Produktion

Dennis Schanz und "Skylines": Zukunftsmodell Showrunner

Übermorgen startet die erste Staffel der deutschen Netflix-Serie "Skylines". In einem exklusiven Beitrag berichtet Dennis Schanz über seine ersten Erfahrungen als Showrunner.

25.09.2019 10:45 • von Thomas Schultze

Übermorgen startet die erste Staffel der deutschen Netflix-Serie "Skylines". In einem exklusiven Beitrag berichtet Dennis Schanz über seine ersten Erfahrungen als Showrunner.

Im Januar, während der Dreharbeiten von "Skylines", war ich zu einer Branchenveranstaltung zum Jahresauftakt eingeladen, um über Kontrakt 18 und die veränderte Rolle und Wahrnehmung der Drehbuchautoren zu diskutieren. Eigentlich hatte ich gerade genug um die Ohren, aber es war die erste Gelegenheit, als Showrunner von "Skylines" persönlich auf die Serie aufmerksam zu machen. Gleich auf dem ersten Panel des Abends erklärte dann ein geschätzter Kollege den Begriff "Showrunner" zum Unwort des Jahres.

Ich fand das Timing dieser Aussage bemerkenswert. Nicht nur, weil wir in Deutschland gefühlt gerade erst begonnen haben, Serien von internationalem Format zu produzieren, deren Vorbilder meist im Showrunner-System entstanden sind. Sondern auch, weil wir uns mit "Skylines" gerade mitten im Dreh befanden und mir der Begriff sehr geholfen hat, meine Rolle zu definieren - sowohl für mich selbst, als auch für meine Produktionspartner, die Regisseure, die Schauspieler und unser gesamtes Team.

Ich verstehe die Unsicherheit, die mit der Verwendung des Begriffs "Showrunner" einhergeht. Allein schon, weil es aus diesem amerikanischen Entertainment-Sprech kommt und so ein bisschen großspurig klingt, vor allem für ein unbeschriebenes Blatt wie mich. Gerade zu Beginn der Produktion und vor allem im Beisein der Regisseure oder meiner Produktionspartner war es erleichternd, wenn ich mich nicht selbst als Showrunner vorstellen musste und andere das für mich übernahmen.

Es wundert mich nicht, dass Produzenten den Begriff scheuen, wenn sie etwa mit Regisseuren zusammenarbeiten, die es gewohnt sind, Bücher allein nach der eigenen Vision umzusetzen und keinen Grund sehen, warum das bei einer Serie anders sein sollte. Oder wenn sie mit Auftraggebern kommunizieren, die nicht wissen, wie sie die Position des Showrunners ins Budget aufnehmen sollen. Ich verstehe auch, dass Produktionsleitung oder Head-Ofs erstmal skeptisch sind, wenn Kommunikationswege und Verantwortungsbereiche nicht immer gleich klar definiert sind und man sich nach der alten Ordnung zurücksehnt.

Ich glaube aber, dass die Unsicherheit mit der Bezeichnung "Showrunner" auch daher rührt, dass sie eine Veränderung des vorherrschenden Systems in der deutschen Filmindustrie bedeutet. Durch die Showrunner-Position wird der Einfluss der produzierenden Autoren beziehungsweise der schreibenden Produzenten auf die künstlerische Linie eines Projekts sowie auf den Produktionsapparat größer. Im Umkehrschluss verliert die Regie, wenn sie nicht gerade zusätzlich als Showrunner agiert, zumindest auf dem Papier an Einfluss. Im Serienzeitalter verläuft sich das Erbe des Oberhausener Manifestes, und das künstlerische Ethos des Autorenfilms erfährt eine Verschiebung von der Regie hin zur Autorin, zum Autor.

Ich möchte hier meine Erfahrungen als Showrunner von "Skylines" teilen, um dazu beizutragen, dem Begriff und damit der Position an sich zu größerer Selbstverständlichkeit zu verhelfen. Denn ein Showrunner ist etwas anderes als ein Drehbuchautor oder Head-Autor, etwas anderes als ein Regisseur oder ein Produzent. Ein Showrunner ist das Bindeglied zwischen diesen Bereichen und damit eine eigene Position mit einer spezifischen Funktion, die angesichts des noch immer anhaltenden Serienbooms aus der deutschen Filmbranche nicht so einfach wegzudenken ist.

