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Kino

"Wir haben etwas völlig Anderes erwartet!"

Zum "Zukunftsprogramm Kino", wie es sich aktuell darstellt, hat auch der Verband der Filmverleiher eine klare Meinung - und nicht die allerbeste. Dies machte man bei der Jahresmitgliederversammlung deutlich.

23.11.2018 10:52 • von Jochen Müller
Der VdF-Vorstand um Stephan Hutter, Benjamin Herrmann, Oliver Koppert, Kalle Friz, Peter Schauerte, Manuela Stehr, Martin Bachmann und Vincent de La Tour (nicht im Bild: Holger Fuchs) mit Geschäftsführer Johannes Klingsporn (v.l.n.r.) (Bild: Bernhard Schurian)

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Einig ist man sich in der Filmbranche ja durchaus nicht immer. Aber im Fall des "Zukunftsprogramms Kino" scheint doch spartenübergreifend ein gewisser Konsens zu herrschen: Den Namen hat es eher nicht verdient. Selbst dann nicht, wenn - wie aktuell kolportiert - 2020 in etwa das Vierfache der Summe, die für den vorgezogenen Start in 2019 (zwei Mio. Euro) in einem BKM-Rekordhaushalt landete, bereitgestellt würde. Man habe große Hoffnungen in das Versprechen der Koalition gesetzt, erklärte VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn anlässlich des alljährlichen Verbandsempfanges in Berlin. Aber die jetzt aufgerufene Zahl könne nicht wirklich überzeugen. Die angestrebten Ziele werde man damit nicht erreichen. Ergo: "Wir haben etwas völlig Anderes erwartet!"

Etwas Anderes hatte man sich sicherlich auch vom Kinojahr 2018 erwartet. Sicherlich keine neuen Rekorde, aber doch zumindest ein solides Abschneiden. Nun, Zahlen wollte der VdF bei einem dem Empfang vorausgegangenen Pressegespräch nicht allzu sehr walzen; auch auf die sonst durchaus üblichen Prognosen verzichtete man. Dafür übte man sich beim Empfang dann in Galgenhumor: "Immerhin ist das Kinojahr 2018 nicht so schlecht verlaufen wie das Fußballjahr 2018!", witzelte Klingsporn. Wobei dem ironischen Umgang mit der Bilanz die große Zuversicht innewohnte, das Ruder schon 2019 wieder herumreißen zu können. Entsprechende Anstrengungen vorausgesetzt.

Der damit verbundene Appell richtete sich nicht zuletzt direkt an die Kinos. "Man muss den Gast und seine Bedürfnisse ernst nehmen, sie bestmöglich erfüllen", so Klingsporn, "dann gibt es auch allen Grund zur Zuversicht." Eine Ansicht, die von den anwesenden VdF-Vorstandsmitgliedern nur bekräftigt wurde. "Qualität muss und wird sich durchsetzen" könnte das Credo der Gesprächsrunde lauten - und Constantin-Geschäftsführer Oliver Koppert wies nicht umsonst darauf hin, dass die deutschlandweit erfolgreichsten Kinos jene mit den höchsten Preisen seien. Eine Stelle, an der man gut und gerne an die Ergebnisse der GfK-Zielgruppenstudie erinnern darf: Gefordert ist nicht per se "billig" - wie in diesem schwierigen Jahr offenbar auch etliche Niedrigpreisaktionen zeigten, die laut Fox-Geschäftsführer Vincent de La Tour schlicht "nicht gefruchtet" hätten, sondern lediglich zu gewissen Besucherwanderungen an Konkurrenzstandorten geführt hätten. Tatsächlich sei, so de La Tour, die massive Rabattierung die "unkonstruktivste Art der Kundenansprache" - und sein Verweis auf das Schicksal der Baumarkt-Kette Praktiker (Sie erinnern sich: "20 Prozent auf alles außer Tiernahrung") kam in diesem Zusammenhang nicht von ungefähr.

Nicht dass preisliche Anreize kein Diskussionsobjekt wären, im Gegenteil. Schließlich sieht sich das Kino mit einer (potenziellen) Kundschaft konfrontiert, deren Mediennutzung zunehmend auf Abomodellen basiert. Auch für das Kino kein völlig abwegiger Gedanke, zumal auch in Deutschland schon Abos bei Cinemaxx, UCI und der Yorck-Kinogruppe angeboten werden. Warner-CFO Peter Schauerte erinnerte aber doch daran, wie komplex die Herausforderung sei, wirtschaftlich nachhaltige Angebote in diesem Bereich aufzustellen. Schließlich liegt die Gefahr, den immens wichtigen Beitrag der Heavy User zu verwässern, ohne an anderer Stelle für signifikante Reichweitensteigerung zu sorgen, auf der Hand. Das Kino, ergänzte Sony-Chef Martin Bachmann, sei per se kein "typisches Abo-Business". Vor unausgegorenen Experimenten warnte Klingsporn nicht nur mit Blick auf Angebotsstrukturen ausdrücklich - wobei er eine ganz grundlegende Herausforderung mit wenigen Worten skizzieren konnte: Niemand könne mit Sicherheit vorhersagen, wie der Markt in zwei Jahren aussehe.

