Kino

"Das ist noch zu wenig"

Wie beurteilt ein Heimkinofachmann den Status Quo im deutschen Kinomarkt? Wir sprachen mit Patrick Schappert über den Technikwettlauf, großartige Kinoprojekte und "unsichtbare" Filme.

05.08.2019 12:24 • von Marc Mensch
Patrick Schappert ist Geschäftsführer von Grobi.TV (Bild: Patrick Schappert)

Zum Filmtheaterkongress KINO 2018 hatte Patrick Schappert, Geschäftsführer des Heimkino-Spezialisten Grobi.TV, in einem vielbeachteten Interview der Branche ein wenig die Leviten gelesen - als ausgesprochener Kinofan. Anlässlich der Filmmesse 2019 haken wir nach - wie steht es aus seiner Sicht um das Kino in Deutschland?

BLICKPUNKT: FILM: Im vergangenen Jahr lasen Sie den deutschen Kinos zum Filmtheaterkongress an dieser Stelle ein wenig die Leviten. Welche Reaktionen haben Sie darauf erfahren?

PATRICK SCHAPPERT: Es war jetzt nicht gerade so, als hätte ich von Kinoseite positives Feedback erfahren. Aber ich möchte doch noch einmal feststellen: Es war nicht Kritik um ihrer selbst willen - und ich fürchte, das Kino wird nicht darum herumkommen, selbst zu seinem größten Kritiker zu werden, wenn man Mängel ernsthaft beseitigen will. Dass ich mit meiner Sichtweise nicht alleine dastehe, hat mir übrigens unter anderem ein namhafter deutscher Produzent bestätigt, der sich ausdrücklich für die klaren Worte bedankt hat.

BF: Nun könnte man ja glauben, eine Schwächung des Kinos würde ihrem Geschäft allenfalls nutzen. Weshalb kümmert Sie eigentlich, wie das Kino aufgestellt ist?

PS: Ich sehe das wirklich nicht aus Wettbewerbsgesichtspunkten. In meinem Unternehmen sind wir einfach leidenschaftliche Filmfans, wir lieben das Kino! Und es sollte doch auf keinen Fall so sein, dass wir ihm mit unseren Aktivitäten das Wasser abgraben könnten. Wenn wir mit einem Beamer für 2000 Euro aus Sicht eines Kunden der Leinwand den Rang ablaufen, dann müssen beim Kinobetreiber doch alle Alarmglocken klingeln! Natürlich können unsere Kunden bei uns sehen, was qualitativ möglich ist - und tatsächlich ist der Verbraucher am Ende des Tages viel aufmerksamer, als man ihm das mitunter zugestehen will. Aber wenn das Kino hinter Heimkomponenten zurückbleibt, dann ist das keine Frage des "Könnens"... Und lassen Sie uns nicht vergessen: Wir sprechen nicht nur vom bloßen Anschauen eines Films, sondern von einem Kinoabend, an dem man sich trifft, eine gute Zeit hat, wo der Film Höhepunkt eines Gesamterlebnisses sein soll. Wenn das zum reinen Filmkonsum verkommt, wenn man das Kino möglichst schnell verlässt, weil einen nichts dort hält, dann wird enorm viel Potenzial verschenkt.

BF: "Viel Luft nach oben!" lautete 2018 Ihr Fazit mit Blick auf die technische Ausstattung der deutschen Kinos. Fällt Ihr Urteil heute etwas milder aus?

PS: Wenn wir die Frage dahingehend verstehen, ob die Kinos mit der technischen Entwicklung Schritt gehalten haben, kann ich das nicht bejahen. Allerdings muss man hier fairerweise relativieren. Das Dilemma der Digitalisierung ist ja, dass man plötzlich einem viel höheren Modernisierungstempo unterworfen ist. Das ist Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite gibt es unzählige neue, interessante Optionen. Auf der anderen Seite kann es das Gros der Betreiber selbstverständlich nicht schaffen, sofort auf jeden Trend aufzuspringen. Wenn Investitionen über zehn Jahre abgeschrieben werden, aber drei Jahre nach Anschaffung eine komplett neue Technologie auftaucht, was soll man da tun? Die Branche schwimmt ja nicht gerade im Geld. Aber auch unabhängig davon würde ich behaupten, dass sich nach wie vor nicht genug im deutschen Kinomarkt tut. Ja, es gibt die Ausnahmen, es gibt die Eventsäle, es gibt Betreiber, die es hinbekommen, die ihren Besuchern etwas Besonderes bieten. Aber das ist noch zu wenig. Wir reden eben nicht über Dutzende neuer Dolby-Vision-Säle, 4DX-Auditorien oder LED-Screens, um nur einige Beispiele zu nennen, die gerade umgesetzt werden - punktuell. Ich müsste bis zum einzigen deutschen Dolby Cinema rund 600 Kilometer weit fahren - und das als jemand, der in einem Bundesland mit 18 Mio. Einwohnern lebt! Nicht, dass wir hier keine tollen Kinos hätten. Aber ein wirkliches Signal wäre es, wenn Innovationen in der Breite sichtbar wären. Was nicht heißen soll, dass ich nicht jedes einzelne Leuchtturmprojekt begrüßen würde. Ich bin ja beinahe traurig, nicht näher an Leonberg zu wohnen...