Ein Showrunner hält eine Serie von der Buchentwicklung bis zur Postproduktion und im Idealfall über mehrere Staffeln hinweg zusammen. Das ist nötig, weil die Storylines bis ins Detail über mehrere Folgen und Staffeln hinweg ineinandergreifen und die ästhetische und narrative Kohärenz bei Regiewechsel innerhalb oder zwischen den Staffeln gewahrt werden müssen. So in etwa hatte ich das bei Serial Eyes gelernt, einem an die dffb angedockten Weiterbildungsprogramm für serielles Schreiben und Produzieren. In meinem Jahrgang war ich der einzige Produzent, alle anderen waren Autoren.

Ich hatte mich im Frühjahr 2015 mit einem frühen Entwurf zu "Skylines" bei Serial Eyes beworben und das Projekt dort im regelmäßigen Austausch mit meinen Kommilitonen, meinem Mentor und den internationalen Workshop-Leitern, die alle in der Branche aktiv sind, weiterentwickelt. Ich wusste früh, dass es für das Projekt wichtig sein würde, meine Vision der Serie und meinen Anspruch an Qualität und einer Balance zwischen Unterhaltung und Authentizität zu beschützen. Urbane Themen und vor allem Hip-Hop können in den falschen Händen schnell zur Lachnummer werden. Mir wurde schnell klar, dass ich dieses Projekt als Showrunner machen musste - obwohl ich noch gar nicht genau wissen konnte was das wirklich bedeutet und was mich erwarten würde. Als das Projekt dann von einem öffentlich-rechtlichen TV-Sender in die Entwicklung genommen wurde, wollte ich es von Anfang an richtig angehen. Mit unserer Firma StickUp haben wir einen vierköpfigen Writers Room zusammengestellt, um die Story weiterzuspinnen. Parallel dazu haben wir das Interesse von Netflix als potentiellen Lizenznehmer neben dem TV Sender gewinnen können, um dem aus unserer Sicht notwendigen Budget näher zu kommen.

Dann kam Komplizen Film als Koproduktionspartner dazu, die das Projekt von da an als Produktionsfirma verantwortet und auf stabile Beine gestellt haben. Bei den Komplizen spürten wir von Beginn an die Energie, das nötige Vertrauen und eine absolute Offenheit für einen kreativen Prozess, der vom schreibenden Produzenten ausging, statt von der Regie - was sicher auch für Komplizen Film, die ja quasi synonym für den Autorenfilm stehen, etwas ungewohnt war. Als es dann darum ging, dass "Skylines" ein Netflix Original werden sollte, kannte Netflix bereits die Bücher, wollte aber vor allem wissen, was meine Vision für die Serie war. Warum ich was wie erzählen wollte, welche Schauspieler, welche Regisseure ich mir für die Umsetzung vorstellen konnte. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass meine Showrunner-Rolle in Frage gestellt wurde. Im Gegenteil, es war, als würde Netflix das regelrecht einfordern, was mein Selbstverständnis als Showrunner sicher nochmal festigte.

Generell lief die Zusammenarbeit, wie man es sich als Kreativer wünscht. Es gab zwar einen sehr regelmäßigen Austausch, was die Produktionsprozesse anging, aber keinerlei störende Einflussnahme in den kreativen Prozess, nur konstruktive Gespräche. Und wenn man sich dann doch mal auf einen Kompromiss einigen musste, dann war das im Nachhinein auch aus künstlerischer Hinsicht absolut vertretbar. Die größte Herausforderung war die Zeit. Wir mussten sofort loslegen und schnell fertig werden. Um den engen Zeitplan zu erfüllen, erschien es uns sinnvoll, die Staffel zu splitten und mit zwei Regisseuren zu arbeiten. Denn zwei Regie- und Kamerateams erlaubten es, parallel vorzubereiten und zum Teil auch parallel drehen zu können und bereits mit dem Schnitt der ersten Folgen anzufangen, während die letzten Folgen noch gedreht wurden.

Mit Maximilian Erlenwein und Soleen Yusef konnten wir zwei tolle und sehr talentierte Regisseure für "Skylines" gewinnen, mit denen die Zusammenarbeit von Anfang an super funktioniert hat und die sich voll auf unser System eingelassen und mir und vor allem auch einander vertraut haben. Max hat die ersten drei Folgen inszeniert, Soleen die letzten drei. Die Regisseure kamen mit ihren eigenen Visionen zum Projekt, die sich perfekt mit meinen ästhetischen und inhaltlichen Vorstellungen deckten, aber nochmal ganz neue Potenziale eröffnet haben. Die kreative Verantwortung mit Max und Soleen zu teilen, war definitiv bereichernd für die Serie und für mich selbst auch irgendwie befreiend. Dabei stellt sich natürlich trotzdem die Frage nach der Verantwortlichkeit: Was liegt im Kompetenzbereich der Regie, was im Bereich des Showrunners und wo sind die Grenzen? So gab es beispielsweise in der Vorbereitung mit den Head-Ofs immer wieder die Frage, ist das eine Entscheidung, die die Regie treffen muss oder der Showrunner? Bezieht sich das auf die gesamte Serie oder geht es nur um einzelne Aspekte? Solche Fragen müssen abgeklopft werden, idealerweise im Vorfeld, tatsächlich aber immer wieder, was bei uns nach anfänglichen Verwirrungen dann auch sehr gut funktioniert hat. Das wichtigste ist einfach eine möglichst offene, direkte Kommunikation.