Umso mehr wäre Gebot der Stunde, jene Punkte zu adressieren, die klar als Hebel identifiziert sind. Und gefragt ist, um auf die GfK-Analyse zurückzukommen, jedenfalls der sprichwörtliche "gute Deal". Den die Verleiher durchaus nicht überall gegeben sehen - und das schon angefangen bei Details wie der berüchtigten Vorverkaufsgebühr. Dem Kunden, so Bachmann, sei einfach kaum zu vermitteln, weshalb man online mehr bezahlen müsse als an der Kasse. Und auch wenn es ein wenig der Tatsache geschuldet sein mag, dass man noch ganz unter dem Eindruck der Eröffnung deren neuen Flaggschiffs stand: Aber UCI wurde in der VdF-Vorstandsrunde mehrfach ausdrücklich als Positivbeispiel hervorgehoben. Nicht nur mit Blick auf die dort explizit nicht vorhandenen Onlinegebühren. Sondern auch hinsichtlich der von UCI gerade in den vergangenen Monaten getätigten Investitionen, den Markenaufbau und die Kundenbindung.

Aber noch einmal zum "Zukunftsprogramm": Enttäuschung hin oder her - man denke nicht, dass HDF und AG Kino-Gilde davon ausgegangen seien, dass die Kinos von der BKM Gelder in einem Umfang bekämen, "dass eigene betriebswirtschaftliche Modelle keine Rolle mehr spielen", so Klingsporn. Ein wenig überspitzt ausgedrückt, könnte man sagen - wobei die Bemerkung im Kern darauf abzielte, Befürchtungen hinsichtlich eines unmittelbar bevorstehenden Kinosterbens auf breiter Front entgegenzuwirken. Dieses sieht Klingsporn nicht am Horizont, auch wenn er durchaus deutlich mahnte, dass Kinos sich darauf einstellen müssten, dass sich ein vermeintlicher Jahrhundertsommer (dessen massive Auswirkungen auf das Kinogeschäft wohl unbestritten sind) in Zukunft mehr und mehr als Regelfall herausstellen könnte. Beileibe kein rein philosophischer Exkurs zum Klimawandel...

Der Ansatz, den man hinter dem Zukunftsprogramm gesehen habe, sei jedenfalls durchaus richtig gewesen - und tatsächlich sieht Klingsporn signifikante Förderperspektiven über dessen offensichtlich sehr spezifischen Fokus hinaus. Allerdings eher im Bundeswirtschaftsministerium als bei der BKM, deren rein kulturelle Betrachtungsweise von vornherein zu eng angelegt ist. Oder um es mit den Worten des VdF-Geschäftsführers zu sagen: "Mit kleinen Arthouse-Filmen wird man das Kino in der Fläche nicht retten!"

Wie aber steht es um die Maßnahmen bzw. Konzepte, die im Rahmen der All-Industry-Gespräche erarbeitet oder verfeinert wurden, namentlich das After-Work-Kino, "Mein erster Kinobesuch" und die Branchenkampagne "Das KIno. Läuft bei uns."? Nun, für ein konkretes Fazit ist es insbesondere bei letzterer noch zu früh, schließlich ist die Kampagne erst im Frühjahr parallel zum Filmtheaterkongress an den Start gegangen - und von einem Mediavolumen im Bereich von 300.000 Euro durfte man nicht ad hoc Wunder erwarten. Gerade deshalb müssen an dieser Stelle Langläuferqualitäten ausgespielt werden, zur Fortentwicklung der Kampagne wird man jedenfalls erneut bei der FFA vorstellig werden. Überaus positiv fiel hingegen schon jetzt die Bewertung der ZIelgruppenprogramme für die jüngsten Kinogänger aus. Diese seien "extrem erfolgreich angelaufen", wie Bachmann betonte. Wobei die größte Herausforderung nicht in der Ansprache der kleinsten Kinogäste liege - sondern bei der kritischen jugendlichen Zielgruppe.

Aufgegriffen wurde bei der VdF-Tagung natürlich auch die Situation der Produzenten, wie sie Janine Jackowski und Uli Aselmann jüngst überaus anschaulich im Exklusivinterview mit Blickpunkt: Film geschildert hatten. Was einzelne Punkte anbelange, habe man zwar eine eigene Sicht der Dinge, wie Klingsporn ausführte (der dabei den Erlöskorridor aber nicht explizit ansprach). Allerdings nehme man die vorgebrachten Argumente "sehr ernst" und werde gemeinsam mit den Partnern an den Marktbedingungen arbeiten. Dies natürlich unter enger Einbeziehung von Sendeanstalten und Förderern, wie Manuela Stehr betonte.

Abschließend noch zum VdF-Vorstand, der in diesem Jahr punktuell neu besetzt wurde. Willi Geike und Peter Sundarp schieden aus dem Gremium aus, dafür rückten Peter Schauerte und Concorde-Geschäftsführer Holger Fuchs nach. Weiterhin im Vorstand sind Martin Bachmann, Kalle Friz, Benjamin Herrmann, Stephan Hutter, Oliver Koppert, Vincent de La Tour und Manuela Stehr - die neu zum geschäftsführenden Vorstand neben Koppert, Bachmann und de La Tour stieß.

Marc Mensch