BF: Wegen des dort geplanten Imax-Saals?

PS: Das ist doch der absolute Wahnsinn, was die da vorhaben - der weltgrößte Imax-Saal kommt in eine baden-württembergische Kleinstadt. Das finde ich großartig! Darum noch einmal: Wir haben in Deutschland etliche innovative, mutige und kreative Betreiber - aber es sind leider noch zu wenige. Der Witz ist doch: Die schaffen es, Geld von den Banken zu bekommen, weil sie das Selbstvertrauen ausstrahlen, solche Ideen auch wirtschaftlich umsetzen zu können! Da dürfte sich der eine oder andere multinationale Konzern gerne eine Scheibe abschneiden.

BF: Zu den Innovationen, die punktuell kommen, zählen auch projektionslose Lösungen. Konnten Sie sich bereits ein Bild von dieser Technologie machen?

PS: Ja, sowohl vom Onyx als auch der Technologie, mit der Sony antreten wird. Ich halte das für eine großartige Sache, das wird meiner Ansicht nach sicherlich einer der Wege sein, mit denen man in Zukunft Filme im Kino präsentiert. Ich sehe derartige Lösungen auf lange Sicht als harten Wettbewerber für die klassische Kombination aus Projektor und Leinwand, vor allem dann, wenn die aktuell doch recht hohen Kosten sinken - und das werden sie. Wir von Grobi.TV waren übrigens gerade erst bei einer Schulung in Paris, wo wir einen Händler aus Dubai trafen, der bereits ein gutes halbes Dutzend der LED-Wände in einer Endverbrauchervariante an seine - sehr wohlhabenden - Kunden verkauft hat. Wir treffen uns Anfang August mit Samsung, um über dieses Thema zu sprechen.

BF: Können Sie Befürchtungen nachvollziehen, dass diese Technologie dem Kino etwas von seiner Magie raubt, es in die Nähe des großen Fernsehers rückt?

PS: Nein. Dem Kinobesucher ist das Thema "Projektion" an sich doch völlig egal. Ihm geht es um die Qualität, er will ein tolles - und zumindest im Fall der Blockbuster sicherlich auch besonders großes - Bild. Aber um das an dieser Stelle noch einmal zu betonen: Wir reden von einem Gesamtpaket, von einem Erlebnis, das über den Saal hinausreichen muss. Ansonsten wird es zunehmend schwierig, die Leute aus den Wohnzimmern zu holen. Wozu übrigens auch Faktoren beitragen, auf die die Kinos gar keinen Einfluss haben. Und damit meine ich noch nicht einmal das Wetter - sondern so vermeintlich banale Dinge, wie Bestrebungen, das Verkehrsaufkommen in den Innenstädten zu zügeln. Wenn wir einmal so weit sind, dass man mit dem Auto kaum noch in die Stadt kommt oder dann nur sechs Euro teure Parkplätze findet, dann kann das den dortigen Häusern nicht gut tun. Auch so etwas muss man bedenken.

BF: Haben Sie den Eindruck, dass Kinos ausreichend mit den Pfunden wuchern, die sie haben?

PS: Lassen Sie mich die Frage zunächst anders auffassen: Entspricht das Gebotene denn immer der Bewerbung? Ich persönlich habe ein Problem damit, wenn unter einer bestimmten Marke Erlebnisse angepriesen werden, die sich je nach Standort nicht annähernd auf demselben Niveau bewegen. Versprechen abzugeben, die am Ende nicht voll eingelöst werden, ist für das Image des Kinos nicht unbedingt förderlich. Um das mit einem Beispiel aus der Vergangenheit zu illustrieren, bei dem sich die Branche am Ende auch keinen Gefallen getan hat: Das THX-Siegel war anfangs Garant für brillanten Kinogenuss, am Ende landete es überall, bis hin zu PC-Lautsprechern für unter 100 Euro...

BF: Aber zurück zur Bewerbung besonderer Erlebnisse: Geschieht da genug?

