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Polyband-Chef Klaus Schobel: "Konkrete Kalkulation wird schwieriger"

Seit einem halben Jahr ist Klaus Schobel Geschäftsführer von polyband Medien. Blickpunkt:Film sprach mit ihm über die neue Verantwortung und den Veränderungen im Home Entertainment-Markt.

16.07.2018 10:45 • von Jörg Rumbucher
Seit 1. Januar 2018 Nachfolger von Swetlana Winkel: polyband-Geschäftsführer Klaus Schobel (Bild: polyband Medien)

Seit einem halben Jahr ist Klaus Schobel Geschäftsführer von polyband Medien. Blickpunkt:Film sprach mit ihm über die neue Verantwortung und den Veränderungen im Home Entertainment-Markt.

Im Januar haben Sie die Nachfolge von Swetlana Winkel als Geschäftsführer von polyband Medien angetreten. Wie kam es dazu?

Neben Alexander Welzhofer war ich einer von zwei Geschäftsführern der WVG Medien und habe mich dort zehn Jahre lang u.a. um neue Vertriebskanäle und Special Marketing gekümmert. Dazu zählte beispielsweise das Thema Covermount. Das habe ich all die Jahre von München aus mit ein bis zwei WVG-Mitarbeitern erledigt. Wir waren also ein kleiner Außenposten der Hamburger Zentrale. Dabei saß ich als Münchner WVG-Repräsentant immer in den Büroräumen der polyband Medien; beides sind ja Tochterunternehmen der Splendid-Mediengruppe. Ich habe also über viele Jahre hinweg die Geschäftstätigkeiten der polyband aus nächster Nähe erlebt und kannte alle ihre Mitarbeiter bestens, wie auch umgekehrt. Insofern lag es nahe, nach dem Ausscheiden von Swetlana Winkel die Geschäftsführertätigkeit der polyband zu übernehmen. Sehr hilfreich war auch, dass Swetlana mir noch bis vor kurzem ein-, zweimal pro Woche beratend zur Seite stand. Ihre ca. 30 Jahre Berufserfahrung sind natürlich ein unschätzbarer Wert und so hatte ich einen relativ angenehmen Einstieg bzw. Übergang.

Was hat sich - neben der Verantwortung - konkret für Sie verändert?

WVG Medien ist als Vertriebsgesellschaft dafür zuständig, das fertig gestellte, physische Produkt von Splendid und polyband sowie von Drittlabels in den Handel zu bringen. Programmakquise, Produktherausbringung, Marketing und PR etc. sind Sache der Labels. Mein Fokus liegt bei polyband daher nicht mehr auf den Vertriebsthemen, sondern auf Einkauf und Marketing. Wobei meine Vertriebserfahrung der Akquise natürlich zugutekommt: Ich kenne die Bedürfnisse des Handels und weiß um die Veränderungen im Digitalgeschäft.

Welche Stellung hat polyband in der Splendid-Gruppe? Oder anders gefragt: Weshalb sitzen in der Kölner Konzernzentrale Splendid-Mitarbeiter, die Lizenzen einkaufen und verwalten, und für polyband weitere in München?

Der Unterschied zwischen Splendid und polyband liegt vor allem in der Programmausrichtung. Splendid ist viel mehr im Spielfilmbereich unterwegs und steht für Blockbuster-Kino wie "The Expendables" sowie starkes US Independent Kino. Dazu kommt der Themen-Schwerpunkt asiatisches Kino. Polyband war stets auf Special Interest-Themen fokussiert, inzwischen auch auf Serien. Zudem hat Splendid noch stärker die Kinoauswertung im Blick, während polyband aktuell im Jahr durchschnittlich nur zwei Filme im Kino auswertet, vom Kinderfilm über Doku bis hin zu Arthouse; 2015 beispielsweise das Drama "Still Alice" mit ca. 500.000 Zuschauern. Programmatisch ergänzen sich also beide Firmeneinheiten. Ein großer Unterschied liegt auch im Rechteerwerb: Splendid erwirbt in der Regel alle Auswertungsrechte, polyband oft nur die Home Entertainment-Rechte.

Woran liegt das?

An unserem wichtigsten Lizenzgeber lässt sich das gut darstellen: Seit vielen Jahren verfügt polyband über einen Output-Deal mit der BBC, von der wir unsere großartigen Naturdokumentationen wie "", "", Krimi-Highlights wie "", "Luther" etc., den Serienklassiker "Dr. Who" und vieles mehr beziehen. Diese hochwertigen Lizenzen verkauft die BBC selbst ans Fernsehen oder an digitale Plattformen. Ebenso werden aber auch attraktive Nicht-BBC Serien, wie "" im SVoD exklusiv von Netflix vermarktet während wir "nur" die DVD-Rechte auswerten.

Wie lässt sich überhaupt ein Netflix-Original erwerben?

