Verkauf

Vom allmählichen Verschwinden physischer Trägermedien

Welchen Stellenwert hat physisches Kaufprodukt im stationären Handel? Ein paar Beobachtungen in neuen oder umgebauten Elektrofachmärkten der MediaMarktSaturn Retail Group.

24.01.2019 16:56 • von Jörg Rumbucher
Seit Mai 2018 zeigt Saturn mit einem neuen Outlet in der Kölner Hohe Straße eine neue Präsenz. Die Verkaufsfläche beträgt etwa 6500 Quadratmeter. Die Entertainment-Abteilung befindet sich hier Untergeschoss. (Bild: Joerg Rumbucher)

Welchen Stellenwert hat physisches Kaufprodukt im stationären Handel? Ein paar Beobachtungen in neuen oder umgebauten Elektrofachmärkten der MediaMarktSaturn Retail Group.

Die Zahlen sprechen für sich: Packaged Media, im Wesentlichen also das Geschäft mit DVDs und Blu-rays, ist rückläufig. In den Kernmärkten USA und Großbritannien sind die vorliegenden Daten für das vergangene Jahr eindeutig: In den USA verlor das Segment mehr als 14 Prozent, im Vereinigten Königreich sogar knapp 17 Prozent. Man darf dabei nicht übersehen, dass noch relevante Umsätze erzielt werden; in den USA beispielsweise vier Mrd. Dollar. In Deutschland, das in den letzten Jahren im Hinblick auf DVD- und Blu-ray-Vermarktung immer wieder als "Insel der Glückseligen" bezeichnet wurde, dürfte sich für 2018 ein vergleichbares Bild ergeben. Ein zweistelliges Jahresminus ist zu erwarten. Nackte Zahlen sind das eine, die Präsenz in der Öffentlichkeit eine andere. Öffentlichkeit meint hier Buchhandlungen, Discounter, Tankstellen, Drogerien, Lebensmittelläden etc. Oder: Elektrofachmärkte. Bis zum Jahr 2013 waren sie der wichtigste Umschlagsplatz für physisches Kaufprodukt. Danach übernahm E-Commerce mit Amazon als wichtigstem Repräsentanten die Funktion des bedeutendsten Vertriebskanals für DVDs und Blu-rays. Elektrofachmarktketten - das sind nicht ausschließlich, aber vor allem: Die Märkte von Media Markt und Saturn. Dass sie zum gemeinsamen Mutterkonzern Ceconomy gehören, der 2018 mehr mit Negativ- als mit Erfolgsmeldungen auffiel, tut im Folgenden nichts zur Sache. Worum es geht: Lassen sich in ihren Outlets irgendwelche Erkenntnisse gewinnen, die Aufschluss bieten, welchen Stellenwert runde Scheiben im Streaming-Zeitalter noch haben? Verschwinden physische Medienträger allmählich aus dem Sichtfeld von Konsumenten?

Anfang Mai 2018 eröffnete Saturn in Köln ein neues Vorzeige-Outlet. In Ausgabe 8-2018 berichtete Blickpunkt:Film vorab in aller Ausführlichkeit, weil Saturn einen Flagship-Store ankündigte, der als neuer Meilenstein in die Unternehmensgeschichte eingehen sollte. Was insofern kein Ding der Unmöglichkeit war, da der seinerzeit bestehende Saturn-Markt in der Kölner Hohe Straße den Anforderungen nur bedingt genügte. Die Auswahl in der Videoabteilung war im alten Objekt noch nie überwältigend. Bezeichnend war allerdings, dass in der Ankündigung der MediaMarktSaturn Retail Group für das neue Objekt von DVD und Blu-ray schon gar nicht mehr die Rede war: Zu den klassischen Sortimentsbereichen gehören "unter anderem eine 1000 Quadratmeter große Entertainmentfläche im Untergeschoss mit verschiedenen Themenwelten, darunter eine Jazz- und Klassikabteilung (...) und eine riesige Vinyl-Präsentation". Von Games war dagegen vorab sehr viel mehr zu lesen. Wer nun in dem neuen Domizil in der Kölner Hohe Straße in das Untergeschoss hinab rollt, stößt zunächst auf hinter einander stehende Neuheiten-Regale. Was prinzipiell kein Fehler ist, mit der Nase auf aktuelles Programm gestoßen zu werden. Die erhoffte Wirkung scheint allerdings zu verpuffen, weil sich die Kunden mehrheitlich dazu entscheiden, am Ende der Rolltreppe wahlweise schnell nach links oder rechts orientieren und den Neuheiten eher wenig Beachtung schenken. Vor allem nach rechts, weil sich dort der Kundenservice des Hauses befindet, der zum Besuchszeitpunkt an einem Freitagmittag stark frequentiert wird. Reklamationen, Umtausch und vor allem allgemeine technische Nachfragen: Zwei bis drei Saturn-Mitarbeiter sind permanent gut beschäftigt. Immerhin: Der eine oder andere Kunde macht anschließend einen Abstecher in die verschiedenen Sektionen der Musik- und Filmabteilung. Zum Beispiel zum TV-Serien-Sortiment, in das gefühlt die meiste Energie gesteckt wurde. Für das Thema "Game of Thrones", auf DVD/Blu-ray seit Jahren die erfolgreichste Produktion überhaupt, wurde sogar innerhalb des Seriengebots jede Menge Extrafläche freigeräumt. Die komplette Regalbreite für das gesamte Serienangebot ist imposant. Zur schnelleren Orientierung sind viele Titel nicht nur in einer klassischen A-Z-Sortierung, wichtige Serien sind über einen eigenen Namensreiter zu finden. Dass "Six Feet Under"-Staffelboxen unnötigerweise an zwei verschiedenen Stellen zu finden sind, dass "Fargo" überhaupt nicht präsent ist, dafür aber Unmengen Serienstaffeln von "Girls" vorrätig gehalten werden, dies sind wohl die üblichen Detailprobleme des stationären Kaufhandels. Davon finden sich, wenn man danach konsequent suchen will, natürlich viele. Das ist erfahrungsgemäß in allen stationären Outlets so, weil die perfekte Ordnung sozusagen stets an den Begrenzungen der Fläche scheitern muss. Und vermutlich an Personalmangel. Anderes nicht: Der Outlet-Besuch findet in der Weihnachtszeit statt. Daher gibt es zu diesem Zeitpunkt ein gebündeltes Sortiment mit Inhalten, die mit Blick auf das Weihnachtsfest zusammengestellt wurden: "Der kleine Lord", "Die Feuerzangenbowle" etc. Erhalten geblieben sind geübte und bewährte Einteilungen nach Formaten (3D/4K) nach Genres (Abenteuer, Action, Anime, Erotik, Horror etc.), nach Angeboten oder nach Verpackungsarten (Boxsets). Ebenso sind an verschiedensten Stellen Chartsposter zu sehen sowie das dazugehörige Hervorheben der jeweiligen Toptitel mit Zahlenreitern. Man kann sagen: Es gibt von allem etwas. Aber man ahnt: Wäre der neue Saturn vor fünf oder zehn Jahren konzipiert worden, wäre die Gesamtfläche für physisches Produkt um einiges größer gewesen. Um wie viel, ist reine Spekulation. Grob geschätzt, liegt der aktuelle Flächenanteil für DVD und Blu-rays in diesem Saturn-Haus bei deutlich unter zehn Prozent. Sieht so ein fauler Kompromiss aus? Damit täte man den örtlichen Saturn-Managern sicher unrecht. Sie mussten dem schleichenden Bedeutungsverlust physischer Trägermedien Rechnung tragen, ohne dass Kunden dies sofort bemerken würden. Zumindest ist dieses Saturn-Outlet kein augenscheinlicher Beleg dafür, dass DVD und Blu-ray in naher Zukunft keine Rolle mehr spielen könnte.

