Produktion

Rainer Kaufmann: "Jedes Projekt ist eine kleine Expedition"

Morgen startet mit "Und wer nimmt den Hund?" ein neuer Film von Rainer Kaufmann in den deutschen Kinos; im Oktober folgt sein "Eine ganz heiße Nummer 2.0". Wir haben uns mit dem Filmemacher über seine ungewöhnliche Karriere unterhalten.

07.08.2019 07:24 • von Thomas Schultze
Seit mehr als 25 Jahren im Geschäft - und jetzt wieder im Kino: Rainer Kaufmann (Bild: Majestic)

Morgen startet mit Und wer nimmt den Hund?" ein neuer Film von Rainer Kaufmann in den deutschen Kinos; im Oktober folgt sein Eine ganz heiße Nummer 2. Wir haben uns mit dem Filmemacher über seine ungewöhnliche Karriere unterhalten.

Nachdem Sie zuletzt mit "Ein fliehendes Pferd" 2007 einen Kinofilm gemacht hatten, kehren Sie nun gleich mit zwei Filmen zurück auf die große Leinwand, einer davon ursprünglich eine Fernsehproduktion, "Und wer nimmt den Hund?", der andere, "Eine ganz heiße Nummer 2.0", eine Fortsetzung des Millionenhits von 2011.

Rainer Kaufmann: Mein Interesse an Geschichten und am filmischen Erzählen ist breit gefächert. Ich arbeite einfach gerne, mir macht das Inszenieren Spaß. Sowohl fürs Kino wie auch für das Fernsehen konnte ich bisher großartige Projekte realisieren. Keinen dieser Filme möchte ich missen. Jeder hat seinen Platz gefunden in dem Medium, welches gut für die jeweilige Rezeption war.

Aber Sie müssen doch zugeben, dass der Verlauf Ihrer Karriere, zumindest für einen Außenstehenden, ungewöhnlich erscheint: Sie waren einer der Mitbegründer und erfolgreichsten Vertreter der Neuen Welle deutscher Komödien Mitte der Neunzigerjahre und haben dann ab 2000 fast ausschließlich nur noch Fernsehen gemacht - bis jetzt.

Rainer Kaufmann: Das ist richtig. Aber dahinter verbirgt sich kein Masterplan. Ein solcher Plan würde mir nicht entsprechen. Sie dürfen nicht vergessen, dass der Film, der mir 1995 die Türen zum Kino öffnete, Stadtgespräch", ursprünglich auch fürs Fernsehen entstanden war. Damals mit einem solchen Erfolg zu spekulieren, wäre größenwahnsinnig gewesen. Ich habe die Gelegenheit genossen, ihn überhaupt machen zu können - am Anfang einer Karriere hat man doch keine Ahnung, ob das jetzt nicht der letzte Film ist, den man drehen wird. Deshalb haben wir alle versucht ihn so gut zu machen, wie wir konnten. Wer weiß? Wenn "Stadtgespräch" kein Erfolg geworden wäre, hätte ich richtig Ärger bekommen. Mit insgesamt 100 Überstunden hatte ich die Produktionsfirma über alle Maßen gestresst. Kein gutes Aushängeschild für einen jungen Regisseur.

Er hat dann aber im Verleih der damaligen Buena Vista 1,7 Mio. Besucher in die Kinos geholt.

Rainer Kaufmann: Es war eine sehr glückliche Zeit für den deutschen Film. Im selben Jahr war auch Männerpension" sehr erfolgreich, davor hatten bereits "Abgeschminkt!" und Der bewegte Mann" reüssiert, Knockin' On Heaven's Door" folgte wenig später. Aber zu rechnen war mit dem Erfolg von "Stadtgespräch" in dieser Form wirklich nicht. Es war nicht einfach nur eine Überraschung, es war auch eine Überforderung für mich. Ich konnte das damals nicht richtig einordnen. Wer rechnet schon so früh in seiner Karriere mit einem solchen Erfolg? Aber genau dieser Erfolg hat mir die Möglichkeit gegeben, einen Film zu realisieren, der meinen erzählerischen Gelüsten noch viel mehr entsprach. Die Apothekerin" von Ingrid Noll mit Katja Riemann, Jürgen Vogel und Richy Müller ist eine schwarze Komödie. Skurril, erotisch, brutal und seltsam. Das war ein sehr ambitioniertes Projekt, es gab damals nichts Vergleichbares im deutschen Kino. Als auch dieser Film 1,5 Millionen Zuschauer hatte, dachte ich, das geht jetzt immer so weiter. Tja, die Hybris!