Die Frage ist, wie man "Original" überhaupt definiert. Netflix ist sehr geschickt darin, viele seiner Serien als "Originals" zu präsentieren, auch wenn sie nicht immer zu den Produktionsunternehmen zählen. Für "Narcos" besitzt Netflix die exklusiven Rechte für die SVoD-Vermarktung, während die TV- und Home Entertainment-Rechte von den "Narcos"-Produzenten frei vergeben wurden. In der Praxis bedeutet dies für uns, dass wir die jeweilige Staffel erst ein Jahr nach dem Netflix-Start auf DVD und Blu-ray herausbringen können. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Im Augenblick sind wir mit der "Narcos"-Auswertung sehr zufrieden, auch weil sie so gut in unser Krimi-Serien-Portfolio passt. Wir werten BBC-Produktionen wie "Ripper Street", " und "" aus, aber auch Serien wie "", "Hard Sun", und eben "Narcos", die von anderen Lizenzgebern stammen. In der Vergangenheit waren wir mit der BBC-Produktion "Sherlock" extrem erfolgreich. Bedauerlich, dass es aktuell mit dieser Serie nicht weiterzugehen scheint.

Was bedeutet das für Sie, wenn die physische Kaufauswertung auf DVD und/oder Blu-ray soweit nachgelagert ist?

Natürlich bemühen wir uns, soweit möglich, auch um die TVoD- und EST- sowie SVoD-Rechte, wobei es bei SVoD aus genannten Gründen besonders schwierig ist. Generell muss man sagen, dass der Rechteerwerb immer komplexer wird. Wer darf zu welchem Zeitpunkt an den Start gehen? Und mit welchen Fenstern/Holdbacks gegenüber anderen Auswertungsstufen? Da die klassische Verwertungskette, beginnend mit dem Kino, immer mehr aufgeweicht wird, muss man beim Lizenzerwerb für sich noch genauer bewerten, welche Folgen es haben kann, wenn beispielsweise ein Produkt erst einmal exklusiv auf einer Streamingplattform vermarktet wird. Oder wenn andere Auswertungsstufen eine tragende Rolle spielen. Es gibt viel mehr Annahmen bezüglich möglicher Kannibalisierungseffekte und entsprechend unterschiedliche Prognosen als früher, die eine konkrete Kalkulation erschweren, auf deren Basis wir letztlich, eine Lizenz erwerben. Das Risiko steigt, man kann noch leichter danebenliegen als in der Vergangenheit. Es wird immer schwerer, den Wert einer Lizenz insbesondere für die DVD-Vermarktung zu bewerten.

Der Rückgang im physischen Kaufgeschäft erleichtert die Ausgangslage nicht gerade ...

Richtig ist, dass das transaktionale Digitalgeschäft, also EST und TVoD, nicht den Umsatzrückgang des physischen Kaufgeschäfts kompensiert. Wobei man sehen muss: Im Verhältnis zu anderen Ländern steht der physische Kaufmarkt in Deutschland noch sehr gut da. Die Abwärtsbewegung besteht ja hierzulande erst seit zwei Jahren. In anderen europäischen Territorien sieht das ganz anders aus. Gleichzeitig muss man sich die Marktdaten genau anschauen: Der Gesamtmarkt ist stabil oder legt sogar leicht zu, aber nur, wenn man die SVoD-Umsätze mit einbezieht. Wobei nicht ganz klar ist, wie präzise sich das SVoD-Geschäft überhaupt erfassen lässt. Wie viele Abonnenten Netflix und Amazon Prime haben, erfährt man nicht genau und auch nicht, wie stark die tatsächliche Nutzung dort ist. Ich glaube, dass es auch künftig aus den verschiedensten Gründen Nachfrage nach physischen Kaufprodukten geben wird, einer ist z.B. dass der Breitband-Ausbau in Deutschland bei weitem nicht flächendeckend abgeschlossen ist.

Platzt die SVoD-Blase irgendwann?

Momentan sind viele Konsumenten auf Serien fixiert. Wir schauen regelmäßig, ich schließe mich da selbst mit ein, vier oder fünf Folgen am Stück. Ich könnte mir vorstellen, dass irgendwann eine Erschöpfung eintritt und wir uns wieder mehr Inhalten mit klassischer Spielfilmlänge zuwenden, weil unser Zeitbudget es nicht zulässt, dass wir dauerhaft mehrstaffelige Serien konsumieren. Auf der anderen Seite: Labels wie wir bei der polyband partizipieren ja mit unseren attraktiven, aufwändig gestalteten und mit Bonusmaterial versehenen Serien-Boxen auf DVD und Blu-ray an dem Serien-Hype. Dass der SVoD-Boom an sich platzt, glaube ich nicht, aber es könnten sich andere Nutzungsgewohnheiten ausprägen. Außerdem wird es spannend zu verfolgen sein, wie viele SVoD-Abonnements sich die Konsumenten künftig leisten wollen. Denn es werden noch mehr Player auf den Markt kommen wie z.B. Disney, wenn der Deal mit Fox abgeschlossen ist.

Neben dem SVoD-Business müsste Sie ein anderes Thema schwer beschäftigen: Zuletzt wurde die Verweildauer von europäischer Lizenzware in Mediatheken von ARD und ZDF auf 30 Tage ausgedehnt. Das müsste Sie z.B. mit Blick auf Ihre BBC-Naturdokus stark betreffen?

