man nun zunächst bis Anfang kommenden Jahres einen Diskussionsentwurf erstellen, nach dessen Veröffentlichung man eine erneute schriftliche Anhörungsrunde starten werde, bevor man dann in die konkreten Gespräche eintreten wolle.

Indes fordert (nicht nur) Grütters von der Branche auch Eigeninitiative abseits der Förderfrage ein - und an dieser Stelle will die SPIO liefern. Damit der Kinofilm als Meinungsmedium zukunftssicher werde, brauche man "gemeinsame, innovative Ansätze", so deren Präsident Thomas Negele. Diese Ansätze müssten von der Frage ausgehen, wie man mehr Geld ins System bekomme. Und wo Grütters daraus zunächst das Verlangen aus einer weiteren Aufstockung von Fördertöpfen herauszuhören glaubte, sieht Negele zwei Antworten, an denen die Branche "selbst arbeiten" könne: mehr private Investitionen und mehr Publikum. Die SPIO wolle demnächst Leitlinien vorlegen, die sich diesen Punkten widmeten. "Das wird ein langer Weg - aber ich bin zuversichtlich, wenn die Branche sich gemeinsam auf diesen Weg macht", so Negele.