Kino

AFM 2018: "Es gab Applaus!"

Wohin geht die Reise für den American Film Market? Blickpunkt:Film fragte nach bei den deutschsprachigen Einkäufern, die auch über ihre neuen Titel berichten.

22.11.2018 10:30 • von Barbara Schuster
"The Sisters Brothers" landete bei Wild Bunch (Bild: Filmfestival Venedig)

Die große Frage vor dem American Film Market war klar: Welche Auswirkungen haben die teilweise drastischen Entwicklungen im Filmgeschäft auf den letzten großen Markt des Jahres, der wohlgemerkt der einzige verbliebene Markt ist, der nicht an ein großes Festival gekoppelt ist. Und der mehr und mehr unter Druck gerät, weil ihm das Toronto International Film Festival den Rang abzulaufen beginnt - und das, obwohl es in Toronto während des Festivals gar keinen offiziellen Markt gibt. Wie üblich haben wir bei den auf den Märkten aktiven deutschen Einkäufern angefragt. Wenn die Rückläufe einen Aufschluss auf die Bedeutung des jeweiligen Markts haben, dann ist der Stern des AFM tatsächlich im Sinken begriffen. Eine Reihe von Einkäufern meldete sich trotz Rückfragen gar nicht, andere erklärten, sie hätten diesmal entweder ganz auf die Reise verzichtet oder hätten den Markt nur genutzt, um Kontakte zu pflegen oder im Gespräch zu bleiben. Julius Windhorst von Alamode zum Beispiel erklärte: "Ich muss Sie leider enttäuschen. Wir waren nicht auf dem AFM, da sich der Markt unterm Strich für uns nicht lohnt. Da ist Toronto als Festival mit seinem inoffiziellen Markt interessanter. Natürlich verfolgen wir den AFM dennoch aufmerksam über die Trades, lesen Projekte und Bücher und sichten Promos per Link. In Toronto hatten wir zudem einige Filme akquiriert, darunter 'Non-Fiction' von Olivier Assayas mit Juliette Binoche und Guillaume Canet, der im Wettbewerb in Venedig lief, 'The White Crow' von und mit Ralph Fiennes über den Ballett-Tänzer Rudolf Nurejew oder die sehr unterhaltsame Christo-Doku 'Walking on Water'."

Die Mehrzahl der angefragten Einkäufer zeigte sich indes sehr zufrieden, wie Milena Hemmer von Tobis: "Der AFM hat dieses Jahr deutlich mehr Projekte geboten als im letzten Jahr. Wir haben neue Titel für unser Programm gefunden und sind somit zufrieden mit dem Ergebnis, wobei wir insgesamt die Stimmung des Marktes nach einem bisher schwierigen Kinojahr in Deutschland als eher verhalten erlebt haben." Prokino-Geschäftsführerin Ira von Gienanth zieht ebenfalls ein positives Résumé: "Ganz normal im Kino gewesen, es gab Applaus. Das dürfte gerne öfter passieren!" Sie merkt aber auch an: "Auf dem AFM waren erstaunlich viele Frauenfilme erdacht in Männerköpfen. Und ein vorsichtiges Suchen überall nach dem Next Big Thing." Fündig wurde der Münchner Verleih auch. Er hat sich die Rechte an zwei französischen Filmen gesichert, "Edmond", eine spritzige Komödie von Alexis Michalik nach seinem bahnbrechenden Bühnenerfolg in Frankreich mit Thomas Solivérès, Olivier Gourmet und Mathilde Seigner in den Hauptrollen, und "The Specials/Hors Normes" von dem "Ziemlich beste Freunde" Duo Olivier Nakache und Eric Toledano mit Vincent Cassel und Reda Kateb. Dazu gesellt sich noch der schwedische "Ein Mann namens Ove"-Nachfolger von Erfolgsautor Fredrik Backman, "Britt-Marie war hier", inszeniert von Tuva Novotny mit Pernilla August und Peter Haberin den Hauptrollen.

Auch Wild Bunch Germany kehrte mit vollen Koffern zurück. Wie Marc Gabizon mitteilte, sicherte sich der Verleih die Rechte an Jacques Audiards Western "The Sisters Brothers" mit Joaquin Phoenix, John C, Jake Gyllenhaal und Riz Ahmed, der im Venedig-Wettbewerb lief. Zudem Ron Howards Doku "Pavarotti" über den großen Opernstar, das Horrorfilm-Remake "Child's Play", die Bestsellerverfilmung "Can You Keep a Secret" sowie den Animations-Familienfilm "The Queen's Corgi" von den "Sammys Abenteuer"-Machern.

