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Festival

Endspurt in Venedig: Wenn der Blitz einschlägt

Ausnahmsweise hält die Papierform, was sie verspricht: Kurz vor ihrem Endspurt ist die 75. Mostra in Venedig bereits ein Jahrgang für die Ewigkeit, mit einer handvoll von Titeln, die Klassiker werden könnten. Bei einem schlug sogar der Blitz ein.

05.09.2018 08:24 • von Jochen Müller

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Kurz vor Beginn der 75 hatte Festivaldirektor Alberto Barbera ein Regelwerk für Journalisten vor Ort verfügt, das dem der Berlinale folgt: Anders als in Cannes gibt es die Pressevorführungen weiterhin vor der Weltpremiere, allerdings besteht ein Embargo bis eine halbe Stunde nach Beginn der ersten offiziellen Vorführung, um Filmemachern und Produzenten die Freude an ihrem Film nicht schon im Vorfeld zu verderben. Zur Halbzeit des Festivals sagte Barbera, dass das Embargo funktioniere. Es trägt nicht nur zu überlegteren Besprechungen bei, weil Kritiker nicht sofort losjagen und halbgare Gedanken veröffentlichen müssen, um mit der Konkurrenz mitzuhalten. Es dämmt auch den täglichen Wahnsinn der sich pausenlos überschlagenden Meldungen ein, welcher Film jetzt wie auf Oscarkurs gehen könnte.

Wenn man sich nach einer Woche Löwenjagd in Venedig dennoch erschöpft fühlt, dann liegt das daran, dass die Kritik mehr als üblich Lobeshymnen anstimmen musste bei einem Jubiläumsjahrgang, bei dem noch jeder Trumpf stechen konnte und bisher eigentlich nur Luca Guadagninos ebenso ambitioniertes wie wahnwitziges Remake von Dario Argentos "Suspiria" die Geister so richtig schied. Aber auch das war zu erwarten bei einem zweieinhalbstündigen Großwerk über einen Hexenzirkel, der so richtig in die Vollen geht. Ansonsten Jubel soweit das Auge reicht, zumindest bei den vermeintlichen Favoriten: Aufbruch zum Mond" setzte als überragender Eröffnungsfilm den Ton und unterstrich, dass Damien Chazelle sein Pulver als jüngster Regieoscargewinner aller Zeiten nach La La Land" nicht bereits verschossen hat, sondern eigentlich jetzt erst so richtig aufdreht. Fast direkt danach legte der wohl mit am meisten Spannung (und vor dem Netflix-Eklat eigentlich für Cannes) erwartete Film des Festivals die Latte noch einmal höher: Alfonso Cuaróns Kindheitserinnerungen "Roma" sind so episch, wie man sie sich von einem ganz intimen Film in Schwarzweiß eben erwarten kann.

Den Vorschusslorbeeren gerecht wurde auch The Favourite", der erste historische Film des Griechen Yorgos Lanthimos, eine boshafte schwarze Komödie über durchtriebene und zunehmend eskalierende Ränkespiele am Hof der Königin Anne, die einem mit ihrer Unerhörtheit wiederholt den Atem verschlägt. Und auch der vierte ganz große Film der Auswahl war ein Volltreffer: "A Star Is Born" von Bradley Cooper läuft zwar außer Konkurrenz, brachte aber Glamour und Starpower wie keine andere Produktion an den Lido: Lady Gaga ließ sich zurecht feiern für ihre erste große Kinorolle, in der sie erstmals ganz ungeschminkt und unverkleidet vor das Publikum tritt und mit purem Talent, als Sängerin wie als Schauspielerin, überzeugt. Die Oscarauguren sind jetzt schon überzeugt, dass das vierte Remake des zeitlosen Klassikers der Film ist, den es in der kommenden Oscarsaison zu toppen gilt. Und wie um das Drama noch zu toppen, schlug bei der Weltpremiere bei einem tosenden Unwetter auch noch der Blitz im Projektor ein, was zu einer 20-minütigen Unterbrechung führte. Um einen Popsuperstar geht es auch in Brady Corbets Vox Lux", einer von Alberto Barberas Empfehlungen, der fast wie ein Gegenentwurf zu A Star Is Born wirkt. Angetrieben werden beide Filme von starken weiblichen Protagonisten (im Fall von "Vox Lux" ist es Oscargewinnerin Natalie Portman), aber während der eine Film so tief eintaucht in den emotionalen Rausch des Lebens, hat Corbets Film einen deutlich kopfigeren Ansatz, was sich auch im Einsatz moderner und riskanterer Popmusik widerspiegelt.

Der Western feierte Heimkehr in Venedig mit gleich zwei Beiträgen, die dem uramerikanischsten aller Genres einerseits huldigten, aber auch geschickt und lustvoll mit seinen Konventionen spielten. Die Coen-Brüder wurden gefeiert für ihre ursprünglich als sechsteilige Miniserie gefeierte Anthologie The Ballad of Buster Scruggs", und Jacques Audiard überzeugte mit seinem ersten Film seit dem Gewinn der Goldenen Palme in Cannes vor vier Jahren, The Sisters Brothers", dessen lakonischer, verspielter Ton nicht ganz erwartet vor dem Franzosen, der wie kein anderer europäischer Filmemacher dem puren Genrekino frönt. Das gab es in Venedig übrigens außerhalb des Wettbewerbs erneut von Craig S, der ein Jahr nach Brawl in Cell Block 99" mit seinem wüsten Copmovie Dragged Across Concrete" mit Vince Vaughn und Mel Gibson noch einmal kräftig einen draufsetzte. Viel Beachtung erhielt auch der argentinische Beitrag Acusada", und The Mountain" mit Jeff Goldblum und Tye Sheridan fiel mit seiner schrägen und manierierten Erzählung schön aus dem Rahmen.

Und schließlich feierte mittlerweile auch noch Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck seine rauschende Weltpremiere: Sein dreistündiger Film über den Karriereweg eines jungen Künstlers im Deutschland nach dem Krieg wurde euphorisch gefeiert. In ersten Besprechungen äußern sich auch die Trades "Variety" und "Hollywood Reporter" wohlwollend, wenn auch nicht ganz unkritisch. Gelobt werden vor allem die große Ambition der Erzählung und das Darstellerensemble, über das am Lido gesprochen wird. Jetzt heißt es abwarten, was noch folgen wird - und wie die Jury um Guillermo Del Toro die Dinge sieht. Dass Del Toros Wort Gewicht hat, beweist schon der Fakt, dass nach seinem leidenschaftlichen Aufruf zu mehr Diversität und Gleichberechtigung im Kino bei der Auftaktpressekonferenz nun auch Alberto Barbero bereit war, ein entsprechendes Manifest zu unterzeichnen. Der einzige Film einer Filmemacherin im Wettbewerb, "The Nightingale" von Jennifer Kent, folgt noch.