Produktion

Florian Henckel von Donnersmarck: "Das Emotionale, das Dramatische, das Persönliche!"

Florian Henckel von Donnersmarck, dessen "Werk ohne Autor" gerade ausgewählt wurde, für Deutschland ins Oscar-Rennen zu gehen, sprach mit Blickpunkt:Film über sein neues Drama, u.a. über die aufwändige "Kunstproduktion" und wie wichtig es ihm war, es auf deutsch zu realisieren.

30.08.2018 10:57 • von Heike Angermaier
Florian Henckel von Donnersmarck am Set mit Hanno Koffler und Tom Schilling (Bild: Disney)

Florian Henckel von Donnersmarck, dessen "Werk ohne Autor" gerade ausgewählt wurde, ins Oscar-Rennen zu gehen, sprach mit Blickpunkt:Film über sein neues Drama, u.a. über die aufwändige "Kunstproduktion" und wie wichtig es ihm war, es auf deutsch zu realisieren. Der dritte Film des Regisseurs, dessen Debüt Das Leben der Anderen" mit dem Oscar prämiert wurde, feiert Weltpremiere in Venedig und wird von Disney am 3. Oktober in den Kinos gestartet.

Sie erzählen eine deutsch-deutsche Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte und die Geschichte einer Künstlerwerdung. Was ist für sie wichtiger?

Zuerst hatte ich die Grundstruktur für eine Story über Liebe, Hass und Leidenschaft. Der Rest ist Hintergrund, ist Milieu. Ich wollte die Geschichte eines jungen Künstlers erzählen, der sich in eine faszinierende Frau verliebt, deren Vater - ein harter Mann und ehemals überzeugter Nazi - alles daran setzt, die Beziehung der Tochter zu diesem jungen Mann, den er in jeder Hinsicht verachtet, zu zerstören. Diese Story spielt sich vor dem Hintergrund dreier Jahrzehnte deutscher Geschichte ab und beleuchtet die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Im Vordergrund steht für mich aber immer das Emotionale, das Dramatische, das Persönliche.

Eine Schlüsselszene ist das Hupkonzert. Stand sie zu einem frühen Zeitpunkt fest?

Ja. Die Idee hatte ich sehr früh. Mich beschäftigten die Fragen, wo endet Kunst und wo beginnt Wahnsinn? Was ist Kunst überhaupt? Die Tante des Protagonisten Kurt Barnert hat zwar eine starke künstlerische Wahrnehmung und Begabung, aber nicht die nötige Stabilität, um daraus verlässlich Kunst zu machen. Meine Frau sagt immer: man muss nicht nur Talent haben, sondern auch eine Begabung für das Talent.

Vor allem Gerhard Richter fungiert als Vorbild für Tom Schillings Kurt Barnert. Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Künstler aus?

Auf die Verstrickung von Tätern und Opfern innerhalb der Familie Gerhard Richters erfuhr ich von dem Journalisten Jürgen Schreiber, der vor zehn Jahren ein Interview mit mir führte und mir bei der Gelegenheit erzählte, dass er ein Buch über Richter geschrieben hat. Sein Tatsachenbericht war für mich eine von mehreren Inspirationsquellen für meine eigene, fiktive Geschichte.

Um sie schreiben zu können, habe ich mich mit vielen vielen Künstlern getroffen, allen voran David Hockney und Thomas Demand, aber auch mit Gerhard Richter. Richter hat mir vier Wochen seiner Zeit geschenkt und mir in den Gesprächen, die ich aufzeichnen durfte, sehr viel erzählt. Er führte mich auch durch Dresden und zeigte mir die Orte seiner Kindheit und Jugend. Ich denke, er hat mir bereitwillig so viel erzählt, weil er wusste, dass ich nicht einfach seine Biografie verfilmen wollte, sondern ein eigenständiges, fiktives Kunstwerk schaffen würde, in dem ich halt auch Elemente seiner Biografie wie die von anderen Künstlern als Inspirationsquelle verwendet habe.

"Werk ohne Autor" ist ein sehr aufwändiger Film, wegen der historischen Kulissen, aber auch wegen der zahlreichen Kunstwerke. Wie bzw. von wem haben Sie die Arbeiten, die in der Entartete-Kunst-Ausstellung und den Akademien zu sehen sind, anfertigen lassen?

Uns war von vornherein klar, dass im Szenenbild vor allem zwei Dinge in diesem Film überzeugen müssen: Die Kunst und die Zerstörung. Dresden musste in all seiner Pracht zu sehen sein und dann von uns völlig zerstört und auch als Ruinenmeer präsentiert werden. Und die Kunst musste von Anfang bis Ende überzeugen und interessieren. Ich weiß nicht, ob es in jüngster Zeit noch eine andere Filmproduktion gab, die so viele, auch bedeutende Künstler beschäftigt hat wie unsere, z.B. den Maler Andreas Schön, der bei Richter in Düsseldorf studierte und ihm lange Jahre assistierte. Unsere Szenenbildnerin Silke Buhr griff auf ihr Netzwerk von Künstlern zurück und wir hatten mit Anne Schlaich auch eine Szenenbildnerin, die ausschließlich dafür zuständig war, die geeigneten Künstler für die jeweiligen Werke zu finden, die sich mit der Gattung, Technik, Stil und Epoche auskennen. Unsere Statisten bei den Szenen in den Akademien waren die echten Studenten aus Dresden und Düsseldorf. Wir haben tatsächlich sehr viel Kunst generiert, was eine der großen Herausforderungen des Films war, aber auch großen Spaß gemacht hat.

Ihr Film dauert über drei Stunden und hat am Anfang eine sehr harte Szene. Mussten Sie dafür mit Jan Mojto und ihren anderen Produktionspartnern kämpfen?

