Kino

Disney schluckt Fox: Tabula rasa!

20th Century Fox, das Filmstudio, existiert nicht mehr. Gleich am Tag nach der offiziellen Übernahme ging Disney in medias res in Century City. Die größte Überraschung war die Abwicklung des erfolgreichen Labels Fox 2000. Insgesamt sollen wohl mehr als 5000 Jobs eingespart werden.

22.03.2019 08:50 • von Thomas Schultze

20th Century Fox, das Filmstudio, das 1935 in der Fusion der Fox Film Corporation und der 20th Century Pictures entstand und das mit Avatar - Aufbruch nach Pandora" den weltweit erfolgreichsten Film aller Zeiten produzierte, existiert nicht mehr. Ab sofort wird es nur noch als Label unter dem großen Schirm von Disney weiterbestehen, zu dem außerdem die Realfilmabteilung von Disney, Disney Animation, Pixar, Marvel und Lucasfilm gehören. Aktuell heißt es, dass Fox künftig nur noch vier Kinofilme im Jahr produzieren wird. Dazu kommen noch einmal genau so viele Produktionen für den Streamingdienst von Disney, Disney Plus, der noch in diesem Jahr auf Sendung gehen wird. Für Disney ist es ein wichtiger Schritt, seine Marktführerschaft weiter auszubauen. Im Jahr 2018 hatte Disney in den USA einen Marktanteil von 26 Prozent; Fox lag im Studio-Ranking auf dem fünften Platz mit 9,1 Prozent. Im laufenden Jahr liegt Disney nach einem Start mit knapp 18 Prozent schon wieder auf dem ersten Platz; Fox rangiert bei 6,2 Prozent. Mit der neuen Marktmacht rüstet sich Disney für die kommende Ära im Contentgeschäft, in dem längst nicht mehr nur die anderen Studios Konkurrenten sind, sondern eben auch die großen Streamingdienste Netflix und Amazon Prime sowie Internetgiganten wie Apple und Google.

Gleich am Tag nach der offiziellen 71-Mrd.-Dollar-Übernahme durch Disney wurde Tabula rasa gemacht in Century City, wo Fox von Anbeginn als eines der großen sechs Studios residierte. Namhafte und zum Teil langjährige hoch geschätzte Executives wie Verleihpräsident Chris Aronson oder Andrew Cripps, Chef der internationalen Distribution, wurden darüber unterrichtet, dass sie mit sofortiger Wirkung gehen müssen. Die größte Überraschung war die Abwicklung des erfolgreichen Labels Fox 2000, das unter der Führung von Elizabeth Gabler seit zwei Jahrzehnten für meist kostengünstige Literaturverfilmungen für ein älteres Publikum ein Umsatzgarant für Fox war. Zuletzt feierte Gabler mit "Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen" einen spektakulären Blockbuster-Erfolg. Eigentlich hatte es vor Monaten geheißen, Fox 2000 sollte auch nach der Disney-Übernahme bestehen bleiben. Gabler wird ihren Posten bekleiden, bis alle verbliebenen Fox-2000-Titel ausgewertet sind. Es heißt jedoch, dass schon jetzt ihre alten Fox-Chefs Tom Rothman und Jim Gianopulos, nunmehr die Studiochefs von Sony respektive Paramount, Interesse angemeldet haben, künftig mit der versierten und bestens vernetzten Managerin arbeiten zu wollen.

Insgesamt sollen mehr als 5000 Jobs eingespart werden. Einzelne Analysten sprechen davon, dass bis zu 10.000 Arbeitsplätze gefährdet sind, damit Disney die interne Vorgabe erfüllen kann, zwei Mrd. Dollar einzusparen. Auch die zahlreichen Deals mit verschiedenen Produktionsfirmen, die Fox durch First-Look-Deals an sich gebunden hatte, stehen auf der Kippe: Wer nur noch acht Filme im Jahr, vier davon wohl mit deutlich reduzierten Budgets, realisieren soll, braucht derlei Vereinbarungen wohl nicht mehr, zumal Disney auf diese Weise nicht mehr arbeitet, seitdem man sich vor einigen Jahren von Überproduzent Jerry Bruckheimer getrennt hat. Das bedeutet aber auch, dass die vielen Production-Executives bei Fox keine Zukunft haben werden. Als gesichert gilt die Fortsetzung der Arbeit mit James Cameron und seiner Lightstorm Entertainment: Ab 2020 wird der Filmemacher im Jahresrhythmus vier neue "Avatar"-Filme in die Kinos bringen. Zudem besteht bereits eine enge Zusammenarbeit, weil "Avatar" bereits als Ride in einem Disney-Themenpark existiert. Ziemlich sicher ist indes, dass Ridley Scott ein neues Zuhause für seine Scott Free suchen wird. Der Filmemacher wird kein Interesse haben, um einen der drei verbliebenen Kinoslots von Fox pro Jahr zu kämpfen - es sei denn, es gelingt ihm, sich mit seiner erfolgreichen TV-Division einen entsprechenden Vorteil zu erarbeiten.

