Kino

Academy-Mitglied über den "Roma"-Zwiespalt

Im "Hollywood Reporter" hat ein Regisseur einen höchst interessanten (und ebenso unterhaltsamen) Einblick in sein Abstimmungsverhalten für die Oscar-Verleihung gegeben - die er sich übrigens nicht ansehen wird.

21.02.2019 19:03 • von Marc Mensch
"Roma" kann seine Wirkung nach Ansicht des Academy-Mitglieds nur auf der großen Leinwand entfalten (Bild: Netflix)

Wie ticken die Mitglieder der Academy, wenn es um die Vergabe des renommiertesten Filmpreises der Welt geht? Nun, die Antwort wird in der Nacht von Sonntag auf Montag gegeben. Vorab gewährt der "Hollywood Reporter" schon einmal Einblick in das Abstimmungsverhalten eines Regisseurs - der selbstverständlich anonym bleibt.

Wir empfehlen die ebenso interessante wie unterhaltsame Lektüre des langen Textes auf den Seiten des Hollywood Reporter (Sie finden ihn hier), wollen an dieser Stelle aber gerne einen Punkt herausgreifen. Oder besser zwei. Denn man darf durchaus erwähnen, dass der Regisseur die (mittlerweile verworfene) Idee der Vergabe von vier Preisen in den Werbepausen als "Abscheulichkeit" empfand - und dass er sich die Verleihung schon deshalb nicht anschauen wird, weil er mangels eines Moderators eine "langweilige Show" erwartet.

Damit aber zum eigentlichen Anlass für diese Meldung, denn das namentlich nicht genannte Academy-Mitglied begründet sehr genau, weshalb er sich für oder gegen bestimmte Filme entschieden hat und wie die Reihenfolge auf seinem Wahlzettel (der in der Kategorie "Bester Film" von "BlacKkKlansman" angeführt wird) zustande kam. So musste sich "Vice" nur deshalb mit Rang 5 begnügen, weil der Regisseur für diesen (von ihm überaus geschätzten) Film keine Chance auf eine Auszeichnung sieht und er deshalb eine andere taktische Wahl traf.

Besonders interessant wird es beim Blick auf "Roma", der auf Platz 4 im Ranking landete. Aus Sicht des Academy-Mitglieds ein Film, der "fantastisch aussehe", der ihn hinsichtlich des Unterhaltungswertes und intellektuellen Anspruchs aber etwas ratlos zurückgelassen habe. Für ihn sei es ein "sehr langsamer und eher ausschweifender" Film; die "teuerste Videoproduktion aller Zeiten". Was schon auf das Dilemma hinweist - denn der Regisseur stellte sich die Frage, was die Aufgabe der Academy-Mitglieder sei. Seine Antwort: Es gehe darum, großartige Filme zu bewerben, die das Publikum dann auch sehen könne. Mit Auszeichnungen für Filme wie "The Hurt Locker" oder "Moonlight" habe man Leute dazu bewegen können, sie sich in einem Kino anzusehen. Bei "Roma" liege der Fall so, dass man auf der großen Leinwand von einem visuell bestechenden Werk spreche - was aber massiv verwässert werde, wenn man es auf einem Fernseher betrachten müsse. Und darin bestehe die einzige Option für 95 Prozent der potenziellen Zuschauer. "Ich habe mit mehreren meiner Kollegen gesprochen, die ihn zuhause angeschaut haben - und sie haben nach 20 Minuten aufgegeben."

Dennoch hält er es (nach seinen Worten im Einklang mit der allgemeinen Erwartung) für wahrscheinlich, dass Alfonso Cuaron die Trophäe als bester Regisseur für "Roma" mit nach Hause nehmen darf. Er selbst habe jedoch auch in dieser Kategorie für "BlacKkKlansman" und damit Spike Lee gestimmt - auch weil er die damalige Nicht-Nominierung für "Do the Right Thing" für einen enormen Fehler hält. Zwei seiner Stimmen bekommt "Roma" allerdings doch: für das beste Produktionsdesign und als bester nicht-englischsprachiger Film. In dieser Kategorie geht er nicht eben freundlich mit dem deutschen Beitrag "Werk ohne Autor" um. Er habe sich an dessen Ende "im Tiefschlaf" befunden.