Kino

Fabian Hinrichs: "Der Markt muss weg vom Markt"

Schauspieler Fabian Hinrichs, gerade in der Sky-Serie "8 Tage" zu erleben und derzeit mit dem Dreh von "Irgendwann ist auch mal gut" beschäftigt, hat in unserer Rubrik "7 Fragen an" mitgemacht. Seine ausführlichen Antworten sprengen allerdings den Rahmen unserer Printausgabe. Weil wir Ihnen den Antwortenkatalog dennoch nicht vorenthalten wollen, lesen Sie ihn nun online.

21.03.2019 09:54 • von Barbara Schuster
Fabian Hinrichs (Bild: Jelka von Langen/Agentur Hoestermann)

Fabian Hinrichs, gerade in der Sky-Serie "8 Tage" zu erleben und derzeit mit dem Dreh von "Irgendwann ist auch mal gut" beschäftigt, hat in unserer Rubrik "7 Fragen an" mitgemacht. Seine ausführlichen Antworten sprengen allerdings den Rahmen unserer Printausgabe. Weil wir Ihnen den Antwortenkatalog dennoch nicht vorenthalten wollen, lesen Sie ihn nun online.

Wie sind Sie zum TV/Film gekommen?

Auf den ersten Blick scheint es leicht, diese Frage zu beantworten. Auf meiner Schule, dem Gymnasium Grootmoor im unauffälligen Hamburger Stadtteil Bramfeld gelegen, gab es ab der 8. Klasse erstaunlicherweise das Wahlfach "Darstellendes Spiel". Der letztes Jahr verstorbene ewige Schulleiter Dieter Jauß empfand wohl eigentlich immer das Gebiet Regisseur als seinen beruflichen Sehnsuchtsort, studierte dann aber nach dem Krieg Kunst und Deutsch auf Lehramt, verständlicherweise. Er baute dann aber, unterstützt von vielen privaten Spendern, in einen ehemaligen Vorlesungssaal der Schule eine wirklich beeindruckende Studiobühne hinein, mit allem Drum und Dran. Und da ich sowieso aus Traurigkeit heraus immer aus vielen Unterrichtsstunden flog, wählte ich dieses Fach, das mir gar nicht wie ein der Meßbarkeit unterworfenes Schulfach vorkam. Allein die geheimnisvolle, in die Grundstrukturen der menschlichen Existenz hineinleuchtende Aura dieses dunklen Schul-Bühnenraumes versprach eine Flucht aus der Welt der Notwendigkeiten. Bei einer Schulaufführung von "Das Haus in Montevideo" von Curt Goetz, in der ich, 15-jährig, mit angeklebtem Bart den professoralen Familienvater von acht Kindern darstellte, wurde dann Jürgen Rißmann, Chef der immer noch lebendigen Amateurtheatergruppe mit dem freimütigen Namen "Die Egozentriker" auf mich aufmerksam, sprach mich an und ich wurde Teil seiner Gruppe, die auch auf der Studiobühne des Theaters auftrat und auftritt. Dort traf ich später meinen Freund Ingo Meß. Ingo wollte Schauspieler werden und bewarb sich an allen Universitäten für Darstellende Künste. Und ich kam mit. Ich steckte damals in einem zwar äußerlich erfolgreichen, innerlich aber tristen und sehr schnell entzauberten Jura-Studium in Hamburg fest und suchte verzweifelt nach einer sinnvollen Aufgabe, irgendetwas. Doch an der Universität in Hamburg kroch durch die Türen aller von mir besuchter Seminare, sei es geisteswissenschaftlicher, sei es naturwissenschaftlicher Art, der Verwesungsgeruch erloschenen Lebens. Auch Hamburg als Stadt war für mich damals ein dunkler, lebloser Ort. Ich bewarb mich also aus diesem länger andauernden, sehr unglücklichen Zustand der Heimatlosigkeit heraus mit Ingo an allen staatlichen Schauspiel-Institutionen. Viele Menschen wissen vermutlich nicht, wie hoch der Selektionsdruck bei diesen Aufnahmeprüfungen ist. Auf zehn Plätze pro Jahr gibt es an die zweitausend bis dreitausend Bewerber. Man muß mehrere Destillationsprozesse durchlaufen, an deren Ende dann die sogenannte "Endrunde" steht.