PS: Um bei meinem zuvor zitierten Ausspruch zu bleiben: Da ist noch viel Luft nach oben. Was ich nicht verstehe: Den Kinos ist völlig bewusst, dass man die Plattformen nutzen muss, auf denen sich die Kunden aufhalten - und das wird im Zweifel nicht die Kino-Website sein. Trotzdem werden soziale Medien immer noch viel zu stiefmütterlich behandelt. Ausnahmen bestätigen wie so oft die Regel, aber in der Mehrzahl sind die Facebook-Auftritte der Kinos doch eher gruselig, von Instagram & Co. möchte ich gar nicht anfangen. Da packt man vielleicht noch ein paar Trailer und im Idealfall alle paar Tage einen flotten Spruch drauf - aber viel zu wenig über das, was man Besonderes auf die Beine stellt, nichts Individuelles! Dabei müsste das Motto lauten "Tue Gutes und sprich darüber!" Ich meine, wir reden hier jetzt beileibe nicht von der breiten Masse, aber es haben mir doch immer mal wieder Kunden berichtet, dass sie Wege von 100 Kilometern und mehr auf sich genommen haben, um sich einen Eindruck von einem Kino zu machen, dass ich auf meinem Kanal vorgestellt habe, wie z.B. das Cinecitta oder das Dolby Cinema in Eindhoven. Natürlich sind das besonders leidenschaftliche Kinofans, aber für mich zeigt es, dass das Bedürfnis nach dem besonderen Erlebnis da ist. Der Markt existiert, aber das Angebot ist zu gering.

BF: Sie haben schon festgestellt, dass das Kino stets in der Lage sein sollte, auch technisch mehr zu bieten als das Wohnzimmer. Aber welchen Standard ist der Großteil der Konsumenten denn von zuhause wirklich gewohnt? Ist z.B. 3D-Sound im Heimkino nicht noch ein absoluter Nischenmarkt?

PS: Alleine im vergangenen Jahr sollen in Deutschland rund 180.000 Verstärker verkauft worden sein, die auch auf 3D-Sound ausgerichtet sind. Von einem reinen Nischenmarkt würde ich da wirklich nicht mehr sprechen wollen. Hinsichtlich der Hardware ist der Trend aus meiner Sicht eindeutig. Und was noch wichtiger ist: Auch die Inhalte kommen! 5.1-Ton ist für neuen Content auf Netflix und Co. doch quasi Standard - und längst haben auch Dolby Atmos und Dolby Vision dort Einzug gehalten. Diese Player haben erkannt, dass sie mit Qualität punkten können. Sie sind das oftmals schlechte Image des Streamings konsequent angegangen, haben gezeigt, wie man es richtig macht. 4K-Auflösung und HDR wurden dort innerhalb weniger Jahre quasi zur Alltagserscheinung, während wir im Free-TV noch mit 720p herumeiern. Ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, dass man für unter 1000 Euro einen ordentlichen HDR-fähigen UHD-Fernseher bekommt. Tatsächlich werden Sie heutzutage suchen müssen, um ein Gerät kaufen zu können, dass Merkmale nicht besitzt, von denen mancher Kinobetreiber noch glaubt, sie seinen Gästen erklären zu müssen...

BF: Klingt, als wäre im Heimkino alles eitel Sonnenschein...

PS: Das nun wieder nicht. Was mich und meine Kunden wirklich auf die Palme bringt, ist die zunehmend stiefmütterliche Behandlung von DVD und Blu-ray und deren mangelhafte Ausstattung. Nehmen wir nur "Mission: Impossible - Fallout". Das war einer der besten 3D-Filme der vergangenen Jahre, mit einer sensationellen Atmos-Abmischung. Und auf Blu-ray? Kein 3D, kein Atmos. Wenigstens letzteres gibt es - auf AppleTV. Das ist doch unfassbar! Für mich liegt die Vermutung nahe, dass man graduell dazu übergeht, die beste technische Ausstattung den Streamingdiensten vorzubehalten, um sie entsprechend zu pushen. Nicht umsonst sind namhafte Hersteller schon aus der Produktion von UHD-Playern ausgestiegen. Natürlich gibt es eine natürlich Abwanderung hin zum Streaming. Aber damit, sie künstlich zu befeuern, indem man gezielt Kunden zweiter und dritter Klasse schafft, halte ich nicht für die klügste Strategie.

BF: Apropos 3D: Entsprechende Fernseher werden ja längst nicht mehr produziert, erste Studios stellen per se keine 3D-Blu-rays mehr her. Könnte dies dem 3D-Erlebnis im Kino am Ende auf die Sprünge helfen, weil es an dieser Stelle wieder absolute Exklusivität reklamieren kann?