Positiv gestimmt zeigt sich auch Stephan Giger von Ascot Elite: "Wir hatten einen guten und erfolgreichen AFM und sind neben diversen Filmen für die Schweiz, u.a. den neuen George Miller 'Three Thousand Years of Longing' oder das neue Nakache/Toledano-Projekt 'The Specials', auch bei einem Titel für das deutschsprachige Europa zum Abschluss gekommen: 'Skin' von Guy Nattiv, den wir bereits am Toronto Film Festival entdeckt hatten. Ein unglaublich starker Film, basierend auf einer wahren Geschichte, Spielfilm mit einem großartigen Jamie Bell. Ein ,richtiger' Film eben, wie wir zu sagen pflegen, wenn eine Produktion uns besonders beeindruckt." Allgemein stellt Giger fest: "Der AFM ist nach wie vor gut besucht und ein wichtiger Markt für uns. Dieses Jahr hat die Zutrittsbeschränkung (nur mit Badge) zum Foyer des Loews Hotel für ruhigere Hallen gesorgt, dafür war die Lobby des angrenzenden Merigot Hotels verstopfter. Kurzfristig wird sich der Markt halten, obwohl ich mich mittelfristig nicht wundern würde, wenn sich Toronto noch mehr zum Markt mausert und dann auf den AFM verzichtet wird. Viele Anbieter haben sich über die immens hohen Kosten des AFM geäußert. Auch für uns ist die Reise kein Last-Minute-Angebot." Als einen guten Markt verbucht auch Dietmar Güntsche von Weltkino den diesjährigen AFM: "Für uns war es ein guter AFM mit durchaus einigen interessanten Projekten. Nach wie vor weniger produziert werden US-Filme mit Budgetgrößen zwischen 25 bis 40 Mio. Dollar, quer durch alle Genres. An den wenigen echten Oscar-Contendern kann man dieses Manko gut erkennen." Obwohl Weltkino einige Abschlüsse tätigte, können die Titel noch nicht vermeldet werden, da die Veröffentlichungen erst noch mit den Lizenzgebern abgestimmt werden müssten. Noch begeisterter äußert sich Sasha Bühler von der Constantin: "Allgemein war der AFM überraschend positiv. Im Vergleich zum letztjährigen AFM waren ein richtiger Aufschwung und eine positive Grundstimmung zu spüren. Das lag wohl vor allem an vielversprechenden, zum Teil auch sehr kommerziellen Projekten mit bekanntem Cast und guter Regie." Als Einkäufe vermeldet Constantin "Breaking News in Yuba County", der neue Film von "The Help"-Regisseur Tate Taylor mit Allison Janneyund Laura Dern, sowie George Nolfis "The Banker" mit Samuel L, Anthony Mackie und Nicholas Hoult in den Hauptrollen. MFA+ Film Distribution hat sich in Santa Monica einen neuen Titel gesichert: das Regiedebüt von Jonah Hill, "Mid90s", der in Toronto seine gefeierte Weltpremiere gehabt hatte. Tiberius Film hatte wie üblich bereits zum Auftakt des American Film Market den Einkauf von drei Filmtiteln bekannt gegeben: der Thriller "Last Rampage" mit Heather Graham und Robert Patrick, "10 Minutes Gone", mit Bruce Willis sowie das russische Weltkriegsdrama "T-34", das Aleksey Sidorov inszeniert hat. Tiberius-Geschäftsführer Wolfgang Carl skizziert die Bedeutung der Veranstaltung für das Unternehmen: "Für uns ist der AFM eines der wichtigsten Branchenereignisse des Jahres, weil wir dort den Erwerb hochwertiger Film und auch die Beziehungen zu unseren langjährigen Partnern pflegen können. So ist es uns möglich, unsere Kunden mit der gewohnten Vielfalt an Filmen zu versorgen."

Holger Fuchs von Concorde teilte mit, dass sein Verleih in diesem Jahr nichts vom AFM vermelden könne. Björn Hoffmann von Pandora war auf dem AFM gar nicht erst zum Einkaufen unterwegs, weil das Lineup des Verleihs "für 2019 und 2020 mehr oder weniger steht". Und Torsten Frehse von Neue Visionen fasste es noch knapper: "Wir sind grundsätzlich nicht auf dem AFM."

Barbara Schuster/Thomas Schultze