Bereits den Abgang hat Paul Feig mit seiner Firma Feigco gemacht: Er sollte für Fox Komödien mit R-Rating realisieren (und hatte damit Erfolge wie Taffe Mädels" oder "Spy - Susan Cooper Undercover"). Ihm ist bewusst, dass er damit bei Disney mit seinem klaren Fokus auf jugendfreien Content einen schweren Stand gehabt hätte. Feig hat bereits ein neues Zuhause bei Universal gefunden. Unklar ist indes noch die Zukunft von Firmen wie Chernin Entertainment (u. a. das Planet der Affen"-Franchise) oder Ben Afflecks und Matt Damons Pearl Street.

Fest steht bereits seit längerem, dass Fox-Studiochefin Stacey Snider nicht für Disney arbeiten wird. Ihr Name fällt vermehrt bei der Suche nach einem neuen Leiter von Warner Bros, nachdem Kevin Tsujihara in der vergangenen Woche auf Druck von AT&T seinen Posten räumen musste (wir berichteten). Weiter an Bord ist, auch das steht schon länger fest, Emma Watts, die die Leitung des Geschäfts von Fox übernehmen und künftig direkt an Disney-Studio-Chairman Alan Horn berichten wird. Horn ist fortan gemeinsam mit Disney-Studios-President Alan Bergman auch der Mann, der für jeden kommenden Fox-Film das grüne Licht erteilen wird. Außerdem bleiben Fox Searchlight (Shape of Water", "The Favourite") und die Blue Sky Studios (Ice Age", Rio") bestehen. Vorrang bei den Filmtiteln genießen bestehende Erfolgsfranchises wie X-Men", die künftig allerdings bei Marvel Studios angedockt sein werden. Dagegen gibt es wohl Überlegungen, dass Erfolgsreihen wie Alien" oder Predator" gute Vorlagen für Serien abgeben und damit den Streamingdienst stärken könnten.

Und schließlich steht jetzt noch nicht fest, was mit der Fox-Filiale in Deutschland geschehen wird. Man darf indes davon ausgehen, dass schon in den nächsten Tagen offizielle Entscheidungen getroffen werden, wie Disneys internationale Strategie aussehen wird. Denn so schön Alan Horns offizielle Erklärung auch klingen mag, dass man durch die Zusammenführung der Tradition, der Talente und der Fähigkeiten von Disney und Fox die Möglichkeiten deutlich erweitern würde, erstklassiges Storytelling für ein weltweites Publikum auf ganz neue Beine zu stellen, wird vielen langjährigen Fox-Mitarbeitern, die zuletzt auch ungewöhnliche Filme wie Bohemian Rhapsody", Deadpool" oder Greatest Showman" zu Blockbustern gemacht haben, ein schwacher Trost sein. Aber natürlich war allen Beteiligten bewusst gewesen (und viele waren auch im Vorfeld informiert worden), dass dieser zunächst drastisch wirkende Schritt kommen würde. In Hollywood mischt sich unter die Trauer um das Ende einer Ära auch schon wieder ein gesunder Pragmatismus: Jeder habe den Schritt kommen sehen, konnte man in den Kommentarspalten der Branchendienste lesen: Wer die letzten zwölf Monate nicht genutzt habe, bei Netflix ein neues Zuhause zu finden, und stattdessen die Entwicklungen ausgesessen habe, um sich eine der dem Vernehmen nach ungewöhnlich üppigen Abfindungen zu sichern, der müsse sich jetzt auch nicht über das beschweren, was ein Fait accompli gewesen sei.