Und hier begegnete mir zum ersten mal ein Phänomen, das mich im späteren Berufsleben als Schauspieler sehr oft ratlos, manchmal auch mutlos, manchmal wütend, manchmal auch freudig überrascht machte: das Ausgeliefertsein an rätselhafte und oftmals schwer nachvollziehbare Geschmacksurteile. Denn an einigen Instituten passierte ich mühelos die verschiedenen Ausleserunden, an anderen wurde mir bereits in der sogenannten "Ersten Runde" mal mitleidsvoll, mal vollkommen teilnahmslos eine nicht zu behebende Talentlosigkeit attestiert. Noch heute hallt diese Erfahrung nach, immer noch frage ich mich, was wir in diesem gesellschaftlichen Großkörper miteinander wirklich teilen, was uns wirklich verbindet. Zumindest kein ästhetisches Empfinden, das wurde mir klar. Um es abzukürzen: ich bin dann nach Bochum gegangen, auf die Folkwang Universität der Künste, kam dann an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, drehte dann recht bald meinen ersten Kinofilm "Schussangst", mit Christoph Waltz und mir in den Hauptrollen. Und so ging dann alles seinen Weg. Oder auch nicht seinen Weg.

Auf den zweiten Blick aber ist Ihre Frage viel schwieriger zu beantworten. "Wie bin ich zum Film gekommen?" bedeutet ja auch "Warum bin ich zum Film gekommen?" - und das wiederum bedeutet: "Warum bin ich Schauspieler geworden?". Das aber ist eine tiefgehende, auch intime, sogar Schmerzen auslösende Frage.

An welche Erfahrung mit der Branche erinnern Sie sich besonders gern?

Ach, eigentlich sind mir die Erfahrungen die eindrücklichsten und wärmsten, die nicht mit der Branche Film und Fernsehen in Verbindung stehen, also mit einer verwalteten, berechnenden, letztlich kaufmännischen und bürgerlichen Welt, sondern die mit Arbeiten in Zusammenhang stehen, die aus einem inneren Bedürfnis heraus entstanden sind, aus einem Bewußtsein der gemeinschaftlichen und eigenen Mangelerscheinung.

Was hat Sie zuletzt besonders geärgert?

Zum einen die teilweise bestürzend oberflächliche Rezeption der Serie "8 Tage", die Einblick über das immense Ausmaß des Einflusses der sozialen Medien und deren oberflächlichen Bewertungsterrors auf das Feuilleton meinungsbildender Zeitungen gibt. Die ersten zwei Folgen der Serie, die naturgemäß auch die etwas schwerfälligeren der insgesamt acht Folgen sind, wurden vor der Ausstrahlung auf Sky auf der Berlinale gezeigt. Nur zwei Folgen wohlgemerkt. Einige - zum Glück nicht alle! - Journalisten und Journalistinnen, zum Beispiel der "Zeit", der "FAZ" und auch der "Süddeutschen Zeitung" haben dann eine allgemeine Rezension über die gesamte Serie, also über alle acht Folgen verfasst, obwohl sie ganz offensichtlich lediglich ein Viertel der Serie gesehen hatten. Das geht eindeutig aus den deskriptiven Passagen der Kritiken hervor. Um auf dem Niveau des derzeitig dominanten Kulturjournalismus zu bleiben, drücke ich es so aus: das ist soooo ooooberflächlich. Wie muss sich jemand fühlen, der beispielsweise einen kompletten Roman rezensiert, von dem er nur die ersten Seiten ein wenig durchgeblättert hat? Denn aufschlussreich ist, dass alle Rezensenten, die die gesamten Folgen gesehen haben, auch Vorgänge, Atmosphären, Intensitäten aus allen acht Folgen beschreiben, beschreiben können, die Serie im Großen und Ganzen wunderbar finden. Für mich eine verstörende und tatsächlich desillusionierende Erfahrung. Denn wenn es stimmt, dass Medien eine Extension, eine Veräußerung des menschlichen Körpers sind, die dafür Sorge tragen, dass wir in Resonanz miteinander sind, dann erwächst daraus eine recht genaue journalistische Handlungsethik. So aber sind diese Journalisten und Journalistinnen doch nicht viel mehr als voneinander abschreibende vulgäre Follower der binären Algorhythmen sozialer Medien, Beamte eines jetzt schon nahezu bedeutungslos gewordenen, lächerlichen Feuilleton-Apparates.