PS: Ich fürchte nein. 3D wurde von der Filmindustrie und den Kinos regelrecht kaputtgemacht. Es hat zu viele furchtbare 3D-Produktionen gegeben, die den Namen gar nicht verdient hatten - die sich aber in die Köpfe der Leute eingebrannt haben. Wenn man ehrlich ist, war mit dem Film, der den 3D-Hype losgetreten hat, der Höhepunkt doch schon erreicht. Wenn man sich heutzutage "Avatar" ansieht, wird man feststellen, dass er den allermeisten aktuellen 3D-Produktionen noch um Lichtjahre voraus ist. Das war damals einfach phänomenal, da kam zu wenig nach, das echten Mehrwert geboten hätte. Und war schon die Mehrzahl der 3D-Filme nichts Besonderes, kam oftmals noch die inadäquate Technik in vielen Kinos hinzu. Viel zu dunkles Bild, Ghosting, etc... Sie kennen die Probleme. Das war dann natürlich auch nicht gerade Werbung für das Kino, wenn man auf einem TV sehen konnte, wie gut 3D eigentlich sein kann...

BF: Kann es James Cameron Ihrer Ansicht nach richten?

PS: Der könnte es vielleicht, aber die "Avatar"-Sequels wären ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben nicht genug Camerons, um ein ganzes Format wiederzubeleben.

BF: Hat der Verlauf gerade dieses Kinojahres nicht möglicherweise unterstrichen, dass Filmangebot und Wetter am Ende viel kritischere Faktoren sind als die Technik?

PS: Ich denke es bringt nichts, darüber zu sinnieren, welcher Faktor nun der wichtigste ist. Das Kino kann es sich nicht leisten, auch nur einen zu vernachlässigen. Aber grundsätzlich stimmt es schon: Das schönste Kino nützt wenig, wenn die Filme nichts taugen. Oder - und das ist ja noch so ein kritischer Punkt - die Leute von guten Filmen nichts mitbekommen! Das gilt doch gerade auch für deutsche Produktionen. So hervorragende Filme wie "Ballon" oder "Der Vorname" müssten doch viel mehr Besucher machen! Aber sie erreichen das Publikum nicht ausreichend - und da nehme ich mich absolut nicht aus. Ich habe etliche Filme im Kino verpasst, bei denen ich zuhause dann festgestellt hab: Mensch, guck mal wie toll der ist! Aber umso mehr müsste man doch Starts wie jenen von "Avengers: Endgame" nutzen, der auch sporadische Kinogänger erreicht, um alles in die Waagschale zu werfen, was nur irgendwie geht!

BF: Dass solche Filme nicht mit einfallsreichen Aktionen vor Ort begleitet würden, stimmt nun aber auch wieder nicht.

PS: Das mag schon sein, aber das konzentriert sich in der Regel auf einen Tag, meistens den, an dem ohnehin die ganz großen Fans gehen. Das ist viel zu punktuell. Und noch einen Punkt möchte ich unterstreichen: Man ist in dieser Branche aufeinander angewiesen; Kinobetreiber und Verleiher bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Für mich als Außenstehenden ist es unverständlich, wie oft ich zu hören bekomme, welche Boxkämpfe da mitunter ausgetragen werden - und als Verbraucher verstehe ich vieles an der Startpolitik nicht. Weshalb zwingt man Kinos, Filme auf Programmplätzen zu spielen, für die sie nicht geeignet sind? Dazu müsste sich die Branche einmal ernsthaft zusammensetzen! Das wäre vielleicht wichtiger, als irgendwelche flotten Sprüche rauszuhauen, in der Hoffnung, dass man damit die Jugend wieder für das Kino interessiert!

BF: Sie haben bereits in der Vergangenheit Kooperationen mit Kinobetreibern angestrebt. Ist daraus mehr geworden?

PS: Leider nein. Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit dem Haus Zoar - und fragen Sie mal dort, wie gut das läuft! Gerade erst haben wir Kunden zum Kauf wieder mal Freikarten dazugegeben, die sie dann nicht nur genutzt, sondern auch noch Freunde mitgebracht haben. Wir machen gerne Lust aufs Kino! Denn bei aller Kritik - es gibt richtig tolle Kinos. Und auch wenn man nicht auf mich als Außenstehenden hören will, kann ich doch nur dazu raten, sich sehr genau anzusehen, was die so machen. Denn ich bin überzeugt: Mit entsprechendem Einsatz könnte die Branche besser dastehen.

Das Gespräch führte Marc Mensch