Wer sich diese Entwicklung vor Augen führen will, muss sich woanders umsehen. Zum Beispiel im Münchener Media Markt-Outlet (Einkaufszentrum "daseinstein"). Das Geschäft wurde letztes Jahr renoviert und umgebaut. Bis dahin war der Laden im Stadtteil Haidhausen nicht die schlechteste Adresse. Auswahl, Sortierung, Atmosphäre: Das konnte sich sehen lassen. Filme des Qualitätslabels Arthaus fanden dort in Gestalt einer eigenen Sektion ihr Zuhause. In einem älteren Artikel der damaligen Fachzeitschrift "VideoMarkt" war von "einem Aufenthaltsparadies für Jäger und Sammler" zu lesen. Wer genau hinschaute, fand sogar kleine innovative Ansätze, die man bis dahin nicht überall zu sehen bekam. Etwa den Ordnungshinweis "Erstmals auf Blu-ray". Was würden insbesondere kleine Programmanbieter, die sich in der letzten Zeit auf diesen Vermarktungsansatz spezialisiert darum geben, würden ihre Blu-ray-Premieren auf diese Weise ein wenig hervorgehoben? Davon ist so gut wie nichts geblieben. Aus der Angebotsfülle ist eine Art Resterampe geworden, die mit der einstigen Präsentation nahezu nichts mehr gemein hat. Natürlich gibt es immer noch Regale mit ausschließlich Kinderfilmen oder Anime-Produktionen. Eigene Regalmeter für FSK-18-Titel oder Filmklassiker. Aber man sieht schon jetzt: Wenn die Zeit gekommen ist, lässt sich das inzwischen im Erdgeschoß angesiedelte DVD/Blu-ray-Sortiment umbautechnisch elegant aus dem Laden drängen: Man müsste nur die vorgelagerte Handyabteilung ein paar Meter nach hinten versetzen. Dass an diesem Standort mit einer gewissen Lustlosigkeit zu Werke gegangen wurde, lässt sich auch daran erkennen, wie sehr es Mühe kostete, CDs und Bewegtbildprodukte räumlich unter einen Hut zu bringen. Von einem ausgeklügelten Konzept kann nicht die Rede sein. Hier werden tendenziell Medienträger abgewickelt. Von einer originären Erlebniswelt ist nichts mehr übrig geblieben. Der Befund mag erschrecken und ist leicht auszuformulieren. Aber darf er in den Vorwurf eines Management-Versagens münden? Das fällt schwer, wenn sich Umsatz pro Quadratmeter besser mit Kaffeemaschinen realisieren lässt. Und die Frequenzbringer-Funktion offenbar obsolet geworden ist. Im Gegensatz zum Kölner Saturn-Markt wird der Relevanzverlust physischer Trägermedien in aller Deutlichkeit exekutiert. Zu besichtigen sind also Rückzugsentwicklungen in höchst unterschiedlicher Geschwindigkeit. In der Branchenfachsprache nennt man dies Flächenreduzierung.

Joerg Rumbucher