Natürlich hat das negative Auswirkungen auf den Absatz von DVDs und Blu-rays, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender die Verweildauer immer mehr ausdehnen dürfen. Das gilt auch für das transaktionale Digitalgeschäft. Wenn die Sender sich damit durchsetzen sollten, Inhalte wie z.B. unsere Naturdokus 30 Tage oder länger in ihren Mediatheken bereit zu stellen, sinkt der Wert unserer DVD/BD-Lizenzen. In der Vergangenheit mit sieben Tage Catch-up war das Problem noch einigermaßen überschaubar, aber seitdem ARD und ZDF immer stärker ihre Mediatheken bewerben und es Usern immer leichter gemacht wird, entsprechende Inhalte schnell aufzufinden, entwickelt sich die Mediathekennutzung zu einem Störfaktor. Das führt dazu, dass wir das Thema bei Lizenzverhandlungen stärker berücksichtigen müssen. Denn fest steht: Forcierte Mediatheken-Angebote sind eine Gefahr für das physische Kaufgeschäft.

Trotzdem war "Planet Erde II: Eine Erde - viele Welten" laut GfK 2017 das erfolgreichste . Wie konnte das passieren?

Ich wüsste keinen besser geeigneten 4K-Inhalt als eine hochwertige Naturdokumentation. Wo sonst kommt es so sehr auf die Bildqualität an? Naturdokus sind ein extrem visuelles Erlebnis, wenn man z.B. von einem jagenden Tiger in Nahaufnahme fasziniert ist. Bei manch einer Serien-Sitcom braucht es hingegen nicht mal zwingend eine Blu-ray-Umsetzung. Je stärker das Bild gegenüber Text und Inhalt dominiert, desto größer ist der Bedarf für eine 4K-Umsetzung. Es ist doch kein Zufall, dass Fernsehverkäufer im Fachhandel ihre TV Geräte mit Naturdokus bewerben. Bei "Planet Erde II" oder ganz aktuell "Unser blauer Planet II" kommt natürlich hinzu, dass es sich um das Beste handelt, was das Genre zu bieten hat. Ich vermute mal, dass viele Käufer von 4K-Hardware sich als erstes eine Top 4K-Naturdoku zulegen. Außerdem handelt es sich um ein hochpreisiges Produkt, das noch keinem so starken Preisdruck ausgesetzt werden muss.

Wie betrachten Sie das 4K-UHD-Format generell?

Es ist ein Wachstumssegment, wenn auch derzeit noch auf niedrigem Niveau. Bleibt zu hoffen, dass sich Endverbraucher nicht nur 4K-taugliche Fernsehgeräte kaufen, sondern auch die entsprechenden 4K- Player. Als Anbieter muss man wegen der vergleichsweise hohen Authoring- und Duplizierungskosten sich natürlich sehr genau überlegen, welche Produktionen man auf 4K veröffentlicht.

Welche Inhalte lohnen sich für 4K-Vermarktung derzeit? Kürzlich hat Warner die erste ""-Staffel auf 4K herausgebracht.

Leuchttürme wie die Disney Marvel-Titel, unsere BBC-Naturdokumentationen und viele mehr Prinzipiell eignen sich alle bildgewaltigen und starken Marken für die 4K-Vermarktung. Dazu zähle ich auch "Game of Thrones" , das eh` in einer eigenen Liga spielt. Und wenn "Game of Thrones" dazu beiträgt, die Playerausstattung in den Haushalten zu verbreitern, soll uns das allen recht sein. Polyband hat kürzlich das jüngste BBC Highlight "Unser Blauer Planet II", aber auch anderee Naturdokus wie "" auf 4K herausgebracht. Und voraussichtlich im Frühjahr 2019 steht die nächste große BBC-Produktion "Serengeti" an. Die Ausschnitte daraus sind wieder sehr vielversprechend.

Im Special-Interest-Segment hat polyband viele Fitness-DVDs herausgebracht. Spielt das Thema noch eine Rolle?

Aufgrund unserer Fokussierung auf Naturdokumentationen und Serien hat unser Fitness-Segment prozentual einen geringeren Umsatzanteil in unserem Portfolio als früher. Was aber nicht bedeutet, dass wir diesem Thema keine Aufmerksamkeit mehr widmenwürden. Im Gegenteil: Es ist erstaunlich, wie stabil einzelne Fitness-Produktionen laufen, etwa die von Fitness-Queen Jillian Michaels. Man möchte annehmen, dass immer mehr stationäre Fitnessstudios, online Fitness Plattformen und Tutorials auf YouTube dazu führen, dass niemand mehr eine Fitness-DVD kauft. Dass wir keinen wirklichen Niedergang dieses Segments erleben, hat wahrscheinlich mit dem immer noch steigenden Interesse für Ernährungs- und andere Gesundheitsthemen zu tun. Und: Neue Zielgruppen sind hinzugekommen. In Fitnessstudios sehen wir immer mehr junge Frauen. Dass Männer dort unter sich sind, ist längst vorbei. Wir bleiben an diesem Thema also dran.

Das Gespräch führte Joerg Rumbucher