Sie haben sich nicht auf Ihren Lorbeeren ausgeruht. Ihre Kinofilme waren alle erfrischend gegen den Strich gebürstet, hatten trotz ihres Zuschaueranspruchs immer eine genussvolle Freude am Abseitigen und Schrägen.

Rainer Kaufmann: Ich lote gerne Abgründe aus. Eigentlich bei jedem meiner Filme versuche ich, die Grenzen zu finden und dann genau bis dahin zu gehen. Damit meine ich nicht, dass die Filme zu extrem werden. Ich meine die Grenze dessen, was man sich vornimmt. Nehmen Sie "Und wer nimmt den Hund?": Wie kann man es schaffen, einen Film zu machen, in dem zwei Menschen 30 bis 40 Minuten in einer Therapie sitzen und dabei diese Momente erlebbar zu machen, diese Sitzung für den Zuschauer nachvollziehbar und unterhaltsam zu gestalten? Von diesem Anspruch gehen alle inszenatorischen Entscheidungen aus, die Führung der Darsteller, der ästhetische Rahmen.

Ist das der Knackpunkt für Sie als Regisseur?

Rainer Kaufmann: Einerseits ist die richtige erzählerische Haltung, der Standpunkt, das entscheidende für das Gelingen eines Films und andererseits der Mut und die Freiheit Entscheidungen zu revidieren und durch bessere zu ersetzen. Jedes Projekt ist eine kleine Expedition: gut vorbereitet und doch ein Aufbruch ins Ungewisse. Das will ich mir behalten, weil es mich fordert und animiert. Ich will mich nicht mit mir selber langweilen. Sonst werden sich die Zuschauer garantiert auch langweilen.

Die Lust am Ungewöhnlichen zeichnet auch die Filme aus, die nach "Die Apothekerin" dann nicht mehr so gut funktioniert haben im Kino, Long Hello and Short Goodbye" und Kalt ist der Abendhauch".

Rainer Kaufmann: Ich fand das sehr schade. Auf beide Filme bin ich stolz, auch wenn sie ihre Macken haben. Der "Stadtgespräch"-Produzent Henrik Meyer und ich wollten etwas ausprobieren. Wir sind auf ein amerikanisches Drehbuch gestoßen, das wir richtig toll fanden, und haben versucht, es auf Deutschland zu transponieren. Eine sehr mühselige und anstrengende Arbeit, weil wir es uns zum Ziel gesetzt hatten, einen kommerziellen Arthouse-Film zu machen - einen Neo-Noir, wie ich das damals nannte, einen verschachtelt erzählten Genrefilm mit einer eleganten Ironie. In den Hauptrollen Nicolette Krebitz und Marc Hosemann. Leider haben wir uns bei der Montage, dem Filmschnitt die Zähne am Verleih ausgebissen, dem unser Ansatz zu kompliziert war, der eine geradlinigere Geschichte wollte, was dem Film dann allerdings auch nicht erfolgreicher gemacht hat. Es war ein böser Flop und für mich ein Schlag ins Kontor. Nicht alles, was ich persönlich großartig finde, begeistert eine große Menge an Zuschauern.

Waren Sie verunsichert?

Rainer Kaufmann: Ja klar. Aber ich habe einfach versucht, mit dem nächsten Film, "Kalt ist der Abendhauch", wieder eine Ingrid-Noll-Adaption, noch einen anderen Schritt weiter zu gehen. Ein großes, episches, elegantes Kinodrama schwebte mir vor. Mit einer besonderen eigenwilligen weiblichen Hauptfigur. Fritzi Haberlandt kam damals, um sich für eine Tagesrolle zu bewerben. Sie hatte gerade frisch die Schauspielschule abgeschlossen und war ein unbeschriebenes Blatt. Sie ist grandios in "Abendhauch". Mit etwas mehr als 400.000 Besuchern war der Film auch kein richtiger Flop, aber die Erwartungshaltung war viel größer, denn er basierte auf Ingrid Nolls erfolgreichstem Roman. Vielleicht taucht er ja mal wieder im Kino auf, er ist zeitlos und liebt die Leinwand!

Danach haben Sie dem Kino den Rücken zugekehrt.