Nein. Ein Film, den ich mag, ist mir nie zu lang und ein Film, den ich nicht mag, ist mir nie kurz genug. Bei "Titanic", Short Cuts", "Der Pate II" oder "Doktor Schiwago" ist mir zum Beispiel nicht einmal aufgefallen, dass sie so lang sind und noch deutlich länger als dieser Film. Das habe ich erst jetzt recherchiert. Für Leute in meinem Alter ist diese lange Laufzeit kein Problem, weil wir mit Filmen in dieser Länge aufgewachsen sind. Und jüngere Leute, wie meine Tochter und ihre Freundinnen z.B., schauen eine halbe Staffel einer Serie an einem Tag. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn Leute beim Testscreening rausgegangen wären, aber die Reaktionen waren glücklicherweise so positiv wie sie nur hätten sein können.

Und zu den harten Szenen -Der Untertitel unseres Filmes lautet "Sieh niemals weg", ein Motto, das Kurts Tante ihrem Neffen vor ihrer Ermordung mitgibt. Was sie damit meint: "Blicke auch den schlimmen Dingen ins Auge. Bilde dir dein eigenes Bild der Wirklichkeit, aus eigener Anschauung." Dieses Motto wollten wir auch beim Machen des Films treu bleiben und die schlimmen Dinge, die geschehen sind, nicht unterschlagen, wo sie für die Handlung des Films entscheidend sind.

Der Film sollte ursprünglich viel früher in die Kinos kommen. Woran lag es? Was haben Sie verändert?

Wir haben nichts umgearbeitet. Die VFX waren sehr komplex und erforderten viel Geduld, und wir haben darauf gewartet, dass der Komponist Max Richter Zeit für uns hatte. Er konnte erst im Dezember mit seiner Arbeit anfangen, ich wollte ihn aber unbedingt haben. Wir hätten den Film vielleicht auch etwas früher herausbringen können, aber Disney mochte die Idee, den Film zum Nationalfeiertag zu starten. Mit der Einladung nach Venedig hat sich der Termin endgültig als ideal erwiesen.

Venedig passt sehr gut als Ort der Kunst-Biennale und Sie haben ja italienische Makeup- und Haardesigner und einen US-amerikanischen Kameramann. Warum haben Sie sich für ein internationales Team entschieden?

Die meisten Department Heads sind ja doch Deutsche. Mit vielen habe ich schon bei "Das Leben der Anderen" zusammengearbeitet. Mit den großartigen Maskenbildnern Aldo Signoretti und Maurizio Silvi habe ich im Jahre 2010 "The Tourist" gedreht, und ich fragte sie, ob sie nicht auch bei einem deutschen Film mitmachen wollten. Ich glaube, es war für sie ein recht exotisches Erlebnis, aber sie brachten ihre volle Kunst ein. Caleb Deschanel führte die Kamera bei Der schwarze Hengst", was eines meiner ersten Kinoerlebnisse war, ich sah ihn mit 6 Jahren in einem Freilichtkino in New York und war von den Bildern tief erschüttert. In Los Angeles haben wir uns dann in einem gemeinsamen Komitee bei der Academy kennengelernt und angefreundet. Ihm gefiel die Idee eines Filmes, der der menschlichen Kreativität nachspürt. Er war auch Kameramann bei "Der Patriot" oder Die Passion Christi", in denen jede einzelnes Bild als Kunstwerk bestehen könnten. Da es in "Werk ohne Autor" um Kunst und um Bilder geht, schien er mir die ideale Wahl. Er bringt außerdem Verständnis dafür mit, wie entscheidend Schauspieler für einen Film sind. Seine Frau und seine beiden Töchter sind Schauspielerinnen. Nach unserem Film wechselte er übrigens zu Disneys "Lion King", wo alle Bilder virtuell erstellt werden.

Sie drehten in Deutschland und in den USA, haben mit Pergamon Film und Allegory Films auch Firmen in beiden Ländern. Wie empfinden Sie den Unterschied? Wo werden Sie als nächstes drehen?

Es gibt kaum eine Branche, in der sich so viel verändert wie in unserer und die so schnell zusammenwächst. Sebastian Koch zum Beispiel hat in den letzten Jahren mit Paul Verhoeven, Steven Spielberg und Tom Hooper zusammengearbeitet und dazwischen auch in deutschen Filmen gespielt. Europa und Amerika sind keine unterschiedlichen Welten mehr. In Deutschland werden US-Filme gedreht, deutsche Schauspieler gewinnen Oscars.

Meine Agenten in Los Angeles hätten dennoch gerne gehabt, dass ich "Werk ohne Autor" auf englisch drehe. Mir war aber wichtig, diesen Film auf deutsch zu machen. Ich finde es traurig, wenn ein Film zu einem deutschen Thema mit ein, zwei englischsprachigen Stars besetzt wird, die deutschen Schauspieler dann nur in den Nebenrollen vorkommen und mit den Stars und miteinander englisch reden, nur weil das alles dann angeblich marktgerechter ist. Da fehlt die Authentizität. Für mich ist ein Film genau dann ein deutscher Film, wenn er auch auf deutsch ist. Ich finde es befremdlich, wenn beim Deutschen Filmpreis ein englischsprachiger Film ausgezeichnet wird. Für mich ist Sprache entscheidender Teil der kulturellen Identität.

Was wird Ihr nächstes Projekt?

Das ist, als würden Sie eine Frau gleich nach der Geburt fragen, ob sie Lust auf noch ein Kind hat. Ich muss mich erst einmal von diesem Film erholen.

Das Gespräch führte Heike Angermaier