Der andere Vorgang, der mich derzeit ziemlich beschäftigt, ist der schleichende Abbau von arbeitsorganisatorischen Standards bei Dreharbeiten. Mir ist natürlich klar, dass der Abbau dieser Standards alle bestehenden Arbeitssektoren betrifft. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die meisten Arbeitnehmer im konkurrenzbetonten Umfeld sich dieser Entwicklung bewusst sind. Beim Film, ein strukturelles sowie familienfeindliches Milieu, kommt es immer mehr zu Sechs-Tage-Wochen, und freitags wird bis in die Nacht hinein gedreht, da man da keine Ruhezeiten einhalten muss. Montags geht es dann wieder im Morgengrauen los, das bedeutet, man hat eigentlich nur wenig mehr als einen vollen Tag frei am Wochenende. Aber ein Tag ist kein Wochenende. Die Regie verweist auf den Produzenten, der Produzent auf die Sender. Der Sender - bizarrerweise insbesondere auch die öffentlich-rechtlichen Sender - auf den Markt. Und der Markt hat kein Gesicht und keine Adresse. Ich verdiene gut, kann auswählen, ich muss nicht einen Film nach dem anderen drehen, um über die Runden zu kommen. Andere Arbeitnehmer aus anderen Abteilungen schon. Und für die sind diese mittlerweile zur Regel gewordenen Zumutungen eine schwere Last, oft zu schwer, um eine Familie zu gründen.

 Der wichtigste Film in Ihrem Leben?

Den gibt es nicht. Es gibt die wichtigsten Menschen in meinem Leben, das sind meine Frau und meine beiden Kinder, aber nicht den wichtigsten Film. Nur wichtige.

Was ist Ihr prägendes TV-Erlebnis?

Wahrscheinlich "Die Sendung mit der Maus".

 Ihre momentane Filmempfehlung?

"Asche ist reines Weiß" von Jia Zhang-Ke. Der chinesische Film scheint auch in die westliche Welt hinein, letztendlich in eine globale Heimatlosigkeit also.

Was würden Sie im Kino-/Film-/TV-Markt gern ändern?

Erstens würde ich für das öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Quote beseitigen, die vorrangig nur ein Meßinstrument für die Werbeindustrie war und ist, mittlerweile aber wie ein kulturelles Herbizid wirkt.

Zweitens würde ich Autoren in Deutschland besser bezahlen, mehr an Verwertungen teilhaben lassen, mit mehr Autorität bei der Entwicklung versehen, grundsätzlich also viel stärker ihre Arbeit anerkennen und belohnen.

Drittens würde ich aus Gebühren generierte Mittel umverteilen: weg vom Sport, weg von der Volksmusik, weg vom Talk, weg vom Vorabend, weg vom Event, also weg von der Unterforderung hin zum Singulären, hin zu Filmen, Serien, Klängen, Dokumentationen und Informationen, die mich da hinbringen, wo ich noch nie war. Also hin zur Überforderung. Der Markt müsste also weg vom Markt.