Rainer Kaufmann: Ich habe direkt im Anschluss einen fast absurd großen Industriefilm gemacht, ein Zehnminüter mit Marc Hosemann und Maria Schrader, der auf 70mm gedreht wurde, eine Komödie mit einem sozialen Aspekt, die das fast Imax-große Kino der VW-Autostadt eröffnete. Es fühlte sich also erst einmal nicht danach an, als würde es nicht weitergehen, nur halt anders. Ich hatte eine Dreiecksgeschichte mit Julia Jentsch, Daniel Brühl und Matthias Schweighöfer in den Hauptrollen in Vorbereitung. Alle drei waren damals noch recht unbekannt. Die Finanzierung implodierte allerdings, weil wir das Drehbuch nicht entscheidend verbessern konnten. Zwei andere Projekte verliefen ebenfalls im Sand. Da habe ich begriffen, dass ich mich am Riemen reißen muss. Meine drei Kinder hatten Hunger und wollten etwas zum Anziehen. Mein Beruf sollte meine Familie und mich finanzieren.

Logisch.

Rainer Kaufmann: Ich habe zwei Filme fürs Fernsehen gemacht, einen davon auch tatsächlich mit der noch fast unbekannten Julia Jentsch, "Und die Braut wusste von nichts", eine beswingte romantische Komödie, der andere war mit Wolfgang Stumph, Der Job seines Lebens", wahrscheinlich meine erfolgreichsten Arbeit, nach der Zahl der Wiederholungen zu urteilen. Dann kam Die Kirschenkönigin", ein Dreiteiler mit Johanna Wokalek. Das war für mich wie eine Erweckung, eine Neuentdeckung, dass man ein Filmprojekt vor sich hat, das dreimal 90 Minuten, also insgesamt 270 Minuten, lang ist und man in diesem Zeitraum eine große Geschichte erzählt. Wir hatten den Luxus von 90 Drehtagen. Wir wollten keine falsche Ehrfurcht vor diesem historischen Stoff haben. Mein Kameramann Klaus Eichhammer hat den gesamten Film aus der Hand und ohne Stativ gedreht. Die dadurch entstandene Nähe zu den Figuren, macht den 3Teiler auch heute noch zu etwas besonderem. Zwischen den folgenden Fernsehspielen hatte ich das große Vergnügen "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser zu verfilmen. Eine dramatische Ehekomödie mit Katja Riemann, Uli Noethen, Uli Tukurund erstmals Petra Schmidt-Schaller. Unfassbar schöne Dreharbeiten am Bodensee und einer meiner eigenen Lieblingsfilme.

Danach kam aber kein Kino mehr.

Rainer Kaufmann: Ich hatte keine Lust mehr, mir Gedanken zu machen, ob das jeweilige Projekt jetzt unbedingt zu einem Kinofilm umgestaltet werden muss. Ich habe Filme gemacht, deren Geschichten mich aus den unterschiedlichsten Gründen gereizt haben. Im Nachhinein erkennt man, dass viele dieser Stoffe gar keine Chance im deutschen Kino gehabt hätten. Im Fernsehen haben die Filme ein riesiges Publikum erreicht. Der Kinobesucher ist sehr vorsichtig geworden. Die unverkrampfte Neugierde der Neunziger liegt lange zurück.

Schämen müssen Sie sich nicht, dass Sie seither primär fürs Fernsehen arbeiten.

Rainer Kaufmann: Im Fernsehen habe ich große Freiheit genossen, konnte immer wieder Dinge auch ausprobieren, die ich spannend finde und noch nie gemacht habe. Ich hatte meist die Gelegenheit, meine Arbeit so gut zu machen, wie es mir möglich ist: Ein lebensfremder Architekt, der durch eine Kuh den Tod versteht, ein schrulliger Kommissar aus dem Allgäu, eine Bäuerin die in Frieden sterben will, eine lesbische Amour fou, ein düsterer trauriger Film über Kinderhandel in Deutschland, ein Rachedrama, das im Mittelalter der Fugger spielt, und so weiter. Manchmal fühle ich mich wie ein Regisseur im alten Hollywood-Studiosystem: a gun for hire. Es ist immer noch möglich, mit seiner neuen Arbeit am Tag der Ausstrahlung fünf Millionen Menschen vor dem Bildschirm zu versammeln und zu beeindrucken. Manchmal sehne ich mich allerdings schon danach, meine Filme in einem großen Kinosaal vorstellen zu können, mitzuerleben, wie der Saal sich füllt und die Menschen aktiv vor der großen Leinwand mitgehen und - hoffentlich - verzaubert werden. Das ist vielleicht der Romantiker in mir.