Ich habe mich und die Regisseure immer als kreatives Dreieck gesehen und versucht, alle allgemeinen Entscheidungen, die die gesamte Staffel beziehungsweise die Serie betrafen, vor allem beim Casting, Kostüm, beim Szenenbild oder bei den Motiven, immer zu dritt zu finden. Meistens waren wir ohnehin einer Meinung, und in den Punkten, in denen wir es nicht waren, hat die Dreierkonstellation geholfen, eine Entscheidung schnell zu treffen, statt ewig hin und her zu überlegen. Ich habe dann auch für mich gemerkt, bei welchen Prozessen ich mehr und bei welchen ich weniger involviert sein wollte und die Dinge einfach laufen ließ. Mit Max hatte ich mich nur anfangs auf eine grobe Richtung für den visuellen Stil geeinigt, die die Regisseure dann mit ihren Kameramännern zusammen weiterentwickelt haben. Bei der Auflösung und der Bestimmung szenenspezifischer Details habe ich mich dann gar nicht mehr eingemischt, das ist Sache der Regie.

Bei den Proben mit den Schauspielern allerdings wäre ich gerne mehr dabei gewesen, weil das die Zeit ist, um Grundsätzliches abzustimmen und letzte Missverständnisse zu klären und gemeinsam zu verstehen, warum etwas wie geschrieben ist und wie die Regisseure und die Schauspieler das interpretieren. Ich wäre auch gerne häufiger am Set gewesen, musste aber oft noch die Bücher anpassen und generell immer dort sein, wo es gerade am meisten brannte. Wenn ich dann am Set war, habe ich mich vor allem mit den vorbereitenden Head-Ofs abgestimmt und auch mal Entscheidungen im Sinne der Regisseure getroffen, wenn sie gerade beschäftigt waren und ich deren Standpunkt kannte. Ansonsten habe ich den Dreh beobachtet und mich bei Gelegenheit in den Pausen mit den Regisseuren besprochen. Mein Anspruch war immer zu unterstützen, nicht zu kontrollieren. Und ich glaube und hoffe, das Team und die Regisseure haben das auch so gesehen.

Es ist schon paradox, dass man bei der Bucharbeit so versessen auf Details ist, während der Dreharbeiten dann aber entspannt sein und die Eigendynamiken zulassen muss, die sich bei der Inszenierung oder im Schauspiel ergeben und die Geschichte mit Leben füllen. Und dass man das dann im Schnitt wieder in Form bringen muss, damit das dramaturgische Gesamtkonzept aufgeht. Ein Film entsteht im Schnitt, wird ja gerne gesagt, aber für Serien gilt das meiner Meinung nach nur bedingt. Hier ist es wichtig, beidem gerecht zu werden: dem dramaturgischen Konzept der Bücher und den Dynamiken des Drehs. Denn damit eine Serie funktioniert, müssen die Szenen ineinandergreifen und dürfen wichtige Details nicht verloren gehen. Aber damit sie lebt und atmet, muss man auch mal die "Regeln" brechen und sich von den Ursprungsideen lösen. In dem Sinn war die Schnittphase für mich die größte Herausforderung, aber auch die spannendste Zeit der gesamten Produktion.

Es sind sicherlich schon tolle Serien entstanden, die nicht explizit mit einer Showrunnerin oder einem Showrunner gearbeitet haben, keine Frage. Für mich ist das aber schwer vorstellbar. Für eine gute Serie braucht es meiner Meinung nach eine direkte Linie von der Grundidee über den Writers Room und die Dreharbeiten bis zur Postproduktion. Es braucht aber auch das beidseitige Vertrauen zwischen Regie und Showrunner einerseits und zwischen Produktion und Showrunner andererseits. Und das Bewusstsein dafür, dass man trotz oder vielleicht auch wegen dieser neuen Position im Produktionsgefüge gemeinsam und in jeder Hinsicht als Team an einem Projekt arbeitet.

DENNIS SCHANZ