Und das können Sie jetzt wieder gleich zweimal miterleben.

Rainer Kaufmann: Das Drehbuch von "Und wer nimmt den Hund?" war ursprünglich als Kinofilm geschrieben, ließ sich dafür aber kaum finanzieren. Heike Wiehle-Timm von Relevant Film hat mir das Buch als Fernsehstoff vorgeschlagen. Uns war klar, dass man diese Geschichte nur mit den richtigen Schauspielern zum Klingen bringen könnte. Als Ulrich Tukur und Martina Gedeck an Bord kamen, war mit einem Mal die richtige Musik am Start. Es fühlte sich alles richtig an, irgendwie ein bisschen größer als ein gängiger Fernsehfilm. Dennoch habe ich beim Drehen nicht unbedingt an Kino gedacht. Der Film ist so geworden, weil das die beste Art war ihn zu machen. Dass er jetzt ins Kino kommt, ist extrem aufregend.

Und kurz darauf kommt schon "Eine ganz heiße Nummer 2.0".

Rainer Kaufmann: Ich habe schon immer die Arbeit mit Schauspielerinnen genossen. Die Hauptfiguren meiner ersten Kinoarbeiten waren fast immer Frauen. Die Arbeit mit ihnen erfüllt mich, sie haben eine Leichtigkeit in ihrer Schauspielerei, die trotzdem immer der Ernsthaftigkeit ihrer Figuren entgegenkommt. Mit guten Schauspielerinnen zu arbeiten ist ist für mich beseelend. Sie faszinieren mich. Wahrscheinlich auch weil sie mir fremd bleiben. Bei "Eine ganz heiße Nummer 2.0" durfte ich gleich drei sehr besondere und unterschiedliche Schauspielerinnen erleben! Es war besonders intensiv und eigen. Ich hatte diesen zweiten Teil schon einmal vor ein paar Jahre angeboten bekommen, mit einem völlig anderen Drehbuch. Damals habe ich abgelehnt. Danach kamen Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof ins Spiel und haben mit einem völlig neuen Ansatz ihr Drehbuch geschrieben. Martin Richter von Rat Pack wusste, dass ich vor allem mit Kathrin schon oft gearbeitet habe und brachte mich wieder ins Spiel. Und diesmal war ich dabei.

Empfinden Sie sich als Auftragsregisseur?

Rainer Kaufmann: Ich habe mich früh in meiner Karriere entschlossen, nicht selbst zu schreiben. Meine Kunstform ist nicht die eines Malers, ich sehe mich mehr als Dirigent. Ich will die Zusammenarbeit mit Autoren. Für mich ist das erfrischend und inspirierend. Wenn mich das zu einem Auftragsregisseur macht, dann bin ich einer. Und das sehr gern.

Fühlen Sie sich als Regisseur nach fast 30 Jahren im Geschäft noch relevant?

Rainer Kaufmann: Ich habe immer etwas zu erzählen. Ich stelle nur fest, dass die neue Generation von Filmemachern heute einen anderen Ansatz hat, eine andere Herangehensweise. Ich denke einfach sehr analog. Wenn ich einen Stuhl filme, will ich auch, dass ein richtiger Stuhl dasteht. Da denken viele ganz anders mittlerweile. Die digitalen Kameras sind so gut geworden, dass auch etwas wie Beleuchtung heute einen ganz anderen Stellenwert einnimmt. Das war einst die große Kunst, heute wirkt vieles von der klassischen Lichtführung künstlich. Der direkte Umgang mit der Technik ist den jungen Regisseuren wie im Blut. Dafür bewundere ich sie. Mich fasziniert ihr Selbstbewusstsein, ihr Erfindungsreichtum, ihre Fähigkeit zu imitieren, ihre Unkompliziertheit. Man merkt sofort: Sie sind ständig am Umsetzen. Diese Explosion von Möglichkeiten sehe ich also als grundsätzlich positiv. Ich bin mir sicher, dass sie viele tolle Filme hervorbringen wird, die ganz anders sind als das, was wir bisher kennen. Auf mich hat das eine belebende Wirkung. In den technischen Möglichkeiten verbergen sich erzählerische. Die Grundfragen bleiben aber immer die gleichen: was will ich erzählen und wie erzähle ich es am besten. Die Erfahrungen, die ich in den Letzten 30 Jahren gesammelt habe, sind mein großer Schatz. Meine Filme werden deshalb immer meine Handschrift tragen.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.